200 Jahre Bürgermusik Mittersill: Ein Traditionsensemble feiert
In unserer schnelllebigen Zeit verlieren Tradition und Brauchtum oftmals an Bedeutung. Nicht so in Mittersill, wo 2023 ein besonderes Jubiläum zelebriert wird.
Ganze 200 Jahre ist es her, dass die „Bürgermusik“ gegründet wurde. Die Freude am gemeinsamen Musizieren hat die Jahrhunderte überdauert. Bis heute ist die Bürgermusik eine nicht wegzudenkende kulturelle und gesellschaftliche Institution der Stadt.
Die Bürgermusik Mittersill in der Zeit von 1860 bis 1870
Nach den Musikkapellen in Rauris und Lofer wurde die Bürgermusik Mittersill im Jahr 1823 als drittälteste Pinzgauer Kapelle ins Leben gerufen, wobei sie in den ersten Jahren oft als „Türkische Musik“ bezeichnet wurde. Als erster Kapellmeister fungierte Rupert Egger, der selbst in den alten Pfarrmatriken mit dieser Berufsbezeichnung angeführt wurde. Weitere Hinweise auf die „neue“ Kapelle finden sich in Aufzeichnungen des Mittersiller Pflegers Ignaz Kürsinger aus den Jahren 1836 und 1837. Aus den nachfolgenden Jahrzehnten ist eine Reihe verschiedener Kapellmeister bekannt, die die zu dieser Zeit noch relativ kleine Musikgruppe anführten. Ein besonderer Höhepunkt für die Bürgermusik war die Ausrückung bei der Einweihung der „Giselabahn“, der heutigen Westbahnstrecke, 1875 in Zell am See. Erste Fotos zeugen von der Zusammensetzung der Kapelle, die damals nur mit Blechblasinstrumenten ausgestattet war.
Die Mittersiller Musikanten um 1900. Links im Bild ist der „Mittersiller Schellenbaum“ zu sehen.
Um die Jahrhundertwende scheinen in der Chronik der Bürgermusik viele Ausrückungen auf. Auf alten Aufnahmen aus der Zeit ist auch ein besonderes „Instrument“, ein Schellenbaum zu erkennen, den so manche Kapelle damals mitführte. Letztmalig ist der „Mittersiller Schellenbaum“ auf einem Foto aus dem Jahre 1923 zu sehen, als man zum 100-jährigen Jubiläumsfest eine eigene Knabenmusik zusammenstellte. Zum Musikfest kamen übrigens auch 36 Mann der Matreier Musikkapelle über den Felber Tauern, die später ihre schöne Tracht den Mittersiller Kollegen für einen Auftritt bei einer Hochzeit leihweise zur Verfügung stellen sollten. Zu dieser Zeit lagen die Wirren des Ersten Weltkrieges bereits hinter den Mittersiller Musikanten, von denen viele zum Dienst mit der Waffe einberufen worden waren. Nach Kriegsende, im Jahr 1919, hatten der damalige Gemeindesekretär Franz Huber und Kapellmeister Virgil Groder, ein gebürtiger Kalser, die Musik, die ihren Betrieb zwischenzeitlich einstellen musste, wieder neu aufgestellt. Die Jahre von 1924 bis 1945 waren auch für die Oberpinzgauer Musikkapelle eine sehr schwierige Zeit, auch wenn man sich die Beteiligung an Musikfesten bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges nicht nehmen ließ. 1928 etwa reisten die Mittersiller mit dem Zug über Gastein und Spittal an der Drau nach Lienz und von dort per Lastauto nach Matrei, wo man gemeinsam mit den Iseltalern ein schönes Fest feierte und viele Freundschaften schloss. Die Mittersiller Musiker unternahmen große Anstrengungen, in der trostlosen Zeit der Weltwirtschaftskrise neue Instrumente und eine eigene Tracht anzuschaffen. 1936 gelang dies und so konnte man im selben Jahr auf Schloss Mittersill die holländische Kronprinzessin Juliane mit ihrem Prinzgemahl Bernhard in der schmucken neuen Tracht begrüßen. Während der Kriegsjahre bis 1945 war die Bürgermusik Mittersill eine der wenigen Kapellen, die stets spielfähig blieb, wenn auch als reduziert-kleiner Klangkörper. Dieser rückte zu verschiedenen Anlässen aus. Nachdem der damalige Kapellmeister Hans Maier und einige Musikanten ihren Kriegsdienst leisten mussten, griff man zwischenzeitlich auf spielfähige Soldaten der Heeresversuchsstelle für Seilbahnbau und auf Jungmusiker zurück. Als letzte Ausrückung für das herrschende Nazi-Regime scheint eine Ausrückung aus dem Jänner 1945 in der Chronik der Musikkapelle auf. Danach waren es wieder die Beteiligungen der Musik an kirchlichen und weltlichen Festen sowie Platzkonzerte, die dominierten.
