Wenn Straßen wandern … Ein Streifzug durch die alten Straßen von Lienz

169. So viele Namen für Wege und Gassen, Straßen und Plätze finden sich derzeit im Verzeichnis der Stadt Lienz und machen es möglich, Häuser abseits von Farbe und Beschreibung zu finden.

Ein kleiner Streifzug durch die Geschichte zeigt, dass das nicht immer ganz so einfach war – und dass Straßennamen nicht nur verschwinden, sondern auch wandern können. Am Anfang standen keine Namen, sondern Nummern. Haus-, oder genauer gesagt Konskriptionsnummern, entfernte Verwandte der Straßennamen mit einem militärischen und finanziellen Hintergrund. War jede Behausung, jede Unterkunft nummeriert, hatte der Herrscher auch einen Überblick über seine Untertanen, um sie zu besteuern oder im Kriegsfalle die Armee mit ihnen zu bilden. Als Städte im 18. Jh. quer durch Europa zu wachsen begannen, setzte sich diese Idee durch. Straßennamen gab es noch kaum, eine Nummer für jedes Haus erschien ausreichend. Ein Blick auf eine Lienzer Häuserbeschreibung aus dem Jahr 1754 zeigt dies recht gut: 182 Häuser wies die kleine Stadt an Isel und Drau aus, davon 116 Bürger- und 66 Söllhäuser. Nicht miteinberechnet wurden Kirchen und kirchliche Gebäude sowie solche, die direkt der Herrschaft oder dem Messingwerk gehörten. Eingeteilt wurden diese in „Rotten“, aus heutiger Sicht eine Mischung zwischen Stadtteil- und Straßennamen: Unterplatz, Oberplatz, Münichgasse, Schweizergasse, Meraner Gasse, Kalkgrube/Forchach und Rindermarkt, manchmal ergänzt durch die Herrengasse.

 

Die Defreggerstraße um 1914

 

Diese frühen Bezeichnungen zeigen bereits einen Teil der heutigen Bandbreite von Straßenbenennungen, es finden sich Ortsbeschreibungen, Richtungsangaben, eine Frühform von Personenbenennungen sowie Arbeitsdeskriptionen. Am Rindermarkt bei der Michaelskirche wurde Vieh gehandelt, in der Kalkgrube südlich des Klösterles Kalk verarbeitet. Ähnlich gedachte Bezeichnungen finden sich heute noch als Adressen. Am Markt, auf der anderen Seite der Isel positioniert, wurden Lebensmittel und Güter für den täglichen Bedarf angeboten, Färber- und Mühlgasse zeigen die Standorte von Handwerken an, die Messinggasse beschreibt die Lage des ehemalig größten Arbeitgebers der Stadt, die Drahtzuggasse ist bereits weiterverarbeitende Industrie. Die alte Bezeichnung der Messinggasse – Meranergasse – zeigt die wohl älteste und häufigste Form von Straßennamen, nämlich Richtungsangaben. Am südwestlichen Ausgang aus der Altstadt gelegen, führte dieser Weg in die alte Tiroler Landeshauptstadt: nach Meran. Sein Pendant im Osten trägt heute noch den entsprechenden Namen und war bis zur Mitte des 20. Jhs. auch Hauptroute, um die Stadt in Richtung des Nachbarbundeslandes zu verlassen: die Kärntnerstraße. Die etwas nördlich der Meranergasse gelegene Schweizergasse gab keinen Hinweis auf das Ziel, auch wenn sich in so manchen Aufzeichnungen Vermutungen über mögliche eidgenössische Siedler finden oder auch spekuliert wurde, ob ein am Ende der Gasse gelegenes Bad- oder Schwitzhaus Pate stand. Der Name ist, zusammen mit dem der Herren- und der Münichgasse, als Beschreibung der Einwohner zu verstehen: Wohnten da die Bürger und Händler, dort die Mönche, waren es am Weg zu den Dominikanerinnen überwiegend Handwerker und Bauern, in alter Berufsbezeichnung auch als „Schweizer“ bezeichnet.

 

Blick in die Alleestraße Richtung Stadtmitte um 1930

 

Schon die Häuserbeschreibung von 1754 zeigt, dass Straßennamen in Lienz nie statisch waren, wenn auch jede Veränderung Probleme mit sich brachte. Als Maria Theresia 1770 von ihren Untertanen die „Allgemeinde Seelen-, Zugviehes- und Häuserbeschreibung“ einforderte und Kommissionen durch die Monarchie reisten, um eine Volkszählung durchzuführen, wurden die Zahlen nicht nur in Tabellen eingetragen. In Tirol wurden klar zuweisbare Nummern mit roter Farbe auch neben oder über die Haustüre aufgemalt, in fortführender Reihe. Wurde allerdings zwischen bereits gekennzeichneten Häusern ein Neubau hochgezogen, erhielt dieser die nächste freie Nummer. So konnte zwischen Nr. 40 und 41 plötzlich Nr. 185 stehen. Auch heute noch verzweifelt mancher Zusteller ohne Ortskenntnis in Dörfern – oder etwa im Lienzer Ortsteil Patriasdorf, in dessen Kern die alte Hausbezeichnung besser zur Orientierung dient als die Hausnummer. Patriasdorf selbst ist ein schönes Beispiel für einen Namen, der auch viel geschichtliche Beschreibung in sich birgt. Viel ist vom verballhornten „Jaschdorf“ nicht mehr übriggeblieben, doch die Häuser nördlich von St. Andrä, das eigentliche, alte Zentrum von Lienz, haben Verknüpfungen tief in den Süden. Als Karl der Große im Jahr 811 den Draufluss als Grenze zwischen Aquileia und Salzburg festsetzte, verblieb dem Patriarchat an der Adria noch die Siedlung an der Anhöhe, „villa patriarchae“, das Dorf des Patriarchen. Aus dem Lateinischen heraus muss wahrscheinlich auch der Ruefenfeldweg gesehen werden, der 1931 so benannte Verbindungsweg über die Felder und Neubaugegend zwischen Michaelsgasse und Grafendorferstraße. Das namensgebende Ruefenfeld findet, wie viele Ortsbezeichnungen, auch unterschiedliche, volkstümliche Herleitungen, etwa vom Rübenfeld oder von der Familie Rueff, welche als Zechmeister der Pfarrkirche St. Andrä, als Bergrichter oder Stadt- und Landrichter tätig war. Die wahrscheinlichere Erklärung ist jedoch der Begriff „rovinale“, also Bergsturz, tragen doch quer durch die Ostalpen viele felsige Gegenden oder durch Muren verursachte steinige Äcker ähnliche Namen. Die notwendige Beugung von Rov-, zu Ruf- und später Ruef- bestätigt auch ein Lienzer Ratsprotokoll aus dem Jahr 1797, in welchem Anton Kranz einen Zaun „am Ruffenfeld“ herstellen möchte.

