Debatte: Läuft die Verhältnismäßigkeit der Corona-Maßnahmen aus dem Ruder?
Wir alle blicken auf ein Jahr Erfahrung mit Corona zurück. Manches ist klarer geworden, vieles noch widersprüchlich. Eine Situationsanalyse von Univ.-Prof. Dr. Peter Lechleitner.
Klar ist, dass die empfohlenen Maßnahmen wie Abstandhalten, Masken, Händehygiene, Lüften und Belüftung gegen Infektionen wirksam sind. Klar ist auch: Wenn man Menschen isoliert, können sie sich (vorerst) kaum anstecken. Interessant zu beobachten war und ist, dass beinahe alle ehemaligen „Musterschüler“ später zu Hotspots wurden und Hotspots zu Regionen mit geringen Infektionszahlen. Warum das so ist, ist nicht abschließend geklärt. Nicht geklärt ist auch der eklatante Unterschied zwischen den Todesraten von Europa und Amerika einerseits und Asien und Ozeanien andererseits. Das „Ursprungsvirusland“ China beklagt weniger als die Hälfte der Todesopfer von Österreich, obwohl im „Reich der Mitte“ 1,4 Milliarden Menschen leben. Das 25-Millionen-Volk aus Taiwan verzeichnet bislang lediglich neun Corona-Tote!
Neben den seit Jahrzehnten erprobten Pandemiebekämpfungsmaßnahmen, deren Aufbau bei uns ungeachtet des Wissens um die drohende Gefahr sträflich vernachlässigt wurde, und regionalen, meist kurz andauernden Lockdowns dürften die konsequente digitale Überwachung, ein funktionierendes Contact-Tracing sowie exzessives Testen eine Rolle spielen. Selbst wenn die Zahlen um den Faktor 10 geschönt wären, bleibt der Unterschied dennoch frappant.

Lockdowns scheinen bei manchen Politikern dauerhaft alternativlos und werden von vielen beratenden Virologen vehement gefordert. Doch die Evidenz für deren Wirksamkeit ist weit geringer als die Vehemenz der Forderungen. Auch ob und welche Gruppen isoliert werden sollten, wird, je nach Studienanordnung, unterschiedlich gesehen. Das Gesundheitssystem ist bis dato bei uns nicht kollabiert – im Unterschied zu jenen in Ländern wie Frankreich, England, Spanien oder Portugal, in denen es unter der Ägide von praxisfremden Gesundheitsökonomen kaputtgespart wurde. Unser System konnte – bis jetzt – vielen dieser Versuche widerstehen, sollte und muss aber dennoch umorganisiert werden. Allerdings wird unsere bislang gut funktionierende Wirtschaft, die für ein kompetentes Gesundheitssystem essenzielle Voraussetzung ist, derzeit nachhaltig ramponiert.
Alle in der ersten Welle entwickelten Maßnahmen konnten die vulnerable Bevölkerungsschicht nicht wirklich schützen. Sie sind während der zweiten Welle zahlreich gestorben. Erstmals seit langem wurde so in unserem Land wieder eine Übersterblichkeit registriert. Und ja, Covid-19 ist eine gefährliche Infektionserkrankung, gerade für betagte und kranke Menschen, aber auch für vermeintlich Gesunde, die meist unerkannte Risiken mit sich herumtragen. Nun meinen Experten die Ursache zu kennen, nämlich dass die Intensität und Dauer der Maßnahmen zu lax, zu kurz und zu wenig hart waren. Das könnte aber auch eine einseitige Sichtweise und lange nicht die ganze Wahrheit sein. Die harte Evidenz dafür fehlt jedenfalls!

Auch Virologen sind keine ausgewiesenen Experten im Covid-19-Pandemieverlauf – auch für sie ist diese Pandemie Neuland. Damit lassen sich auch die unterschiedlichen Meinungen, die überwiegend auf Annahmen und Interpretationen beruhen, erklären. Die Bilanz nach Ablauf der Pandemie wird einiges relativieren und hoffentlich vieles auch verbessern. Überwältigend ist mittlerweile die Erkenntnis, dass jeder weitere Lockdown die Schadensbilanz vergrößert: sozial, gesundheitlich (viele Erkrankungen können nicht mehr adäquat und rechtzeitig behandelt werden), ökonomisch und psychisch. Bei steigenden Infektionszahlen und noch geringer Durchimpfungsrate reflexartig nach einem weiteren Lockdown zu rufen, ist aus momentaner Sicht zwar nachvollziehbar, aus Sicht des Gesamtschadens aber unverantwortbar! So ist meiner Ansicht nach eine kritische Hinterfragung des Kontrollmodus der No-Covid-Fraktion dringend angebracht.
Koste es, was es wolle? Gesundheit steht über allem?
Man könne von einem „emotionalen Ausnahmezustand“ sprechen, erklärte vor Kurzem die Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und forderte eine sofortige Öffnung von Schulen und Freizeiteinrichtungen, natürlich unter Einhaltung von Hygienekonzepten, wie sie betonte. „Es braucht eine Debatte darüber, welchen Effekt die Maßnahmen haben. Diese findet in der Öffentlichkeit nicht statt!“ Die gute Dame hat damit völlig recht, sie kommt aus der Praxis. Schlafstörungen, Traurigkeit, sozialer Rückzug, zunehmende Aggressivität, Depressionen, schwere Essstörungen, Selbstverletzungen, emotionale Krisen und Ausnahmezustände nehmen, so viele Experten, signifikant zu. Ich kann dies aus meiner Praxis nur bestätigen, vor allem in Hinblick auf betagte Menschen.

