Prägraten am Großvenediger: Von Bohnen und alten Bräuchen
Früher wurde in Bobojach am Tag des Hl. Bartholomäus (24. August) der „Bühnhoulgungl“ gefeiert. Bgm. Gottfried Islitzer und sein Vorvorgänger Hans Kratzer haben Ende der 1990er-Jahre die Wiederbelebung des alten Brauches initiiert.
Bobojach bedeutet „Bohnenfeld“ und die „Bühn“ – wie die Prägratner die Acker- oder Pferdebohne nennen – spielten früher in Gebirgsregionen eine wichtige Rolle. Die Ackerbohne wächst auch in höheren Lagen und war bis in die Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges eine der wichtigsten Kulturpflanzen auf Osttirols Bergbauernhöfen und ein unverzichtbarer Energie- und Eiweißlieferant. Zur Bohnenernte feierten die Prägratner in früherer Zeit einen sogenannten „Bühnhoulgungl“. Mit „Gungl“ bezeichnet man in Teilen Osttirols auch heute noch ein gemütliches Zusammensitzen oder auch kleine Festlichkeiten.

„Früher hatte jeder Bauer in unserer Gemeinde seinen eigenen Bohnenacker. Ende August waren die Früchte meist reif, und so wurde traditionell am 24. August – dem Tag des Heiligen Bartholomäus – ein Fest gefeiert. Auf jedem Bauernhof wurden Bohnen und Kartoffeln gekocht. Die Bewohner von Bobojach zogen von Haus zu Haus und trafen sich in geselliger Runde zum Genuss der Ackerfrüchte“, erzählt Hans Kratzer. Er war es auch, der sich Ende der 1990er-Jahre gemeinsam mit weiteren Dorfbewohnern dazu entschloss, den alten Brauch wiederzubeleben.

Wann genau in Bobojach wieder ein „Bühnhoulgungl“ stattfand, daran können sich die Dorfbewohner nicht mehr genau erinnern. „Es dürfte wohl 1996 oder 1997 gewesen sein. Wir haben damals einfach einige Biertische aufgestellt und in einem Dämpfer Bohnen und Erpfle – so nennen wir in Prägraten die Kartoffeln – gekocht. Die Musik kam aus einem Kassettenrekorder. Tatsächlich fanden sich so um die 30 Leute zum Gungl ein. Im Laufe der Jahre entwickelte sich daraus eine Feierlichkeit mit Zeltfestcharakter und Live-Musik“, erinnert sich Gottfried Islitzer zurück.

Beim „Bühnhoulgungl“ werden heute, wie in alten Zeiten, „gsoutne Bühn“ (gekochte Pferdebohnen) und „Erpfle in da Schindl“ (Kartoffeln in der Schale) serviert. Organisiert und durchgeführt wird das Fest von der „Wassergenossenschaft Bobojach“. Rund hundert Personen leben in Bobojach, etwa die Hälfte der Einwohner hilft beim „Bühnhoulgungl“ mit. „Dieser gemeinschaftliche Einsatz fördert nicht nur den Zusammenhalt, sondern schafft auch eine besondere Verbundenheit und Identität innerhalb des Dorfes“, betont der Prägratner Bürgermeister.

Auch in Sachen Anbau und Ernte der Bohnen halten die Bobojacher fest zusammen. „Obwohl bei uns noch fast jeder Bohnen im Garten stehen hat, wird für den Gungl ein eigener Bühnacker angelegt. Etwa Mitte Mai steckt man die über Nacht eingeweichten Bohnen in die Erde, im August hat die Pflanze dann etwa eine Höhe von zwei Metern erreicht. Dazwischen liegt viel Arbeit, die bei uns mit viel gemeinschaftlichem Engagement und Zusammenhalt erledigt wird“, berichtet Hans. Es ist nämlich oft erforderlich, nachzusetzen. Außerdem muss der Acker nach der Keimung gejätet und jede Pflanze gehäufelt werden. Ein bis zwei Tage vor dem „Bühnhoulgungl“ werden die grünen Bohnenhülsen schließlich geerntet, da sie dann am besten zum Kochen geeignet sind.

Der Begriff „Bühnhoul“ bedeutet übrigens nicht „Bohnen holen“, sondern bezeichnet die Bohnenhülse, wie Gottfried erzählt. „Beim Bühnhoulgungl kochen wir in den Dämpfern etwa 100 kg Bohnen und ca. 40 kg Kartoffeln. Das Fest veranstalten wir immer am Freitag, der dem Tag des Hl. Bartholomäus am nächsten ist. Heuer ist das der 23. August. Inzwischen kommen Interessierte aus ganz Osttirol, aus dem Pinzgau und aus Nordtirol zu unserem Fest, das auch bei Touristen sehr beliebt ist. Gemeinsam feiern wir bei zünftiger Musik und genießen das traditionelle, einfache Essen“, erzählt Gottfried.