 

Die Kärntner Straße in Blickrichtung Westen

 

Nicht nur die Suche nach dem Ursprung des Namens, sondern auch nach den vielen Namen einer Straße gibt Einblick in die Geschichte. Rund um das ehemalige Karmeliter- und heutige Franziskaner-Kloster bietet sich dabei ein besonders spannender Boden. Der Weg vom Johannesplatz am alten Rathaus vorbei zur Münichgasse trug einst den Namen Kirchgasse, war es ja die Verbindung zwischen den beiden Kirchen St. Marien und St. Johann. Die heutige Torgasse, die historisch kein Stadttor aufwies, findet sich in alten Plänen als Stallgasse. Links von der Stallgasse zweigte anschließend, wie auch heute, die Apothekergasse ab, rechts jedoch die Schulgasse. Das älteste Schulhaus, das in Lienz bisher lokalisiert werden konnte, befand sich einst im heutigen aus Apothekergasse Nr. 4, direkt an die Stadtmauer angebaut. Selbst als es 1609 dem großen Stadtbrand zum Opfer fiel und der Standort verlegt wurde, blieb der Name für den schmalen Weg noch in Gebrauch. Die Gegend blieb Bildungsort, heute befindet sich die Mittelschule Egger-Lienz in unmittelbarer Nähe. Die Schulstraße ist etwas weiter nach Norden gewandert und hat die Fleischbankgasse übernommen.

 

Winterszene am Kaiser Franz Josef-Platz im Jahr 1917

 

Die Mönchgasse selbst wurde auf Antrag des Stadtverschönerungs-Komitees Ende des 19. Jhs. in Muchargasse umbenannt, in Erinnerung an den Lienzer Historiker Albert von Muchar. Dabei blieb es aber nicht, der obere Teil der Gasse wurde, den politischen Gepflogenheiten und der Umbenennung der Deutschen Schule in „Jahnschule“ entsprechend, zum Jahnplatz. 1947 beschloss der Gemeindeausschuss, die dort gelegenen Häuser Hauptschule, Sailler Josef und Majerotto-Prast wieder in die Muchargasse rückzuführen, da „dem heimischen Gelehrten Albert v. Muchar diese Ehrung ungleich mehr gebühre als dem preußischen Turnvater Jahn“. Der westlich anschließende, am neuerbauten Tiwag-Gebäude entstandene Platz erhielt 1951 den unpolitischen Namen „Neuer Platz“. Man war in Lienz mittlerweile ein gebranntes Kind, waren doch nur wenige Jahre zuvor gleich 10 Straßen- und Plätzenamen von den neuen Machthabern mit nationalsozialistischen Bezeichnungen wie Platz der Saarpfalz (Johannesplatz) oder Langemarckplatz (Teil der Pfarrgasse) versehen worden.

 

Blick über den Saarplatz in Richtung Muchargasse um 1940

 

Der größte Teil der Lienzer Straßen, rund zwei Fünftel, trägt Personennamen. Auch hier war der Stadtverschönerungs-Verein Vorreiter, wussten seine Mitglieder nicht nur, das östliche Pustertal zu touristischen Zwecken in Osttirol oder die düster klingenden Unholden in Lienzer Dolomiten umzubenennen, sondern auch passende Straßennamen zur Vermarktung zu finden. Passendes Beispiel für die Vermarktung ist die Umbenennung der bis 1899 als Mitterweg bezeichneten Straße in Alleestraße. 1910 beschloss der Gemeindeausschuss, der Stadt weitere Straßennamen zu geben, und so wurden etwa die Gründerzeitbauten in der damals noch Neustadt bezeichneten Verbindung zu den Straßen ins Puster- und Iseltal in Albin-Egger-Straße umbenannt, davon abzweigend führt die Franz-v.-Defregger-Straße nach Norden. Wissenschaftler wie Adolf Purtscher oder Emanuel von Hibler wurden ebenso verewigt wie Ägidius Pegger, der sich mit der Gründung der Feuerwehr um das Gemeinwohl verdient gemacht hatte. Lienz sollte damit als kulturelles, ja urbanes Zentrum gekennzeichnet werden.

Auch heute noch wird Künstlern und Wissenschaftlern die Ehre zu Teil, ihren Namen in der Stadt verewigt zu wissen, wie die jüngeren Benennungen nach Christoph Zanon und Hermann Wiesflecker zeigen. Lienz hat so viel zu bieten – der Blick auf die Straßennamen ist nur ein kleines Fenster in eine spannende Geschichte der Stadt!

 

Text: Stefan Weis, Fotos: Archiv Museum Schloss Bruck

18. November 2021 um