Obertilliach: Ein Wegkreuz als Verbindung zwischen Landschaft, Mensch und Glaube
Hannes Ganner setzt mit dem neuen Wergkreuz gemeinsam mit seinen Eltern und seiner Frau sowie unterstützt von örtlichen Kunsthandwerkern und Freunden eine Familientradition fort.
Wer aus Richtung Maria Luggau kommt, dem wird am Ortseingang von Obertilliach ein neues Wegkreuz ins Auge fallen, das hier, ergänzt durch eine Rastbank, mit wunderschönem Blick ins Lesachtal zum Innehalten, Ruhefinden und zum Gebet einlädt. Osttirol ist in seiner Kulturlandschaft sehr stark von religiösem Brauchtum geprägt. Neben sakralen Baudenkmälern wie Kirchen, Klöstern und Wallfahrtsstätten finden sich hier mit Wegkreuzen, Bildstöcken und so genannten Marterln auch eine große Zahl kleinerer, aber sichtbarer Zeichen des Glaubens. Mit ihnen haben Menschen, früher wie heute, versucht, der Verehrung Gottes, ihrer Dankbarkeit, ihren Hoffnungen, aber manchmal auch ihrer Trauer sichtbar Ausdruck zu verleihen.

Historisch lassen sich Wegkreuze und Bildstöcke mancherorts auch damit erklären, dass man sie zur Kennzeichnung von Wegscheiden aufstellte oder ihnen die Funktion von Grenzsteinen für das Gemeinde- oder Gerichtsgebiet zuwies. Eines dieser Wegkreuze, eng verbunden mit der ortsansässigen Familie Ganner, findet sich in der Gemeinde Obertilliach. Schriftliche Aufzeichnungen, worauf die ursprüngliche Errichtung zurückzuführen ist, gibt es keine.
Johann Ganner, Altbauer am Gannerhof, und seine Frau Ida freuen sich über den neuen Rastplatz im Zeichen des Kreuzes. Glaube, Tradition und Zusammenhalt spielen in ihrer Familie eine große Rolle.
„Es dürften aber wohl die herausfordernden Jahre am Beginn des letzten Jahrhunderts gewesen sein, die meine Vorfahren zur Umsetzung eines ersten Wegkreuzes an dieser Stelle veranlassten“, lässt Hannes Ganner wissen. Der heute 46-Jährige, der gemeinsam mit seiner Familie am „Gannerhof“ lebt und mit Gattin Kathrin das Aparthotel „Tillga Glück“ führt, berichtet, dass es schon seinen Großeltern und Eltern ein Anliegen war, sich um das Kreuz zu kümmern. „Es ging ihnen nicht nur darum, die Tradition zu bewahren und einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten, mit dem Kreuz waren und sind, symbolisch gesehen, auch Lebensgeschichten der Familie verknüpft.“

Ein Blick zurück zeigt, dass der heutige Stammsitz der Ganners in Obertilliach erstmals gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Familienbesitz kam. Josef Häusler, vlg. Schoda, ein ehemaliger Knecht beim Unterwöger, ersteigerte den so genannten „Göberhof“. Eine seiner vier Töchter, Maria, übernahm später das Anwesen. Aus ihrer Ehe mit Johann Ganner, vlg. Nigglhofer, entstammten drei Kinder. Hofnachfolger war der 1905 geborene Sohn Johann, der gemeinsam mit Maria Mitterdorfer eine Familie mit insgesamt sieben Kindern, fünf Töchtern und zwei Söhnen, gründete. Johann, der älteste männliche Nachkomme, ist der heutige Altbauer am Gannerhof. „Mein Vater hat nach der Betriebsübernahme im Jahre 1973 gemeinsam mit meiner Mutter Ida mit der Zimmervermietung begonnen. Er ist bis heute aktiver Landwirt und mit viel Engagement und Leidenschaft für die Betriebsführung verantwortlich. Meine Frau Kathrin und ich unterstützen ihn und meine Mutter dabei. Gemeinsam haben wir uns 2019 auch dazu entschlossen, ins ,Tillga Glück‘ zu investieren und neben dem Stammbetrieb ein kleines, familiäres Hotel zu realisieren“, lässt Hannes wissen.

Vor rund 25 Jahren wurde das Wegkreuz letztmalig restauriert. Den Kräften der Natur in einem hochalpinen Tal ausgesetzt, nagte der Zahn der Zeit zuletzt so sichtbar an dem religiösen Symbol, dass 2021 im Familienrat die Entscheidung für eine Gesamterneuerung fiel. Hannes Aufgabe war es zunächst, vor dem Wintereinbruch im hofeigenen Wald das benötigte Bauholz zu hacken. „Längs- und Querbalken sowie das Holz für die Einhausung bzw. Eindeckung wollten wir aus eigenem Bestand bereitstellen.“ Im November des Vorjahres nahm er Kontakt mit Josef Schneider, vlg. Moar, auf. „Josef ist hier im Ort dafür bekannt, ein versierter Kunsthandwerker zu sein. Er sagte mir seine Hilfe sofort zu und machte sich mit viel Leidenschaft an die Arbeit, das Kreuz und eine dazugehörige Sitzbank neu anzufertigen.“
An dem Projekt, das Wegkreuz zu restaurieren bzw. zu erneuern, waren viele helfende Hände beteiligt. Josef Schneider, vlg. Moar, und Virgil Schneider, vlg. Lechner, beide erfahrene Kunsthandwerker aus Obertilliach, führten die Arbeiten an Kreuz und Sitzbank sowie am Christus-Korpus aus.
An dem Vorhaben beteiligte sich auch Virgil Schneider, vlg. Lechner. Er hatte bereits 1981, im Rahmen der letztmaligen Restaurierung, als zu dieser Zeit junger Absolvent der Schnitzschule Elbigenalp seine Liebe zum Detail bewiesen und jenen Christus-Korpus geschnitzt, der auch heute noch das Wegkreuz prägt. „Virgil nahm notwendige Restaurierungsarbeiten vor. Auch die Spruchtafel sowie die Jahreszahl am Längsbalken zeugen von seiner Handwerkskunst.“ Bei der Errichtung des neuen Wegkreuzes konnte sich Hannes außerdem auf die Unterstützung seiner Freunde Johannes Viertler (Viertlerbau/Sillian), Andreas Herrnegger (Baustoffe Herrnegger/Strassen) und Dirk Dietrich (Dietrich Kies/Lavant) verlassen. Sie trugen durch die Bereitstellung von Arbeitskraft, Baustoffen und Transportleistungen maßgeblich zum Gelingen des Werkes bei.

„Unser Dank gilt weiters auch Martin Annewanter, Gerhard Scherer, Johann Strasser, Robert Mössler, Josef Lugger und Gottfried Goller“, so Hannes Ganner im Namen der gesamten Familie. Er sieht den inzwischen vollständig fertiggestellten „Kraftplatz“ auch als Zeichen der Dankbarkeit und als Ort der Ruhe und Rast für alle jene, die daran vorbeigehen. „Nicht nur meine Eltern halten hier oft inne, sprechen ein Gebet und genießen den Blick ins Tal. Auch ich und meine Frau kommen manchmal hierher. Wir sind sehr froh, diese Familientradition fortgeführt zu haben und an unsere Kinder weitergeben zu können.“

Text: Elisabeth Hilgartner, Fotos: Martin Lugger