Buch „Gipfelkreuze -Träume, Triumphe, Tragödien” mit Osttiroler Geschichten

Für sein Buch fand Hans-Joachim Löwer auch in Osttirol typische Beispiele dafür, welche Vielfalt an Motiven die meist aus Holz oder Stahl gefertigten Gipfelkreuze in sich bergen.

Sie sind Mahnmale für Kriegsopfer, Monumente von Bergdramen, Manifestationen des Volksglaubens, von Gelübden und von Glück. Manche Gipfelkreuze wurden von Friedhöfen geholt, aus Flugzeugtrümmern und Werkstattschrott zusammengesetzt oder von eigenwilligen Künstlern geschaffen. Zwei Jahre lang hat der Autor Hans-Joachim Löwer Gipfelkreuze in den Alpen gesucht und recherchiert, welche Motive und Schicksale, welche Botschaften und Bräuche, welche politische und private Rivalitäten hinter ihnen stecken. Er erzählt die 100 faszinierendsten Geschichten, die zum großen Teil bislang völlig unbekannt waren. 43 davon spielen in Österreich, 34 in Italien, 17 in der Schweiz und sechs in Deutschland. Am Corno di Cavento etwa, wo vor 100 Jahren der Gebirgskrieg tobte, zieren Soldatenhelme die Arme des Kreuzes. Für die Schönfeldspitze im Steinernen Meer schuf Anton Thuswaldner aus Kaprun eine „Pietà“ in Kreuzesform. Im Südtiroler Grödnertal überwarf sich Ivan Lardschneider mit fast dem ganzen Dorf Wolkenstein, weil er für ein Kreuz auf dem Piz Miara mit dem Stil der heimischen Holzschnitzer brach, und auf dem Langkofel errichtete Johannes Demetz ein Kreuz für seinen vom Blitz getroffenen Sohn.

Auch in der Osttiroler Bergwelt war Löwer unterwegs. In Zusammenarbeit mit ihm haben wir uns mit vier seiner Berichte über Gipfelkreuze in den Hohen Tauern, in den Karnischen Alpen und in den Lienzer Dolomiten näher auseinandergesetzt.

 

Das Gipfelkreuz auf dem Roten Turm hat der Bauer Josef Bödenler in Zusammenarbeit mit dem Schmied Viktor Gumpitsch geschaffen. Foto: Tyrolia

 

Roter Turm (2.702 m), Lienzer Dolomiten

Den Bauern Josef Bödenler aus Dölsach füllte die Arbeit auf dem Acker nicht aus. Der als „Siggitzer“ im Dorf bekannte Osttiroler hatte eine Menge überschüssiger Kräfte, vor allem geistiger Art. In den 1920er-Jahren staunten die Dölsacher immer wieder, was er sich so alles einfallen ließ. Mal war es eine Art Schwebebahn für den Transport vom Stall zum Misthaufen, mal eine Lourdesgrotte im Hausflur, mal ein Regenschirm, den er zum Fallschirm machte, um sich damit von seinem Hausdach acht Meter tief auf den Misthaufen zu stürzen. Irgendwann stach Josef Bödenler der Rote Turm, benannt nach seiner rötlich schimmernden Südwand, ins Auge. So entstand 1927 eine neue Idee. Vom Schmied Viktor Gumpitsch ließ er sich eine vier Meter hohe Konstruktion – die Vorderseite mit einem Kruzifix auf einer Kupferplatte, die Rückseite mit den Symbolen der göttlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe – bauen. 15 Dölsacher machten sich mit dem fertigen Kunstwerk auf den Weg. Bis Jungbrunn trug ein Pferd die 90 Kilogramm schwere Last, dann lastete das Kreuz auf den Schultern der Männer. Laternen und Pechfackeln erhellten die Nacht, als sie bis zur Karlsbaderhütte hochstiegen. Morgens um sechs kamen sie dort an und stärkten sich bei einer kurzen Rast. Sie drehten, wie es Sitte ist, mit dem Kreuz eine Runde um die Hütte, dann begann der mühsamste Teil der Tour. Vom Einstieg zum Schmittkamin bis zum Gipfel musste das Kreuz über gefährliche Kletterpassagen gezogen werden. Auf diesem letzten Stück waren drei Männer ganz allein: der „Siggitzer“ mit seinen Freunden Johann und Matthias Straganz. Zehn Tage später – zu Maria Himmelfahrt – wurde das Gipfelkreuz von Pfarrer Johann Kratzer gesegnet. Die halbe Nacht leuchteten Bergfeuer – nun hatte der „Siggitzer“ wirklich sein Glanzstück geschaffen.

