150 Jahre Eisenbahn Villach–Lienz–Franzensfeste
Der 20. November 1871 war ein historischer Tag – nicht nur für den Bezirk Lienz oder Tirol, sondern die gesamte Habsburger-Monarchie Österreich-Ungarn. Er brachte die „Weltöffnung“.
Sage und schreibe zehn Monate schneller als geplant und noch dazu budgetär im Rahmen wurde das essenzielle Verbindungsstück entlang der Südbahn eröffnet: die „Pustertalbahn“ Franzensfeste–Lienz und die „Kärntner Bahn“ Lienz–Villach. Diese insgesamt 210 Kilometer verbanden die existierenden Linien Marburg–Klagenfurt–Villach ab 1863/64 und Innsbruck–Brenner–Bozen ab 1867. Auch das so schwere Hochwasser 1882 mit seinen zahlreichen Zerstörungen an Gleisanlagen im Pustertal konnte den Lauf der Zeit nicht aufhalten. Die Dampflok-Ära hatte begonnen, ab den 1950er-Jahren ging es um den Antriebsstoff Diesel, seit den 1980er-Jahren ist die Antriebsenergie Strom.
Dampflokomotive der k.k. priv. Südbahn-Gesellschaft, Nr. 805, Serie 29, Baujahr 1867, am Lienzer Bahnhof, um 1880
(Foto: Unbekannt; Sammlung Stadtgemeinde Lienz, Archiv Museum Schloss Bruck – TAP)
Mit der Inbetriebnahme 1871 – zwei Jahre Bauzeit ab 1869, konzessioniert für die „k.k. privilegierte Südbahn-Gesellschaft“ – wurde die neu befahrene Region, inklusive Bezirk Lienz („Osttirol“), für den Fremdenverkehr erschlossen; die Touristen sollten im Laufe der Jahre und Jahrzehnte bis zum Ersten Weltkrieg in Massen kommen, aber auch die Einheimischen konnten nun „hinausfahren“. Die Stadt Lienz mitsamt Bahnhof und Heizhaus sollte aufgrund des Zuzugs von Personal mit wachsenden Familien, unter Berücksichtigung der Einrichtung einer großen Militärgarnison in der neu gebauten Kaiser-Franz-Joseph-Kaserne, bevölkerungsmäßig von 1871 bis 1914 auf das Dreifache anwachsen: von rund 2.000 auf ca. 6.000 Einwohnerinnen und Einwohner.
Das Lienzer Bahnhofsgebäude und die Restauration in Bau, 1871
(Foto: Emil Lotze; Sammlung Eisenbahnfreunde Lienz – TAP)
Das Lienzer Stationsgebäude mit Restauration, um 1880
(Fotograf: Josef Gugler; Sammlung Meinrad Pizzinini – TAP)
Vom im April 1945 durch US-Bomber getroffenen Heizhaus blieben zumindest der Großteil des Mauerwerks und auch ein Teil des Daches erhalten.
(Foto: Franziska Baptist; Sammlung Photo Baptist – TAP)
Hochwasserkatastrophe in Osttirol im August 1966, hier die zerstörten Gleisanlagen in Thal-Aue
(Foto: Gabriel Ortner; Sammlung Gabriel Ortner – TAP)
Während der Erste Weltkrieg den Personenverkehr zum Erliegen brachte und die totale Umstellung auf die Kriegsversorgung der nahen Dolomitenfront bedeutete, führte die schmerzvolle Abtrennung Südtirols an den Kriegsgewinner Italien 1918/20 fast zum Ende der Pustertalbahn. Pass- und Zollkontrollen der Italiener erschwerten den Personen- und Güterverkehr enorm und bedeuteten einen eklatanten Bedeutungsverlust der Strecke. Der Weg aus Osttirol in die Landeshauptstadt Innsbruck führte fortan meist mühsam, aber innerösterreichisch über die Tauernbahn. 1924 übernahmen die neuen Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) von der aufgelösten Südbahn-Gesellschaft die Betreuung des Streckenteils von der Grenze bei Arnbach/Weitlanbrunn bis Spittal an der Drau, die italienischen Staatsbahnen den Südtiroler Teil.
