Das doch nicht so „Ewige Eis” ist weiterhin auf dem Rückzug
Neue Messwerte belegen einen durchschnittlichen Rückzug um 11 m. Die größte Veränderung gab es in der Venedigergruppe, wo sich das Schlatenkees um 54,5 m zurückzog.
Das Schlatenkees, ein Gletscher in der Venedigergruppe östlich des Großvenedigers, hat innerhalb eines Jahres über 50 Meter Länge eingebüßt. (ÖAV-Gletschermessdienst/Foto: Roland Luzian)
Der Gletscherschwund setzt sich kontinuierlich fort, wenn auch in der aktuellen Messperiode ein wenig gebremst. Die Abschwächung des mittleren Rückzugs im Vergleich zu 2021 (15 Meter) bedeutet aber keinesfalls eine Trendwende.
Das Untersulzbachkees im Jahr 2021 (ÖAV-Gletschermessdienst/Foto: S. Nussbaumer)
… und im Vergleich dazu ein Bild aus dem Jahr 2002 (ÖAV Gletschermessdienst/Foto: R. Luzian)
Verluste geringer als im Vorjahr, trotzdem anhaltender Rückzug
Das Gletscherhaushaltsjahr 2020/21 verlief erneut zu Ungunsten der Eisriesen im österreichischen Alpenraum. Von 91 vermessenen Gletschern zogen sich 84 zurück (92,3 %), nur sieben sind mit einer Längenänderung von weniger als einem Meter stationär geblieben (7,7 %). Diese Zahlen sind somit nahezu identisch mit den Werten aus dem Vorjahr, als von 92 Gletschern 85 im Vorstoß (92,4 %) und sieben stationär (7,6 %) waren.
„Die Bedingungen für die Gletscher waren in der aktuellen Messperiode günstiger als in den Vorjahren, da der Hochsommer in Summe annähernd normal temperiert verlief. Jedoch ist auch eine annähernd dem 30-jährigen Mittel entsprechende Sommertemperatur so hoch, dass sie die Fortsetzung des herrschenden Gletscherschwundes bewirkt“, analysieren die Leiter des Alpenvereins-Gletschermessdienstes, Gerhard Lieb und Andreas Kellerer-Pirklbauer vom Institut für Geographie und Raumforschung an der Universität Graz.
Wichtig für die Gletscher waren vor allem die deutlich zu kühlen Monate April und Mai, welche die starke sommerliche Abschmelzung verzögerten. Dank dieser Verzögerung wurde die Schneedecke bis zum Ende des Sommers zwar großflächig, aber nicht zur Gänze abgeschmolzen.
Die Pasterze am Großglockner im Jahr 2021 (Foto: ÖAV Gletschermessdienst/G.K. Lieb)
… und im Vergleich dazu eine Aufnahme aus dem Jahr 1920 (Foto: ÖAV Gletschermessdienst/Archiv G.K. Lieb)
Drastischer Gletscherschwund währt fort
Die Längenänderungen spiegeln allerdings nicht die Massen- und Flächenverluste sowie die Abnahme der Bewegungsdynamik der Eisriesen – wie die Bewegungsmessungen des Alpenvereins an der Pasterze und am Hintereisferner zeigen – wider. Der verringerte Rückzug der meisten Gletscher ist nur mit dem bis in den Sommer hineinwirkenden Abschmelzschutz der winterlichen Schneedecke zu erklären.
Dieser Effekt zeigt sich auch bei den Höhenänderungen, die an Österreichs größtem Gletscher, der Pasterze am Großglockner, gemessen wurden. Die Verluste sind zwar geringer als im Vorjahr, doch am anhaltenden Rückzug ändert dies nichts. Die Pasterze hat sich in dieser Messperiode um 42,7 Meter Länge zurückgezogen. Das schon seit Jahren im Zerfall befindliche Schlatenkees wies mit 54,5 Metern den höchsten Rückzugswert in Österreich auf, das ebenso in der Venedigergruppe gelegene Untersulzbachkees mit 35,3 Metern den dritthöchsten Wert.
Einzig der tief gelegene, südalpine Eiskargletscher in den Karnischen Alpen hob sich einmal mehr von allen anderen Gletschern in Österreich ab. Reichlich Schneefall im Winter und zusätzlicher Lawinenschnee ließen den Gletscher zum weitaus überwiegenden Teil seiner Fläche schneebedeckt bleiben, weshalb der Gletscher auch ohne Vorliegen von Längenänderungswerten als stationär eingestuft wurde.
„Obwohl der aktuelle durchschnittliche Rückzug von 11 Metern der drittniederste der letzten 20 Jahre war, kann dies in Anbetracht der übrigen Beobachtungen kaum als ‚Verschnaufpause‘ für die Gletscher gewertet werden. Vielmehr fügt sich auch dieses Jahr nahtlos in die herrschende Periode drastischen Gletscherschwundes ein, an deren zukünftiger Fortdauer nicht zu zweifeln ist“, so die Analyse der Leiter des Messdienstes, Gerhard Lieb, und Andreas Kellerer-Pirklbauer vom Institut für Geographie und Raumforschung an der Universität Graz.
Rückzug und Veränderungen als Herausforderung
Schwierig für die Arbeit der Gletschermesser gestalten sich vor allem Verluste von Messmarken, etwa durch Lawinen oder Geröll, die Suche nach dem oft unter Schutt verdeckten Eis und vor allem der starke Rückzug der Gletscher mit Bildung von Toteisfeldern, die für die Messung keine Relevanz mehr haben. Ein weiteres Problem stellt das unangenehme, meist aus lockerem Schutt bestehende Gelände in den Vorfeldern dar, das den Weg zu den Gletschern immer mühsamer und teilweise auch gefährlicher macht. Diese Einschätzung wird auch in den diesjährigen Berichten der Gletschermesser bestätigt, denn sie beinhalten wie in den Vorjahren eisfrei werdende Felsbereiche, Teilung von Gletschern, flächigen Zerfall von Gletscherzungen, ausdünnendes Eis, Bildung und/oder Weiterentwicklung von konzentrischen Einsturztrichtern, Anreicherung von Schutt an den Gletscheroberflächen und Bildung oder Vergrößerung von Seen in den Gletschervorfeldern.
Lage der im Gletscherhaushaltsjahr 2020/21 gemessenen Gletscher mit Angaben zur Veränderung der Gletscherstirn. Grafik: Alpenverein
Gletschermessdienst mit langer Tradition
Der Gletschermessdienst des Alpenvereins beobachtet seit 131 Jahren die heimischen Gletscher und registriert akribisch deren Längenänderungen. An einigen Gletschern werden zusätzlich Messungen der Fließgeschwindigkeiten und der Oberflächenhöhe durchgeführt. Die Gebietsverantwortlichen nahmen österreichweit 91 Gletscher in zwölf Gebirgsgruppen – vom Dachstein bis hin zur Silvretta – unter die Lupe. Die Gletscherberichte und die Fotodokumentationen aus den Alpenvereins-Archiven vermitteln ein einzigartiges Bild von der Entwicklung der Gletscher in den Ostalpen und sind wissenschaftlich von internationaler Relevanz.
Text: Redaktion