„Schloss Weißenstein“: Alte Mauern voller Geschichte

Nördlich der Marktgemeinde Matrei in Osttirol thront auf einem steilen Kalkfelsen eine Burg, die den Talkessel beherrscht und als eines der Wahrzeichen der Iseltaler Marktgemeinde gilt. Mit Schloss Weißenstein verbindet sich eine lange Geschichte.

„Schloss Weißenstein“ – so der Name der Burg – kann auf eine lange Historie zurückblicken, deren Anfänge im frühen Mittelalter zu suchen sind. Mit dem architektonisch eindrucksvollen Bau ist aber auch die Lebensgeschichte vieler Menschen verknüpft – unter ihnen jene des letzten Schlossbewohners. Im Rahmen der Serie „Historische Streiflichter“ lassen wir die Geschichte von Weißenstein Revue passieren und folgen den Spuren von Kay Thieme und seiner Familie.

„Vor vielen, vielen Jahren…“. So lautet oft der erste Satz von Märchen – und so könnte auch eine Erzählung über Schloss Weißenstein in Matrei in Osttirol beginnen. Denn die Burg hat eine lange, wechselvolle Geschichte und so manches mag aus heutiger Sicht auch ein klein wenig märchenhaft klingen. Hier herrschten Grafen, kehrten illustre Gäste aus Europa und den USA ein und schließlich machte eine wohlhabende Münchner Unternehmerfamilie das Schloss zu ihrem Urlaubsdomizil. Jahrzehntelang war Weißenstein auch Gegenstand gerichtlicher Auseinandersetzungen – und bis wenige Jahre vor seinem Tod Wohnort von Kay Thieme.

 

 

Vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert

Wann genau die ältesten Teile der Burg erbaut wurden, lässt sich nicht mehr genau klären. Als vermutete Entstehungszeit gilt das späte 11. Jahrhundert, als Erbauer kommt ein schwäbischer Graf in Frage, der in Kärnten und im hinteren Iseltal größere Besitzungen sein Eigen nannte. 1160 wurde die „Burg Matrey“ erstmals urkundlich genannt. Später gelangte die Anlage als „Morgengabe“ an das bayrische Geschlecht der Grafen von Lechsgemünd, die auch den heutigen Oberpinzgau als Lehen verwalteten und Gründer von Schloss Mittersill waren. Graf Heinrich von Lechsgemünd verkaufte 1207 die Burg gegen den Willen seiner Gattin an den Erzbischof von Salzburg, der offensichtlich großes Interesse an den Gebieten südlich der Tauern hatte. Zunächst bewohnten die von Salzburg bestellten „Pfleger“ und Amtsmänner die Burg. Um 1530 dürfte der Verwaltungssitz in den nahe gelegenen Markt verlegt worden sein. Bis zum Ende des Mittelalters lautete der Name der Burg „Schloss Matrey“ und jener der Ortschaft über rund 800 Jahre lang „Windisch-Matrei“. Erst seit 1921 wird die heutige Marktgemeinde als „Matrei in Osttirol“ geführt.

 

Gast und späterer Hausherr auf Schloss Weißenstein: Carl von Thieme (3. von links) mit Familie und Gästen in der Schlossbibliothek

An den Sommeraufenthalt des Königs von Sachsen (1910) in Matrei erinnerten eigens gedruckte Ansichtskarten.

 

Mit dem Verlust der Funktion als Verwaltungssitz endete die erste Glanzzeit der Burg und Schloss Weißenstein schien dem langsamen Verfall preisgegeben zu sein. Dies änderte sich auch nicht, als 1803 im Zuge der Säkularisierung und des Zusammenbruchs der alten geistlichen Fürstentümer die weltliche Herrschaft der Salzburger Erzbischöfe über Matrei endete. In den Jahren der Franzosenzeit diente die Burg nicht selten vagabundierenden Landstreichern als Unterschlupf, was ihrem Zustand kaum förderlich gewesen sein dürfte. 1813 endete die Herrschaft der Franzosen und Kaiser Franz I. ordnete die Vereinigung Windisch-Matreis mit Tirol an. Ein Jahr später verfügte die Staatskanzlei in Innsbruck, dass Weißenstein versteigert werden sollte. Zunächst fand sich kein Interessent, bis sich schließlich die beiden damaligen Gemeinden Matrei Markt und Land zum Kauf entschlossen. Rund vier Jahrzehnte lang verblieb das Schloss im Besitz der Gemeinden und diente zeitweise als Waffendepot. Der bauliche Verfall schritt weiter voran.

