Zu Besuch im Glockenturm der Matreier Pfarrkirche St. Alban

Im Vorfeld der Karwoche erzählte uns der Matreier Chronist Bernhard Oberschneider von den Besonderheiten des aus 7 Glocken bestehenden Geläutes in der Pfarrkirche.

In der Zeit zwischen der Abendmahlfeier am Gründonnerstag und der Osternachtfeier am Karsamstag schweigen die Glocken. Sie „fliegen nach Rom“, wie es im Volksmund heißt. Für uns Anlass dafür, dem Glockenturm der Matreier Pfarrkirche einen Besuch abzustatten. Bernhard Oberschneider ist ein echter Kenner der Kirche und ihrer Geschichte. Seine Frau Rosemarie ist als Mesnerin tätig, und zusammen mit ihr nimmt Bernhard verschiedene Aufgaben im Gotteshaus und in der Pfarrgemeinde wahr. So verwundert es auch nicht, dass der Matreier über den „Landdom“ St. Alban und das aus sieben Glocken bestehende Geläute viel zu erzählen weiß. „Heutzutage werden die Glocken elektrisch gesteuert, und entsprechend einer Programmierung läuten sie auch zu speziell festgelegten Zeiten. Die moderne Technik würde es sogar möglich machen, die Glocken vom Handy aus zu steuern. In früheren Zeiten bedeutete das Läuten der Kirchenglocken hingegen eine echte körperliche Herausforderung. Vor der Elektrifizierung war dafür die Muskelkraft von bis zu neun Mann notwendig“, erzählt Bernhard.

 

 

Windisch-Matrei, wie die Iseltaler Marktgemeinde früher hieß, gehörte einst über Jahrhunderte dem Hoheitsgebiet des Erzbistums Salzburg an. Deshalb erinnert der wuchtige gotische Kirchturm mit seinem Quadermauerwerk auch sehr stark an die für Salzburg typischen Architekturformen. „Das große, aus sieben Glocken bestehende Geläute hingegen ist tirolerischen Ursprungs. Große Teile sind in der Innsbrucker Glockengießerei Graßmayr gefertigt worden. Kennzeichnend ist der hohe Läutwinkel, der dem Glockenklang von St. Alban einen einzigartigen Charakter verleiht“, verweist der Ortschronist auf besondere Details.

 

 

Wenige Jahre nach Kriegsende (1949) wurden fünf Glocken des Matreier Geläutes gegossen. Die als „Heimkehrerin“ bezeichnete Glocke kaufte man schon früher (1923) von der Berndorfer Gießerei an. Besonders alt ist die kleine „Sterbeglocke“. Sie stammt aus dem 15. Jahrhundert und hat einst in der Kapelle des Schlosses Weißenstein gehangen. Hinsichtlich des Gewichtes sind die Glocken von St. Alban wahre „Brocken“: Die „Große Glocke“ wiegt 2.636 kg, die zweitgrößte – die so genannte „Kriegerglocke“ – 1.772 kg. Historisch belegt sind die so genannten „Glockenopfer“, auf die Bernhard Oberschneider verweist. „Während der beiden Weltkriege – in Matrei konkret in den Jahren 1917 und 1942 – wurden die Glocken, wie vielerorts, von den Türmen geholt, größtenteils eingeschmolzen und das Metall für die Waffen- und Munitionsproduktion verwendet. Im Original blieb in Matrei nur die Glocke aus der Berndorfer Gießerei erhalten. Sie wird deshalb auch ,Heimkehrerin‘ genannt“.

 

 

Im Gegensatz zum Geläute der Pfarrkirche konnten die sehr alten Glocken des romanischen Kirchleins St. Nikolaus im Matreier Ortsteil Bichl vor den Begehrlichkeiten des Heereskommandos gerettet werden. Zusammen mit der kleinen „Sterbeglocke“ halfen sie, die Kriegsjahre zu überbrücken. Das alte Wissen darum, was das Läuten der Glocken eigentlich zu bedeuten hat, sei heute, wie Bernhard Oberschneider meint, leider vielfach in Vergessenheit geraten. „Jahrhundertelang vermittelte man mit Glocken Botschaften, lud zu den liturgischen Feiern ein und informierte die Bevölkerung über besondere Geschehnisse. Die Glocken erklangen beispielsweise dann, wenn jemand in der Gemeinde verstarb oder auch als Warnung im Katastrophenfall, bei Bränden oder Unwettern.“

 

 

Die heutige Funktion des Glockenläutens fasst Bernhard Oberschneider so zusammen: „Das ,Betläuten‘ (Angelusläuten) ist täglich um 7.00, um 12.00 und um 19.00 Uhr zu hören. Es lädt die Gläubigen dazu ein, zum Engel des Herrn zu beten, und soll die ganze Weltkirche miteinander verbinden. Das ,Erstläuten‘ eine Viertelstunde vor Beginn jeder Hl. Messe und das ,Zusammenläuten‘  fünf Minuten vorher soll die Gläubigen zu den Gottesdiensten rufen. Bei Bekanntwerden eines Todesfalles erklingt die Sterbeglocke und lädt dazu ein, für den gerade verstorbenen Menschen zu beten“. Am Tag vor der Beerdigung wird zu Mittag ,Scheidung geläutet‘. Die Glocken erklingen außerdem auch an jedem Freitag um 15.00 Uhr, um an die Todesstunde Jesu zu erinnern. Vor jedem Feiertag ist schließlich um 13.00 Uhr das ,Feiertagsläuten‘ zu hören. Zusammen mit Böllerschüssen erklingt das Betläuten zu Fronleichnam in Matrei besonders feierlich.“

 

 

Am jeweiligen Glockengeläute könne man, erzählt uns Bernhard, auch erkennen, ob ein Kind oder ein Erwachsener verstorben sei. „In früheren Zeiten war die Kindersterblichkeit bekanntlich hoch. Auf den abgelegenen Bauernhöfen waren Glocken die einzige Informationsmöglichkeit. Je nachdem, ob ein Kind oder ein Erwachsener gestorben ist, wurde früher und wird auch heute noch in unterschiedlicher Art und Weise geläutet. Eine derartige Informationsübermittlung kann man sich heute – in Zeiten des Internets – gar nicht mehr vorstellen“, so Bernhard Oberschneider abschließend.

 

Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Osttirol Journal

25. März 2018 um