Der 1948 durch das Österreichisch-Italienische Durchreiseabkommen eingeführte „Korridor“-Zug von Lienz über das Pustertal und den Brenner in die Landeshauptstadt Innsbruck. Hier am Lienzer Bahnhof, Aufnahme um 1955 (Foto: Unbekannt; Sammlung Stadtgemeinde Lienz, Archiv Museum Schloss Bruck – TAP)
Jahrzehntelang hieß es „Warten am Lienzer Bahnschranken wegen Verschubarbeiten“, wenn man Richtung Dolomitenbad bzw. Richtung Innenstadt wollte. Hier eine Aufnahme vom 26. August 1986 mit der Verschub-Lokomotive 2062 060-5
(Foto: Klaus Ladinig; Archiv der Eisenbahnfreunde in Lienz EBFL)
Am Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der Lienzer Bahnhof am 19. April 1945 von US-Bombern arg getroffen – der notwendige Wiederaufbau betraf besonders die Gleisanlagen und das Stationsgebäude, welches 1950 in neuem Glanz erstrahlte. Mit dem Österreichisch-Italienischen Verkehrsabkommen von 1948 war endlich die Bahnfahrt Lienz–Brenner–Innsbruck wieder erlaubt – im versperrten Triebwagen des „Korridorzugs“ gab es allerdings kein Ein- und Aussteigen in Südtirol. Die dortige „Öffnung“ erfolgte 1996 unter den Landeshauptleuten Wendelin Weingartner (Tirol) und Luis Durnwalder (Südtirol). Die nachfolgende Ausdünnung an Zugpaaren, die ein Ende der historischen Pustertalbahn befürchten ließ, kulminierte in der Abschaffung des seit 1948 existierenden Direktzugs im Jahre 2013 – der für Osttirol so identitätsstiftenden Direktverbindung Lienz–Innsbruck per Eisenbahn.
Eine tragische Zäsur stellten die schweren Hochwasserkatastrophen mit Todesopfern 1965/66 dar, welche den Bahnverkehr im Pustertal für mehrere Monate unterbrechen sollten. Der 1980 gegründete „Verein der Eisenbahnfreunde in Lienz“ wiederum konnte durch rühriges Engagement das Heizhaus in der Bezirksstadt schlussendlich revitalisieren und zum Eisenbahnmuseum umfunktionieren.
Heute muss man auf der einen Seite von Lienz auf dem Weg nach Innsbruck umsteigen, ob per Zug zumindest in Franzensfeste oder per Bus/Zug in Kitzbühel/Wörgl. Die Wiedereinführung des Direktzuges lässt auf sich warten. Auf der anderen Seite gibt es bis Ende 2021 den zukunftsweisenden Großumbau des Lienzer Bahnhofsareals zum barrierefreien Mobilitätszentrum um rund 30 Millionen Euro.
2026 wird eine große Änderung in der langen Geschichte der Pustertalbahn bringen: Mit dem derzeitigen Bau der Riggertal-Schleife fährt man dann – wie ursprünglich noch in den 1860er-Jahren geplant – von Lienz kommend in Brixen ein, und nicht mehr in Franzensfeste …
Flugaufnahme des Lienzer Bahnhofareals, Aufnahme am 28. April 2012
(Foto: Wolfgang C. Retter; Stadtmarketing Lienz)
Zum 150-Jahr-Jubiläum erscheint im Bahnmedien-Verlag folgender Bildband, herausgegeben vom Verein der Eisenbahnfreunde in Lienz:
Martin Kofler Südbahn-Heizhaus
Vom Bahnbau in Lienz 1869/71 bis zur Gegenwart
ISBN 978-3-903177-37-6
Euro 32,90
Erhältlich im Museumshop der Eisenbahnfreunde in Lienz (Vorbestellungen gerne unter: kontakt@ebfl.at), bei den Bahnmedien und im Fachhandel
Text: Martin Kofler