 

1958 wurde das alte Kreuz auf dem Vorderen Sajatkopf in Prägraten errichtet. Foto: Josef Hatzer

 

Vorderer Sajatkopf (2.915 m), Venedigergruppe

Ein Dutzend junger Männer quälte sich 1958 mit zwei mächtigen Holzstämmen über die steilen Wiesen bis ins felsige Gelände hoch. Sie gehörten zum Helferkreis des Pfarrers von Prägraten und hatten sogar Theaterstücke gespielt, um durch die Einnahmen das Gipfelkreuz für den Vorderen Sajatkopf zu finanzieren. Der Längsbalken war neun Meter lang, der Querbalken brachte es auf sechs Meter. Dazu kam noch ein vier Meter hoher Sockelbaum. Die zwei Stämme wurden auf die Achse eines alten Pflugs mit zwei Holzrädern geschnallt und zwei Drahtseile zu einem 50 Meter langen Strang verknüpft. Dieser lief über eine Spule, die von den Burschen immer wieder auf einen neuen Felssporn
gelegt wurde. So zogen sie, Meter um Meter, das Gefährt mit seiner Last zum Gipfel hoch. Plötzlich ging der Knoten auf. Der Querbalken löste sich, rollte zum Glück nur ein paar Meter und wurde dann von Felsbrocken gestoppt. Der Längsbalken aber polterte in rasendem Tempo 800 Höhenmeter hinunter ins Tal. Die Burschen stiegen ab und begannen den mühsamen Transport aufs Neue.

Im zweiten Anlauf kämpften sie sich bis 250 Meter unter den Gipfel. Dann legten sie sich erschöpft zum Schlafen in Holzhütten, die ansonsten von den Bauern bei der Heumahd aufgesucht werden. Als sie am nächsten Tag tatsächlich am Gipfel standen, zog ein Gewitter auf. Der runde Metallkranz, der Längs- und Querbalken stabilisieren sollte, drohte die Blitze geradezu auf sich lenken. So ließen die jungen Männer alles liegen und rannten den Berg wieder hinab. Sie sahen, wie der Blitz ein Stück höher einschlug – und dankten Gott dafür, dass sie mit dem Leben davongekommen waren. Einer von ihnen gab einen sarkastischen Kommentar von sich: „Ein Kreuz musst du tragen – nicht ziehen.“

 

2017 wurde in Prägraten das neue Kreuz feierlich geweiht. Foto: Christian Kröll

 

Mehr als ein halbes Jahrhundert später war das Gipfelzeichen stark angegriffen, aber die Geschichte seiner Errichtung steckte ganz tief im Stamm. „Die kann man nicht so einfach entsorgen“, sagten sich
die Prägratner Jungbauern, die sich um ein Nachfolgekreuz kümmerten. Aus dem Holz des alten Kreuzes, das ein Hubschrauber ins Tal flog, wurden kleine Wandkreuze geschnitzt. Wer mindestens zehn Euro spendete, konnte sich so ein Stück mit nach Hause nehmen. Drei große Teilstücke wurden zu Maria Himmelfahrt nach der Prozession auf dem Prägratner Kirchplatz versteigert – sie brachten mit 170, 140 und 100 Euro die höchsten Erträge. So kamen insgesamt mehr als 2.000 Euro zusammen, mit denen die Bau- und Flugkosten finanziert wurden. 2018 konnte das Projekt erfolgreich abgeschlossen werden.

