„Medaria“: Ein halbes Jahrhundert Kulturarbeit für Matrei in Osttirol

Die Erhaltung historisch wertvoller Gebäude und Objekte sowie die Inventarisierung volkskundlicher Gegenstände gehört zu den wichtigsten Aufgaben des heimatkundlichen Vereins.

Seit dem Jahre 1970 nimmt der heimatkundliche Verein „Medaria“ im kulturellen Leben der Iseltaler Marktgemeinde eine wichtige Rolle ein. Neben der Betreuung des Heimatmuseums gehören die Erhaltung kunstgeschichtlich und naturhistorisch wertvoller Gebäude und Objekte – allen voran die St. Nikolauskirche – sowie die Sammlung, Aufbewahrung und Inventarisierung volkskundlicher Gegenstände, Urkunden usw. zu den Aufgaben des Vereins. „Im Jahre 1969 fanden sich Gleichgesinnte – die Brüder Erich und Tobias Trost, Mag.art. Josef Brugger, Ing. Andreas Köll und Ing. Alexander Brugger – zusammen und leisteten die Vorarbeiten zur Gründung eines heimatkundlichen Vereins. Im Rahmen der Gründungsversammlung im Jahre 1970 wurde Kunstschlosser Erich Trost zum ersten Obmann gewählt“, blickt Bernhard Oberschneider auf die Medaria-Anfangszeit zurück. Er hat seit 2016 das Amt des Obmannes inne und zeichnet gleichzeitig auch für die Betreuung der Ortschronik verantwortlich.

 

Im Rahmen der Generalversammlung am 18. September 2020 erhielten drei der Gründungsväter bzw. Obmänner des Vereins die Ehrenmitgliedschaft: Obm.-Stv. Franz Rainer, Obmann Bernhard Oberschneider, die Geehrten Tobias Trost, Alexander Brugger und Erich Trost, Schriftführerin-Stv. Michael Riepler (v.l.n.r.). Foto: Gertraud Brugger

 

Die Gründungsväter gaben dem neuen Verein den Namen „Medaria“. „Zum damaligen Zeitpunkt war dies der älteste bekannte Name für Matrei. Man ging davon aus, dass der Ort eine Zeit lang zum Langobardenreich gehört und diesen Namen geführt hätte. Heute weiß man, dass es sich um einen Lesefehler in den Quellen handelte. Die richtige Bezeichnung lautet ,Meclaria‘ und gemeint ist damit Thörl-Maglern. Trotzdem hat man in der Iseltaler Marktgemeinde den Vereinsnamen beibehalten, da dieser zwischenzeitlich in der Bevölkerung sowie in Kulturkreisen über die Tiroler Grenzen hinaus bereits bekannt war“, so Oberschneider.

 

Volkskundliche Gegenstände aller Art sowie Exponate des örtlichen Brauchtums finden sich in der Sammlung des heimatkundlichen Vereins. Foto: Osttirol Journal

 

Heimatforscherin richtet kleines Museum ein

Den eigentlichen Grundstein für die Kulturarbeit hatte einst Rosa Ghedina-Pernter mit ihrer umfangreichen Sammlung, die sie testamentarisch der Gemeinde hinterließ, gelegt. Sie war 1925 als junge Lehrerin nach Matrei i.O. gekommen und startete bald danach mit ihrer Forschungsarbeit. „Ihr gelang es, interessante Exponate aus der Region des hinteren Iseltales zu sammeln und für die Nachwelt zu bewahren, obwohl natürlich vieles durch den großen Brand im Jahr 1897 zerstört worden ist.“ In ihrer Wohnung im Ortsteil Neumarkt richtete Ghedina ein kleines Museum ein. Die Raumnot bedingte jedoch eine Konzentration der Sammlung auf kleinere Objekte, Gebrauchsgegenstände, Bilder, Münzen sowie Eisen- und Hausratswaren. Außerdem fanden auch zahlreiche Urkunden, Bittschriften, Lehensbriefe und Pachtverträge den Weg in die Sammlung. Die Marktgemeinde Matrei würdigte die Forschungsarbeit Ghedinas übrigens anlässlich deren 80. Geburtstages mit der Ehrenbürgerschaft.

 

Eine Besonderheit der Sammlung ist der 1971 am Klaunzerberg erlegte Bär. Es handelt sich dabei um den letzten in freier Wildbahn geschossenen Braunbär Tirols. Foto: Osttirol Journal

 

Vielfältige Aufgaben im Laufe der Jahrzehnte

Nach Gründung des Vereins widmeten sich die Funktionäre zunächst der Sortierung und Katalogisierung der Ghedina-Sammlung. Schwierig gestaltete sich die Suche nach geeigneten Räumlichkeiten für ein neues Museum. Außerdem stellte der Erwerb des am Klaunzerberg erlegten Braunbären im Jahr 1971 die Funktionäre vor finanzielle Herausforderungen. „1976 konnte im Gemeindeamt schließlich das erste Museum eröffnet werden, das aus Anlass der 700-Jahr-Feier der Marktgemeinde im Jahr 1980 neu eingerichtet wurde“, berichtet der Obmann und verweist darauf, dass das Tätigkeitsfeld im Laufe der Jahre anwuchs, 1987 übernahm der Verein, als dessen Obmann ab dem Jahre 1990 Tobias Trost fungierte, die „Verantwortung“ für die St. Nikolauskirche.