Mondänes Hotel mit Kurcharakter

Der Neustart für den alten Gebäudekomplex erfolgte 1863. Der Wiener Architekt Franz Poduschka erwarb das Schloss und begann mit einer umfassenden Erneuerung der Gebäude und erbaute Türme im Stil englischer Schlösser des Historismus. Mit dem Ziel, Weißenstein als Hotel zu nützen, ließ er verschiedene Zimmer, einen Speisesaal mit Terrasse, einen Salon mit Piano und ein Spielzimmer ausbauen. Um den Erholungswert für die Hotelgäste zu steigern, wurde das in Schlossnähe bereits bestehende „Badl“ zunächst auf seine Heilwirkung hin untersucht, um das „Heilwasser“ dann als Kurpaket in Form von Trinkkuren, Wannenbädern und Warm-Kalt-Duschen anzubieten. Schlossbad und Hotel erfreuten sich zunehmender Beliebtheit. Eine illustre Gästeschar aus Wien und aus verschiedenen Regionen der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, aus dem heutigen Deutschland und sogar aus den Vereinigten Staaten von Amerika, darunter auch Mitglieder des Adels, verbrachte hier erholsame Tage, die sich nicht selten über mehrere Wochen erstreckten. 1881 verkaufte der hochbetagte Architekt das Schloss an den Wiener Johann Henninger. Dieser führte den Hotelbetrieb zunächst weiter und nahm bauliche Veränderungen am Schloss vor. 1894 wechselte der Besitzer erneut – Baron Adalbert von Mengershausen war nun der neue Herr auf Schloss Weißenstein. Nachdem seine Geldmittel für die Finanzierung des Ansitzes hoch über Matrei nicht ausreichten, musste er bei einer Römerin ein Darlehen aufnehmen. Als er seinen Verpflichtungen nicht nachkommen konnte, mündete dies in einem Streit vor dem Wiener Handelsgericht, der nur durch die Pfandübernahme durch den Münchner Unternehmer Carl von Thieme beigelegt werden konnte. Der Baron blieb zwar offiziell und auch laut Grundbuch bis 1921 Besitzer von Weißenstein, doch dürfte Carl von Thieme nun das finanzielle Sagen auf Weißenstein gehabt haben. Mengershausen, der 1909 eine Matreierin (geb. Trost) heiratete, wurde zusammen mit Carl von Thieme zu einem Motor für den Tourismus in der Region. Der Baron fungierte zeitweise auch als Obmann der ÖAV-Sektion Matrei, verlegte schließlich aber seinen Wohnsitz nach Garmisch-Partenkirchen.

 

Baron von Mengershausen und Carl von Thieme

Schloss Weißenstein bei Windisch-Matrei um 1895 (Fotograf: Fritz Gratl; Sammlung Stadtgemeinde Lienz, Archiv Museum Schloss Bruck – TAP)

 

Schloss Weißenstein als Familiensitz

Der neue Förderer und Investor auf Weißenstein, Carl von Thieme, war eine weitum hoch geschätzte Persönlichkeit. Vom deutschen Kaiser persönlich in den Adelsstand erhoben und von der Münchner Universität mit einem Ehrendoktorat ausgezeichnet, baute er in München mit Freunden ein Versicherungsimperium auf, das heute als der größte Rückversicherer der Welt gilt. Der Erfolg der „Münchner Rückversicherungsgesellschaft“ verlieh dem Generaldirektor die notwendige finanzielle Kraft, Schloss Weißenstein zu modernisieren und schließlich als komfortables Urlaubsdomizil für seine Familie zu führen. Die reizvolle Landschaft rund um Matrei und den trotz Armut von Lebensfreude und Humor geprägten Menschenschlag dürfte der Adelige als wohltuenden Gegensatz zur großen Finanzwelt in München empfunden haben. Und so verwundert es nicht, dass der Vater von 11 Kindern aus zwei Ehen mit seiner Familie oft und gerne nach Matrei kam.

