Burgbichl: „Fenster zur Vergangenheit” entlang eines neuen Themenweges
Seit 2016 führen Archäolog:innen Ausgrabungen auf dem Burgbichl gegenüber der Gemeinde Irschen durch. Am 26.7. wird ein neuer Themenweg eröffnet, der auf Schautafeln und über QR-Code interessante Informationen bietet.
Die Gemeinde Irschen liegt im oberen Drautal, die meisten Ortsteile finden sich im Norden des Tales an den Abhängen der Kreuzeckgruppe. Der Burgbichl erhebt sich an der Südseite der Drau hoch oberhalb des Talbodens. Auf der Kuppe erstreckt sich ein Areal in der Größe von einem knappen Hektar, gegliedert durch mehrere Terrassen, die einst wohl künstlich geschaffen wurden, um geeignete Bereiche für eine Bebauung zu bieten. An einzelnen Punkten dieser Terrassen wurden in den vergangenen Jahren von Mitarbeiter:innen des Institutes für Archäologien der Universität Innsbruck verschiedene Grabungsflächen wissenschaftlich untersucht und Spuren einer etwa seit dem Jahr 610 n. Chr. verlassenen und lange Zeit in Vergessenheit geratenen, spätantiken Höhensiedlung entdeckt. Bislang legten die Archäolog:innen neben persönlichen Gegenständen der früheren Bewohner:innen der Sied lung auch Grabstellen, die Mauerreste von Wohngebäuden, zweier frühchristlicher Kirchen sowie einer Zisterne frei, die wohl 70.000 Liter Wasser fassen konnte. In Zusammenarbeit mit der Akademie der Wissenschaften zielen die Archäolog:innen darauf ab, durch ihre Arbeit neue Erkenntnisse über das Leben in dieser Zeit zu gewinnen. Wie die Expert:innen betonen, lassen die Ausgrabungen darauf schließen, dass es sich bei der Siedlung am Burgbichl um einen besonderen Ort gehandelt haben muss.
Auf das rund 170 Meter über dem Talboden gelegene Areal führt seit Kurzem auch ein Themenweg. Dieser soll Interessierten Wissenswertes zur Geschichte und Bedeutung der antiken Höhensiedlung vermitteln. Die offizielle Eröffnung des „Natur- und Kulturerbes Burgbichl“ findet am 26. Juli 2024 statt.
Archäologische Sensation
Die spätantike Siedlung auf dem Burgbichl in Irschen ist aus mehrerlei Hinsicht beachtenswert. Zum einen überzeugt der Erhaltungszustand der Mauern mit Höhen bis zu 1,5 Metern. Eindrucksvoll sind die freigelegten Böden in den Gebäuden und Wandverkleidungen in nennenswert großen Flächen. Belegt wird die Bedeutung der Ausgrabungsstätten auch durch einen Fund, der den Forscher:innen im August 2022 gelang: Unter den Steinplatten eines Seitenaltars in einer der beiden frühchristlichen Kirchen stießen sie auf eine etwa 20 mal 30 cm große Marmorkiste inklusive einer antiken Reliquiendose aus Elfenbein. Unmittelbar nach der Entdeckung sicherten die Wissenschaftler die Objekte und leiteten Maßnahmen zur Konservierung ein. Nach ersten Erhebungen stellte sich die Marmorkiste als Reliquienschrein heraus, die zerfallene Elfenbeindose („Pyxis“) als Heiligtum der damaligen Kirche am Burgbichl. Gemeinsam lagen sie 1.500 Jahre lang versteckt unter dem Altar. Die Marmorkiste und die Bruchstücke der Elfenbeindose sorgten in der Wissenschaftswelt für Aufsehen und brachten den Irschener Burgbichl nach Bekanntgabe des Fundes im Juni 2024 auch in die Schlagzeilen. Die Auffindung des Reliquienbehälters ist deshalb so außergewöhnlich, weil es von derartigen Elfenbeindosen weltweit nur rund ca. 40 Exemplare gibt. Im Normalfall wurden Reliquien von den Menschen früherer Zeiten als wichtigster Teil der Kirche und der Kirchengemeinde angesehen und beim Verlassen einer Siedlung immer mitgenommen. Der Schrein verblieb in diesem Fall aber vor Ort. Die Marmorkiste weist einen gesonderten Deckel auf, auf dem zentral ein Kreuz eingearbeitet ist. In der Kiste befanden sich die Fragmente des eigentlichen Reliquienbehälters, der vermutlich aus nordafrikanischem Elfenbein gefertigt wurde. Erste Annahmen, dass der Behälter auch noch die Reliquie enthielt, wurden nach Entnahme und sorgfältiger Konservierung der einzelnen Fragmente in der Restaurierungswerkstatt des Instituts für Archäologien in Innsbruck widerlegt. Der Reliquienbehälter dürfte schon in der Antike fragmentiert gewesen sein, die wertvollen Teile wurden aber sehr behutsam im Schrein und in der Kammer deponiert. Somit ist das Objekt – das ursprünglich mit der Reliquie in Kontakt war – als „Berührungsreliquie“ zu interpretieren. Die Elfenbeindose wurde von den Innsbrucker Wissenschaftler:innen mittlerweile auf einer Styropor-Konstruktion teilweise nachgebaut. Die Fragmente zeigen Symbole aus dem Alten und Neuen Testament. Die Darstellungen sind in einen Rundumlauf gegliedert und spannen einen erzählerischen Bogen von der Übergabe der 10 Gebote bis hin zur Himmelfahrt Jesu Christi.
Im Juni 2024 ließen die Wissenschaftler:innen mit der Präsentation eines einzigartigen Fundes, einem 1.500 Jahre alten Reliquienschrein samt Elfenbeindose, aufhorchen, der bereits 2022 entdeckt und zwischenzeitlich konserviert, dokumentiert und untersucht wurde. Die Artefakte untermauern die historische Bedeutung des Burgbichls.
Burgbichl für Besucher:innen begehbar
Seit Kurzem wird der Irschener Burgbichl durch einen neuen, zwei Kilometer langen Themenweg auch für Fußgänger erschlossen. Auf Schautafeln und über QR-Code erhält man Informationen über die Ausgrabungen, die seit acht Jahren internationale Archäolog:innen und Student:innen nach Irschen bringen. Im Rahmen der offiziellen Eröffnung des „Natur- und Kulturerbes Burgbichl“ am 26. Juli 2024 findet auch eine Führung durch die offenen Grabungen statt. Von Seiten der Gemeinde Irschen sind alle Interessierten herzlich dazu eingeladen!
Text: E. Hilgartner, Fotos: © Gemeinde Irschen, Elias Bachmann, Universität Innsbruck


