Lienzer Familienchronik: den eigenen Vorfahren auf der Spur

„Jede Generation ist für sich immer nur ein Zahnrad im Uhrwerk des großen Ganzen!“, sagt Josef „Seppi“ Stotter jun. Der Lienzer hat sich über 25 Jahre hinweg mit der Geschichte seiner Vorfahren beschäftigt.

Die eigene Familiengeschichte zu erforschen, sich auf die Suche nach alten Quellen, Zahlen und Fakten zu begeben und danach alles in eine chronologische Ordnung zu bringen und niederzuschreiben – das nehmen sich viele Menschen vor. Doch nur die wenigsten setzen ihr Vorhaben auch um. Der Lienzer Josef Stotter hat es getan und sich über Jahre hinweg in die knapp 160-jährige Geschichte seiner Familie eingearbeitet. Das Ergebnis, das „Tschitscher Buch“, kann sich mehr als sehen lassen.

Begonnen habe alles, so erzählt Josef „Seppi“ Stotter jun. eingangs, im Jahr 1997. „Damals fand in Lienz, mit Hl. Messe in der Josef-Kapelle und einem anschließenden gemütlichen Hoagascht beim Fischwirt, musikalisch umrahmt von der Tschitscher-Hausmusik, ein von mir organisiertes Cousinen-Treffen der Familien Stotter statt. Die angeregten Gespräche, die sich auch über bereits verstorbene oder auswärts lebende Verwandte drehten, brachten mich auf die Idee, mit der Ahnenforschung zu beginnen.“ Gesagt, getan. Bereits kurze Zeit später begann der Lienzer, der die Lehre zum Kfz-Techniker absolvierte, bei den Lienzer Bergbahnen als Maschinist und Pistenfahrer arbeitete und heute als langjähriger Haustechniker der Wirtschaftskammer Lienz ein Jahr vor seiner Pensionierung steht, damit, erste Zahlen, Fakten und Fotos zu sammeln. „Bei meinen Nachforschungen kam mir zwar zugute, dass mein Großonkel Hermann in Zirl für seinen Bruder, meinen Opa Andrä, 1938 einen Ahnenpass angelegt hatte. Außerdem hatte ich schon als Kind gerne alten Geschichten ‚zuagelost‘ und wollte immer möglichst viel über Verwandte sowie deren Leben und Wirken erfahren. Erschwert wurde meine Ahnenforschung jedoch dadurch, dass Großeltern, Großonkel und -tanten relativ früh verstorben waren“, erinnert sich Stotter zurück. Informationen fand er unter anderem auf diversen PC-Disketten, auf denen man vor 25 Jahren noch Daten speicherte. Außerdem durchforstete er Matriken der Pfarren, Grundbücher sowie Unterlagen von Gemeindebehörden und hörte sich bei älteren Nachbarn und Bekannten um.

 

Das „Stottersche“ Cousinentreffen im Jahr 1997

 

„Als die ersten geneaologischen Online-Datenbanken aufkamen, erleichterten diese meine Arbeit ungemein“, berichtet er. Stundenlang und oft über Wochenenden hinweg ordnete Seppi Fotos, recherchierte Geburts- und Sterbedaten, kopierte und scannte Dokumente und trug Schritt für Schritt alles Wissenswerte chronologisch zusammen. Zeitweise kam er sehr gut voran, in anderen Jahren hatte er aber über Monate keinen „Kopf“, auch nur irgendetwas zu tun. Die Ahnenforschung verfolgte ihn manchmal sogar bis in seinen Schlaf. „Ich habe von Personen geträumt, die ich zuvor auf Fotos nicht sofort erkannt habe“, schmunzelt er heute.

 

Das einzige vorhandene Foto von Mathias Stotter mit Familie (um 1868)

 

Im Laufe seiner Recherchen ging Stotter auch der Frage nach der Herkunft des Familiennamens „Stotter“ nach und stieß dabei auf zwei mögliche Erklärungsvarianten. „Einerseits könnte der Nachname deutschen Ursprung sein und als Ableitung von ‚Stötter‘ bzw. ‚Stetter‘ auf die Ortsnamen Stettin und Stetten im deutschen Baden-Württemberg bzw. in Bayern hinweisen. Andererseits könnte ‚Stotter‘ auch auf individuelle Eigenheiten des ersten Namensträgers, eines jungen ‚Stettners‘, Bezug nehmen. Hinweise auf den Namen ‚Stotter‘ finden sich jedenfalls in Quellen, die bis ins 14. Jh. zurückreichen. 1329 wurde beispielsweise ein gewisser ‚Karl der Stotter‘, ein Lehnsherr von Aasen in Donaueschingen erwähnt. In Aufzeichnungen aus Baden-Württemberg sind seit dem 16. Jh. rund 80 Personen mit dem Namen ‚Stotter‘, oder ‚Stötter‘ zu finden“, informiert der Lienzer.

