Thurn: 800 Jahre altes Kruzifix wurde restauriert

Im Zuge der Restaurierung kam Erstaunliches zum Vorschein. Nun wird das romanische Kreuz im Gemeindezentrum von Thurn öffentlich präsentiert.

Seit Menschengedenken hing an der Außenwand der Jaga Alm in Thurn ein altes verwittertes Kruzifix. Umwelteinflüsse hatten ihre Spuren hinterlassen, und so wurde das Kreuz im Jahr 2001 zur Restaurierung abgenommen. Ortschronist Raimund Mußhauser kennt das Kreuz schon aus Kindertagen. In den 1960er-Jahren war er in den Schulferien in der Jaga Alm auf Sommerfrische. „Das Kreuz war vorne auf dem Almgebäude, oberhalb der Balkontüre angebracht“, erinnert er sich. „Später als Chronist fotografierte ich alle Feldkreuze, Bildstöcke und Hauskreuze von Thurn, und so stieß ich im Jahre 2001 wieder auf dieses alte Kruzifix. Dabei fielen mir die romanisch anmutenden Züge auf.“ Aber für die mittlerweile verstorbene Dr. Brigitte Ascherl, Kunsthistorikerin aus Wien und Obfrau des Vereins s’Kammerland, die gerade an der Kunsttopographie Osttirol arbeitete, war es damals noch unvorstellbar, dass dies ein romanisches Kruzifix sein könnte.

Um das Objekt vor dem Verfall zu bewahren, bot der Verein dem Jagabauer Josef Possenig an, das Kreuz zu restaurieren. Man nahm es von der Hauswand, sicherte die losen Teile, machte Fotos und übergab es an den Maler Albert Mußhauser, der es ablaugte und von den zahlreichen Übermalungen befreite. Durch das Ablaugen waren die fehlenden Teile und Schwundrisse im Holz deutlicher zu sehen, ebenso die vielen Löcher, die von verschiedenen Reparaturen stammten.

In Anbetracht der notwendigen Reparatur- und Restaurierungsarbeiten schenkte der Jagabauer Josef Possenig das Kruzifix dem Verein s´Kammerland für deren Sammlung. Die Arme wurden wieder fixiert, die Krone ausgebessert, mit Dornen versehen und befestigt. Nägel für Hände und Füße wurden angefertigt und der Querbalken fixiert.

Als Jahre später Dr. Reinhard Rampold vom Denkmalamt und Diözesankonservator Mag. Rudolf Silberberger die Thurner Kirche besichtigten, zeigte ihnen Raimund Mußhauser auch das Kruzifix von der Jaga Alm. Die Experten waren von der Schönheit, Schlichtheit und Seltenheit des Kruzifixes angetan. Der Korpus sei eindeutig romanischen Ursprunges, die Arme später dazugekommen. Das Kreuz sei gotisch und typisch für diese Zeit, so ein erstes spontanes Urteil der Experten.

 

Der „Drei-Nagel-Typ“ verweist auf die frühe Gotik und auf eine Pustertaler Produktion um 1250/70.

 

Eine Beschreibung des Diözesankonservators attestiert: „Die angewinkelten Knie geben dem Leib eine leichte „S-Form“ und damit eine innere Spannung. Die übereinandergelegten Füße sind mit einem Nagel am Kreuz befestigt (Drei Nagel Typus). Das knielange Lendentuch ist an der Hüfte geschürzt und verknotet. Es fließt weich über die Oberschenkel und über das rechte Knie des Gekreuzigten. Der sehr linear gestaltete Stoffüberschlag betont die leichte Abwinkelung der übereinander gelegten Füße. Das edle Haupt mit nachträglich aufgesetzter Dornenkrone weist eine starke Neigung zur rechten Körperseite auf. Die geschlossenen Augen zeigen den schon eingetretenen Tod des gekreuzigten Herrn. Es handelt sich um ein königliches Antlitz dessen Feinheit und Abgeklärtheit schon an die Auferstehung denken lassen. … Der Versuch einer Datierung bewegt sich im Zeitraum um das Jahr 1200. Wohl einige Zeit später ist das Astkreuz entstanden, das auf den Baum des Paradieses verweist. Durch den Paradieses-Baum kam der Tod, durch den Kreuzesbaum wird den Menschen Leben zuteil. Kreuz und Corpus sind ein hervorragendes Zeugnis romanischer Bildhauerkunst in Osttirol.”

Den ebenfalls konsultierten Experten für romanische und frühgotische Skulpturen, Dr. Leo Andergassen vom Landesmuseum für Kultur- und Landesgeschichte auf Schloss Tirol, erinnert das Kruzifix an jenes aus Pfalzen, das heute im Diözesanmuseum in Brixen zu sehen ist. Demnach kann an eine Entstehung in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts gedacht werden. Der Drei-Nagel-Typ verweist auf die frühe Gotik und auf eine Pustertaler Produktion um 1250/70.

Für eine abschließende verlässliche Altersbestimmung wurde auf Vorschlag der Universität Innsbruck eine C14-Radiokarbon-Untersuchung im Labor Curt-Engelhorn-Zentrum für Archäometrie in Mannheim durchgeführt. Sie ergab, dass das Holz, aus dem der Korpus geschnitzt ist, aus den Jahren zwischen 1052 und 1217 nach Christus stammt.

 

Seit Dezember 2021 ist das rund 800 Jahre alte Kreuz im Gemeindezentrum Thurn ausgestellt.

 

Bleibt noch die Frage offen, wofür das Kunstobjekt ursprünglich bestimmt war. Der Osttiroler Kunstexperte Mag. Rudolf Ingruber vertritt in den Osttiroler Heimatblättern Nummer 5/2022 die Ansicht, dass das romanische Kruzifix aufgrund seiner Größe von rund 70 cm einst nicht als Vortragekreuz diente, sondern möglicherweise über dem Eingang zur Apsis einer kleinen romanischen Kirche gehangen sein könnte. Dafür kommt wohl in erster Linie die Thurner St. Nikolauskirche aus dem 12. oder 13. Jahrhundert in Frage, in deren unmittelbarer Nähe der Jagahof liegt, der für das irgendwann aus der Mode gekommene Kreuz Verwendung auf seiner Almhütte fand.

Nun ist es nach Jahrhunderten wieder ins Dorf zurückgekehrt. Nachdem eine Diplomrestauratorin empfohlen hatte, am Kreuz keine weiteren Renovierungsarbeiten vorzunehmen, und die in den vergangenen Jahrhunderten nachträglich aufgesetzte Dornenkrone wieder zu entfernen, wird das Kreuz in einer neuen, gut gesicherten Vitrine im Stiegenhaus des Gemeindezentrums Thurn öffentlich präsentiert.

 

Text und Fotos: Raimund Mußhauser

23. Juni 2022 um