„Unser Bühnhoulgungl ist ein Fest der Freude, der Tradition und der Gemeinschaft. Das Interesse zeigt, wie wichtig es ist, alte Bräuche zu bewahren und gleichzeitig neue Erinnerungen zu schaffen. Für uns Prägratner ist dieser Termin immer ein Highlight im Jahresverlauf. Es freut uns ganz besonders, dass auch Kinder und Jugendliche begeistert mitmachen“, betonen Hans und Gottfried abschließend.

Dr. Brigitte Vogl-Lukasser vom Institut für Ökologischen Landbau an der BOKU in Wien und vom Binder-Hof in Assling über die Ackerbohne (Vicia faba)

Die Ackerbohne, die in Tirol auch als „Schollepoan“, „Pferdeboan“, „Hoosboan“, „Prockboan“ oder „Schweinboan“ bezeichnet wird, wurde in Westösterreich bis weit nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges besonders auf höher gelegenen Bergbauernhöfen großflächig angebaut. Da die Bohne in den Bergregionen hohe und sichere Erträge liefert, war sie für die Versorgung der oft mehr als ein Dutzend Personen umfassenden Haushalte besonders im Winter wichtig.
Die getrockneten Bohnen wurden jeden Abend in einem eigens dafür vorgesehenen Topf mit reichlich kaltem Wasser eingeweicht. Das kalte Wasser wurde vor dem Einweichen mit einer Hand voll Holzasche aus dem Herd vermengt. In der Früh, bevor man den Herd einheizte, wurde die Lauge, in der die Bohnen über Nacht aufgequollen waren, weggeschüttet und frisches Wasser zugegeben. Auf dem Herd konnten die Bohnen dann langsam den gesamten Vormittag gar kochen. Da so ein Topf mit Bohnen jeden Tag auf dem Herd stand, waren Bohnen jederzeit und schnell zur Verfügung.
Die Bohnen wurden sowohl als Hauptgericht, Vor- oder Zuspeise, aber auch zum Frühstück in vielen verschiedenen Formen genossen. Eine gängige Mahlzeit waren beispielsweise Kartoffeln mit Bohnen. Die Kartoffeln und die mit der Hand aus der Schale gelösten Bohnen wurden mit Salz und Butter verzehrt. Der hohe Kalorienbedarf der Heuzieher oder Holzfäller wurde mit einem eigens zubereiteten Gericht, den „ungimochten Poan“, gedeckt. Dafür wurden die bereits vorgekochten Bohnen auf einen Teller gelegt, mit gequetschtem Mohn, Honig oder Zucker bestreut und mit geschmolzener Butter oder Butterschmalz übergossen.
Bohnen wurden auch als Beilage zu „Milchmus“ oder zur „Brennsuppe“ serviert, den Kindern als Jause in die Schule mitgegeben, und einige Bohnen wurden stets in der Hosentasche mitgetragen, um jederzeit eine kleine Zwischenmahlzeit griffbereit zu haben. Getrocknete Bohnen wurden so lange auf den Herd gelegt, bis sie vollständig braun waren, und anschließend mit heißem Wasser übergossen. Die so zubereiteten Bohnen konnten wie eine Art Kaugummi gekaut werden.
Neben den ganzen Bohnen wurden Trockenbohnen früher auch in der Mühle gemahlen. Das Mehl der Bohnen wurde beim Backen dem Brotmehl beigemengt. Mit dem reinen Bohnenmehl wurde eine Art Fladenbrot, das in der Pfanne gebacken wurde, oder auch ein Bohnenmehl-Mus zubereitet. Geröstete und gemahlene Bohnen wurden als „Kaffee“ zubereitet genossen. Die getrockneten Bohnen wurden weiters auch für die Füllung von Strudeln verwendet. Als Viehfutter kamen verkümmerte, nicht ausgereifte und ganz kleine Bohnen sowie Ernterückstände, gemahlen oder gestampft, als eine Art Kraftfutter („Leck“) vor allem für die Milchkühe zum Einsatz. Das so genannte „Boanstroa“ wurde geschnitten als Einstreu verwendet oder unters Heu gemischt und verfüttert.
Spaß und heitere Spiele lockerten früher den oft arbeitsreichen und kargen Alltag auf. So wurden früher gerne auch Bohnenfeste abgehalten. Diese Feste zur Bohnenernte fanden in den Bauernstuben oder auch im Freien statt. Dazu wurde mit Musik aufgespielt, und grüne Bohnenhülsen wurden frisch vom Feld in den noch warmen Stubenofen gelegt oder auf offenem Feuer in einem großen Kupferkessel direkt am Feld gegart. Dazu wurden Wein oder auch andere Getränke gereicht, geplaudert und sogar getanzt. Diese Feste waren und sind heute noch als Bühnhoulgungl, Schollepoansomstag oder Hosboan-Kirchtag bekannt und werden in einigen wenigen Orten auch heute noch gefeiert.
Text: Raimund Mühlburger, Fotos: EXPA Pictures/Islitzer