 

Im Bild die Familie des Urgroßvaters von Seppi Stotter (um 1915)

 

Seppis Vater, Josef Stotter (links außen), mit Eltern und elf Geschwistern (um 1948)

 

Interessant war für Seppi auch der Ursprung des Vulgonamens „Tschitscher“, hat er doch große Teile seiner Kindheit selbst am Hof am Schlossberg verbracht und auf der Alm gemeinsam mit seinem viel zu früh verstorbenen Cousin Martin (+1996) viele schöne Kindheitsstunden erlebt. Wie seine Nachforschungen ergaben, rührt die Bezeichnung „Tschitscherhof“ von der ursprünglichen „Grebitschitscher Huebe“ her, die in den Quellen des 16. Jahrhunderts nachweisbar ist und damals noch zur Rotte Leisach gehörte. „1829 übernahm ein gewisser Johann Aichner das Anwesen, 1840 kam der Schlossberg mit dem ‚Grebitschitschergut‘ zur Gemeinde Patriasdorf.Der Name ‚Stotter‘ taucht erstmals 1863 in den Besitzurkunden auf. Damals erwarb Mathias Stotter, der Pächter des Bartlergutes und mein Ururgroßvater, den Hof im Rahmen einer Versteigerung“, nennt er Details.

 

Von seinem Vater, Josef Stotter (geb. 1934), hat Seppi die Leidenschaft zur Musik geerbt. Sein Vater war u.a. Mitglied der Eisenbahner Stadtkapelle, der „lustigen Pustertaler“, der „fidelen Schlossbergler“, der „Schlossbergbuam“, der MK Leisach, des Stadtorchesters Lienz  und spielte auch bei der „Tschitscher Hausmusik“ mit. Seppi selbst engagierte sich über 30 Jahre lang bei verschiedenen Tanzmusikgruppen, war bei der Eisenbahner Stadtkapelle dabei und Mitglied der „Tschitscher Hausmusik“. Im Bild „Tschitscher Hausmusikanten“ bei einem Auftritt in St. Johann i.T.

 

2023 konnte Seppi, der die Ahnenforschung nicht als Hobby, sondern als „Leidenschaft“ bezeichnet, seine Arbeit vorerst abschließen – und das „Tschitscher Buch“ mit einer umfassenden Übersicht über knapp 160 Jahre Familiengeschichte in Druck geben. Sein Dank gilt allen, die ihm bei seiner Arbeit halfen und besonders seiner Frau Gaby für deren Verständnis und Unterstützung. Dass das Buch nun fertig sei, heiße aber nicht, wie er festhält, dass er mit seinen Nachforschungen aufhöre. „Es gäbe noch viel, viel mehr zu erzählen“, lässt er wissen und verweist darauf, dass er trotz intensiver Beschäftigung mit den von ihm eruierten Unterlagen keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben könne. „Das Leben von Menschen ist weitaus mehr als die Dokumente, die von ihnen zurückbleiben.“

Der Blick in die eigene Vergangenheit erfüllt ihn heute auch mit Stolz darauf, was seine Vorfahren geleistet haben. „Unserer Familie ist es in all den vielen Jahrzehnten gelungen, trotz widriger Umstände und Schicksalsschläge weiter zu bestehen. Die von mir gesammelten Fotos, Zahlen und Berichte zeigen eindrucksvoll den Weg, den die Familien Stotter als Bauern, Gastwirte, Handwerker und Techniker genommen haben. Auch materielle Werte wurden geschaffen, immer im Bestreben, der nächsten Generation eine solide Basis für ihr Leben zu ermöglichen. Für mich persönlich habe ich gelernt, dass das Wissen um die Familiengeschichte auch die Verpflichtung bedeutet, meinen beiden Kindern Linda und Mathias und meinen Enkelkindern Nico und David das ideelle Vermächtnis ihrer Vorfahren weiterzugeben!“

 

Der „Tschitscherhof“ befindet sich bis heute im Besitz der Familie Stotter. Alois Stotter übernahm das bäuerliche Anwesen im Jahre 1978 – und war bis 2023 der „Tschitscherbauer“ am Schlossberg. Vor einem Jahr trat sein Sohn Christoph die Nachfolge als Jungbauer in 5. Generation an.

 

Text: Elisabeth Hilgartner, Fotos: © Martin Lugger, privat, Stotter-Archiv, Dina Mariner

02. Dezember 2024 um