Lienzer Dolomiten: Die Linderhütte am Spitzkofel

Seit 1884 steht am Spitzkofel auf einer Höhe von 2.683 m eine Hütte, die nach ihrem Erbauer, dem Bäckermeister Ignaz Linder, benannt ist.

Ignaz Linder (1840-1900), Bäckermeister, Gastwirt und Bergpionier

 

Die Linderhütte ist nicht nur wegen ihres knapp 140-jährigen Bestandes und ihrer Bauweise aus den Steinen des Gipfelgrates einzigartig im gesamten Ostalpenraum, sondern auch aufgrund ihrer exponierten Lage und der Tatsache, dass sie nur über einen Klettersteig erreichbar ist. Der Bäckermeister, Gastwirt und Bergpionier Ignaz Linder baute seine Hütte in den Jahren 1883 und 1884 auf 2.683 Metern Seehöhe unter heute schwer vorstellbaren Bedingungen. Einerseits gab es damals in den Lienzer Dolomiten noch kaum Steige und andererseits standen, im Gegensatz zu heute, keine Hubschrauber zur Verfügung, um schweres Material zu transportieren. So schleppte Linder mit seinen Leuten ausschließlich mit eigener Körperkraft das gesamte Baumaterial bis knapp unter den Spitzkofel. Die Intention, die Hütte zu errichten, umschrieb der Lienzer selbst so: „Bei einer Besteigung des Spitzkofels sollte dem Ermüdenden Ort und Gelegenheit gegeben werden, sich zu erholen, und sich auch vor den Stürmen und Gewittern, welche nicht selten diese unwirthlichen Höhen umtosen, schützen zu können.“ 1884 wurde die Hütte feierlich eingeweiht. Im selben Jahr rief eine Bergsteigergruppe rund um Linder die Lienzer Sektion des „Österreichischen Touristenklubs“ (ÖTK) ins Leben. Ignaz Linder fungierte als erster Obmann und brachte als Geschenk seine Hütte in das Klubvermögen ein.

Heute, 138 Jahre später, hat der Lienzer Notar i.R., Dr. Hans Peter Falkner, die Agenden des Vorstandes der Sektion Lienz des ÖTK über. Er berichtet davon, dass die Linderhütte ganze 135 Jahre den Witterungsverhältnissen im Hochgebirge standhielt, bis 2018 das Sturmtief Vaia große Schäden anrichtete. „Die exponierte Lage war wohl mit ein Grund, dass orkanartige Böen das Dach der Linderhütte in der Nacht vom 27. auf den 28. Oktober 2018 wegrissen“, so Falkner. Er erinnert sich an die Welle der Hilfsbereitschaft, als bekannt wurde, dass die Hütte stark gelitten hatte. „Als Eigentümer ergingen an uns als ÖTK Lienz zahlreiche Hilfszusagen, allen voran von Seiten der Plattform ‚Architektur & Osttirol‘. Deren Proponenten Georg Steinklammer, Paul Mandler, Philipp Glanzl und Peter Jungmann boten an, nicht nur die Planung zur Restaurierung der Hütte sowie die Bauleitung, sondern auch die Organisation der Professionisten und Sponsoren zu übernehmen. Zusätzlichen Schwung und mediale Aufmerksamkeit brachte Blind Climber Andy Holzer: Er berichtete, gemeinsam mit seinen beiden Begleitern Wolfi Klocker und Klemens Bichler, bei einem Multimedia-Vortrag in Tristach von der Besteigung des Mount Everest und rief zu Spenden für die Linderhütte auf – quasi vom Dach der Welt zum Dach der Linderhütte. Der Reinerlös von rund 7.200 Euro konnte sich sehen lassen.“

 

 

In der Folgezeit gelang es, eine Reihe namhafter Osttiroler Firmen für das Projekt zu gewinnen. Als Erster stellte sich Markus Duregger, Zimmermeister aus Gaimberg, in den Dienst der Sache. Mit an Bord waren weiters die Dachdeckerei Dorer, die Baufirmen Frey und Bodner, das Unternehmen Theurl Holz, die Tischlerei Wieser sowie Vermesser DI Lukas Rohracher. Sämtliche Leistungen inklusive der Bereitstellung von Material und Arbeitskräften wurden unentgeltlich erbracht. Beim ersten Lokalaugenschein auf der Hütte Ende Juni wurde ein äußerst sanierungsbedürftiges Mauerwerk vorgefunden. Als „Lösung“ dafür sollte eine Box in die Hütte gestellt werden, die, bestehend aus 10 Zentimeter starken Leimbinderelementen, Boden, Wände und Decke der Linderhütte bildet. Auch das Dach der Hütte sollte von der Box getragen und das alte Steinmauerwerk damit entlastet werden.

