Kalser Dorfertal: Von Menschen und Tieren, vom Gestern und Heute

Anfang Juni herrschte in Kals ein geschäftiges, reges Treiben: Im Ortsteil Großdorf trafen Schafhalter aus verschiedenen Teilen Osttirols und Oberkärntens mit ihren Tieren ein, um die Schafe auf die Sommeralm im Dorfertal zu treiben.

Organisiert wird der alljährliche Schafauftrieb von der Agrargemeinschaft Dorferalpe, die damit eine jahrhundertealte Tradition aufrechterhält und die Almwirtschaft im Dorfertal auch für zukünftige Generationen bewahrt.

Obmann der Agrargemeinschaft (AG) Dorferalpe ist Stephan Unterweger. Seit 2021 hat der junge Kalser, der am Spöttlinghof in Burg zu Hause ist, diese Funktion inne und übt sie mit viel persönlichem Einsatz und Engagement aus. „Unserer Agrargemeinschaft gehören aktuell insgesamt 50 Mitglieder an, die allesamt Grundbesitzer im Dorfertal sind und überwiegend aus Kals, aber auch aus anderen Teilen Tirols stammen“, informiert er. Die Fläche der AG Dorferalpe umfasst rund 1.800 Hektar und ist, wie Stephan betont, damit eine der größten Agrargemeinschaften in ganz Osttirol.

Althergebrachte Tradition

Die Nutzung des Dorfertales für die Almwirtschaft hat, wie Stephans Vater Klaus Unterweger erzählt, eine lange Geschichte. Wie alt der Brauch, Vieh im Sommer in dieses Osttiroler Hochtal zu treiben, wirklich ist, kann man natürlich nicht genau sagen. Wissenschaftlich belegt ist aber, dass die Ursprünge der Almwirtschaft im Alpenraum Jahrtausende zurückreichen. Klaus, der die Geschicke der Osttiroler Gemeinde Kals über 24 Jahre hinweg bis 2016 lenkte und sich auch in der AG Dorferalpe engagiert, verweist darauf, dass die Kulturlandschaft im Dorfertal, wie in vielen anderen Hochgebirgstälern Osttirols auch, einen eigenen, unverwechselbaren Charakter habe. „Sie wurde geprägt durch das Ineinanderwirken von naturräumlichen Gegebenheiten und dem Kreislauf der Verwitterungsprozesse einerseits sowie durch die Bewirtschaftung durch unsere Vorfahren andererseits. Durch harte Arbeit, insbesondere ab dem Mittelalter, konnten der Natur sukzessive nutzbare Flächen, teilweise in steiler Lage, abgetrotzt und der extensiven Almwirtschaft zugeführt werden.“

 

Klaus und Stephan Unterweger am „Spöttlinghof“ im Kalser Ortsteil Burg, am Eingang zum Dorfertal

 

Historisch gewachsene Regeln

Historische Quellen, wie die Almwirtschaft im Dorfertal seit dem Mittelalter organisiert wurde, sind nur spärlich vorhanden. Als gesichert gilt jedoch, dass Almverträge und althergebrachte Konventionen die Bewirtschaftung und das Almleben schon sehr früh regelten. Die Vereinbarungen betrafen u.a. bauliche Maßnahmen, Dienstpflichten, die Verteilung des Viehs oder die sogenannte „Stuhlung“, also die festgelegte höchste Bestoßungszahl. Der früheste bekannte, im Original verschollene „Almbrief“ für das Dorfertal reicht, wie Gerichtsprotokolle aus späterer Zeit belegen, ins Jahr 1583 zurück. Laut diesem „Almbrief“ befand sich die sogenannte „Dorfer Alpe“ damals im Besitz der Prader-, Pacher-, Goller- und Thaurerrotte und einiger weiterer Interessenten. 1763 beschlossen 13 Repräsentanten der vier genannten „Dorferrotten“ eine erweiterte Nachbarschaftsordnung, aufbauend auf alten Verträgen von 1583 und 1657. Bereits bekannte Punkte wurden durch neue Regelungen  erweitert, darunter beispielsweise die „frühere Aufkehrung von Tieren in die Alm aus Futtermangel“, „die Schweinehaltung in Almgebieten“, „Robotdienste“ oder die „Verköstigung der Ochsenhirten“.

