Frauen tragen: Von der unsichtbaren Last der alpinen Kulturgeschichte

„Homo ferens/Frauen tragen“ – das Landwirtschaftsmuseum Brunnenburg in Südtirol widmet zum 50-Jahr-Jubiläum ein Forschungsprojekt bzw. eine Ausstellung der Kulturgeschichte des Tragens im historischen Tirol und seinen Nachbarregionen.

Die Brunnenburg liegt im Dorf Tirol bei Meran auf einem Moränenhügel. Im Jahre 1974 eröffnete dort Burgherr Dr. Siegfried de Rachewiltz ein Museum, das sich hauptsächlich dem bäuerlichen Leben am Steilhang widmet. Hier werden landwirtschaftliche Geräte, Werkzeuge und insbesondere verschiedene Aspekte der traditionellen Landwirtschaft, bezogen auf Alt-Tirol, präsentiert.

 

Die Brunnenburg im Dorf Tirol bei Meran. Archiv Christiane Ganner

 

Die Brunnenburg beherbergt auch verschiedene Nutztiere, darunter einige seltene Haustierrassen. Im Rittersaal und in der Gedächtnisstätte für den Dichter Ezra Pound, der einige Jahre auf der Brunnenburg lebte, wurde zum 50-Jahr-Jubiläum die Sonderausstellung „Homo ferens/Frauen tragen“ eingerichtet. Am gleichnamigen Forschungsprojekt und an der 300 Seiten umfassenden Festschrift hat, wie bei zahlreichen anderen Projekten der Brunnenburg, auch wieder der aus Abfaltersbach stammende Kulturwissenschaftler und Ethnologe Dr. Andreas Rauchegger als Mitherausgeber und Co-Kurator wesentlich mitgearbeitet.

 

Dr. Andreas Rauchegger aus Abfaltersbach hat als Mitherausgeber und Co-Kurator wesentlich am Forschungsprojekt bzw. an der Publikation und Ausstellung „Homo ferens/Frauen tragen“ mitgearbeitet. Foto: Mühlburger

 

Von Anfang an war klar, dass die größte zu meisternde Herausforderung der Alpenbewohner im Transportwesen lag. Alle Bergvölker dieser Welt mussten sich damit auseinandersetzen und entwickelten ihre eigenen Transport- und Tragestrategien“, schreibt Ethnologe Dr. Siegfried de Rachewiltz im Vorwort zur Festschrift. „Homo ferens“ steht für „Mensch als Träger”, mit dem zweiten Teil des Titels „Frauen tragen“ wollten die Herausgeber Frauen als unermüdliche Lastenträgerinnen in der alpinen Kulturgeschichte besonders herausstreichen.

 

Die Ausstellung „Homo ferens/Frauen tragen“ wurde am 25. Oktober 2024 im Landwirtschaftsmuseum Brunnenburg eröffnet. Foto: Museum Brunnenburg

 

„Der Titel dieser Festschrift möchte die Rolle der Frau bei der Entstehung aller Tragekulturen weltweit und insbesondere in der alpinen Tragekultur betonen. Dass dabei Frauen oft wie Lasttiere behandelt wurden, wird aus mehreren unserer Beiträge klar ersichtlich. Aber auch dies: Das Überleben am Steilhang erforderte, dass alle, ob Männer, Frauen, Kinder und Greise, ihren Teil trugen. Dies brachte auch einen mentalitätsgeschichtlichen Wandel mit sich: Wurde das Tragen in den mediterranen Kulturen von der Antike bis in die Neuzeit als ein Zeichen der Unfreiheit gesehen und vor allem Sklaven sowie Frauen aufgehalst, so war es im Alpenraum häufig mit einem gewissen Prestigedenken oder aber auch mit religiösen Assoziationen verbunden“, schreibt de Rachewiltz.

