Dölsach: Frühes Christentum im Fokus des 5. Aguntum-Workshops
Unter anderem wurden Spuren und Funde in Lavant und Irschen als Zeugnisse des frühen Christentums in der Alpen-Adria-Region vertiefend behandelt.
Bereits zum fünften Mal seit 2016 trafen sich kürzlich ArchäologInnen und ExpertInnen anderer Fachrichtungen aus mehreren europäischen Ländern im Grabungshaus von Aguntum zu einem wiederum von Dr. Martin Auer, Institut für Archäologien der Universität Innsbruck, organisierten Workshop. Diesmal ging es um das frühe Christentum im archäologischen Kontext. Entsprechend der Verbreitung des Christentums vom Heiligen Land aus über den Mittelmeerraum in das ganze römische Reich befassten sich die Vortragenden mit einem sowohl geographisch als auch inhaltlich breiten Themenspektrum, wobei gerade diese Gesamtschau für die Archäologen bei der Interpretation und Datierung der jeweiligen lokalen Ausgrabungen und Funde äußerst hilfreich ist.
Einen breiten Raum nahm auch die Vorstellung der aktuellen Forschungsergebnisse zu den in der Alpen-Adria-Region vorhandenen Zeugnissen des frühen Christentums ein, wobei unter anderem Lavant, Teurnia/St. Peter im Holz, der Irschener Burgbichl und der Hemmaberg in Unterkärnten vertiefend behandelt wurden.
Weitere Sarkophagbestattung in Lavant entdeckt
In Lavant ist Martin Auer mit seinem Team von der Uni Innsbruck bereits seit 2017 mit einem vom Bundesdenkmalamt und dem Land Tirol unterstützen Forschungs- und Restaurierungsprojekt an der bereits 1949 von Miltner entdeckten frühchristlichen Bischofskirche befasst. Mittlerweile konnten viele offene Fragen zur Baugeschichte geklärt werden und auch restauratorische Maßnahmen, welche neben der Substanzsicherung auch eine weniger verwirrende Präsentation der Bauabfolgen zum Inhalt haben, umgesetzt werden. Genau untersucht wurden auch die Marmor-Fragmente, die man nun funktionell den Bereichen der Priesterbank, der Umschrankung des Presbyteriums und dem Baptisterium zuordnen kann, wobei die spätesten Bearbeitungen im 6. Jahrhundert vorgenommen wurden und daher keine späteren Um- der Einbauten mehr anzunehmen sind.
Der verwendete Marmor stammte nicht mehr originär aus Steinbrüchen, sondern aus aufgelassenen kaiserzeitlichen Grabbezirken, die planmäßig „geplündert“ wurden. Dies ist anhand der großen, bis zu 2 Tonnen schweren Marmorblöcke eindeutig nachzuweisen. Der östliche Kirchenteil enthielt vermutlich ein Märtyrer- und/oder Stiftergrab, weshalb er als „Memorialkirche“ anzusehen ist und darauf hinweist, dass Lavant bereits für die frühen Christen eine bedeutende Pilgerstätte war.
Für die Archäologen überraschend war die Entdeckung einer weiteren Sarkophagbestattung im Kircheninneren, welche das Skelett eine 25- bis 40-jährigen Mannes enthielt. Aufgrund des schlechten Erhaltungszustandes und fehlender Beigaben gibt es keine näheren Hinweise zur bestatteten Person.
Überreste von weiteren sieben Individuen am Irschener Kirchbichl entdeckt
Dass auch auf dem Irschener Kirchbichl eine frühchristliche Kirche stand, ist für Gerald Grabherr und Barbara Kainrath mittlerweile erwiesen, da eindeutige Ausstattungsdetails wie Priesterbank und Reliquiengrube im Presbyterium festgestellt werden konnten. Wie in Lavant stammen Marmorfragmente aus kaiserzeitlichen Vorgängerbauten. Eine Besonderheit stellt das mit einer Schieferplatte abgedeckte, sorgfältig gemauerte und verputzte Grab dar, welches zeitgleich mit der ersten Bauphase der Kirche errichtet wurde und aufgrund der unmittelbar an die Apsis angrenzenden Situierung als Stiftergrab gedeutet wird.
Neben der ursprünglichen, wohl dem Stifter zuzuordnenden Bestattung wurden noch die Überreste von sieben weiteren Individuen – darunter auch Neugeborene und Kleinkinder – entdeckt. Mit der Situierung von Kirchen auf Hügeln und Anhöhen wollte man wohl weithin sichtbare „Landmarks“ schaffen. An fast allen vergleichbaren Standorten bestanden vorher bereits pagane Kultstätten.
Eindrucksvolle Zeugnisse des frühen Christentums in St. Peter in Holz
In der Höhensiedlung Teurnia/St. Peter in Holz ist die Bischofskirche ein eindrucksvolles Zeugnis des frühen Christentums, ebenso wie die im Tal „extra muros“ gelegene frühchristliche Kirche. Franz Glaser beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit diesen und vielen anderen spätantiken Kirchenbauten, wobei die bauliche Ausführung der Presbyterien und Priesterbänke als eindeutiges Unterscheidungsmerkmal gegenüber frühmittelalterlichen Sakralbauten erkannt wurde.
Am Beispiel der Bischofskirche von Teurnia konnte Glaser nachweisen, dass die Chorschrankenanlagen von Kirchen im Einflussbereich von Aquileia nicht, wie bisher angenommen, mit halbhohen Schrankenpfeilern geendet haben, vielmehr war das Presbyterium als Pergola gestaltet und wurde nach den liturgischen Handlungen mit Vorhängen verschlossen.
Äußerst bedeutende frühchristliche Sakralbauten am Hemmaberg in Unterkärnten
Eine herausragende Stellung bezüglich frühchristlicher Sakralbauten im Alpenraum nimmt der Hemmaberg bei Globasnitz in Unterkärnten ein, wo neben den beiden großen Doppelkirchen, dem achteckigen Baptisterium und hunderten Gräbern noch direkt am Gipfelplateau eine Mitte des 6. Jahrhunderts errichtete weitere Kirche bestand, welche parallel zu einer der beiden Doppelkirchen genutzt wurde und selbst Mitte des 8. Jahrhunderts noch von Bedeutung war. Josef Eitler von der Uni Graz berichtete darüber, dass für diesen weiteren Sakralbau ältere Gebäude gezielt abgetragen wurden und der Baukörper als Bindeglied zwischen Spätantike und Frühmittelalter anzusehen ist. Überdies besteht bis heute eine Kontinuität dieses Platzes durch die über den älteren Fundamenten errichtete gotische Kirche.
Zahlreiche weitere Vorträge über frühchristliche archäologische Befunde im Heiligen Land, in Kleinasien, Nordafrika, Bulgarien, Istrien, Dalmatien, Italien und Belgien sorgten für einen umfassenden Überblick über den archäologischen Forschungsstand zum frühen Christentum.
Text: Redaktion, Fotos: Osttirol heute/Mühlburger