Wie viele Alphütten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Dorfertal bereits bestanden, darauf weist der bekannte Tiroler Kartograf Peter Anich im Zuge seiner Recherchen in den Jahren 1764/65 hin. Er zählte damals im „Thal Dorfer Alpen“ exakt 55 „Kasern“. Einen später datierten Hinweis auf die bauliche Infrastruktur der Dorferalm liefert die „Urmappe Kals“ als Teil des Franziszeischen Katasters der Habsburgermonarchie aus dem Jahre 1859. Darin sind alle „Alpenhütten“ im Dorfertal sowie ihre Besitzer angeführt. Mit 58 in Summe dürfte damals vermutlich der Höchststand erreicht worden sein. Heute sind nicht wenige dieser Almhütten längst verfallen oder gänzlich verschwunden. Sie wurden aufgelassen oder von den Naturkräften im Tal zerstört. Im Zuge der Geländearbeit des Projektes „Kulturlandschaftselemente in der Nationalparkregion Hohe Tauern Tirol“ konnten bei Erhebungen in den Jahren 2023 und 2024 gesamt 34 Almhütten am Talboden des Dorfertales verzeichnet werden, davon 26 in Form eines kombinierten Wohn- und Stallgebäudes sowie acht Almhütten ohne direkt damit verbundenen Stallanteil. Das ursprüngliche Almgebäude des Spöttlinghofes fiel, wie Klaus Unterweger berichtet, 2019 einer Lawine zum Opfer. „Wir haben unsere Alm nicht mehr aufgebaut, konnten aber eine andere von einem Kalser Bauern ankaufen und damit auch Rechte am Gemeinschaftsstall erwerben.“

 

Das Dorfertal präsentiert sich als eines der schönsten Täler im Alpenraum. Geschichtsträchtig war es einst im Widerstreit der Interessen von Naturschutz und Energiewirtschaft heiß umkämpft. Heute ist das beeindruckende Osttiroler Hochgebirgstal Teil des Nationalparks Hohe Tauern Tirol und ein beliebtes Wandergebiet.

 

Rinder, Schafe, Pferde

Der erwähnte Stall am Talende des Dorfertales, zwischen 1989 und 1991 erbaut und 1992 eingeweiht, ist eine wichtige Infrastruktur für alle jene, die jeden Sommer ihre Tiere auf der Dorfertal-Alm weiden lassen. „Von den 50 Mitgliedern unserer Agrargemeinschaft treiben heute noch 15 auf. Der Großteil von ihnen sind Milchvieh-Bauern. Zwei Mitglieder sind Schaf- und zwei Pferdehalter“, lässt AG-Obmann Stephan Unterweger wissen und informiert, dass damit der Schwerpunkt der Almwirtschaft klar auf der Milchproduktion liegt. Die Rinder werden bereits Mitte/Ende Mai – und damit früher als die Schafe – aufgetrieben, der Almabtrieb erfolgt zumeist um den 20. September. Ihre Weideflächen erstrecken sich über rund 380 Hektar in Lagen von 1.600 bis 1.750 Metern Seehöhe. Insgesamt verbringen pro Jahr durchschnittlich bis zu 130 Rinder den Sommer im Dorfertal. Heuer werden 65 im Gemeinschaftsstall und 25 von den Bauern gemolken.

 

 

Bereits im Mai treiben die Rinderhalter ihre Tiere auf die Alm.

 

Die Betreuung der Tiere erfordert viel Arbeit, die seit drei Sommern von einer fix angestellten Sennerin aus Deutschland sowie von abwechselnd zwei Bauern der Agrargemeinschaft erledigt wird. „Alle zwei Tage wird die Milch per Traktor abgeholt und bis Burg geliefert, wo die Milchtransporter der Berglandmilch übernehmen“, sagt Stephan. Bemerkenswert sei, wie er weiter meint, dass die Kühe heute deutlich mehr Milch geben als noch vor einigen Jahrzehnten. „Lag der Stalldurchschnitt früher bei rund 5.000 Liter/Jahr, so sind es heute zwischen 7.500 und 8.000 Liter.“

 

Sennerin Jule treibt das Vieh am Nachmittag zum Melken in den Gemeinschaftsstall. Foto: Landhaus Taurer

 

