Corona: Fakten, Mythen, Fragen und Hoffnungen
Auch wenn die Zahlen weltweit nicht immer vergleichbar sind – der Nebel lichtet sich, und die Gefahren werden abschätzbarer. Eine Analyse von Univ.-Prof. Dr. Peter Lechleitner.
Nach sechs Wochen „Leben mit Corona (Covid-19)”, täglichen Informationen und wissenschaftlichen Berichten wissen wir heute schon sehr viel mehr: Das Virus wird leicht übertragen, ca. 50 % der Infizierten sind ohne relevante Symptome, 10 % brauchen eine Krankenhausbehandlung, und 1 % stirbt daran. Sterberaten in sogenannten Hot-Spots wie Bergamo, Madrid und New York können deutlich höher sein. Dies hängt davon ab, wie leicht das Virus Risikogruppen, insbesondere alte Menschen mit Vorerkrankungen, erreicht (rd. 50 % der Todesfälle gab es in Altersheimen), wie intensiv die Virusbelastung ist, wie das Gesundheitssystem aufgestellt ist und agiert und ob andere Umstände gegeben sind. Wahrscheinlich spielen auch Umweltbelastungen, genetische Varianten und der Zustand des Immunsystems eine Rolle. Aus diesem Grund können an COVID-19 auch gesunde Erwachsene sterben. Selbstverständlich ist das rechtzeitige Setzen von politischen Maßnahmen essenziell.
Univ.-Prof. Dr. Peter Lechleitner ist Internist und Intensivmediziner. Er war u.a. am Aufbau und an der Gestaltung der Österreichischen Intensivmedizin maßgeblich beteiligt.
Die gute Nachricht
Sie kommt aus Österreich: Die Ausbreitung des Virus ist hier massiv gedämpft, in Osttirol gibt es seit Tagen nur mehr eine Neuinfektion. Der sogenannte Replikationsfaktor R 0 (welcher nicht über 1 sein darf) liegt mit 0,6 derzeit weltweit in einem der niedrigsten Bereiche. Aktuell geht man davon aus, dass in Österreich ca. 1 % der Bevölkerung positiv infiziert war oder ist, mit allerdings erheblichen regionalen Unterschieden. In Österreich konnte, ebenso wie im Nachbarland Deutschland, die Überforderung der Spitäler vermieden werden. Die Aktionsfähigkeit und auch die Kompetenz der Intensivmedizin in diesen Ländern haben sich als ausgezeichnet erwiesen. Österreich war und ist also besonders gut aufgestellt und hat eine der niedrigsten Todesfallzahlen pro Einwohner weltweit. Auch die niedrigen Sterberaten auf den Intensivstationen unterscheiden sich erheblich von Ländern wie Italien, Spanien oder den USA.
Wie gefährlich war bzw. ist diese Pandemie?
Alles, was die Viruslast verringert (Masken, das Abstandhalten von 1 bis 2 Metern, Hände waschen und Desinfektion), reduziert die Wahrscheinlichkeit einer heftigen Infektion. Länder, die mit raschen Maßnahmen (Testen-Identifizieren-Nachverfolgen-Isolieren) reagierten, hatten deutlich weniger Todesfälle. Bei frühzeitigem Erkennen der Lage war ein sogenannter Shut-down nicht immer notwendig. Allerdings waren auf diese pandemische Krisen-Situation nur wenige Staaten, wie etwa Taiwan oder Südkorea, vorbereitet. Sie hatten aus vergangenen Pandemien ihre Lehren gezogen. Die wirkliche Gefährlichkeit dieser Pandemie kann am besten mit der sogenannten Case-Fatality-Rate CFR (=Sterberate der Infizierten) eingeschätzt werden. Im Vergleich mit den bisher heftigsten Pandemien – der Spanischen Grippe im Jahre 1918 (CFR 2 %) und der Asiatischen Grippe im Jahre 1957 (CFR 0,6 %) – liegt Covid-19 mit 1 % in etwa im mittleren Bereich. Die oft mit COVID-19 verglichene jährliche Grippe ist mit einer CFR von 0,1 % jedoch deutlich „harmloser“.
Angemessene Maßnahmen oder Überreaktion?
Nachdem nun immer mehr Daten und Studien vorliegen, stellt sich natürlich auch die Frage, ob ein Shut-down notwendig war oder nicht. Was klar ist, ist, dass wir vor etwa einem Monat noch viel zu wenig wussten. Angesichts der dramatischen Entwicklungen, die in Italien, Frankreich, Spanien und nicht zuletzt den USA sichtbar wurden, waren die Maßnahmen aus damaliger Sicht wohl alternativlos. Es wurde klar, dass Covid-19 keine normale Grippeepidemie ist! Aber jetzt und heute? Ist das Fortführen der Maßnahmen in Anbetracht der gravierenden ökonomischen Auswirkungen (Arbeitslosenzahlen, Pleiten, explodierende Staatsschulden) und psychischer Beeinträchtigungen so noch verantwortbar? Ist gar die Therapie gefährlicher als die Krankheit?