Mittersiller Musikanten in der Tracht der Matreier
Aus dem Krieg zurückgekehrt, startete Kapellmeister Maier mit einer unermüdlichen Aufbauarbeit. Er bildete junge Talente aus und konnte bald auf einen Klangkörper von mehr als 30 Mann „bauen“. Zwei Großfeste, das 50-jährige Bestehen der Pinzgau Bahn sowie das 125-jährige Bestandsjubiläum, wurden gebührend gefeiert. Auch die gute Verbindung zu den Musikerkollegen aus Matrei blieb aufrecht: 1953 gingen die Mittersiller zu Fuß über den Felber Tauern und spielten auf dem Weg nach Matrei auch bei der St. Pöltner Hütte auf. Ein Jahr zuvor war Kapellmeister Maier zum Obmann des Oberpinzgauer Musikbundes bestellt worden. In den Jahren danach erfolgte der Zusammenschluss der Musikkapellen zum Pinzgauer bzw. zum Salzburger Musikverband. Wertungsspiele wurden veranstaltet, wobei die Bürgermusik Mittersill sich als eine der leistungsstärksten Kapellen erwies.
Die 50er-Jahre waren von zahlreichen Auftritten, auch im Zuge des aufkommenden Fremdenverkehrs, geprägt. In der Chronik sind mehr als 120 Ausrückungen pro Jahr vermerkt. Die Bürgermusik galt ohne Zweifel als gefragter Klangkörper, der übrigens nach der Rückkehr von Auftritten außerhalb stets mit klingendem Spiel im Markt Mittersill einmarschierte. Von 1959 bis 1967 leitete Hans Fernsebner als Kapellmeister die Bürgermusik, ihm folgte in dieser Funktion Sepp Wieser nach. In dieser Zeit standen auch erste große Ausflüge nach Südtirol, nach Venedig und nach Rom auf dem Programm. Besondere Feste waren die Eröffnung der Felbertauernstraße, das Gründungsfest der Historischen Schützenkompanie und das Jubiläum „150 Jahre Bürgermusik“, das entsprechend zelebriert wurde.
Mitten in dieser erfolgreichen Zeit kam es zum Bruch: Kapellmeister Wieser verließ mit Familienmitgliedern und einigen Jungmusikern die Bürgermusik und rief die „Jugendblaskapelle Oberpinzgau-Mittersill“ (das heutige Tauern-Blasorchester Mittersill) ins Leben. Bei der Bürgermusik übernahm Manfred Pongruber als neuer Kapellmeister. Er übte diese Funktion 25 Jahre lang aus und ist damit der längst dienende der jüngeren Geschichte des Vereins. Bis in die 1990er-Jahre wuchs der Klangkörper auf über 50 Mitglieder an. Gemeinsam mit der Historischen Schützenkompanie war man auf zahlreichen Festen Blickfang und Mittelpunkt. Das Zusammenwirken mit Nachbarkapellen bei Großkonzerten und Kontakte zu Gastkapellen aus Deutschland und Norwegen begründeten viele Freundschaften. Besondere Highlights der Folgejahre waren die Einweihung des Nationalparkzentrums (2007), die Aufführung des „Traum eines österreichischen Reservisten“ (2013) sowie die Stadterhebung Mittersills (2008). In der Zeit der Obleute Hans Enzinger und Hannes Wartbichler konnten unter anderem ein neues Probelokal errichtet und die Musikertracht erneuert werden.
