Von den „Grenzlichtspielen“ zum Kino- und Fotomuseum Sillian

Durch das Engagement des Kutschen- und Heimatmuseumsvereins Osttirol wird in der „Großen Kaserne“ in Sillian die analoge Welt der Fotografie genauso lebendig gehalten wie die Geschichte der „Grenzlichtspiele“.

Man schrieb das Jahr 1936, als der „Katholische Arbeiterverein“ im Erdgeschoss der „Großen Kaserne“ in Sillian die „Grenzlichtspiele“ eröffnete. „Die gezeigten Filme wurden damals streng bewertet. Über die ,Katholische Filmkritik‘ entschieden Geschäftsleute, Gemeindevertreter und der Pfarrer darüber, ob die Filme für Jugendliche geeignet waren oder nicht. Im Eintrittspreis war sogar ein Fürsorgezuschlag enthalten“, weiß Gernot Vinatzer, Obmann des Kutschen- und Heimatmuseumsvereins Sillian, aus den Anfängen des Kinos zu erzählen.

 

 

In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg erlebten die „Grenzlichtspiele“ in Sillian ihre Blütezeit. Nach den verheerenden und entbehrungsreichen Kriegsjahren sehnten sich die Menschen nach Unterhaltung, Leichtigkeit und Sorglosigkeit. „Als Jugendliche gingen wir damals gerne ins Kino, um einen Hauch der weiten Welt zu erleben. Im Vorspann lief die Wochenschau, die wichtigste Informationsquelle dieser Zeit. Viele Südtiroler aus dem Raum Innichen/Toblach kamen damals über die Grenze, um das Kino in Sillian zu besuchen. Sie wollten die Filme in ihrer Heimatsprache Deutsch sehen“, erinnert sich der heute 71-Jährige zurück.

 

Der Initiative und dem Engagement von Gernot Vinatzer ist es zu verdanken, dass in der „Großen Kaserne“ in Sillian ein Kino- und Fotomuseum eingerichtet wurde.

 

Die Not war damals groß, und im Kino konnte man in eine andere Welt eintauchen – besonders beliebt waren Komödien sowie Musik- und Heimatfilme. Mit dem Aufkommen des Fernsehens und später der Videogeräte begann der Niedergang vieler kleiner Kinos – so auch in Sillian. 1989 schloss das Kino endgültig seine Türen, die Projektionsmaschine wurde im Keller verstaut, die Räume verfielen langsam. Dies blieb so, bis Gernot Vinatzer, selbst ein leidenschaftlicher Sammler alter Foto- und Filmgeräte, die Idee hatte, dem alten Kino neues Leben einzuhauchen. Gemeinsam mit dem Fotografen Ando Fuchs und einem Team von Helfern begann er 2021, die „Grenzlichtspiele“ wieder zum Strahlen zu bringen – diesmal als Museum.

 

 

Die historische Projektionsmaschine wurde Stück für Stück aus dem Keller geholt und wieder zusammengesetzt. Auch die Räumlichkeiten konnten aufwändig renoviert und mit Exponaten aus dem ehemaligen Kino und Gernots Sammlung bestückt werden. Alte Kameras, Filmplakate und technische Geräte geben im nunmehrigen Museum einen Einblick in die Filmgeschichte und in die analoge Welt der Fotografie. Besucherinnen und Besucher erleben hier eine beeindruckende Zeitreise – von den Anfängen der analogen Technik bis in die digitale Ära.

 

 

„Mir war es besonders wichtig, nicht nur die Geschichte des Kinos, sondern auch die Entwicklung der Fotografie im Museum gebührend zu berücksichtigen. Foto- und Videokameras aus den 60er-, 70er- und 80er-Jahren – viele aus meinen eigenen Beständen – sind hier genauso zu bewundern, wie die Nachstellung einer Dunkelkammer aus den 50er-Jahren“, informiert Gernot. Analoge Box- und Klappkameras, wie sie ab etwa 1920 verwendet wurden, stellte ihm ein Freund aus Deutschland für das Museum zur Verfügung.

 

 

Besonders faszinierend ist der Nachbau einer „Magischen Laterne“, eines Projektionsgerätes, das bereits im 17. Jahrhundert zum Einsatz kam. Die simple, aber effektive Technik mit einer Kerze und Linsen beeindruckt bis heute. „Das Licht der Kerze dringt durch die Öffnung und ein Linsensystem an der Vorderseite des Kästchens nach außen. Ein Hohlspiegel hinter der Lichtquelle erhöht die Wirkung des austretenden Lichtstrahls. Die Laternenbilder werden in die Bildführung zwischen Kasten und Linsensystem eingeschoben und mit dem ausfallenden Licht projiziert“, erklärt der Sillianer die Funktionsweise der „Magischen Laterne“, die er aus einem Nachlass für das Museum zur Verfügung gestellt bekam.

 

 

Ob „Doktor Schiwago“, „Ben-Hur“, „Der weiße Hai“, „Winnetou“ oder „Der Glöckner von Notre Dame“– bei seinen Führungen fasziniert Gernot Vinatzer die Besucher mit seinen Geschichten und Anekdoten aus der goldenen Ära des Kinos. Bei der diesjährigen „Langen Nacht der Museen“ wurden Ausschnitte aus solchen Meisterwerken der Filmgeschichte auf die Wand projiziert. „Das Museum bietet Platz für rund 70 Personen, und wir wollen die Räumlichkeiten verstärkt auch für Kleinveranstaltungen, wie z.B. Lesungen oder Ausstellungen, nutzen“, betont der engagierte Sillianer.

 

 

Für das Projekt „Kino- und Fotomuseum Sillian“ erhielt der „Kutschen- und Heimatmuseumsverein Sillian“ 2024 einen Anerkennungspreis im Rahmen des Museumspreises des Landes Tirol. Das Museum ist jeweils von Mai bis August freitagabends und sonntagnachmittags sowie über die kommenden Weihnachtsfeiertage, vom 27. bis 29. Dezember nachmittags, geöffnet.

 

 

Das Kino- und Fotomuseum Sillian ist mehr als eine Ausstellung – es erzählt Geschichten: Geschichten aus der Welt des Films, aus der Region und von den Menschen, die mit Herzblut hinter diesem Projekt stehen. Dabei wird auch die Entwicklung der Foto- und Videotechnik lebendig, von den ersten analogen Aufnahmen bis hin zu den modernen Entwicklungen, die unsere Wahrnehmung der visuellen Medien verändert haben.

 

 

 

Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Regina M. Unterguggenberger

02. Dezember 2024 um