„Wir stehen im Bezirk Lienz vor großen Herausforderungen“
…. meint Dr. Martin Schmidt, vormals Primar der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin und aktuell Ärztlicher Leiter des BKH Lienz. Der erfahrene Experte und Facharzt spricht damit u.a. die Vollversorgung psychiatrischer Patienten im Einzugsgebiet des Bezirkskrankenhauses an.
Uns hat er davon erzählt, wie sich die Versorgungssituation psychiatrischer PatientInnen aktuell gestaltet, warum er das neue Maßnahmenvollzugsgesetz negativ beurteilt und wie er die Lage in Hinblick auf den Alkohol- und Drogenmissbrauch in Osttirol einschätzt.
Herr Dr. Schmidt, wie sehen Sie die aktuelle Versorgungssituation im Einzugsgebiet des BKH Lienz, sowohl im stationären als auch im extramuralen Bereich?
Im stationären Bereich verfügt die Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin am BKH Lienz über das gesamte Spektrum zur Behandlung von verschiedenen Krisen und seelischen Störungen. Wie lange dies allerdings angesichts des Ärztemangels aufrechterhalten werden kann, hängt von der weiteren Personalentwicklung ab. Die Abteilung leistet nach wie vor eine psychiatrische Vollversorgung im Bezirk, ohne dass PatientInnen, wie früher, mit akuten Erkrankungen nach Innsbruck, Hall oder Klagenfurt überstellt werden müssen. Die extramurale Versorgungslage stellt sich prinzipiell gut dar, wenngleich die Kosten für ambulante Psychotherapien immer noch nicht in der Regelfinanzierung der Krankenkassen enthalten sind. Das sogenannte „Tiroler Modell“ federt diese Finanzierungslücke für die PatientInnen zwar etwas ab, erfordert aber ein sehr umständliches Antragsverfahren. Das größte Defizit besteht auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Versorgung. Sämtliche Versuche, auch die Initiative des Landes Tirol, welche unser Kooperationsmodell mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Hall vor einigen Jahren sehr unterstützt hat, hieran etwas zu ändern, sind gescheitert: Es ist leider nicht gelungen, einen Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie zu gewinnen, der z.B. regelmäßige Sprechstunden in Osttirol anbietet, und dies, obwohl das Land Tirol eine sehr lukrative Unterstützung in Aussicht gestellt hat. Dies hängt sicherlich ganz wesentlich damit zusammen, dass dieses Fach immer schon ein Mangelfach in Österreich war bzw. ist.
Das Bezirkskrankenhaus Lienz ist die wichtigste medizinische Einrichtung im Bezirk Lienz und im direkten Einzugsgebiet Oberkärntens. Zu den Fachabteilungen im Haus zählt auch die Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin.
Zählt die Psychiatrie nicht auch europaweit zu den ausgeprägtesten Mangelfächern, was Ärzte ebenso wie auch das Pflegepersonal betrifft?
