Bergrettung Tirol/Bezirk Lienz: „Lawinenabgänge unbedingt melden!!!“
Wir sprachen mit dem Osttiroler Bergrettungs-Obmann Peter Ladstätter über die vielen Lawinenabgänge in diesem Winter, über „Negativlawinen“ und das richtige Verhalten bei Notfällen.
Ob Lawinenabgänge im Winter oder Kletterunfälle und erschöpfte Wanderer im Sommer – die Bergrettung Tirol steht mit neun Bezirksstellen, 91 Ortsstellen und rund 4.500 Ehrenamtlichen an 365 Tagen im Jahr und rund um die Uhr bereit, um im alpinen Gelände Hilfe zu leisten. Bei rund 2.000 Einsätzen im Jahr ist Professionalität gefragt. Dies betont auch Peter Ladstätter, der langjährige Leiter der Bergrettung Osttirol und selbst ein erfahrener Bergretter.
Peter Ladstätter, Leiter der Bergrettung Tirol/Bezirk Lienz
Peter, in diesem Winter gab es bis dato besonders viele Lawinenabgänge. Kannst du uns davon berichten?
Allein am Wochenende vom 4. auf den 5. Februar 2022 waren in Österreich neun Lawinentote zu beklagen – acht davon in Tirol und einer in Vorarlberg. Insbesondere führten dabei Neuschnee und Windverfrachtungen zu den Lawinenabgängen. Über 60 Einzelereignisse mit Personenbeteiligung hat es in diesen zwei Tagen in Tirol gegeben. Bei den folgenschweren Lawinenabgängen hatte die Lawinenwarnzentrale des Landes Tirol größtenteils Gefahrenstufe 3, also „erhebliche Lawinengefahr“, ausgegeben. Viele unterschätzen die Gefahr, und so passieren gerade bei Stufe 3 auch die meisten Lawinenunfälle mit Verletzten und Toten.
Kannst du uns erklären, warum es so wichtig ist, Lawinenabgänge sofort zu melden?
Im Villgratental lösten Skitourensportler am 17. Februar eine Lawine aus, konnten sich aber selbst befreien und fuhren ins Tal ab, ohne den Lawinenabgang zu melden. Ein unbeteiligter Skitourengeher meldete den Lawinenabgang bei der Leitstelle, was vollkommen richtig war. Geht eine Meldung bei der Leitstelle ein, wird die Rettungskette in Gang gesetzt. Per Hubschrauberflug wird in der Folge abgeklärt, ob es Ein- und Ausfahrtsspuren im betroffenen Bereich und eventuell Verschüttete gibt. Gleichzeitig werden Bergrettung und Alpinpolizei verständigt. Wenn abgeklärt ist, dass keine Personen verschüttet wurden bzw. keine professionelle Hilfe benötigt wird, kann die Leitstelle den Fall als „Negativlawine“
aufnehmen. Bei einer weiteren Meldung derselben Lawine durch andere Beobachter hat dies keine Alarmierung der Rettungskräfte zur Folge.

Was sind die Folgen, wenn Lawinenabgänge nicht gemeldet werden?
Wenn keine Meldung bei der Leitstelle erfolgt, sind Rettungskräfte und Ressourcen unnötig gebunden. Wir verfügen im Bezirk Lienz über nur zwei Rettungshubschrauber. Diese sind im Winter häufig auch bei Pistenunfällen im Einsatz und werden für andere Notfälle (Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Verkehrsunfälle etc.) benötigt. Ich appelliere deswegen eindringlich an alle, Lawinenabgänge unbedingt bei der Leitstelle zu melden. Die Meldungen sind unheimlich wichtig für die Leitstelle, und die Anrufer bleiben anonym. Grundsätzlich sollte man bei einem Bergnotfall die Nummer 140 wählen, bei schlechter Verbindung kann man auf den Euro-Notruf 112 ausweichen. Dieser funktioniert unabhängig vom Netzanbieter überall.
Was ist bei der Tourenplanung zu beachten?
