Die Drau und Sillian – Hochwasserschutz in Geschichte und Gegenwart

Basierend auf der Zusammenarbeit bei der Fotoausstellung „Die Isel – unser Lebensraum in der Stadt. Lienz damals und heute im Lichtbild“ ist in Kooperation von TAP und Baubezirksamt Lienz eine weitere sehenswerte Fotoschau in Sillian entstanden.

Lange bevor man am Bretterwandbach bei Windisch-Matrei in Nachfolge der furchtbaren Hochwasserkatastrophe von 1882 mit Verbauungsmaßnahmen begann, widmete man sich der Drau im Raum Sillian – liegt der Ort doch stellenweise bis zu 1,80 Meter unter der Flusssohle. Die ältesten Planungen und Maßnahmen in punkto Entwässerung des Gemeindegebietes im Osten sowie Überflutungsschutz reichen bis ins 18. Jahrhundert zurück. Auf Anregung des Habsburger Erzherzogs Johann erfolgten um 1830 und dann in den 1850er-Jahren konkrete Drauregulierungsarbeiten, auch nach der großen Überschwemmung von 1882. Die Drau beschäftigte die Flussbauer über die Hochwasser 1965/66 und die letzte Verbauung von 1976/77 bis in die Gegenwart herauf: Seit Ende 2015 werden die Flusskilometer 660 bis 664 von Arnbach über Sillian bis Heinfels durch die Wasserbauverwaltung im Baubezirksamt Lienz „gebändigt“. Ziel ist der so bedeutsame Schutz des Siedlungsraumes und der Infrastruktur vor einem hundertjährlichen Hochwasserereignis der Drau. Der Bauabschnitt berührt den Hauptsiedlungsraum von Sillian im Nahbereich der ÖBB-Linie und ist durch viele Zwangspunkte bestimmt. Abseits der „klassischen“ Bauarbeiten konnte man mit der Aufweitung der Drau und der Neugestaltung des Uferbereiches die Attraktivität des beliebten Fluss-Erholungsgebietes steigern. Der parallel zur Drau verlaufende Gerberbach und der südlich einmündende Stenkenbach wurden gleichfalls in die Neukonzeption der Landschaft miteinbezogen. Die Baumaßnahmen fanden (bis auf die Ersatzherstellung einer Radwegbrücke) im Herbst 2024 ihren Abschluss.

Der Gesamtaufwand betrug rund 12 Millionen Euro, finanziert durch das Ministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft (85 % der Kosten), das Land Tirol, die Marktgemeinde Sillian, die ÖBB, die TIWAG und die Austrian Power Grid. Durch die gezielte Tieferlegung der Drau auf vier Kilometern Länge – von Arnbach bis zur Einmündung des Villgratenbaches – sind jetzt rund 100 Gebäude und über 1.300 Bewohnerinnen und Bewohner in Sillian und Heinfels umfassend vor Hochwasser geschützt.

 

Bild-Postkarte Sillian von Osten, um 1914 (Fotograf: Unbekannt; Sammlung Oliva Lukasser – TAP)

Die Drau mit der neuen Hauptschule Sillian, um 1975 (Fotograf: Karl Kipper; Archiv Peter Leiter)

 

Flussgeschichte

Die Drau bestimmt seit jeher das Schicksal von Sillian. Besonders historische Bildpostkarten nahmen den Fluss gerne als zentrales Motiv auf; lange bevor spätere Siedlungsbauten langsam an das Fließgewässer heranreichten, erkennt man die großen Feucht-/Sumpfwiesen im Osten der Marktgemeinde, durch die sich Seitenstränge schlängeln. Diese Gegend benannte der bekannte bayerische Reiseschriftsteller Heinrich Noe um 1884 in seinem Büchlein „Die Kärntner-Pusterthaler Bahn“ mit „Klein-Venedig“. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg spielte die Drau mit ihren ostwärts laufenden, bereits in den 1930er-Jahren durch die Entwässerungsgenossenschaft künstlich angelegten Gerinnen wie Gerberbach und Gratzbach – zwecks Ermöglichung der Bewirtschaftung der Felder und des Wohnbaues – eine bildbestimmende Rolle.

