Mittersill/Matrei i.O.: Auf den Spuren der „Felbertauernsamer“

Der 1991 gegründete Verein „Felbertauernsamer Mittersill“ hat sich zum Ziel gesetzt, das Brauchtum und das kulturelle Erbe der Säumerei zu erhalten und zu beleben.

Der Felbertauern ist ein seit prähistorischer Zeit genutzter Übergang am Alpenhauptkamm zwischen Mittersill im Pinzgau und Matrei in Osttirol. Aufgrund der relativ geringen Passhöhe von nur 2.481 Metern wurde er schon in der Mittelstein-, Bronze- und Römerzeit als Alpenübergang stark genutzt. Auf den Tauernübergängen gab es im gesamten Mittelalter keinen Wagen-, sondern nur Saumverkehr. Die Säumerei stellte einen wichtigen bäuerlichen Nebenerwerb dar. Davon profitierten damals auch die Orte Windisch-Matrei (heute Matrei i.O.) und Mittersill.

 

Barbara Loferer-Lainer ist seit 2020 Obfrau des Vereins „Felbertauernsamer Mittersill“. Foto: Markus Beren

 

„Die wichtigsten Handelsgüter in Nord-Süd-Richtung waren neben dem Salz vor allem Fleisch und Felle. Als Rückfracht wurden Wein, Branntwein, Gewürze, Samt, Seide, Decken und getrocknetes Obst mitgeführt“, weiß Barbara Loferer-Lainer zu erzählen. Sie steht dem Verein „Felbertauernsamer Mittersill“ seit 2020 als Obfrau vor und hat das Amt vom verdienten Gründungsobmann Franz Neumayr übernommen. „Franz hat den Verein vom ersten Jahr angeleitet, und sein Werk um die Erhaltung des kulturellen Erbes der Säumerei kann nicht genug gewürdigt werden. Er ist im Vorjahr leider viel zu früh verstorben“, so die Obfrau. In Mittersill besaß jeder Bürger das Recht, 45 Fuder Salz einzulegen und damit Handel zu betreiben. Das größte Salzdepot befand sich beim Meilingerwirt. Zwei Gruppen betrieben den Saumhandel: die Mittersiller Säumer und die so genannten „Übertäurer“, also Säumer aus dem heutigen Osttirol und aus Kärnten.

 

Franz Neumayr (†) hat 1991 gemeinsam mit Wolfgang Weiß den Verein gegründet und sich als Obmann bis 2020 große Verdienste erworben. Foto: Markus Beren

 

„Der Name Säumerei leitet sich von ‚Saum‘ ab, dem Frachtvolumen, das ein Tragtier transportieren konnte. Ein Rosssaum betrug in etwa 150 Kilogramm. Als Tragtiere kamen meist Pinzgauer Noriker zum Einsatz. Für den Salztransport wurden die Pferde jeweils mit zwei Salzstöcken – so genannten Fudern – beladen, während der Wein den Saumtieren in so genannten ‚Lageln‘ mit je knapp über 60 Liter aufgepackt wurde. Im Schnitt legten die Saumrosse täglich etwa 35 km in der Ebene zurück“, weiß Barbara Loferer-Lainer zu berichten. Sie ist 2014 den „Felbertauernsamern“ beigetreten und damit noch ein relativ junges Mitglied. „Ich kann mich noch gut an den historischen Samerzug 1995 erinnern. Zusammen mit meinen Kindern durfte ich damals den Einmarsch in Mittersill miterleben. Seitdem bin ich mit dem ,Samer-Virus‘ infiziert“, so die Obfrau.

 

Die Wallfahrer beim Tauernkreuz. Foto: Markus Beren

 