In der Tat ist es so, dass die Psychiatrie europaweit als Mangelfach gilt und dies nicht nur in den kleinen Abteilungen, sondern inzwischen auch an Universitätskliniken. Das war in den achtziger und neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts nicht so, weil die Psychiatrie damals, im Aufwind der internationalen Psychiatriereform, junge KollegInnen sehr angesprochen hat. Wenn Sie sich dagegen die aktuelle Situation in Österreich mit dem neuen Maßnahmenvollzugsgesetz anschauen, ist die Sachlage eine völlig andere: Ging es früher um „offene Psychiatrie“, um die „No-Restraint“-Bewegung, um die Verambulantisierung der Psychiatrie, um den Verzicht auf Zwangsmaßnahmen, um neue Behandlungsformen und um eine menschliche Psychiatrie, so droht das neue Maßnahmenvollzugsgesetz nun diese mühsam erreichten Fortschritte mit einem Federstrich massiv zu gefährden. Dieses Gesetz beinhaltet, dass akutpsychiatrische Versorgungsstrukturen nun auch psychiatrisch-forensische PatientInnen in einem gewissen Umfang mitversorgen müssen. Eine kleine Abteilungspsychiatrie, wie beispielsweise in Lienz, hat dafür jedoch weder das Personal noch die Ausbildung. Wer also eine Straftat verübt hat, zum Tatzeitpunkt unzurechnungsfähig war und wenn das Strafmaß drei Jahre nicht überschreitet, soll nach dem Maßnahmenvollzugsgesetz seit 1. März 2023 von jenen Versorgungsstrukturen behandelt werden, die noch nie in der Geschichte automatisch in die Regelversorgung forensischer PatientInnen einbezogen waren. Es gab nämlich schon immer – und dies aus guten Gründen – eine Trennung zwischen forensischer und Versorgungspsychiatrie bzw. Akutpsychiatrie. Die zu erwartende Entwicklung, mit einer Vermischung von forensischer und ihrem Selbstverständnis nach ausdrücklich nicht-forensischer Psychiatrie, wird sehr negative Folgen für alle Beteiligten haben! Vor allem aber wird die Attraktivität des Faches enorm leiden. Über die tieferen Hintergründe dessen, was sich die politisch Verantwortlichen dabei gedacht haben, kann nur spekuliert werden. Offensichtlich geht es vordergründig um eine Entlastung forensischer Einrichtungen. Dies erklärt aus meiner Sicht aber nicht, weshalb man das hohe Risiko einer Überlastung der Versorgungspsychiatrie eingeht und schon gar nicht, wie die Sache personell und fachlich durchgeführt werden kann.
Wie wird sich dies konkret auf die Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin am BKH Lienz auswirken?
Die Abteilung am BKH Lienz wird durch diese Entwicklung sicher zu leiden haben. Die intensiven Bemühungen von Primar Dr. Huber und mir, medizinisches Personal zu finden, werden dadurch weiter erschwert. Jedenfalls möchte ich mich an dieser Stelle ausdrücklich bei meinem Nachfolger als Abteilungsleiter und seinem Team für ihren Einsatz bedanken. Ärztlicherseits und seitens der Pflege wird hier eine hervorragende Arbeit geleistet. Das Versorgungsniveau kann nur aufgrund der hohen Leistungsbereitschaft der einzelnen Berufsgruppen aufrechterhalten werden und es bleibt zu hoffen, dass zwei derzeit offene Facharztstellen und eine Ausbildungsstelle besetzt werden können.
Es ist noch nicht so lange her, dass PatientInnen mit verschiedenen psychiatrischen Krankheitsbildern, bei Suizidgefährdung und massiven Suchterkrankungen nach Nordtirol überstellt werden mussten…
So lange hier bei uns die Vollversorgung funktioniert, kommt niemand nach Hall oder woanders hin!
Wie werden psychiatrische Erkrankungen heute in der Bevölkerung bewertet? Sind sie immer noch ein Tabuthema?
Ich habe den Eindruck, dass in den letzten Jahren auch im Bezirk bei vielen Menschen das Stigma-Denken geringer geworden ist und eine gewisse Normalisierung stattgefunden hat. Eine psychiatrische Behandlung wird inzwischen von vielen als „normal“ akzeptiert. Man hat gesehen, dass eine wohnortnahe Versorgung erfolgreich ist und den PatientInnen und den Angehörigen damit sehr weitergeholfen werden kann. Es ist dies sicherlich ein Erfolg der Dezentralisierung der psychiatrischen Behandlung, die eine der drei großen Forderungen der Reformpsychiatrie darstellte. Lienz ist dafür sicherlich ein gutes Beispiel.
Wie gut ist die Vernetzung aller relevanten Systempartner in Osttirol?
Die Zusammenarbeit mit den komplementären, extramuralen Einrichtungen hat durch die Pandemie sicherlich gelitten. Ich denke, dass eine Plattform der regionalen Versorger organisiert werden sollte. Die Systempartner sollten sich ein bis zwei Mal im Jahr austauschen, gemeinsam Problemsituationen aufdecken, Lösungen suchen, sich auch ganz einfach persönlich kennen und etwa auch an der Frage einer weiteren Verbesserung ihrer Zusammenarbeit arbeiten. In den nächsten Monaten möchte Primar Dr. Huber, wobei ich ihn gerne unterstützen werde, unsere psychosozial tätigen Systempartner zu einer Regionalkonferenz einladen.