 

„Nie wieder Krieg!” steht auf der Gedenktafel des Gipfelkreuzes auf der Großen Kinigat. Foto: Tyrolia

 

Große Kinigat (2.689 m), Karnische Alpen

Der Serviten-Pater Reinhold Bodner aus dem Lesachtal hielt 1977 bei der Segnung der neu gebauten Standschützenhütte hoch über Kartitsch die Predigt. Spontan kam ihm ein Gedanke, den er ebenso spontan aussprach. Die Große Kinigat, die diese Hütte überragt, war im Ersten Weltkrieg Schauplatz von Gefechten – ein Kreuz würde daraus einen Platz des Gedenkens machen. Die Idee packte die Talbewohner. Der Tischler Josef Jungmann kaufte mit seinem eigenen Geld das Holz, das er für die Fertigung brauchte. Zusammen mit Josef Reider und Ludwig Wiedemayr jun. schmiedete er die Verspannungsketten und zwölf Sterne für einen Metallring – so viele wie auf der Europa-Flagge, dem Symbol des Aufbruchs zu einem geeinten Kontinent. Bezirkshauptmann Othmar Doblander organisierte zwei Hubschrauber des Bundesheeres für den Transport des Materials.

Am Tag der Einweihung im Jahre 1979 machten sich Hunderte auf den Weg zum Gipfel – vom österreichischen Kartitsch im Norden wie auch vom italienischen Comelico Superiore im Süden. So wie damals im Krieg stießen auf der Großen Kinigat zwei Nationen aufeinander – nur diesmal mit ganz anderen Absichten. Reinhold Bodner zelebrierte die Messe zusammen mit Don Diego Soravia, dem Pfarrer von Padola, einem Ortsteil von Comelico Superiore; die Gebete wurden auf Deutsch und auf Italienisch gesprochen. Rudolf Duregger aus Ainet hatte eine Gedenktafel geschmiedet, die für den Hubschrauber-Transport nicht rechtzeitig fertig wurde – nun trug sie Andreas Strasser, Schützenhauptmann von Kartitsch, in letzter Minute hoch. „Nie wieder Krieg!“ steht darauf geschrieben – die berühmten Worte Papst Pauls VI. vor der UN-Vollversammlung in New York.

 

Autor Hans-Joachim Löwer vor dem markanten Kreuz auf der Vorderen Kendlspitze. Foto: Tyrolia

 

Vordere Kendlspitze (3.088 m),Granatspitzgruppe

Manche nennen es ein Ungetüm, andere werden gar an ein Ufo erinnert. Es ist gut 35 Jahre alt, 3,30 Meter hoch, 2,10 Meter breit, 700 Kilogramm schwer. Und steht immer noch da wie am ersten Tag. „Wir wissen ja, was bei uns in den Bergen los sein kann. Daher wollte ich etwas Stabiles bauen. Naja, vielleicht ist es ein bisschen zu robust geworden“, sagte dazu der Schmied Franz Unterweger aus Kals.
Die Jungbauernschaft Kals am Großglockner hatte 1981 die Idee für dieses Gipfelkreuz, die treibenden
Kräfte waren Josef Kunzer, Klaus Unterweger, Alois Huter und Rupert Tinkl, der einen Entwurf zeichnete. Franz Unterweger stand dafür 130 Stunden am Amboss in seiner Werkstatt. Seine Söhne Fred und Robert machten ihrem Vater zum 80. Geburtstag das schönste Geschenk. Sie nahmen ihn ans Seil, und so ging er mit ihnen noch einmal über den ziemlich ausgesetzten Südwestgrat auf die Vordere Kendlspitze – das machen ihm in diesem Alter sicher nicht so viele nach. Am Ende stand Unterweger
erschöpft, aber glücklich ein letztes Mal vor seinem Kreuz. „Diese Tour war viel schöner als eine Geburtstagsfeier im Gasthaus.“

 

Autor Hans-Joachim Löwer (Jahrgang 1948) war 16 Jahre Auslandsreporter für den „Stern“ und 13 Jahre Mitarbeiter von „National Geographic“. Seit 2001 arbeitet er als freier Autor. Für seine Bücher ist er am liebsten mit dem Rucksack unterwegs. Er hat riskante Touren durch politische Krisengebiete im Nahen Osten, im südlichen Afrika und in Lateinamerika unternommen. Am liebsten aber streift er zu Fuß durch die Berge. Seine Gipfelkreuz- Recherchen führten ihn zwei Jahre lang durch vier Alpenländer – von der slowenischen Grenze bis fast an die italienische Mittelmeerküste.

Gipfelkreuze – Träume, Triumphe, Tragödien
Erschienen im Sommer 2019 im Tyrolia-Verlag, 350 Seiten, zahlreiche Fotos, 29,95 Euro

 

 

Text: Raimund Mühlburger, Hans-Joachim-Löwer

22. September 2019 um