Stadt Lienz: Spannende Blicke hinter die Trachtenidylle

Ein Fund im Museumsarchiv Schloss Bruck bringt neue Erkenntnisse zu Aufnahmen im TAP und damit eine veränderte Sicht auf einen Teilbestand klassischer „Heimatfotografie“.

Am Anfang einer spannenden Rätselsuche steht ein einfaches Social-Media-Posting. Schon vor dem Beginn der offiziellen Tätigkeit des Tiroler Archivs für photographische Dokumentation und Kunst (TAP) Lienz-Bruneck Anfang 2011 förderte die Stadt Lienz die Initiative von Dr. Richard Piock, damals CEO der Durst Phototechnik AG, einen visuellen Gedächtnisspeicher für Tirol und Südtirol zu schaffen. Umfasste die Sammeltätigkeit zunächst noch den Bezirk Lienz und das Südtiroler Pustertal, steht mittlerweile das ganze Gebiet der heutigen Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino im Fokus. Aufgrund der engen Verbindung der Gemeinde Lienz mit dem TAP lag es nahe, die qualitätsvolle historische Fotosammlung dem Fotoarchiv als Dauerleihgabe zu überlassen. Der Bestand befand sich im Museum der Stadt Lienz Schloss Bruck unter der Leitung von Silvia Ebner. Umfangreiche Vorbereitungen in punkto Vorsortierung und Transport durch Manfred Gasser sowie die nachfolgende Inventarisierung, Erschließung und Digitalisierung durch Helene Ladstätter unter Anleitung von TAP-Archivleiter Martin Kofler waren nötig. Ein besonderes Highlight unter den rund 20.000 Originalen sind die Glasplatten-Negative der Fotografenfamilie Georg und Maria Egger, knapp über 7.000 an der Zahl. Aus der Sammlung der Stadt und weiteren Beständen konnten Sonderausstellungen des TAP im Bergfried des Museums Schloss Bruck erarbeitet werden, wie etwa die Fotofilme „Schlaglicht. Lienz und der Talboden“ und „Heimat/Front. Lienz und der Krieg 1914–1918“ mit begleitenden Ausstellungstafeln.

 

Die andere Seite des NS-„Kreisschießens“ im Juni 1944: Die Trommlergruppe der Hitler-Jugend marschiert auf, im Hintergrund ist die Bühne der „Genesendenkompanie“ vor der Lienzer Liebburg zu sehen. Fotograf: Alois Baptist – Museum Schloss Bruck

 

Neue Personen, neue Medien
In den letzten Jahren gab es Veränderungen im Schloss Bruck – und damit nicht nur eine Fortsetzung der Kooperation mit dem TAP, sondern ein mitunter noch vielseitigeres Zusammenspiel. Vom neuen Museumsleiter Stefan Weis gemeinsam mit Martin Kofler entwickelte Module innerhalb der Ausstellung „grenzen|los“ 2021 entführten in das Sehnsuchtsland Italien und in die Osttiroler Bergwelt. Im Jahr zuvor, 2020, ergänzten im Rahmen der Ausstellung „Familienalbum“ neu erschlossene Fotografien aus dem ganz privaten Umfeld von Albin Egger-Lienz die Meisterwerke des Künstlers. Immer wieder finden sich auch interessante kleine Teilbestände und werden neue Forschungsergebnisse in punkto „Visual History“ geteilt. Dabei spielen u.a. auch neue Medien eine wichtige Rolle. So postete das TAP auf Social-Media ein Foto mit der Zeitangabe „um 1965“ – weil undatiert sowie eingeklebt in eine Reihe an ähnlichen Abbildungen mit gezacktem Büttenrand der 1950er/1960er Jahre. Ein Follower konnte das Foto in die 1940er-Jahre einordnen und den abgebildeten Buben als Josef Huber, den späteren Dekan von Lienz, identifizieren. Die weiteren Umstände der Aufnahme blieben aber ungeklärt – bis auf Schloss Bruck bei Inventarisierungsarbeiten ein Kuvert mit einer Serie von 16 Fotos auftauchte und von Stefan Weis das kurz zuvor gepostete Bild wiedererkannt wurde. Auf der Rückseite der Bilder fand sich die Urheberschaft von „Pächter: A. Baptist“, Dina Mariner, mit der Adresse „Lienz, Gau Kärnten, Adolf-Hitler-Platz 16“ gestempelt. Der Vergleich von Martin Kofler mit anderen Sammlungen im TAP ergab: Es handelt sich um Papier-Abzüge eines Films, den Fotograf Alois Baptist, damals eingemietet in das Mariner’sche Atelier am Lienzer Hauptplatz, in der NS-Zeit gemacht hat. Und zwar ganz konkret im Rahmen des „Kreisschießens“ im Juni 1944, zu dem erstmals und zum einzigen Mal die Gauleiter von Kärnten Friedrich Rainer und von Tirol-Vorarlberg Franz Hofer anreisten. Von 1938 bis 1945 gehörte Osttirol als „Kreis Lienz“ zum „Gau Kärnten“, an den es im Rahmen der Neuordnung der sogenannten „Ostmark“ noch 1938 trotz Protesten angeschlossen worden war.

