Ein außergewöhnlicher Osterbrauch: Das „Tresdorfer Kreuzziachn“
Am „Tresdorfer Kreuzziachn“ in der Mölltaler Gemeinde Rangersdorf wird sich am Gründonnerstag und Karfreitag auch im heurigen Jahr wieder nahezu das ganze Dorf beteiligen.
In der Oberkärntner Ortschaft Tresdorf hat sich seit Jahrhunderten die „Tresdorfer Passion“ oder das „Kreuzziachn“, wie der Brauch im Volksmund genannt wird, erhalten. „Als Tresdorfer wächst man in diesen alten Brauch automatisch hinein. Bei den Kindern sind es vor allem die Neugierde, der Nervenkitzel und die Masken, die faszinieren. Als 15-Jähriger habe auch ich angefangen, bei diesem vorösterlichen Geschehen mitzumachen“, erzählt Franz Golger. Seit wann er den Christus beim „Kreuzziachn“ darstellt, weiß der beruflich als Leiter der Volksschulen Stall im Mölltal und Rangersdorf tätige Kärntner nicht mehr genau. Jedenfalls hat er die Rolle von seinem Vater übernommen, der über 50 Jahre die Rolle des leidenden Christus
verkörperte.
Franz Golger verkörpert beim „Tresdorfer Kreuzziachn“ den leidenden Christus. Die Requisiten werden in der „Krassnigmühle“ aufbewahrt.
Die exakten zeitlichen Ursprünge des Brauchtums liegen im Dunkeln, schriftliche Aufzeichnungen fehlen. Die Überlieferung wurde mündlich von Generation zu Generation weitergetragen. „Es wird angenommen, dass ein Gelübde den Beginn begründete und damit das Dorf vor Hochwasser und Muren – Tresdorf liegt steil am Berghang – und Seuchen bewahrt werden sollte“, so Golger.

In seiner Besonderheit hat sich das „Tresdorfer Kreuzziachn“ so erhalten, wie es vor Jahrhunderten entstanden ist. Während des gesamten Spielverlaufes wird bis auf einige kurze Sätze beim Judaskuss und der anschließenden Gefangennahme am Gründonnerstag kein Wort gesprochen. „Namhafte Volkskundler bestätigen immer wieder, dass gerade in dieser einfachen und ergreifenden Art der Wert dieses Brauches liegt. Für mich lebt das Spiel von Bildern, und es ist immer wieder aufs Neue beeindruckend, wenn wir am Gründonnerstag und Karfreitag gemeinsam und schweigend den Weg von der ‚Krassnigmühle‘ bis zum Ulrichs-Kirchl zurücklegen. Der vorbeifließende Bach und die Naturkulisse tragen zur besonderen Atmosphäre bei, und das gemeinsame Gehen hat ohne Zweifel auch einen meditativen und spirituellen Charakter.“
Die „Krassnigmühle” ist der Ausgangspunkt der der „Prozession“ der Darsteller und teilnehmenden Bevölkerung, die hin zum Ulrichs-Kirchl führt.
Der Vater von Franz Golger hat in der „Krassnigmühle“ eine Bleibe für die Requisiten geschaffen. Gewänder und Masken werden hier aufbewahrt. Die Mühle ist jedes Jahr am Gründonnerstag und Karfreitag um 17.00 Uhr auch der Treffpunkt für die Darsteller und die interessierten Dorfbewohner. „Als tragende, feststehende Rollen sind Christus, Pilatus, Herodes, Judas, der Herrgottführer, Simon von Cyrene und die einzige Frauenfigur, der Engel, zu nennen. Weitere Rollen wie jene der Schriftgelehrten und Soldaten werden unter jenen, die zur Mühle kommen, verteilt.

Geprobt wird vorher nicht, es gibt aber immer eine kurze Einweisung“, erklärt Golger. Die Protagonisten sind mit Ausnahme der Engelserscheinung durchwegs Männer. „Nur in Kriegszeiten haben Frauen einige Rollen übernommen. So konnte das Gelübde aufrechterhalten und der Brauch fortgesetzt werden.“ Am Gründonnerstag setzt sich zunächst der Zug mit Jesus und den drei Jüngern Petrus, Johannes und Jakobus in Richtung Ulrichs-Kirchl in Bewegung. Etwas später folgen die Schriftgelehrten und die römischen Soldaten. Im Inneren des Gotteshauses werden das Gebet am Ölberg und die Erscheinung des Engels dargestellt. Dann gehen vor dem Kirchl die Szenen des Verrates mit dem Judaskuss, die Gefangennahme, die Verurteilung, die Geißelung und die Dornenkrönung über die Bühne.

Der Karfreitag lebt beim „Tresdorfer Kreuzziachn“ vom Bild des Kreuzes. Treffpunkt ist wieder um 17.00 Uhr bei der „Krassnigmühle“. Nach der Rollenverteilung nimmt Jesus das Holzkreuz auf seine Schultern und zieht es die gesamte Strecke bis hin zum Kirchl. Auf dem Weg werden das dreimalige Zusammenbrechen Christi und die Hilfe durch Simon von Cyrene dargestellt. Beim Kirchl angekommen, beten die Anwesenden den Rosenkranz, während Christus kniend vor dem Altar im Gebet versinkt.
Viele der Requisiten, wie z.B. die Masken, sind alt und kommen seit vielen Jahrzehnten zum Einsatz.
Aus ganz Kärnten, aus Tirol und sogar aus dem süddeutschen Raum kommen jedes Jahr Menschen, um der außergewöhnlichen Passion beizuwohnen. „Die Passion ist in ihrer expliziten Schlichtheit und Authentizität immer wieder ein ergreifendes Erlebnis und regt dazu an, intensiver über das Ostergeschehen nachzudenken“, ist Franz Golger überzeugt.

Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Elias Bachmann, privat