Politiker hören meist auf Experten, bevor sie Maßnahmen ergreifen – und das ist ziemlich vernünftig. Das Spektrum der Expertenmeinungen ist allerdings nicht homogen und reicht von relativ lockerer Handhabung (siehe Schweden) bis hin zum kompletten Shut-down mit rigiden Ausgangssperren. Auch waren die Einschätzungen der Lage, beginnend mit der WHO bis hin zum Center of Disease Control der EU, nicht korrekt und deswegen anfangs kontraproduktiv. Darauf basierten zu Beginn der Krise auch einige Fehleinschätzungen in unserem Land. Heute wissen wir, dass nur wenig Zeit zur Verfügung steht, wenn man eine Epidemie eingrenzen will. Maßnahmen müssen sofort greifen (Stichwort: „The Hammer and the Dance“). In allen Regionen mit hohen Todeszahlen und einer Überlastung des Gesundheitssystems wurde dieser Zeitraum um Wochen überschritten und außerdem anfänglich oft unglücklich reagiert, da Aktionspläne für ein derartiges Szenario fehlten. Bei uns in Österreich wurde diesbezüglich definitiv gut gehandelt! Die Dauer von restriktiven Maßnahmen ist allerdings die schwierigere Frage, weil sie auf noch unvollständigen Fakten aufbauen muss und man hier deshalb aktuell noch sehr vorsichtig agiert – zum Leidwesen der Wirtschaft, der Kultur und des Soziallebens.
Das Krankheitsbild von Covid-19
Die Haupteintrittsstelle scheinen Nasenzellen zu sein, 50 % der Infizierten bleiben ohne wesentliche Symptome. Das Krankheitsbild, das sich entwickeln kann, ist sehr weit gespannt. Fieber, Husten und Atemnot stehen nicht immer im Vordergrund. Wenngleich die Hauptproblematik eine schwere Lungenentzündung ist, die an eine Höhenlungenerkrankung erinnert, so verläuft die Erkrankung manchmal auch wie ein Magen-Darm-Infekt. Andererseits können Herz-, Geruchs- und Geschmacksnerven sowie das Gehirn betroffen sein. In schweren Fällen kommt es zu Störungen im Gerinnungssystem, sodass Lungenembolien, Schlaganfälle und Gefäßverschlüsse in Armen und Beinen auftreten können. Auch kann das Virus bei verschiedenen Menschen unterschiedlich lange persistieren.
Die Intensivmediziner haben sich inzwischen auf ein bisher so nicht gekanntes Krankheitsbild eingestellt und die ursprünglich empfohlenen Beatmungsstrategien verändert. Fast wöchentlich werden neue Facetten von COVID-19 erkennbar, und Ärzte können sich immer besser darauf einstellen. Verschiedene Medikamente werden versuchsweise eingesetzt und zeigen teilweise Wirkung. Um diese zu erhöhen, sollten sie, wie das derzeit wirksamste, nämlich Remdesivir, jedoch früher zum Einsatz kommen. Andere Medikamente konnten die in sie gesetzten Hoffnungen nicht erfüllen. Allerdings fehlen derzeit noch belastbare Daten, rund 180 verschiedene Medikamentenstudien laufen. Intensiv ist auch die Suche nach einem geeigneten Impfstoff. Weltweit gibt es rund 80 verschiedene Impfprojekte, wobei bereits Impfstoffe entwickelt wurden, deren Erprobungsphasen schon gestartet haben. Erste Erkenntnisse sind in etwa für die Zeit ab Ende Juni 2020 zu erwarten. Eine Zulassung und Verabreichung eines neuen Impfstoffes wird vermutlich jedoch noch einige weitere Monate in Anspruch nehmen. Das Gros der Experten glaubt, dass man erst 2021 mit einer wirksamen Strategie aufwarten kann.
Zweite Welle?
Singapur und Japan erleben derzeit eine zweite Welle, wobei es zumindest in Singapur sehr wahrscheinlich erscheint, dass eine Neueinschleppung über pakistanische Wanderarbeiter dafür verantwortlich ist. Durch die Lockerung der Maßnahmen kann natürlich auch bei uns ein Neuanstieg der Infektionszahlen nicht ausgeschlossen werden. Wenn dies allerdings engmaschig überwacht und begleitet wird und man die Strategien anpasst, so ist es sehr wahrscheinlich, dass ein exponentielles Wachstum, wie es am Beginn zu sehen war, vermieden werden kann und die erheblichen Restriktionen nicht mehr in dem Ausmaß wie bisher notwendig sein werden. Wir werden in Zukunft immer mehr lernen, welche Maßnahmen und Lockerungen welchen Einfluss auf den Replikationsfaktor haben. Damit kann es in Zukunft möglich sein, eine angepasste Strategie zu fahren, ohne dass die Wirtschaft massiv heruntergefahren werden muss. Da aber noch lange nicht alle Erkenntnisse und Entwicklungen weltweit vorliegen, kann nicht alles in Bezug auf Maßnahmen und Zeitplan jetzt schon verlässlich abgeschätzt werden.
