Kaprun: Wenn Bergretter und ihre treuen Vierbeiner Leben retten

Seit hundert Jahren ist die Bergrettung Kaprun in den Hohen Tauern im Einsatz. Ein engagierter Bergretter und gleichzeitig Hundeführer ist Markus Stemberger, der mit seiner Hündin Amy bereits viele Einsätze erfolgreich abschließen konnte.

Ob Sommer oder Winter – die Bergrettung Kaprun ist seit einem Jahrhundert ein unverzichtbarer Teil der Sicherheitsinfrastruktur im Oberpinzgau. Die Bergrettung, so wie wir sie heute kennen, entstand nach dem Ersten Weltkrieg. In dieser Zeit wurde das führerlose Bergsteigen populär. „Immer mehr Menschen waren damals ohne Bergführer im Gebirge unterwegs. Dies führte dazu, dass sich für die Verunfallten niemand mehr zuständig fühlte“, weiß Thomas Leitner, der die Bergrettungs-Ortsstelle Kaprun seit 2016 leitet, aus der Geschichte zu erzählen. 1919 gründete deshalb die Freiwillige Feuerwehr den „Alpinen Rettungsdienst Kaprun“, der zwei Jahre später seinen ersten Einsatz hatte. Im Jahr 1924 – also vor genau hundert Jahren – wurde dieser Rettungsdienst in „Bergrettung“ umbenannt.

 

Kapruner Bergführer um 1900

 

Aktuell zählt die Ortsstelle Kaprun 31 aktive Mitglieder, darunter fünf Frauen. „Unsere Bergretterinnen stehen uns Männern in nichts nach. Sie stellen in allen Belangen ihre Frau, und es hat sich schon oft gezeigt, dass Verunfallte in alpinen Notlagen besonders positiv reagieren, wenn unsere Kolleginnen im Einsatz sind“, betont der Obmann. Im Pinzgau gibt es 14 Bergrettungs-Ortsstellen, die der Landesleitung Salzburg unterstehen. Um Mitglied bei der Bergrettung zu werden, muss man mindestens 18 Jahre alt sein. Nach einem Jahr Probezeit beginnt die dreijährige Grundausbildung, in der fünf Kurswochen absolviert werden müssen.

 

 

„Entscheidend ist für uns, dass im Einsatzfall eine rasche Verfügbarkeit gegeben ist. Aus diesem Grund weise ich Interessierte immer darauf hin, dass sie zuallererst unbedingt mit ihrem Arbeitgeber abklären müssen, ob sie im Einsatzfall von der Arbeit freigestellt werden können“, betont der 51-jährige Ortsstellenleiter, der seit dem Jahr 2000 Mitglied bei der Bergrettung Kaprun ist. Er beobachtet, dass es heutzutage zunehmend schwieriger wird, Allround-Bergsteiger zu finden, die die gesamte Palette vom Skifahren über das Klettern bis hin zum Eisklettern beherrschen.

„Um im Ernstfall gut vorbereitet zu sein, bieten wir ein umfangreiches und vielfältiges Kursprogramm. Es umfasst rund 25 Praxistrainings jährlich, die alle aktiven Mitglieder absolvieren müssen. Alle zwei Wochen tauschen wir uns bei einem Heimabend aus“, informiert der Obmann. Er organisiert das Ausbildungsprogramm gemeinsam mit seinem Stellvertreter Fred Schellhorn sowie den Ausbildungsleitern Tom Etzer, Martin Voglreiter und Leo Brandtner.

 

 

Der gebürtige Osttiroler Markus Stemberger ist einer von elf Hundeführern im Pinzgau. Der heute 42-Jährige wuchs in St. Veit im Defereggental auf und ist seit 2018 aktives Mitglied der Bergrettung Kaprun. Nach den Kursen, die jeder Bergretter verpflichtend absolvieren muss, schloss er auch die zeitintensive und anspruchsvolle Ausbildung zum Hundeführer erfolgreich ab. Seine Partnerin ist die dreijährige Amy, eine österreichische Pinscherhündin.

