St. Nikolaus-Tag: Der Heilige aus Myra als Kirchenpatron
Kaum ein anderer Heiliger ist im Alpenraum so populär wie der hl. Nikolaus von Myra. Ein Beitrag von Kunsthistoriker Mag. Rudi Ingruber
Das hatte bis vor kurzem auch mit der doppelten Buchführung zu tun, deren Ergebnis er alljährlich als eine Art Jahresbilanz aus Tugenden und Verfehlungen, insbesondere jungen Leuten vor. Kindergärten und Schulen hofften auf den himmlischen Pädagogen, dessen irdische Herkunft („Von draußen, vom Walde komm ich her.“) im Dunkeln verblieb. Tatsächlich weiß man über die historische Person, die nicht nur diesem Brauch ihren Namen lieh, wenig. Der historisch nachgewiesene Nikolaus wurde um 280 in Patara an der türkischen Mittelmeerküste geboren, ganz in der Nähe von Myra, wo er seit etwa 300 als Bischof amtierte und in dieser Eigenschaft auch an dem von Kaiser Konstantin d. Gr. einberufenen Konzil von Nicäa teilnahm. Dort vertrat er die orthodoxe Lehre der Göttlichkeit Jesu und soll die Widerrede des mindestens zehn, vielleicht sogar zwanzig Jahre älteren Presbyters Arius mit einer Ohrfeige beantwortet haben.
Nach seinem Tod wurde Nikolaus in seiner Kirche begraben, der Großteil seiner Gebeine jedoch 1087 von apulischen Kaufleuten nach Bari und der Rest zwölf Jahre später von Kreuzfahrern nach Venedig verbracht, von wo aus sich der Reliquienkult um den Heiligen über ganz Europa ausbreitete. Neuere Grabungen in Demre, wie das historische Myra heute heißt, ließen vermuten, dass die Gebeine sich noch immer an Ort und Stelle befänden. Es war damals üblich, ein Andenken des Titelheiligen auszustellen oder in den Altar einzumauern.
St. Nikolauskirche in Matrei i.O.
Zur Belieferung sämtlicher Nikolauskirchen hätten aber wohl alle drei Lagerstätten niemals gereicht. Auch in Osttirol wurden dem hl. Nikolaus schon früh zwei Kirchen und eine Kapelle geweiht. Das heutige Erscheinungsbild der St. Nikolauskirche in Matrei i.O. ist den Bauarbeiten mehrerer Jahrhunderte geschuldet, deren Beginn um 1200 datiert wird. Der eingezogene Chor des schlichten und erst im 15. Jahrhundert eingewölbten Saalbaus ist im Inneren zu zwei übereinanderliegenden Kapellen ausgestaltet, deren Gewölbe und Wände einmal ganzflächig bemalt waren. Die Bilder des Untergeschosses gelten als provinzielles Beispiel für den ab der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts vom Mittelrhein bis Friaul sich verbreitenden „Zackenstil“, der die raumhaltigen Elemente byzantinischer Vorbilder in scharf umbrechende Linien verwandelte und insbesondere in Gurk und in Friesach eine späte Blüte erlebte. Von den Bildern der Nikolauslegende ist aber nur mehr wenig zu sehen. Einzig das „Schiffswunder“, in dem der Heilige in Seenot geratenen Schiffern eigenhändig „an den Segeln und Stricken und anderem Schiffsgerät“ hilft, lässt sich aus den ostseitigen Fragmenten ablesen. Das Westportal bekrönt an der Außenseite eine Kreuzigungsdarstellung aus dem 2. Viertel des 14. Jahrhunderts, auf dem Christus, die Schmerzensmutter Maria und der Lieblingsjünger Johannes von den beiden Kirchenpatronen flankiert werden.

Die Nikolauskapelle in den Tilliacher-Feldern in Obertilliach

Der hl. Georg lässt sich durch seine ritterliche Aufmachung identifizieren, während die Gestalt des hl. Nikolaus ohne weitere Erkennungsmerkmale ganz allgemein als Bischof mit Krummstab und Mitra dargestellt ist. Später wird ihm, vor allem, wenn er im Reigen der Vierzehn Nothelfer oder gar in Allerheiligenbildern zu erkennen sein soll, ein Evangelienbuch in die Hand gedrückt, auf das drei goldene Kugeln gelegt sind. In der Nikolauskapelle im Tilliacher Feld/Gemeinde Obertilliach hat Simon von Taisten diese sogar mit Perlen und Edelsteinen verziert.
Fresko am rechten Seitenaltar der Klosterkirche St. Marien in Lienz
Die 1264 von Jakobus de Voragine verfasste „Goldene Legende“ berichtet von einem armen Mann, der seine drei Töchter „in die offene Sünde der Welt stoßen wollte, um von dem Preis ihrer Schande zu leben“. Nikolaus ging hin, band einen Klumpen Gold in ein Tuch, warf ihn des Nachts heimlich durch ein Fenster in das Haus und ging unerkannt wieder fort. Alle Töchter wurden auf dieselbe Weise beschenkt, und ihr Vater konnte für sie die Hochzeit ausrichten. Nikolaus Kenntner hat diese Szene um 1440 am rechten Seitenaltar der Klosterkirche St. Marien verewigt. Er war der herausragende Lienzer Meister des zweiten Viertels des 15. Jahrhunderts, ein später Vertreter des „Weichen Stils“, der sich in sanft fließenden Gewandfalten ausdrückte, die weniger der Körperbewegung und der natürlichen Schwerkraft als einem kalligrafischen Formwillen folgten und so zum internationalen Figurenideal weniger Jahrzehnte vor und nach 1400 gerieten. Als das Fresko in den ersten Nachkriegsjahren freigelegt wurde, war der Kopf des Heiligen so stark beschädigt, dass er keinerlei Rückschlüsse auf seine Gesichtszüge mehr zulässt. Es wird jedoch überraschen, dass nicht nur in den frühgotischen Bildern von Matrei, sondern auch noch in Simon von Taisten`s Obertilliacher Darstellung vom Ende des 15. Jahrhunderts der Heilige keinen Bart trägt. Auch die Bewohner der Gemeinde Thurn mussten sich ihren Nikolaus bis wenigstens weit ins 19. Jahrhundert pausbackig und glattrasiert vorstellen.
St. Nikolaus in der Osttiroler Gemeinde Thurn


Ende des 17. Jahrhunderts wurde die mindestens 400 Jahre früher erbaute Nikolauskirche in Thurn mit Schlingrippen gewölbt und mit einem Hochaltar ausgestattet, dessen hölzerne Nikolausstatue aber schon 1840 dem Zeitgeschmack nicht mehr genügte und an der Außenwand der Stanis Mühle deponiert wurde. Erst 1972 kehrte sie wieder an ihren ursprünglichen Standort zurück. Aus der Ikonographie des Spätbarocks sickerte die Vorstellung des Schutzheiligen der Kinder und heiratsfähigen Töchter allmählich in das bis heute gepflegte Brauchtum, in dessen weitem Rahmen ein immer gewaltiger wuchernder Rauschebart die Züge des sich dahinter verbergenden Laiendarstellers unkenntlich machen und seine Herkunft im Dunkeln belassen sollte.
Text: Rudi Ingruber, Fotos: © Elias Bachmann, Martin Lugger