 

Else von Thieme, geb. von Witzleben, die Großmutter von Kay

Else Thieme-Hutchinson, die Mutter von Kay

 

In den Sommermonaten begrüßte der Schlossherr mit seiner zweiten Gattin Else hier zahlreiche Bekannte und Geschäftsfreunde. Aufsehen erregte der Besuch des Königs August von Sachsen, der 1910 im Schloss mit einer großen Gefolgschaft auf Sommerfrische weilte. Knapp vor dem Ausbruch des I. Weltkrieges kam der König ein zweites Mal nach Matrei. Carl von Thieme war weltoffen und in so manchem seiner Zeit voraus. Für Matrei und seine Bewohner schuf er wichtige Arbeitsplätze und unterstützte auch so manche in Not geratene Familie. Er investierte viel Geld in die Infrastruktur der Region, ließ unter anderem einen Weg auf den „Stein“ oberhalb der heutigen Felbertauernstraße anlegen und dort auch ein Sommerhaus errichten. Dem Matreier Alpenverein, dessen Ehrenmitglied er 1913 wurde, verlieh er den nötigen und finanziellen Rückhalt zum technisch schwierigen und dementsprechend kostspieligen Bau des Wanderweges durch die Proßeggklamm, der 1902 begonnen wurde. Viele Jahre lang herrschte auf und rund um Schloss Weißenstein ein reges Treiben und Lachen, das mit dem Beginn des I. Weltkrieges aber ein jähes Ende fand. Nach Kriegsende sollte es einige Zeit dauern, bis wieder Leben ins Schloss einkehrte. Carl von Thieme verstarb im Oktober 1924 im 91. Lebensjahr in München. Drei Jahre zuvor hatte er den Kauf des Schlosses endgültig abgesichert und als Käuferin seine zweite, wesentlich jüngere Gattin Else Anna Mathilde (geb. von Witzleben) eingesetzt. Sie bewirtschaftete als Schlossherrin Weißenstein bis zum Ende des II. Weltkrieges. Neben Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten verbrachten wieder zahlreiche Gäste aus dem In- und Ausland ihre Urlaubstage in Matrei. 1946 verstarb Else von Thieme im Alter von 85 Jahren. Das Schloss hoch über Matrei vermachte sie zu je einem Drittelanteil an ihre Nachkommen Else Thieme-Hutchinson, Gitta Schnackenberg, geb. Thieme und Hermann Thieme. Die Erbengeneration blieb Matrei als Familiendomizil treu. Hermann, der 1971 in Wien verstarb, bemühte sich um eine Verschönerung im Schloss und um die Gestaltung der umliegenden Terrassengärten. Seine Urne wurde ebenso am Matreier Friedhof beigesetzt wie der Sarg von Else Thieme-Hutchinson, die ihre letzte Lebensphase auf Weißenstein verbrachte und hier von ihrem Sohn Kay Thieme bis zu ihrem Tod 1971 betreut wurde. Gitta Schnackenberg überlebte ihre Geschwister um 17 Jahre. Sie wurde 1988 in Bayern begraben.

 

Ab 1964 bis 2006 lebte Kay Thieme ganzjährig auf Schloss Weißenstein und empfing hier oft Besuch. Im Bild rechts hält er ein Kruzifix, das heute in der Tiroler Landeshauptstadt aufbewahrt wird.