Mitglieder der Bürgermusik 2007 mit Bundespräsident Heinz Fischer bei der Eröffnung des Nationalparkzentrums Mittersill
Heute zählt die Bürgermusik Mittersill 46 aktive Mitglieder, davon 6 Marketenderinnen und 5 Ehrenmitglieder. Kapellmeister ist Martin Voithofer, die Aufgaben des Obmannes hat, in Nachfolge von Wolfgang Urban und Manfred Pongruber jun., seit 2020 Bernhard „Bernd“ Buchholzer inne. Er berichtet im Gespräch mit dem Journal von der besonderen Freude an der Musik, die alle verbindet. „Wir sind ein Sammelsurium an unterschiedlichsten Charakteren, Alters- und Berufsgruppen. Eines haben wir aber alle gemeinsam und das ist die Leidenschaft zur Musik. Neben allem instrumentalen Können, aufbauend auf persönlichem Einsatz und Idealismus, ist es vor allem das Kameradschaftsgefühl, das sich beim gemeinsamen Musizieren entwickelt und das sehr zu einer harmonischen Gemeinschaft beiträgt. Sehr wichtig ist uns die Nachwuchsarbeit, weshalb uns die Neuaufnahme von fünf Mitgliedern im heurigen Frühjahr besonders freut.“
Die EXPO 2015 in Mailand/Italien bleibt für viele Mittersiller bis heute unvergesslich: Beim Österreichertag am 26. Juni 2015 trat die „Mittersiller Stadmusikkapelle“ – Bürgermusik und Tauern-Blasorchester als ein Klangkörper mit etwa 80 MusikantInnen – auf.
Das heurige Jubiläumsjahr wurde, wie Bernd weiter ausführt, mit einem bestens besuchten Festkonzert am 9. April 2023 eingeleitet. Das große Jubiläumsfest steht am 2. und 3. Juni 2023 auf dem Programm. „200 Jahre Bürgermusik sind wahrlich ein Grund zum Feiern“, meint der Obmann, der, wie alle seine VereinskollegInnen, zu Recht stolz auf die lange Geschichte und die aktive Musikformation der Gegenwart ist. „Unser Fest wird am Freitag, 2. Juni, von der Militärmusik Salzburg mit einem großen Standkonzert am Stadtplatz von Mittersill eröffnet, anschließend wird die Militärmusik von der Historischen Schützenkompanie beim großen Zapfenstreich unterstützt“, informiert er. „Mit dem Bieranstich im Festzelt erfolgt dann die offizielle Festeröffnung, wobei eine eigens für den Anlass zusammengestellte Pinzgauer Kapelle für die musikalische Unterhaltung sorgen wird. Am Abend musiziert die Gruppe ‚Panter Böhm‘. Am Samstag gibt es einen großen Festakt am Sportplatz von Mittersill und einen feierlichen Umzug mit zahlreichen Musikkapellen und örtlichen Vereinen durch die Straßen der Stadt“, nennt der Obmann der Bürgermusik Mittersill weitere Details des Festprogrammes. „Am Abend wird im Festzelt, untermalt von den Darbietungen der Bauernkapelle Eberschwang, der ‚Innsbrucker Böhmischen‘ sowie der ‚Alpenkracher‘ weitergefeiert. Wir laden herzlich zu unserem Jubiläumsfest ein und freuen uns auf zahlreiche BesucherInnen aus nah und fern!“
Text: Elisabeth Hilgartner, Fotos: © Eva Reifmueller, Fotoarchiv Bürgermusik, Mike Huber