Eine schöne und sichere Tour setzt eine akribisch genaue Planung voraus. Die Tour muss unbedingt der Kondition und dem Können angepasst werden. Über den Lawinenwarndienst Tirol sollte man sich über die aktuelle Lawinensituation (www.lawine.report) informieren. Wir können sehr froh sein, dass wir in Tirol mit Dr. Rudi Mair über einen weltweit führenden Lawinen-Experten und mit seinen Mitarbeitern über professionelle Fachleute in Sachen Lawinenbeurteilung verfügen. Wichtig ist, dass die Notfallausrüstung jedes Tourengehers unbedingt ein Lawinenverschütteten-
Suchgerät (LVS), eine Schaufel und Sonde inkludiert. Natürlich sollte man die Tour aber immer so gestalten, dass man niemals in die Situation gerät, diese Ausrüstung einsetzen zu müssen. Bei der ersten Skitour ist es ratsam, sich von einem professionellen Berg- und Skiführer begleiten zu lassen, der um die wichtigsten Basics weiß.
Wie verhält man sich bei einem Lawinenabgang richtig?
Im Falle eines Lawinenabgangs sollte man zuerst einen Notruf absetzen und schnellstmöglich mit der Kameradenhilfe beginnen. Das sofortige Suchen und Ausgraben von Verschütteten ist oft die einzige Chance für die Betroffenen, einen Lawinenabgang zu überleben.

Wie finanziert sich die Bergrettung Tirol?
Die Bergrettung Tirol finanziert sich über drei Säulen: über die Unterstützung durch das Land Tirol, über Einnahmen aus Einsatzabrechnungen und über die Unterstützung durch Förderer. Betonen möchte ich, dass alle Bergretter*innen freiwillig arbeiten und keine Aufwandsentschädigung erhalten. Sie müssen sogar die Ausrüstung selbst bezahlen. Die Mittel werden ausschließlich für den Erhalt der Infrastruktur, von Einsatzzentralen, Fahrzeugen und Einsatzmitteln sowie für die Aus- und Fortbildung verwendet.
Wie kann man die Bergrettung unterstützen?
Als Förderer kann man die Bergrettung Tirol mit einem jährlichen Beitrag von 28 Euro unterstützen. Der Beitrag beinhaltet eine Bergekostenversicherung in Höhe von 25.000 Euro weltweit. Der Versicherungsschutz umfasst auch die Familie (Partner*in und Kinder bis 18 Jahre mit gleicher Wohnadresse). Eine Hubschrauberbergung kostet durchschnittlich 5.000 Euro. Wenn man an Unfälle auf der Piste, beim Wandern oder Radfahren denkt, kann das schnell teuer werden!
Nähere Informationen für jene, die die Bergrettung unterstützen möchten, finden sich unter www.bergrettung.tirol. Einzahlungen können unter
dem Stichwort „Förderer der Bergrettung Tirol“ auf das Konto IBAN: AT 75 6000 0049 0862, BIC: RZTIAT22336 vorgenommen werden.
Die Notfall App der Bergrettung Tirol
Die einfachste und effizienteste Lösung bei Notfällen ist die Notfall App der Bergrettung Tirol, die in Zusammenarbeit mit dem Land Tirol und der Leitstelle Tirol entwickelt wurde und gemeinsam mit dem Land Südtirol und Bayern betrieben wird. Die App SOS EU ALP kann man kostenlos vom App Store herunterladen und am Handy installieren.
Im Notfall kann man über die App Einsatzkräfte (Arzt, Rettung, Feuerwehr, Bergrettung, Polizei etc.) völlig unkompliziert und mit leicht zu merkenden Handgriffen alarmieren: 1. Handy entsperren, 2. App antippen, 3. Button „Notruf“ antippen und 4. durch ein weiteres Antippen des Buttons den Notruf automatisch absetzen.
Wichtig: Die Ortungsfunktion (GPS) muss aktiviert sein. Die App funktioniert nur dann, wenn ein Netz des jeweiligen Netzbetreibers verfügbar ist!
Der Notruf wird automatisch zur Leitstelle Tirol abgesetzt und eine Telefonverbindung hergestellt. Ein Mitarbeiter kümmert sich sofort um diesen Notfall. Beim Absetzen des Notrufes werden im Hintergrund die GPS-Koordinaten übermittelt. Damit erübrigen sich vor allem im alpinen Gelände oft mühsame Beschreibungen des momentanen Aufenthaltsortes.
Interview: Raimund Mühlburger, Fotos: ÖBRD Land Tirol, Martin Lugger