 

Kay Thieme und „sein“ Schloss Weißenstein

Mit dem Tod der Kinder von Carl und Else von Thieme begann eine Phase diffiziler Besitzverhältnisse und gegensätzlicher Ansichten über die weitere Zukunft des Schlosses. Hermann Thieme hatte seinen Drittelanteil an  seinen Freund, den Konzertpianisten Jörg Demus, vererbt. Der Besitzanteil von Gitta Schnackenberg ging an ihren Enkel Christian Lange und jener von Else Thieme-Hutchinson an ihren Sohn Kay. Er sollte es schließlich auch sein, der maßgeblich zum Erhalt von Weißenstein als Gesamtensemble beitrug. Kay Thieme, geboren 1929, verbrachte seine Kindheit in München, lebte von 1939 bis 1949 in der Schweiz und ab 1950 bis 1963 wieder in der bayrischen Landeshauptstadt. Sein Vater, Karl Knappe, war Bildhauer und wurde unter anderem von der technischen Hochschule Münchens mit einem Ehrendoktorat bedacht. Kay studierte an der Kunstakademie in München mit dem Berufswunsch Bühnenbildner. 1964 zog er nach Matrei in Osttirol und machte das Schloss zu seinem Hauptwohnsitz. Die österreichische Staatsbürgerschaft erhielt er 1979. Thieme war kunstsinnig und tierliebend. Hunde blieben bis ins hohe Alter seine steten Begleiter. Als Schlossherr erhielt er zahlreichen Besuch. Auch die Nachkommen des Königs von Sachsen kehrten bei ihm ein. Freundschaften pflegte er – auch mit Matreier Gemeindebürger:innen. Bis zu seinem Lebensende sprach er Hochdeutsch. Den örtlichen Dialekt nahm er nie an, wenngleich er sich zeitweise auch am Gesellschaftsleben der Marktgemeinde beteiligte. Seine ganz spezielle Persönlichkeit und sein Auftreten verliehen ihm schließlich den Ruf eines „Matreier Originals“.

Als Jörg Demus im Jahr 1971 die Realteilung des Gesamtbesitzes beantragte und sich Mitbesitzer Christian Lange diesem Ansuchen anschloss, lehnte sich Kay dagegen auf. 21 Jahre lang sollte der Prozess andauern, bis schließlich der Oberste Gerichtshof die Realteilung ablehnte und Thieme Recht gab. Im Laufe der Jahrzehnte, die Thieme im Schloss verbrachte, betätigte er sich als Hausmeister, Bauherr und Finanzier. Teile des Mobiliars vermachte er der Matreier Pfarrkirche. Hier findet sich heute in der Sakristei ein Laurentius-Bild aus dem Schloss bzw. fungiert die Glocke aus der ehemaligen Schlosskapelle als „Sterbeglocke“ in St. Alban. Auch an die Diözese Innsbruck ergingen Schenkungen. Einiges dürfte aber auch verkauft worden sein. Seine letzten Lebensjahre verbrachte Kay nicht mehr im Schloss, sondern wurde von der Matreier Familie Marion und Alois Steiner aufgenommen und bis an sein Lebensende betreut.

Drei Jahre vor seinem Tod stimmte Kay 2020 dem Verkauf des Schlosses und des gesamten dazugehörigen Grundbesitzes an die Felbertauernstraße AG zu. Der letzte private Schlossbewohner von Weißenstein ruht auf dem Matreier Friedhof im Grab seiner Familie, das er zeitlebens immer hoch in Ehren hielt. Die zukünftige Nutzung von Weißenstein liegt nun in Händen der neuen Eigentümergesellschaft. Wie und wann in dem historischen Gebäude wieder Leben einkehren wird, ist offen. Verschiedene Nutzungsmöglichkeiten stehen zur Diskussion, aktuell befindet sich das Schloss aber im sprichwörtlichen „Dornröschenschlaf“. Man darf gespannt sein, wann das neue Kapitel in der Geschichte von Schloss Weißenstein beginnen wird.

Ein herzliches Danke an die beiden Ideengeber dieses Berichtes, die Matreier Klaus Steiner und Mark Steiner, für die Zuverfügungstellung von Unterlagen, Bildern und persönlichen Erinnerungen an Familie Thieme.

 

Text: Elisabeth Hilgartner, Fotos: Privatbesitz

11. Juni 2026 um