 

Während des Sturmtiefs Vaia schwer beschädigt, wurde die Hütte ab 2019 komplett wiederhergestellt.

 

Die Sanierung des maroden Mauerwerks startete im September 2019. Zuvor war die Hütte entkernt worden bzw. hatte man die nutzlos gewordene Innenausstattung und anfallenden Müll entfernt. Das gesamte neue Baumaterial, einschließlich Sand, Zement und Wasser, wurde auf die Hütte geflogen. Der Kalkzement musste händisch angerührt und passende Steine am exponierten Grat gesucht werden. Die Arbeiter und Helfer stiegen jeden Tag zur Kerschbaumeralm ab, um am nächsten Tag wieder die mehr als 800 Höhenmeter hinauf zur Baustelle zurückzulegen. Vier intensive Arbeitstage später war das Steingemäuer bereit für die Aufnahme der Hütte aus Leimbindern. „Am Dienstag, den 17. September 2019, schlug die Stunde der Wahrheit“, informiert Hans Peter Falkner. „Nun stellte sich heraus, ob die Vermessung und die Vorbereitungsarbeiten von Maurer und Zimmerer exakt waren. Die Box wurde in acht Einzelelementen hinaufgeflogen, per Hubschrauber eingesetzt und von den Zimmerleuten zusammengebaut. Alles passte auf den Zentimeter genau. Auch das Dach der Holzkonstruktion fügte sich exakt und plan in das Mauerwerk ein. Die Dacheindeckung ging drei Tage später über die Bühne. Der Chef der Firma Dorer ließ es sich nicht nehmen, die Arbeiten gemeinsam mit einem Mitarbeiter selbst vorzunehmen. Somit konnte die ‚Linderhütte neu‘ innerhalb von 10 Tagen winterfest saniert werden!“ Die finalen Arbeiten wurden 2020 ausgeführt. Dazu gehörte auch die Anlieferung von Ledermatten, die Tapezierer Florian Gassler spendete. Sie ersetzen die alten Matratzen. Der von Ignaz Linder einst auf die Hütte getragene Herd musste saniert und zu diesem Zweck ins Tal geflogen werden. Linders Urenkel, Jochen Linder, wiederholte dann im Juli 2020, gemeinsam mit sechs Mitgliedern der Lienzer Bergrettung, dessen Pionierleistung und brachte den ca. 40 kg schweren Ofen nur mit Muskelkraft wieder an seinen ursprünglichen Standort. Der Ofen hat zwar seine Funktion verloren, fungiert aber nun als „Museumsstück“.

 

Feierliche Einweihung im August 2022

 

Die feierliche Segnung durch Pater Tobias vom Franziskanerkloster in Lienz fand am 13. August 2022 statt. „Von Seiten des ÖTK konnten wir dazu rund 40 Gäste, Mitwirkende und Helfer begrüßen. Bläser der Musikkapelle Leisach sorgten für die musikalische Umrahmung“, berichtet der Lienzer ÖTK-Sektionsvorstand. „Zum Ausklang des Festtages kehrten alle im Kerschbaumeralm Schutzhaus ein. Hüttenwirtin Beate Moroder, die schon während der Bauphase die Arbeiter verköstigt und für die entsprechende Stärkung bei der anstrengenden Arbeit gesorgt hatte, verwöhnte mit einem köstlichen Grillbuffet. Mitglieder der Musikkapelle Leisach unterhielten mit flotten Klängen.“

Nicht unerwähnt will Dr. Falkner abschließend die Nominierung für die „Auszeichnung des Landes Tirol für Neues Bauen 2022“ lassen. „Seit 1996 werden alle zwei Jahre vorbildliche Bauten in Tirol mit Preisen bedacht. Im heurigen Jahr wurden insgesamt 76 Projekte eingereicht. Unter den 15 für die Preisverleihung nominierten befindet sich auch die Linderhütte. Wir sind sehr gespannt, was die Abschlussveranstaltung am 10. November ergeben wird.“

 

 

Text: Redaktion, Fotos: © Verlag J. G. Mahl; Sammlung Oliva Lukasser – TAP, Unbekannt, Sammlung Irene Linder – TAP, ÖTK Lienz und Wolfgang C. Retter

11. Oktober 2022 um