23. Auflage des Defereggentaler „Stücks Heimat“ an der Wand

So manches ist in Zeiten der Krise ungewiss, doch einiges bleibt zum Glück in altbewährter Tradition bestehen. Dies gilt auch für den Deferegger Heimatkalender.

Als „Kalendermacherin“ ist seit dem Jahr 1999, unterstützt von Frauen und Männern aus dem Tal, Ottilie Stemberger tätig.  Die Begeisterung für die Geschichte ihrer Heimat wurde der gebürtigen Defereggerin sprichwörtlich in die Wiege gelegt. „Schon meine Eltern waren historisch sehr interessiert“, erinnert sich die heute 62-Jährige, die in der Fraktion Zotten der Gemeinde St. Veit i.D. aufwuchs, zurück. Ihr Vater galt, wie sie erzählt, im Ort als eine Art „lebende Chronik“. Ottilie selbst besuchte nach Volks- und Hauptschule die Handelsschule in Lienz und begann, auswärts im Tourismus zu arbeiten. Als die Gemeinde St. Veit 1979 einen neuen Amtsleiter suchte, bewarb sie sich – und wurde zu ihrer eigenen Überraschung genommen. Eine junge „Weibische“ als neue Gemeindesekretärin – das war zu dieser Zeit eine gelinde gesagt ungewöhnliche Entscheidung. „Die Meinungen darüber, ob dies gewollt war oder einfach passiert ist, gehen wohl noch heute auseinander“, schmunzelt sie. Auf jeden Fall bedeutete es für die damals 20-Jährige, in der kleinen 800-Seelengemeinde, mit Ausnahme der Finanzen und des Rechnungswesens, für alles zuständig zu sein – für das Gemeinde- und das Bauamt, für Schule und Kindergarten, für Fund-, Melde- und Umweltamt – und für die Chronik.

 

„Brav warten aufs Christkind“ – so haben Ottilie Stemberger und ihre „Weibischen“ dieses Foto aus dem Jahre 1964 betitelt.

 

Ottilie Stemberger blieb 34 Jahre lang im Amt, bis sie 2014, krankheitsbedingt, in Frühpension gehen musste. In ihrer Zeit als Gemeindesekretärin war sie mit den unterschiedlichsten Belangen des Dorflebens beschäftigt, eignete sich ein enormes Wissen an und fing für die Dorfchronik unzählige Geschehnisse in Bildern ein. Der „Heimatkalender“ war, wie sie meint, ursprünglich nur als einmalige Angelegenheit gedacht. „Für eine Ausstellung des Nationalparks wurde ein Beitrag zum Thema `Frauen in den Hohen Tauern` gesucht.“ Ottilie stellte das dafür notwendige Material bereit und entschloss sich, nach Ende der Schau, dazu, daraus einen Kalender zu gestalten. Das Ergebnis – der erste „Deferegger Heimatkalender“ erschien im Jahr 2000.

 

Ottilie Stemberger beim Blättern in der mittlerweile 23. Auflage des „Deferegger Heimatkalenders“

 

Seitdem sind viele Jahre vergangen und vieles ist passiert, die Arbeit am Kalender macht Ottilie und ihren MitstreiterInnen aber ungebrochen Freude. Als Herausgeber fungiert inzwischen der Verein „Heimat Defereggen“. Ottilie ist die Seele und die „Finanzministerin“ der Kulturgesellschaft, die auch für die Publikation der Buchreihe „Deferegger Kostbarkeiten“ und für die Organisation diverser Veranstaltungen im Tal verantwortlich zeichnet. Die Arbeit an den Kalendern hört, wie sie sagt, eigentlich nie auf. Sie selbst begutachtet und bearbeitet in den Wintermonaten pro Jahr oft hunderte Bilder. „Früher ging ich direkt zu den Dorfbewohnern hin, um Fotos zu erhalten, heute bringen mir die Menschen immer öfters auch Bilder aus ihren Privatsammlungen vorbei. Eine Herausforderung ist es, die Namen der Personen auf den jeweiligen Fotos zu eruieren“, berichtet sie. Ab dem Sommer feilen sie und ihr Team dann konkret am aktuellen Kalender. „Wir stecken wirklich sehr viele Stunden in unser jeweiliges Vorhaben. Ohne die Gemeinschaft und die Freude am Tun ginge es nicht.“ Die Frage, ob man nach so vielen Jahren überhaupt noch genug neues Material findet, beantwortet sie mit einem eindeutigen „Ja, auf jeden Fall. Wir verfügen über ein großes Archiv an noch unveröffentlichten Bildern“, so die Hobby-Historikerin.

 

„Brecheln“ bei „Jaggler-Stalle“ um 1930

 

Bei so viel Begeisterung verwundert es wenig, dass auch die 23. Auflage des Heimatkalenders mit 12 ganz besonderen alten Fotos als Kalender-Monatsbilder mit Kalendarium und Tierkreiszeichen sowie mit Geschichten über Deferegger Begebenheiten, Altes, Überliefertes, Denk- und manchmal auch Merkwürdiges überzeugt. Als eine Art „Reise in die Vergangenheit“ findet sich jeweils auf der zweiten Seite jedes Monats „Was vor 100 Jahren bzw. 50 Jahren geschah“ von Mag. Dr. Michael Huber, ergänzt durch die auch heute noch beliebten Bauernregeln, zusammengestellt von Mag. Brigitta Stemberger. „Am Kalender für 2022 haben Burgl Ploner, Chronistin aus Hopfgarten i.D., Agnes Ladstätter und Herbert Erlsbacher aus St. Jakob i.D. und Hubert Kobler tatkräftig mitgearbeitet“, lässt Ottilie wissen.

 

St. Jakober Wanderpokalgewinner um 1930

 

Schnee – Freude – Skifahren (1961)

 

Für viele DefereggerInnen im Tal und auswärts ist der „Deferegger Heimatkalender“ inzwischen längst zu einer lieb gewonnenen Tradition geworden. Absatz findet das mit viel Liebe zum Detail gestaltete Sammlerstück im A3-Format auch in anderen Teilen Osttirols, in ganz Österreich sowie bei Defereggern in aller Welt. Dort hängt er in Wohnungen und Häusern als Begleiter durchs Jahr – und als greifbare Verbindung zur alten Heimat. Als „emotional berührend“ bezeichnet Ottilie, die im heurigen Jahr übrigens für ihr Engagement um die Kultur und Tradition im Defereggental mit dem Verdienstkreuz des Landes Tirol ausgezeichnet wurde, abschließend die vielen Rückmeldungen, mit denen sie und ihr Team jedes Jahr „belohnt“ werden. „Sie sind für uns die schönste Bestätigung, dass unsere Arbeit Sinn macht!“

 

Der Deferegger Jahresbegleiter für 2022 kann zum Preis von 20 Euro direkt bei Ottilie Stemberger unter der Tel.: 0664/4412811 oder per Mail unter heimat-defereggen@aon.at bestellt werden. Verkaufsstellen sind der Bücherflohmarkt Lienz, der ADEG-Markt Blassnig in Hopfgarten i.D., Defnet/Postpartner in St. Jakob i.D., das TVB-Büro St. Jakob i.D. sowie das Gemeindeamt von St. Veit i.D.

 

Text: Elisabeth Hilgartner, Fotos: Osttirol Journal, privat

16. Dezember 2021 um