 

Für sich betrachtet eine idyllische Trachtenaufnahme – zwei Marketenderinnen in Lienz, Juni 1944. Fotograf: Alois Baptist – Museum Schloss Bruck

 

Aufmarsch statt Trachtenidylle
Die Foto-Serie fokussiert vor allem auf diverse Trachtenverbände bzw. Einzelporträts in traditioneller Festkleidung, enthält allerdings auch eine Aufnahme mit Trommlern der Hitler-Jugend: Der Blick geht an der Liebburg, dem damaligen Sitz des „Landrats“ (Bezirkshauptmannschaft), vorbei bis hin zu „Cafe Central“ und Gasthaus „Schwarzer Adler“ am Ende des Platzes, inklusive Beflaggung mit Hakenkreuzfahnen. Aufgrund von Vergleichen mit anderen Aufnahmen zum „Kreisschießen“ 1944 im TAP kann man Datierung und NS-Anlass mit Sicherheit fixieren. Zum Beispiel sieht man wiederholt die „Genesenden-Kompanie“ der Wehrmacht auf Stuhlreihen am heutigen Hauptplatz sitzen.

 

Der Leiter des Tiroler Photoarchivs Martin Kofler (links) und Museumsleiter Stefan Weis (rechts) mit Fotos aus den Beständen des TAP und Schloss Bruck. Fotograf: Bernd Lenzer/Stadt Lienz

 

Besonders die Personenfotos mit dem Schwerpunkt auf Tradition und Brauchtum können zur klassischen „Heimatfotografie“ gezählt werden – hier allerdings im unüblichen städtischen Setting – und sind somit für die neue TAP-Ausstellung „Heimatfotografie und Osttirol“ von Belang. 2014 konnte das TAP das gesamte Archiv des Fotogeschäfts Baptist als Schenkung übernehmen, eine riesige Menge von an die 300.000 Originalaufnahmen von Reportagen bis hin zu Passbildern. Und in einem Ordner mit der Beschriftung „SW Diverse Motive 6×6 6x9“ sind eben die o.g. aufgeklebten, kleinen und undatierten Papierabzüge enthalten. Diese Kopien dürften aus den 1950er-Jahren stammen und wurden, soweit bis jetzt bekannt, später nicht mehr verwendet.

Der kleine Foto-Fund belegt: Erstens kommt man durch den steten Austausch innerhalb von Institutionen mit historischen Beständen vor Ort wahrlich weiter. Zweitens ist es zentral, wenn man Fotografien ohne jegliche Angabe mit anderen beschrifteten Fotos quasi „querlesen“, sprich, detektivisch vergleichen kann. Und drittens sind Informationen aus Social Media-Postings, rückseitige Stempel etc. keinesfalls außer Acht zu lassen.

 

Die Zusammenarbeit zwischen Museum und TAP findet sich auch auf Schloss Bruck wieder – ein Blick in die Ausstellung „grenzenlos“ von 2021. Fotograf: Wolfgang C. Retter – Museum Schloss Bruck

 

Ausstellungen des Tiroler Photoarchivs TAP sowie des Museums Schloss Bruck im Rahmen der Museumswoche des Kulturnetzwerkes Osttiroler Kulturspur (www.osttiroler-kulturnetzwerk.at/osttiroler-museumstage-2023):

Heimatfotografie und Osttirol. Politisierte Bilder von Koppitz bis Baptist, 1930 bis 1950
(Stadt:Labor am Lienzer Hauptplatz, 15. bis 17. und 22. bis 26. Mai 2023, 9.00-12.00 Uhr)

Außensicht. Ernst Schroms Blick durchs Brennglas
(Liebburg, Erdgeschoß, 15. bis 17. Mai 2023)

 

Text: Stefan Weis und Martin Kofler

16. Mai 2023 um