SOS-Kinderdorf Osttirol entwickelte sich zum „integrativen Vorzeigemodell“
Zehn Jahre nach der umfassenden baulichen und konzeptionellen Erneuerung des SOS-Kinderdorfes in Nußdorf-Debant zogen die Verantwortlichen Bilanz.
Das SOS-Kinderdorf in Nußdorf-Debant ist das zweitälteste SOS-Kinderdorf der Welt. Sechs Jahre nach Gründung von SOS-Kinderdorf in Innsbruck und dem Bau des ersten Dorfes in Imst wurde das Kinderdorf in Nußdorf-Debant 1955 besiedelt. Mit sieben Familienhäusern und einem angeschlossenen Jugendhaus blieb das SOS-Kinderdorf über 50 Jahre baulich im Kern unverändert bestehen. 2012 wurden die abgewohnten und sanierungsbedürftigen Häuser abgerissen. Über einen Bauträger wurde ein innovatives „Dorf im Dorf“ geschaffen. Seitdem leben die Kinder und Jugendlichen des Kinderdorfes in einer gemeinsamen Wohnanlage Tür an Tür mit anderen GemeindebürgerInnen.
„Es handelt sich um das einzige SOS-Kinderdorf in dieser integrativen Art in Österreich – ich bezeichne es immer gerne als lebensweltnahes Konzept. Vorteile bietet es für alle BewohnerInnen. Man nimmt aufeinander Rücksicht und hat sich gegenseitig unter positiver Beobachtung. Wir haben auch einen Spielplatz errichtet, auf dem die Kinder unseres integrativen Dorfes wie selbstverständlich mit anderen Kindern aus der Gemeinde spielen. Den Begriff ,Außerdörfler‘ wie früher gibt es nicht mehr. Die ersten Jahre waren natürlich auch herausfordernd. Das Konzept, das Dorfgefüge und Leben im Dorf war für alle neu – für die Kinder und Jugendlichen, die PädagogInnen sowie auch für die NachbarInnen und BewohnerInnen von Nußdorf-Debant. Das hat etwas Geduld und Eingewöhnungszeit gebraucht“, so Kinderdorf-Leiter Guido Fuß.
Guido Fuß: „Einen vor dem Haus spielenden kleinen Buben habe ich neulich gefragt, was er da macht. ,Ich bin hier daheim‘, hat er mir geantwortet. Solche Aussagen von Kindern sind für mich der beste Beweis, dass das Konzept von SOS-Kinderdorf und das integrative Modell hier in Nußdorf-Debant funktionieren.“
Neue Wohngruppen und passgenaue Betreuung
Acht Jahre nach der Neueröffnung folgte die nächste Großbaustelle: 2020 wurden zwei neue Wohngruppen für je neun Kinder und neun Jugendliche nach modernsten, ökologischen Standards gebaut, eines am Dorfgelände und eines gegenüber vom alten Jugendhaus am Zietenweg. Ein weiterer Schritt, um nächste Generationen junger Menschen gut betreuen und unterstützen zu können, sind Wohngruppen für Kinder und für Jugendliche in unterschiedlichen Gruppengrößen, Kinderdorffamilien und das Betreute Wohnen.
„In den fast 70 Jahren, die SOS-Kinderdorf in Osttirol nun besteht, hat sich die Gesellschaft sehr verändert – und mit ihr auch die Anforderungen an SOS-Kinderdorf. Im Zentrum steht immer die Frage: Was braucht ein Kind, ein Jugendlicher oder eine Jugendliche, damit es ihm oder ihr gut geht?“, erklärte Guido Fuß.
Auch Bürgermeister Andreas Pfurner ist überzeugt von dem integrativen Modell in Nußdorf-Debant: „Anfangs hat es natürlich auch kritische Stimmen gegeben. Doch im Laufe der letzten zehn Jahre hat sich das Dorf wirklich sehr gut entwickelt. Man merkt einfach, dass das SOS-Kinderdorf zur Gemeinde Nußdorf-Debant dazugehört und eine schöne Dorfgemeinschaft entstanden ist.“
Familien unter Druck: Prävention wird immer wichtiger
Zum Wandel bei SOS-Kinderdorf gehört seit vielen Jahren der Ausbau der Prävention: So begleitet die Ambulante Familienarbeit Tirol (AFA) in ganz Tirol und auch im Bezirk Osttirol besonders belastete Familien in Krisen, damit sie nicht auseinanderbrechen und Kinder sowie Jugendliche zuhause bei den Eltern bleiben können. 2021 wurden in Osttirol 90 Kinder, Jugendliche und ihre Familien in schwierigen, sehr krisenhaften Situationen beraten und unterstützt.
„Zuerst Corona, dann der Krieg, Teuerungen, hohe Energiekosten etc. – die aktuellen Entwicklungen stellen uns alle vor große Herausforderungen. Wir erleben in unserer täglichen Arbeit, dass Familien immer stärker unter Druck geraten und der Grat zur Überforderung ein sehr schmaler ist. Gerade in so krisenbehafteten Zeiten ist wichtig, dass Familien den Mut haben, sich Hilfe zu holen“, erklärte Egon Wibmer, pädagogischer Leiter der Ambulanten Familienarbeit in Osttirol.
Aktuell nutzt SOS-Kinderdorf 10 Einheiten der insgesamt 35 Wohnungen in der integrativen Anlage. „Eine kleine WG mit vier Kindern, die intensiv durch SozialpädagogInnen betreut werden, ist in Planung“, so der Kinderdorf-Leiter abschließend.
Das SOS-Kinderdorf Osttirol in Nußdorf-Debant
Von 1973 bis 2010 bestand das SOS-Kinderdorf in Osttirol noch aus insgesamt sieben Kinderdorf-Familien sowie dem Jugendwohnen. In den über 60 Jahren seit Bestehen hat sich die Betreuung bei SOS-Kinderdorf stark weiterentwickelt hin zu vielen unterschiedlichen, passgenauen Betreuungsformen. Heute stellt sich die Situation in Nußdorf-Debant folgendermaßen dar:
– vier Wohngruppen für Kinder (zwischen 6 und 9 Plätzen pro Wohngruppe)
– eine Wohngruppe für neun Jugendliche: In Wohngruppen werden Kinder und Jugendlichen rund um die Uhr von ausgebildeten PädagogInnen betreut.
– eine Klein-WG für vier Kinder ist in Planung
– Betreutes Außenwohnen (3 Plätze): In einer eigenen Trainingswohnung werden junge Menschen schrittweise in ihrer Eigenverantwortung gestärkt und auf ein selbstständiges Leben vorbereitet.
– zwei Kinderdorffamilien für je 4 bis 5 Kinder
– Ambulante Familienarbeit (aktuell 38 Familien): PädagogInnen unterstützen, begleiten und beraten belastete Familien, damit diese nicht auseinanderbrechen.
Betreute Kinder, Jugendliche und Familien in Osttirol im Jahr 2021
– 66 Kinder und Jugendliche fanden 2021 bei SOS-Kinderdorf in Osttirol ein neues Zuhause.
– Prävention: 90 Kinder, Jugendliche und ihre Familien wurden 2021 im Rahmen der mobilen Familienarbeit in Osttirol regelmäßig beraten und unterstützt.
– Rund zwei Drittel der Familien, die mobil betreut wurden, schaffen es, zusammenzubleiben.
Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Osttirol heute/Mühlburger