 

Die Wassermassen der Drau strömen durch den Markt Sillian, November 1966 (Fotograf: Unbekannt; Sammlung Carl Ebner – TAP)

 

Hochwasser

Seit Jahrhunderten bedroht die Drau das heutige Osttiroler Hochpustertal, Überschwemmungen sind wahrlich keine Seltenheit – zum Beispiel 1823, 1827 (2x) und 1851. Im Herbst 1882 traf ein katastrophales Hochwasser Tirol, Südtirol, Kärnten und Krain: Im Bezirk Lienz wurden das Defereggen-, Isel- und Villgratental arg verwüstet. Fünf Menschen verloren durch den Gödnacherbach ihr Leben, die 1871 eröffnete Pustertalbahn wurde stärkstens in Mitleidenschaft gezogen. Im Sillianer Raum verheerte die Drau die damalige Gemeinde Arnbach und Umgebung, im Markt Sillian standen 45 Häuser unter Wasser. Nach Überschwemmungen in Rabland und Vermurungen bei der Panzendorfer Schlossmühle im September 1965 wurde Sillian durch den ausgebrochenen Villgratenbach im August 1966 zum Teil unter Wasser gesetzt. Richtig arg wurde es aber für die Marktgemeinde – und ganz Osttirol, das zum dritten Mal innerhalb kurzer Zeit von der Außenwelt vollkommen abgeschnitten war – im November 1966: Auf Schneefall und Föhn mit Schneeschmelze folgten heftige Gewitter. Infolge des Draudammbruchs oberhalb der Bahnhofsbrücke und bei der Schinterbrücke in Arnbach wurde die Gegend in und um Sillian zu einem großen See. 127 von 268 Häusern standen für mehrere Wochen im Wasser, das stellenweise eine Standhöhe von 1,70 Metern hatte. Mehrere 100 Menschen mussten evakuiert werden. 16 Rinder, zwölf Schweine, zwei Ziegen und diverses Kleinvieh ertranken in den eiskalten Fluten.

 

Drauregulierung bei Rabland/Panzendorf, um 1885 (Fotograf: F. Mayr; Sammlung Josef Rauter – TAP)

Männer des neuen „Freiwilligen Arbeitsdienstes“ – Entwässerung und Regulierung des Gerberbachs im Bereich des Sillianer Marktplatzes, 1936 (Fotograf: Unbekannt; Sammlung Josef Rauter – TAP)

Neu angelegtes Ausschotterungsbecken am Genisbach bei Arnbach (östlich des Holzhofes Prugger nahe der Grenze), damit eventuelle Geschiebemassen nicht die Drau aufstauen, August 1976 (Fotograf: Unbekannt; Sammlung Siegfried Papsch – TAP)

 

Verbauung 1764 bis in die 1970er-Jahre

Die Pläne zur „Bändigung“ der Drau im Raum Sillian bzw. zur Entwässerung der weiten Flächen im Osten bis Panzendorf gehen bis ins 18. Jahrhundert zurück. Schon damals gab es gezielte Überlegungen, den „Marckfleckh“ zu sichern und die einem Delta ähnelnden Wasserfurten in fruchtbares urbares Land zu verwandeln, wie eine kolorierte Federzeichnung von Franz Anton Rangger von 1764 im Tiroler Landesarchiv – in der Ausstellung groß über zwei Tafeln reichend abgedruckt – eindringlich zu zeigen vermag. Wenn man auch vorher nicht untätig gewesen war – doch das so zerstörerische Hochwasser von 1882 stellte sich als Katalysator der Maßnahmen heraus, wonach klar war, dass hier schleunigst etwas getan werden musste. Die nachfolgenden Arbeiten bezogen sich dabei auf die Uferregion(en) der Drau und wurden im 20. Jahrhundert fortgesetzt: zu Zeiten der Kanzlerdiktatur Dollfuß/Schuschnigg in den 1930er-Jahren etwa im Rahmen eigener Arbeitsbeschaffungsprogramme. Die bereits 1931 gebildete Entwässerungsgenossenschaft schaffte durch neu angelegte Gräben/Wasserläufe (Gratzbach, Gerberbach) neu nutzbare Flächen im Osten des Gemeindegebietes für Landwirtschaft und Hausbau. Der nächste Schub an großer Drau-Verbauung erfolgte nach den argen Hochwasserkatastrophen 1965/66 und fokussierte in den frühen 1970er-Jahren einerseits auf die Errichtung von Drauufer-Mauern sowie andererseits auf die Anlegung von Auslaufreservoirs für etwaiges Wildbachmaterial.