Genaue Zahlen zu Alkohol- und Drogenmissbrauch werden im Bezirk Lienz nicht erhoben, sie dürften sich aber, so Dr. Martin Schmidt, auf einem konstanten Niveau bewegen.
Wie schätzen Sie die aktuelle Lage im Bezirk im Hinblick auf den Missbrauch psychotroper Substanzen wie Alkohol und Drogen ein?
Der Alkoholkonsum, -missbrauch und die -abhängigkeit dürften sich auf einem konstanten Niveau bewegen. Genaue Zahlen dazu werden nicht erhoben. Es gibt allerdings auch keine klinischen Erfahrungen, welche ein anderes Bild anzeigen würden. Die Konsumraten bezüglich anderer psychotroper Substanzen sind nicht genau einzuschätzen. Zahlen aus städtischeren Regionen können nur bedingt auf ländliche Regionen übertragen werden. Aus der klinischen Erfahrung heraus sehen wir aber ganz klar, dass Cannabinoide neben dem Alkohol die „Jugenddroge Nummer 1“ darstellen. Es bleibt ein ungelöstes Problem, dass jugendliche THC-Konsumenten nicht nach möglichen psychiatrischen Komplikationen und Spätfolgen fragen, die durch den THC-Konsum entstehen können. Sogar das Wissen, dass regelmäßige Cannabis-Konsumenten zu 30% eine manifeste Abhängigkeitserkrankung entwickeln, wird daran nichts ändern. Das Konsumverhalten lässt sich dadurch nachweisbar weltweit nicht beeinflussen. Die in Deutschland geführte Legalisierungsdebatte wird dazu ebenfalls nichts beitragen, sondern durch die angestrebte Salonfähigkeit von Cannabis die Konsumraten sogar noch steigern. Bei den vielen anderen Drogen gibt es für den Bezirk Lienz ebenfalls keine zuverlässigen Zahlen. Die Konsumenten dieser Substanzgruppen treten im Krankenhaus nur vereinzelt, meist im Rahmen von Mischintoxikationen oder in Zusammenhang mit dem Wunsch nach Entgiftungen in Erscheinung.
Abschließend noch eine Frage zu Ihrer früheren Tätigkeit als Gerichtsgutachter: Ist es nicht eine große Herausforderung und Verantwortung, zu beurteilen, ob z.B. Haftfähigkeit und/oder Delikteinsichtsfähigkeit gegeben sind?
Natürlich hat ein Sachverständiger vor allem im Strafprozess eine hohe Verantwortung. Dies gilt aber auch für andere Tätigkeiten in der Medizin und genauso in anderen Berufen. Man muss dabei auch berücksichtigen, dass die forensische Psychiatrie inzwischen über sehr zuverlässige Testinstrumente, Algorithmen und valide Datengrundlagen zur Erstellung einer Gefährlichkeitsprognose verfügt. Auch die forensische Psychologie hat sich in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten sehr weit entwickelt und hilft dabei, zuverlässige Prognosen zu erstellen. Umfängliche Begutachtungsprozesse erfolgen auf Grundlage eines professionellen Austausches der verschiedenen Disziplinen als Diskurs, mit dem Ziel eines Erkenntnisgewinnes in Bezug auf psychopathologische Einschätzungen und Prognosen. Insofern ist das Erstellen einer Gefährlichkeitsprognose kein „Kaffeesatzlesen“, sondern eine interdisziplinäre fachliche Einschätzung, welche in einem außerordentlich hohen Maß zutreffend ist.
Vielen Dank für das Gespräch!
Text: AK, Fotos: © Martin Lugger, Brunner Images, AdobeStock/Syda Productions, AdobeStock/Pormezz