 

Die Betreuung der St. Nikolauskirche in Ganz ging 2016 an Obmann-Stellvertreter Franz Rainer über. Er löste in dieser Funktion Tobias Trost und Alexander Brugger ab. Foto: Mühlburger

 

„Die Renovierung dieses romanischen Sakralbaues steht im Mittelpunkt unserer Arbeit. Unser Verein konnte zwischenzeitlich aber auch zum Erhalt anderer, für die Region und die Volkskultur wichtiger Bestandsobjekte wesentlich beitragen. Der ,Ganzer Kornkasten‘, die ,Honser-Mühle‘ in Glanz, die ,Lagner-Mühle‘ in Bichl oder das ,Kreuzbichl-Stöckl‘ am Proßeggweg sind Beispiele dafür. Auch die Restaurierung des Wandfreskos von Franz Walchegger an der ,Bachkapelle‘ hat unser Verein unterstützt. Aktuell arbeiten wir in Zusammenarbeit mit der Marktgemeinde, dem Denkmalamt und der Schnitzschule Elbigenalp an der Renovierung des ,Lindenkreuzes‘ im Ortszentrum.“

 

In der Sammlung befindet sich u.a. auch ein 350 kg schwerer Bergkristall. Foto: Martin Lugger

 

Sichtung und Inventarisierung der Ghedina-Sammlung

Vor vier Jahren trat Bernhard Oberschneider die Nachfolge von Tobias Trost an, welcher dem Museum bereits zuvor seine private Mineraliensammlung zur Verfügung gestellt hatte. Infolge eines Wasserschadens im Heimatmuseum wurde knapp nach dem Wechsel an der Spitze des Vereins eine Evakuierung der Exponate notwendig, weshalb in der Folgezeit die Sichtung und Inventarisierung der Gegenstände zur primären Aufgabe des neuen Vorstandes avancierte. Die Zusammenarbeit zwischen dem heimatkundlichen Verein „Medaria“, dem Kulturreferat und dem Team der Ortschronik wurde intensiviert. „Ein Anliegen ist uns auch die Information der Bevölkerung. Aus diesem Grund bemühen wir uns um die Gestaltung des Schaufensters in der Pattergasse und widmen uns dabei ortsspezifischen Themen, wie z.B. den Kranzltagen, dem Tiroler Freiheitskampf oder der Entwicklung des Skisports in unserer Heimatgemeinde.“

 

Tobias Trost (3. v. links) erhielt im Mai 2019 im Landhaus in Innsbruck das Bundes-Ehrenzeichen für ehrenamtliches Wirken für Gemeinde und Land. Foto: Land Tirol/Schwarz

 

Konzept für ein neues Heimatmuseum

Mit der Fortführung der Inventarisierung des Museumsbestandes und der Aufarbeitung der historischen Schriften aus der Sammlung Ghedina wird der Verein auch in Zukunft beschäftigt sein. „Johann Panzls Jagdgewehr, das hölzerne Fernrohr, das Gewehr, ein klappbares Taschenmesser und die Taschenuhr aus dem Besitz des legendären ,Spiegelburger Bertl‘ (Norbert Mattersberger) sind ebenso interessante Objekte wie der Tisch, an dem Franz Obersamer und Johann Weber einst für die Hinrichtung ,ausgelost‘ wurden. Auch die ,Wahlurne‘ aus dem Jahr 1809 befindet sich im Bestand unseres Heimatmuseums; nicht zu vergessen ein großflächiges Eichhorst-Gemälde“, informiert der Obmann. „Unser Verein unterstützt die Bevölkerung darüber hinaus in Sachen Familien-, Haus- und Hofforschung. Unsere Schriftführerin Gertraud Brugger leistet diesbezüglich eine besonders wertvolle Arbeit.“

 

Medaria-Obmann und Ortschronist Bernhard Oberschneider im Archiv des Heimatmuseums. Foto: Martin Lugger

 

Die für 2020 geplante Gestaltung des Außenbereiches rund um St. Nikolaus musste coronabedingt verschoben werden „Wenn alles gut geht, möchten wir die Maßnahmen 2021 ausführen.“ Ein besonderes Anliegen der engagierten Vereinsmitglieder ist es, wie der Medaria-Obmann abschließend betont, dass Geschichte und Volkskultur der Iseltaler Marktgemeinde bald wieder in einem Museum der Öffentlichkeit präsentiert werden können. „Wir feilen intensiv an einem Konzept für das neue ,Medaria-Heimatmuseum‘. Als alternativer Standort ist in Abstimmung mit der Gemeinde auch das ,Alte Gericht‘ im Gespräch.“

 

Foto:  Martin Lugger

 

Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Martin Lugger, Osttirol Journal, Gertraud Brugger, Raimund Mühlburger, Land Tirol/Schwarz

14. Dezember 2020 um