Wallfahrt „Auf den Spuren der Samer“

Als Dank für sichere Alpenüberquerungen organisieren die „Felbertauernsamer“ alle zwei Jahre die Wallfahrt „Auf den Spuren der Samer“. In Zusammenarbeit mit der Erzdiözese Salzburg wurde die erste Wallfahrt 2017 durchgeführt. Heuer findet die Wallfahrt am 27. und 28. Juli statt. Die zweitägige „Große Wallfahrt“ führt die Samer vom Matreier Tauernhaus über das Zirbenkreuz zur St. Pöltner Hütte. Beim Tauernkreuz wird eine Bergmesse gefeiert und dann auf der Hütte übernachtet. Am nächsten Tag geht es nach einem Morgengebet über das Nassfeld und das Trudental bis zum Parkplatz Hintersee. Hier stoßen die Teilnehmer der „Kleinen Wallfahrt“ hinzu, die die letzten 12 Kilometer bis zur Felberkirche mitgehen. „Nach der Abschlussmesse feiern wir bei einem kleinen, aber feinen Samerfest. Unsere Wallfahrt unterscheidet sich von anderen dahingehend, dass die Samer einen Teil der Strecke mit ihren traditionellen Kleidern und Kraxen zurücklegen. Die Teilnehmer erhalten an geschichtsträchtigen Stationen Informationen zu den jeweiligen Klein- und Flurdenkmälern sowie zum Thema Saumhandel.“

 

1992 wurde zum 25-Jahr-Jubiläum der Felbertauernstraße der erste historische Samerzug von Matrei in Osttirol nach Mittersill durchgeführt. Foto: Rainer Pollack

 

Historische Samerzüge und internationales Netzwerk

Immer wieder führen die „Felbertauernsamer“ Samerzüge mit ihren historischen Gewändern und Kraxen durch. „Besonders in Erinnerung geblieben sind der erste Samerzug 1992 von der Schildalm in Matrei ausgehend über den Felbertauern nach Mittersill sowie der Samerzug von Tricesimo nach Mittersill (1995) oder jener von Mittersill zum Chiemsee im Jahre 2000. Bei diesen drei Samerzügen hat der ORF Filmaufnahmen gemacht“, blickt die Obfrau auf Highlights des Vereins zurück. Ein besonderes Anliegen ist ihr der Kontakt zu anderen europäischen Samern. „Ich war überrascht, wie viele Initiativen es im internationalen Samer-Netzwerk gibt – in Deutschland, in Belgien, in Frankreich, in der Schweiz, in Italien und sogar in Amerika.“

 

Die Säumer waren auf ihrem über den Felbertauern immer auch den Kräften der Natur ausgesetzt. In den Matriken sind zahlreiche „Tauernopfer“ dokumentiert, die bei Sturm und Schnee ums Leben gekommen sind. Foto: Rainer Pollack

 

Seit 2015 geht alle zwei Jahre ein „Internationales Säumertreffen“ über die Bühne, bei dem eine Delegation der „Felbertauernsamer“ natürlich immer mit dabei ist. Dies gilt auch für den diesjährigen Termin in Frankreich. „Bei diesen Treffen findet ein reger Austausch über Initiativen und Fortschritte statt. Diskutiert wird z.B. auch über Sattelsysteme oder Krankheiten bei Pferden.“

 

Die Felbertauernsamer am Stangljoch. Foto: Markus Beren

 

Aufbruch in die Zukunft

Ein großes Anliegen ist es den „Felbertauernsamern“, junge Menschen einzubinden und sie für die Säumerei zu begeistern. Unter dem Motto „Vorwärts in die Vergangenheit des Saumhandels“ wurde so zum Beispiel für die Schüler*innen der 3. Klasse der Mittelschule Mittersill das Thema in Form eines Wettbewerbes über das gesamte Schuljahr 2018/2019 gespannt. Zusammen mit der Landwirtschaftlichen Fachschule Bruck und der Säumerakademie Deutschland führte man, um ein zweites Beispiel zu nennen, am 17. und 18. März 2022 den ersten „Säumerkurs Pinzgau“ durch. „Dieser Kurs brachte tolle Erfahrungswerte, die uns helfen, das ,Säumen‘ weiterzuentwickeln und für die nächsten Generationen zu bewahren. Einem Kulturerbe wird so neues Leben eingehaucht“, freut sich die Obfrau.

 

Foto: Markus Beren

 

Dem Verein „Felbertauernsamer Mittersill“ gehören aktuell 53 Mitglieder an. „Wir sind eine äußerst heterogene Gruppe. Die ‚jungen‘ Samer sind für mich jene, die zwischen 30 und 40 Jahre alt sind. Hermi Rieder, die über 80 Jahre alt ist und früher auf der St. Pöltner Hütte gearbeitet hat, geht bei kleinen Ausrückungen immer noch gerne mit. Denn: Ein Samer verlässt seinen Verein nicht – er/sie bleibt immer eine/r von uns“, hält Barbara Loferer-Lainer abschließend fest.

 

Foto: Markus Beren

 

Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Markus Beren, Rainer Pollack

20. Juni 2022 um