 

„Pittra” aus Abfaltersbach. Foto: Andreas Rauchegger

 

Andreas Rauchegger hat für die Publikation den Beitrag „Zum Tragen von Flüssigkeiten im alten Tirol“ verfasst. „Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurden in unseren Talschaften unter schwierigsten Bedingungen, nämlich auf häufig schlechten und unwegsamen Straßen, auf abschüssigen, ungesicherten Steigen und oftmals über hohe Alpenpässe, allerlei Rohstoffe, Waren zur Selbstversorgung und zum Verkauf transportiert. Die Defregger Teppichhändler, die Pfannenflicker im Comelico, die Felbertauernsamer oder die Zillertaler Ölhändler sind nur einige Beispiele dafür“, erklärt der Kulturwissenschaftler.

 

„Milchputsche” mit Riemen, Rückentragegefäß aus Kals am Großglockner. Foto: Kalser Heimatmuseum

 

Im Rahmen der Recherche war Andreas Rauchegger in vielen Heimatmuseen unterwegs, um spezielle Tragegerätschaften zu dokumentieren. Eine „Milchputsche“ fand er im Kalser Heimatmuseum, eine „Ruggenpittra“ im Freilichtmuseum „Alpines Leben“ in Innervillgraten und eine „Surbutte“ (zum Jauchetragen auf steilen Hängen) im Heimatmuseum „z’Bach“ in der Wildschönau, um nur einige Beispiele zu nennen.

 

„Kraxe” im Felberturmmuseum in Mittersill. Foto: Franz Reifmüller

 

Dr. Herbert Kleins Beitrag zum „Saumhandel über die Tauern“ beschäftigt sich grundlegend und ausführlich mit Weintransporten im Saumverkehr. „Salz ging in den Süden, das begehrte alkoholische Getränk in den Norden. Hervorzuheben sind im Kontext ausdrücklich die Tauernhäuser, deren Gründung von herrschaftlicher Seite zum Schutz des Handelsverkehrs ausging“, berichtet Klein. In Zeiten der Not, aber nicht nur dann, traten Frauen als unermüdliche Lastenträgerinnen oft auch in den Vordergrund. „Insbesondere in Kriegszeiten hatten Frauen sämtliche Lasten in unseren alpinen Talschaften zu tragen. Sie trugen in diesen Zeiten nicht nur physische Lasten, sondern auch gesellschaftliche und soziale. Frauen hatten insbesondere auch die Funktion von Überlieferungsträgerinnen, die Wissen und Fertigkeiten an die Kinder weitergaben“, so Rauchegger.

 

Sennerin mit Rückentragekorb im Tauerntal in Matrei in Osttirol, 1950er-Jahre. Foto: Kupferdruck Monopol, Kunst- und Verlagsanstalt, München, Bildarchiv Georg Jäger

 

Einige Teile der Publikation sind den „Überlieferungsträgern“ gewidmet. „Brauchtum, Rituale und Feste spielten dabei eine wichtige Rolle. In der Überlieferungskultur wurden etwa auch Handwerkstechniken, Ackerbaumethoden oder Familiengeschichten an die nächste Generation weitergegeben“, erklärt Rauchegger. Zur Überlieferungskultur hat Dr. Sonja Ortner, Leiterin des Tiroler Volksliedarchivs mit familiären Wurzeln in Außervillgraten, den Beitrag „Der singende Kraxenträger“ geschrieben.

 

Skulptur „Samsung“ von Lois Fasching. Foto: Fasching

 

Für die Ausstellung in der Brunnenburg schuf der Dölsacher Bildhauer Lois Fasching eine Skulptur mit dem Titel „Samsung“. „Bei meinem Beitrag handelt es sich um eine 115 cm hohe Skulptur aus Acristall, Flies und einer Jean. Sie soll die Hose eines Mädchens darstellen, das ein Smartphone in der Tasche trägt. Für mich ist die Skulptur eine Metapher dafür, dass wir alle heute die essenziellen Dinge im Handy mit uns tragen“, sagt der Osttiroler Künstler dazu.

 

 

 

Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Silvretta-Verlag Rudolf Mathis, Landeck, Bildarchiv Georg Jäger; Archiv Christiane Ganner, Mühlburger; Museum Brunnenburg; Andreas Rauchegger; Kalser Heimatmuseum; Franz Reifmüller; Kupferdruck Monopol, Kunst- und Verlagsanstalt München, Bildarchiv Georg Jäger; Fasching

29. November 2024 um