Vielen geht es zunehmend schlechter. Man braucht diesbezüglich nur bei Arbeitslosen, Müttern von Kindergarten- und Schulkindern, Gastronomen, Künstlern und anderen, die um ihre Existenz bangen, nachzufragen. Verlängerungen von großflächigen Lockdowns ohne regionale Differenzierung bringen nur eine Hinauszögerung dieses Zustandes bei höchst fraglichem Nutzen, der von der Wissenschaft nicht ausreichend gestützt und daher keineswegs alternativlos ist! Der Einfluss von Virologen, Epidemiologen und Komplexitätsforschern sollte zweifellos wahrgenommen, aber mit Rücksicht auf das Gesamtwohl relativiert werden.
Aufgabe von Virologen ist es unter anderem, Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus zu entwickeln. Die effektivsten davon sind zweifellos die Kontakt-Isolation und die Impfung. Die Folgeschäden der zu treffenden Maßnahmen zu bewerten und Alternativstrategien mit kalkuliertem Risiko zugunsten eines minimierten Gesamtschadens zu entwickeln, aber ist weder ihre Kompetenz noch ihre Aufgabe. Dauerdrohungen, verbunden mit Horrorszenarien zum Zwecke der besseren „Erziehung“, geben weder Perspektive noch Halt.

Das Aufsperren der Gastronomie/Hotellerie unter bereits erprobten Umständen mit zusätzlichem Eingangstesten bzw. Impfausweis könnte viel zu einer sozialen und wirtschaftlichen Besserung beitragen und gleichzeitig die in die Hinterhöfe verdrängten Partys, die nicht selten zu Clustern werden, verhindern und die Test- und Impfraten nochmals erheblich steigern. Auch Kultur- und Sportevents könnten unter ähnlichen Bedingungen wieder möglich sein. Dies würde unserer Seele guttun und einer am Boden liegenden Branche wieder etwas Leben einhauchen. Schaden ist bereits genug angerichtet. Impfungen sind der „Gamechanger“.
Erste Zahlen aus dem bereits gut durchgeimpften Israel zeigen, dass die trotz drittem Lockdown vorher steigenden Infektionszahlen nun deutlich sinken. Das ist nun auch weltweit spürbar. Die Erkenntnis ist weder neu, noch hoch wissenschaftlich. Es zeichnet sich aber ab, dass sich das Virus mit seinen verschiedenen Mutationen (von denen sich vermutlich die infektiöseste, jedoch nicht die tödlichste weitgehend durchsetzen wird), seinen Weg bahnen wird. Es lässt sich angesichts der vielen unauffällig Infizierten schlicht nicht auf Dauer wegsperren. Erst wenn die vielstrapazierte, vielgenannte „Herdenimmunität“ (ähnlich wie bei Masern, Polio etc.) erreicht ist, wird sich die Sache beruhigen und wieder so etwas wie Normalität einkehren können.

Die Conclusio daraus: Entweder ein Großteil von uns wird per Infektion immunisiert oder geimpft. Das kann man sich bei uns immerhin aussuchen! Natürlich werden Impfungen den regelmäßig entstehenden Mutanten angepasst werden müssen, dies kennen wir von der Influenza seit Jahren. Wichtig ist, dass bereits jetzt ausreichend Impfdosen für die zu erwartenden, angepassten Impfstoffe gesichert werden. Einmal verschlafen ist genug!
Alle Lockdown-Maßnahmen müssten in Zukunft mit Blick auf die daraus resultierenden Kollateralschäden gesehen werden – und nicht nur mit Blick auf die Inzidenz-Zahlen. Wer genauer hinsieht und hinhört, stellt fest, dass die Argumente für ein großflächiges, rigoroses Zu- und Wegsperren immer dünner, brüchiger und ungerechter werden. Die wesentliche Aufgabe der Politik wäre es, Geschwindigkeit und Ausmaß der Impfungen zu forcieren – und wieder Hoffnung zu geben. Auch diesbezüglich besteht reichlich Luft nach oben!
Wohlgemerkt: Abstand, Masken, Händehygiene und Sicherheitskonzepte mit Testungen werden noch eine geraume Zeit erforderlich sein und sind nicht in Frage gestellt. Allerdings sollten Äußerungen und Verordnungen von Verantwortlichen weniger von Eigennutz, Panik oder Imagepflege als von wirklicher Verantwortung und Evidenz getragen werden. Eine Null-Risikosituation ist nicht mehr realisierbar, wie so häufig im Leben. Einseitige Sichtweisen sind kein guter Ratgeber und schaden dem Vertrauen in die Institutionen. Ein Vertrauen, das sich meiner Einschätzung nach langsam verabschiedet!

MR Univ.-Prof. Dr. Peter Lechleitner
Arzt für Allgemeinmedizin und Facharzt für Innere Medizin, langjähriger Intensivmediziner und Wissenschaftler aus Lienz; vormals Primarius und ärztlicher Krankenhausdirektor am BKH Lienz, Präsident der österreichischen internistischen Intensivmediziner, Vizepräsident der Tiroler Ärztekammer und langjähriges Mitglied des Landessanitätsrates für Tirol.
Kontakt (Ordination): 04852/64070-415
Text: Univ.-Prof. Dr. Peter Lechleitner, Fotos: AdobeStock, Martin Lugger