„Wegen ihres ausgezeichneten Geruchssinns wurden Pinscher früher auf Bauernhöfen zur Jagd auf Mäuse und Ratten eingesetzt. Die enge Bindung zwischen Mensch und Hund ist essenziell – insbesondere bei Such- und Rettungseinsätzen. Auf Amy kann ich mich immer zu hundert Prozent verlassen“, erklärt Markus mit funkelnden Augen.

 

 

Jeder Suchhund gehört dem jeweiligen Bergretter und ist immer auch ein Familienhund. „Bergrettungshunde sind sehr neugierig und zutraulich, verfügen über ein ausgeglichenes und verträgliches Wesen und sind vor allem nicht ängstlich. Mit einem Gewicht von 16 Kilogramm ist Amy die ideale Begleiterin in den Bergen. Sie ist trittsicher, kennt alpine Gefahren und hat eine zutrauliche Natur“, schwärmt der begeisterte Bergretter und Hundeführer.

Die enge Bindung zu seiner Hündin ist in extremen Situationen – wie z.B. bei der Suche nach Lawinenverschütteten – unerlässlich. „Die Ausbildung beginnt, wenn der Hund/die Hündin acht Wochen alt ist. Ab diesem Zeitpunkt entwickelt sich auch das gegenseitige Vertrauen.“ Die Ausbildung zum Hundeführer umfasst Kurse und Schulungen für die Sommer- und Winterarbeit. In etwa drei bis vier Jahren absolvieren die Hunde vom Welpenalter an in Fachkursen ihre Ausbildung zu Lawinenhunden und Flächensuchhunden bzw. Mantrailern (Personenspürhunde).

 

 

„Wichtig ist dabei die richtige Sozialisation der Tiere (z.B. Hubschraubertraining, Liftfahren). Denn später müssen sie in der Sommerarbeit freudig und selbstständig suchen und verlässlich vermisste Personen im alpinen Gelände anzeigen“, erklärt Markus. Im Winter werden die Vierbeiner als Lawinenhunde eingesetzt. Dazu erlernen sie in drei aufbauenden Winterkursen das rasche Auffinden auch mehrerer Verschütteter in verschieden großen Lawinen. Flächensuchhunde kommen im Sommer bei der Stöbersuche zum Einsatz. Dabei suchen sie am Wegrand und auf festgelegten Flächen nach Vermissten. „Die Mantrailerteams verfolgen wiederum die individuelle Geruchsspur eines bestimmten Menschen. Besonders die Kombination der beiden Sucharten führt uns in der Sommerarbeit immer wieder zum Erfolg“, freut sich Markus.

 

 

Markus und Amy waren 2024 schon zwei Mal bei Sucheinsätzen erfolgreich. Leider kam es im Jänner bei einem tragischen Unfall im Tourenskigebiet Saalfelden zu einem Totfund. Im Juli setzte eine 34-Jährige in Neukirchen noch selbstständig einen Notruf ab, nachdem sie im felsdurchsetzten Gelände abgestürzt war. Danach brach der Kontakt ab, und es begann eine aufwändige nächtliche Suchaktion, an der sich neben Bergrettern und Hundeführern auch das Team des Polizeihubschraubers beteiligte. In einem schwer zugänglichen Graben konnten Markus und Amy schließlich die schwer verletzte Frau zur großen Erleichterung aller Beteiligten kurz vor Mitternacht finden.

Gerade in solchen Momenten zeigt sich die enorme Bedeutung der Zusammenarbeit zwischen Mensch und Hund. „Wir sind oft mit komplexen alpinen Notlagen in unübersichtlichem Gelände konfrontiert, hinzu kommen häufig schwierige Wetterverhältnisse. Trotz dieser Belastungen sind wir Bergretter und unsere Suchhunde rund um die Uhr und 365 Tage im Jahr bereit, unsere Fähigkeiten für das Wohl anderer einzusetzen – natürlich immer mit der Hoffnung, dass der Einsatz ein glückliches Ende nimmt und auch wir unversehrt nach Hause zurückkehren“, so Thomas und Markus abschließend.

 

Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Franz Reifmüller, privat

25. Oktober 2024 um