Projekt im Virgental: Im eigenen Garten zurück zur Natur
Selbst anbauen, was man isst – das liegt im Trend. In Virgen geht man einen Schritt weiter: Mit dem LEADER-Projekt „Selbstversorgt aus dem eigenen Garten“ soll altes Wissen um Gemüse, Kräuter und Obst neu zum Blühen gebracht werden.
In einer Zeit, in der Lebensmittelpreise steigen und das Vertrauen in globale Lieferketten schwindet, entdecken immer mehr Menschen die Kraft des eigenen Gartens. Wer selbst anbaut, erntet nicht nur frisches Gemüse, sondern auch Unabhängigkeit, Zufriedenheit und ein neues Verhältnis zur Natur. Wie funktioniert Mischkultur? Was hilft gegen Schädlinge? Und wie wird aus Wildkräutern Medizin? Das Projekt „Selbstversorgt aus dem eigenen Garten“ bringt altes Wissen, neue Methoden und vor allem auch die Menschen im Virgental und weit darüber hinaus zusammen.

Im Rahmen einer Informationsveranstaltung erfolgte am 18. Oktober 2024 der offizielle Start des dreijährigen LEADER-Projektes. „Großen Anklang fand dabei unter anderem das Vertikalbeet – ein kleiner Garten, der auf mehreren Etagen angelegt wird und auf engstem Raum Platz findet, wie z.B. auf Balkon oder Terrasse. Ein weiteres Highlight war die Wurmkiste, eine kleine Kompostieranlage für den Innenbereich“, erzählt Projektleiterin Birgit Winkler. In den letzten neun Jahren war sie als Schulassistentin für Schülerinnen und Schüler mit erhöhtem Förderbedarf an der Mittelschule Virgental tätig. „In dieser Zeit entstand auch der Schulgarten, ein echter Natur- und Erlebnisgarten“, informiert sie und verweist darauf, dass die zentralen Themen des Projektes „Selbstversorgt“ der Anbau, die Pflege, die Ernte sowie die Konservierung von Gemüse, Obst und Kräutern sind.
Die Auswertung von Fragebögen hat ergeben, dass innerhalb der Virger Bevölkerung großes Interesse am Balkon- und Vertikalgärtnern besteht. Fachliche Unterstützung erhält Birgit Winkler von Landschaftsplaner und -architekt Andreas Berger sowie von dessen Lebenspartnerin Marlies Macher. Die gebürtige Steirerin ist ebenfalls Landschaftsarchitektin und studierte wie Andreas an der BOKU Wien.

Wie das Gärtnern auf Balkon und Terrasse gelingen kann, hat Andreas den vielen Interessierten aus nah und fern bei einem Workshop vermittelt. Marlies widmet sich in ihren praxisnahen Workshops dem Gemüseanbau im Beet, im Hochbeet und in der Balkonkiste. „Viel Wissen rund um den Anbau von Obst und Gemüse im eigenen Garten ist in den letzten zwei Generationen verloren gegangen. Doch in jüngster Zeit erlebt die Selbstversorgung ein leises, aber kraftvolles Comeback“, zeigt sie sich überzeugt. Gründe dafür gäbe es viele: steigende Lebensmittelpreise, der Wunsch nach gesunder Ernährung, das Bewusstsein für die Herkunft der Lebensmittel – und natürlich die Freude am Gärtnern.
„Früher hatte fast jede Familie in der von der Landwirtschaft geprägten Region ihren eigenen Garten. Heute leben viele in Wohnanlagen ohne Garten, wünschen sich aber trotzdem einen eigenen grünen Rückzugsort – sei es nun ein Balkongarten oder einfach nur Gemüse, das am Fensterbrett wächst. Wir möchten diese Menschen gezielt fachlich unterstützen und zum Gärtnern motivieren“, hält Andreas fest. Sein Tätigkeitsschwerpunkt bei der Firma „Green4Cities“ mit Standorten in Wien und Graz liegt im Bereich Vegetationstechnik. Als Landschaftsarchitekt sowie Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung arbeitet er überwiegend von seinem Wohnort in Virgen aus.
„Wir wollen mit unseren Projekten Pflanzen überall dorthin bringen, wo sie es besonders schwer haben – auf Dächer oder Fassaden zum Beispiel. Mein Arbeitsschwerpunkt liegt auf Projekten in der gebauten Stadt, wie etwa auf jenem, das wir für das Konventhospital der Barmherzigen Brüder in Linz umsetzen durften. Umso größer und reizvoller empfinde ich daher meine Mitarbeit am Selbstversorgerprojekt in Virgen, das einen starken Kontrast zu meinem Berufsalltag bildet“, betont der Virger.

Eine gute Planung des Projekts ist für Marlies und Andreas entscheidend. „Standort, verfügbare Fläche sowie Geld- und Zeitbudget sollten realistisch eingeschätzt werden. Wichtig ist auch, klar zu definieren, was angebaut werden soll – Blumen, Kräuter, Gemüse oder Obstbäume“, empfehlen die beiden Landschaftsplaner. Birgit ist besonders stolz auf den Schulgarten, der seit dem Frühjahr 2022 besteht: „Die Pfarre hat uns eine ebene Fläche zur Verfügung gestellt – sowohl die Schulleitung als auch die Gemeindeführung unterstützen uns tatkräftig.“ Gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern wurden unter anderem eine Kräuterschnecke und eine Wildsträucherhecke angelegt, Natursteinmauern gebaut sowie Nisthilfen für Wildbienen und Vögel eingerichtet. „Den jungen Menschen steht hier ein besonders wertvolles Outdoor-Klassenzimmer mit Sonnensegel als Beschattung zur Verfügung“, freut sie sich.

Das Projekt „Selbstversorgt aus dem eigenen Garten“ hat weit über die Grenzen des Virgentals hinaus reges Interesse geweckt. Gartenbegeisterte aus ganz Osttirol nehmen an den Workshops teil. Neueinsteiger und erfahrene Gärtner tauschen wertvolles Wissen aus. „Das Projekt dient als lebendige Plattform für Vernetzung und fördert gezielt die Biodiversität in unserer Region. Vielleicht weckt dieser Austausch irgendwann auch das Interesse an gemeinschaftlichen Gartenprojekten“, blickt Marlies abschließend optimistisch in die Zukunft.

Das Projekt „Konventhospital der Barmherzigen Brüder Linz“, das die Firma „Green4Cities“ umgesetzt und an dem Andreas Berger maßgeblich mitgewirkt hat

Das Konventhospital der Barmherzigen Brüder Linz hat auf die enorme sommerliche Überhitzung seiner Innenhöfe mit Maßnahmen zur Verschattung und Begrünung reagiert. Ziel war es, die Aufenthaltsqualität im Haus deutlich zu verbessern. In einer Vorstudie wurden klimatische „Hotspots“ identifiziert und Maßnahmen zur Kühlung entwickelt – mit einer Temperaturreduktion von bis zu 6 °C im Innenhof. Aufgrund der eingeschränkten Statik war ein hoher planerischer Aufwand notwendig. Trotz der Einschränkungen konnte eine vielfältige Naturlandschaft mit unterschiedlichen Nutzungs- und Aufenthaltszonen geschaffen werden.
Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Osttirol Journal, Kurt Hörbst, Gemeinde Virgen