Als Obmann der Agrargemeinschaft weiß der Kalser natürlich nicht nur um die Aufgaben, die mit der Rinderhaltung im Dorfertal zusammenhängen. Gemeinsam mit dem sechsköpfigen Ausschuss der Agrargemeinschaft ist er jedes Jahr auch intensiv damit beschäftigt, dafür zu sorgen, dass der Auftrieb von rund 1.000 Schafen, der heuer am 6. und 7. Juni 2025 über die Bühne ging, möglichst reibungslos funktioniert. Vor dem eigentlichen Auftrieb von Großdorf nach Burg und von dort durch die Daberklamm in Dorfertal müssen die Tiere zunächst eine tierärztliche Kontrolle sowie ein Räude- und Klauenbad durchlaufen. „Das ist enorm wichtig, um Krankheiten von der Herde und aus dem Tal fernzuhalten“, so Stephan. Für den Almsommer 2025 haben sich 16 Schafhalter angemeldet, insgesamt werden rund 1.000 Schafe die Monate bis September auf der Alm verbringen. Dominierende Rasse sind Berg- und Steinschafe, darunter zahlreiche Muttertiere, Lämmer und Widder. Zunächst kommen die Tiere auf die „Ochsenalm“ und erreichen von dort ausgehend, taleinwärts grasend, Höhen bis auf 2.600 Meter. Die Schafe verbleiben Tag und Nacht in der freien Natur, einzelne Schafbesitzer halten regelmäßig Nachschau. Das Salz für die Herde stellt die Agrargemeinschaft Dorferalpe. „Zum Glück wurden wir bislang von Tierrissen durch große Beutegreifer verschont und hoffen natürlich, dass dies auch so bleibt. Ungeachtet dessen sind pro Jahr rund 20 bis 30 tote Tiere zu vermelden, hauptsächlich verursacht durch Wetterextreme und Blitzschlag“, erläutert der AG-Obmann die Folgen von Naturgefahren.

 

Anlieferung der Schafe nach Großdorf/Gemeinde Kals

Vor dem Almauftrieb müssen die Tiere durchs Räude- und Klauenbad.

Schaftrieb durchs Dorfertal

Auf dem Weg zur Sommerweide auf der „Ochsenalm“

 

Herausforderungen und Zukunftsperspektiven

Denn mit romantischen Vorstellungen habe die Almwirtschaft, wie Stephan anmerkt, insgesamt nur sehr wenig zu tun. „Sie ist vielmehr harte Arbeit und bedeutet Jahr für Jahr neue Herausforderungen!“ Gegenwärtig lägen diese zum einen darin, Personal zu finden. „Auf Tiroler Almen sind aktuell 200 Stellen unbesetzt“, wirft Stephans Vater ein. Zum anderen sehen sich die Almbauern – und dies nicht nur im Dorfertal – mit den Folgen des fortschreitenden Klimawandels konfrontiert. „Wie man den regelmäßigen Berichten von Dr. Wolfgang Gattermayr in der Kalser Gemeindezeitung entnehmen kann, hat sich die Durchschnittstemperatur in den vergangenen 10 Jahren um zwei Grad erhöht“, spricht Klaus Unterweger die doch sehr markanten Veränderungen an und erinnert an die extremen Naturereignisse der Jahre 2017 bis 2023. Alleine 2017 hinterließen die Naturgewalten im Dorfertal Zerstörungen mit einer Schadenssumme von rund 500.000 Euro. „Wir werden noch länger damit befasst sein, als Agrargemeinschaft jenen Kredit zurückzuzahlen, den wir, trotz Förderungen von Bund und Land, für den Wiederaufbau wichtiger Infrastrukturen im Dorfertal aufnehmen mussten“, ergänzt Stephan. Insgesamt seien, so die beiden unisono, die mit dem Klimawandel einhergehenden Naturkatastrophen ein „Riesenthema“ – und dies nicht nur für die Agrargemeinschaft Dorferalpe.

Für die Zukunft wünscht sich der AG-Obmann weiterhin den Zusammenhalt im Ausschuss und in der gesamten Agrargemeinschaft, um die gestellten Aufgaben gemeinsam und möglichst gut bewältigen zu können. „Der Erhalt und die Pflege der Kulturlandschaft können nur dann gelingen, wenn alle zusammenhelfen. Ein Beispiel dafür ist etwa der jährliche Weideputz, den AG-Mitglieder mit ihren Familien durchführen. Dabei werden die Weide- und Almflächen nicht nur von Überbleibseln von Lawinen befreit, sondern auch Buschwerk, Sträucher, Disteln & Co entfernt. Ohne diese aufwändige Arbeit würden die Weiden langfristig verbuschen und letzten Endes für die Bewirtschaftung verloren gehen. Solange wir diese und andere Traditionen der Almwirtschaft im Dorfertal aufrechterhalten, wird unsere wunderschöne Natur- und Kulturlandschaft auch ein Anziehungspunkt für Bergsteiger und Wanderer aus aller Welt bleiben“, so Stephan Unterweger abschließend.

 

Text: Elisabeth Hilgartner, Fotos: © Peter Tembler

24. Juni 2025 um