 

1: Errichtung des Wildholzrechens in Arnbach, Aufnahme Ende 2015 | 2: Sohleeintiefung und Sicherung linkes Drauufer auf Höhe des Sillianer Fernheizwerks, Aufnahme Ende 2017 | 3: Erhöhung der bestehenden Ufermauer, hier bei der Bahnhofsbrücke, Aufnahme Juli 2018 | 4: Kampfmittelerkundung zwischen Gries- und Asthofbrücke, Aufnahme Ende 2016 | 5: Neubau der Asthofbrücke, Aufnahme März 2021 | 6: Neu angelegtes Erholungsgebiet zwischen Drau und Mühlbach, Aufnahme Juli 2024 (Alle Fotos: Robert Brunner, Baubezirksamt Lienz)

 

Das Großprojekt

Das rund 12 Millionen Euro schwere Hochwasserschutzprojekt widmete sich von Ende 2015 bis 2024 den vier Drau-Flusskilometern von Arnbach über Sillian bis Heinfels. Die Sicherung des Gebietes vor einem 100-jährlichen Hochwasserereignis (75 m³/s) erfolgte vor allem durch drei Baumaßnahmen: Eintiefung der Drausohle, Erhöhung von Ufermauern und Uferdämmen sowie Aufweitung der Drausohle (insofern von den Grundverhältnissen her möglich). Die Errichtung des Wildholzrechens in Arnbach wurde als Erstes in Angriff genommen, die Hauptbauphasen lagen während der planbaren Niederwasserzeit, also vom Spätherbst bis ins Frühjahr. Aufgrund des Hochwassers von 2018 mit anschließenden Schadensbehebungen sowie den verhängten Lockdowns während der COVID-19-Pandemie kam es zu erheblichen Bauverzögerungen – im Schnitt ging es um eine Bauzeit im Wasser je Kalenderjahr von knapp fünf Monaten. Die baubegleitenden Maßnahmen reichten von der Beweissicherung von Gebäuden, der ÖBB-Bahntrasse und des Grundwassers über die Kampfmittelerkundung (mögliche Kriegsrelikte Erster und Zweiter Weltkrieg) bis hin zur Sicherung der Fernwärme-, Wasser- und Abwasserleitung in Sillian und Arnbach. Schlussendlich wurden die Gerberbach- und Asthofbrücke, der Bahnhofssteg, die Bahnhofs- und Griesbrücke pfeilerlos neu gebaut – der Schintersteg wird bis Ende 2024 folgen. Durch die Aufweitung der Drau in Heinfels wurde die Mündung des Gerberbaches um ca. 500 Laufmeter flussaufwärts verschoben – insgesamt ist eine Vielzahl an gewässer- ökologischen Strukturen verbaut, die der Bevölkerung vor Ort nun in Form von Naherholungsräumen (Buchten und Sitzgelegenheiten) und auch der örtlichen Fischerei zugutekommen.

 

Fotoausstellung

Die Drau und Sillian.
Hochwasserschutz 1764–2024

Marktgemeindeamt Sillian, EG und 1. Stock
besuchbar zu den Amtsstunden bis Ende Nov. 2024

Kuratoren: Martin Kofler/TAP, Robert Brunner und Walter Hopfgartner/Baubezirksamt Lienz

 

Text: Martin Kofler (TAP)

07. November 2024 um