Mythen rund um Corona
Mythos 1: „Corona hat uns überrascht. Die Pandemie war nicht vorhersehbar!“
Dies stimmt so leider nicht. Seit Jahren werden Szenarien von Viruspandemien diskutiert. Experten hielten eine solche für längst überfällig. Der Deutsche Bundestag beschäftigte sich beispielsweise 2013 mit einem derartigen Katastrophenszenarium – es war allerdings eine Trockenübung ohne wesentliche Konsequenzen. Im März 2019 sagte ein Epidemiologe aus Wuhan eine Corona-Pandemie voraus und verortete auch deren Ausbruch in China. Die Biologie der Corona-Viren in Fledermäusen in China, die hohe Anzahl von Fledermäusen dort, die hohe Bevölkerungsdichte mit einem nahen Zusammenleben von Menschen und Tieren sind günstige Voraussetzungen für die Übertragung von Viren auf den Menschen. Nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Microsoft-Gründer und Multimilliardär Bill Gates stellte schon vor Jahren Gelder zur Bekämpfung einer solchen, auch von ihm vorhergesagten Pandemie zur Verfügung. Dennoch blieb die westliche Welt unvorbereitet. Wir haben ganz einfach nicht an das Szenario geglaubt. Schließlich präsentierten sich auch SARS und MERS in ihrer Ausprägung mit weltweit jeweils 800 Toten als eher „bescheidene“ Pandemien. Die westliche Welt ignorierte also das, was so unwahrscheinlich nicht war. Pandemiepläne, die Bevorratung von Schutzausrüstung, eine notwendige Unabhängigkeit in puncto Medikamentenversorgung blieben außen vor. Die Intensivmedizin, ohne Zweifel kostenintensiv, wurde in vielen Ländern heruntergefahren. Auch wir Ärzte hier in Österreich mussten darum kämpfen, damit dies nicht geschieht. Heute wird dies nun zweifellos von vielen anders gesehen. Unsere Gesundheitssysteme und Wissenschaftler werden in Zukunft sicher schneller reagieren können. Sehr wichtig ist es jetzt aber auch, dass wir ärmeren Ländern dabei helfen, die weltweite Virusverbreitung einzudämmen – auch zu unserem eigenen Schutz. Dafür werden wir Geld aufwenden müssen!
Mythos 2: „Alles kommt aus China!“
Obwohl Pest und Cholera aus Asien kamen, stimmt dies so nicht. Die Spanische Grippe hatte ihren Ursprung in den USA (Kansas), MERS den seinen in Saudi-Arabien. Die Schweinegrippe lässt sich bis nach Mexiko zurückverfolgen. HIV und Ebola stammen aus Afrika, und die letzte Cholera-Epidemie nahm ihren Anfang in Indonesien.
Mythos 3: „Das Virus stammt aus einem Laborexperiment in China.“
Obwohl so etwas theoretisch möglich ist, weisen führende Virologen der Welt diese Theorie in ihre Grenzen. „So etwas kann man im besten Labor der Welt nicht herstellen“, ist etwa die Aussage eines führenden Virologen. Dennoch: Biologische Experimente mit gefährlichen Viren werden weltweit durchgeführt. Sie müssten jedoch in Zukunft einer wesentlich stärkeren Transparenz und Regulierung unterworfen werden.
Es gibt aktuell zahlreiche Fake-News und Verschwörungstheorien rund um das Corona-Virus, wie etwa jene, das 5-G-Netz wäre für die Corona-Pandemie verantwortlich. Dafür gibt ebenso keine wissenschaftlich belegbaren Daten wie für viele andere Behauptungen. Diese alle hier anzuführen, würde den Rahmen sprengen.
Können wir berechtigt hoffen?
Die wissenschaftlichen Bemühungen für Medikamente und Impfungen laufen auf Hochtouren und werden Ergebnisse bringen. Die ersten Resultate sind vielversprechend, und auch die getroffenen Maßnahmen wirken. Die Mutationsfähigkeit des SARS-CoV-2-Virus scheint nur gering zu sein, und Coronaviren führen, nachdem sie sich einmal an ihren Wirt angepasst haben, meist zu weniger schweren Krankheitsverläufen. Die Intensivmedizin hat viel dazugelernt und ist hochwirksam, wenn sie, wie in Österreich und Deutschland, eine hohe Kompetenz aufweist und nicht überfordert wird. Und das ist machbar!
Wirksamkeit, Zeit und Umfang erforderlicher Maßnahmen bei Pandemien haben neue Erkenntnisse gebracht, welche uns in Zukunft helfen werden, frühzeitig sinnvolle Maßnahmen zu ergreifen. Die Welt wird nicht untergehen, manche Sichtweise wird sich aber ändern. Vielleicht war dies notwendig und eröffnet uns Chancen auf eine bessere Zukunft!
Fotos: AdobeStock/oxie99, Osttirol heute