Zwischen den Wänden des Wilden Kaisers und bewegter Zeitgeschichte
Die Edelweißgilde Kitzbühel prägt seit über hundert Jahren die alpine Geschichte im Wilden Kaiser. Sie verbindet Tradition und Moderne, fördert junge Kletterer und blickt mit dem Buch „Könige im Wilden Kaiser“ auf eine bewegte Geschichte zurück.
Seit über 100 Jahren zieht es die „Gildinger“ in die Wände ihrer „Heimatberge“ im Wilden Kaiser. Es geht um alpine Leidenschaft, um Freundschaften und Seilschaften, um Erstbegehungen im schroffen Fels – und um Menschen, die ihre Liebe zu den Bergen über Generationen weitergegeben haben. Gegründet wurde die Edelweißgilde Kitzbühel am 5. März 1925 von elf begeisterten Bergsteigern im Gasthaus „Zum Roten Adler“ in der Kitzbüheler Vorderstadt.
Erster Obmann wurde der Jurist Otto Zimmeter, zu den Gründungsmitgliedern gehörten außerdem Persönlichkeiten wie Much Wieser, Georg Nussbaumer oder Hansjörg Schlechter. Schon früh hinterließen die „Koasakraxler“ ihre Spuren im Fels. Zwischen Maukspitze und Fleischbank führten sie zahlreiche Erstbegehungen durch. Namen wie Wastl Weiß wurden weit über Tirol hinaus bekannt. Über Jahrzehnte stand die Edelweißgilde für klassisches alpines Freiklettern – lange bevor Klettern zum Breitensport wurde.
Der neue Gildenvorstand v.l.n.r.: die Ackerlhütten-Warte Daniela und Poid Würtl, Obmann Raimund Sulzenbacher, Kassier Fritz Huber und Schriftführer Harald Maier (beide kniend), Tourenwart Toni Niedermühlbichler, Gilden-Dojen Peter Brandstätter, Ehrenobmann Vitus Grünwald und der stets kreative Gildenbuch-Illustrator Lois Haselwanter
Heute zählt die Edelweißgilde rund 50 Mitglieder. Seit dem Vorjahr steht Raimund Sulzenbacher an der Spitze des Vereins. Der Kitzbüheler Bauunternehmer ist selbst ein erfahrener Alpinist und seit Jahrzehnten begeisterter „Gildinger“. Jetzt in der Pension hat er mehr Zeit, sich um den Verein zu kümmern und deshalb die Obmannschaft übernommen. „Wir sind ein unkonventioneller Verein und wollen Tradition und Moderne verbinden. Uns geht es darum, die Begeisterung für die Berge und das alpine Klettern auch an junge Leute weiterzugeben“, sagt er. Gerade diese Haltung scheint den Verein bis heute zu prägen.
Während viele Menschen ihre ersten Klettererfahrungen mittlerweile in Hallen sammeln, versucht die Edelweißgilde bewusst, junge Sportkletterer für das alpine Klettern zu begeistern. „Die junge Generation hat wieder mehr Interesse, hinauszugehen, im Felsen zu klettern und das Abenteuer direkt in den Wänden zu erleben“, betont Sulzenbacher. Seit 2006 bietet die Kletterhalle des Alpenvereins in der Gamsstadt einen wichtigen Treffpunkt der Kletterszene. Dort entstand auch die Idee zur Kletterpartnerbörse der Edelweißgilde.
Jeden Dienstag treffen sich erfahrene Alpinkletterer und junge Sportkletterer in zwangloser Atmosphäre. Ziel ist es, Wissen weiterzugeben und gemeinsam Touren im Wilden Kaiser zu unternehmen. „Im Internet findet man heute alle Informationen“, sagt Sulzenbacher. „Aber entscheidend sind die Menschen, die das Gefühl für den Berg draußen in den Wänden gesammelt haben – und genau davon profitieren die Jungen bei uns im Verein.“
Frauenpower v.l.n.r.: Doris Wörle, Rene Koller, Sabine Bartl, Obmann Raimund Sulzenbacher, Eva Dési, Christoph Wörle und Gitti Obermoser
Die Initiative zeigt Wirkung. Allein im vergangenen Jahr gewann die Edelweißgilde sechs neue Mitglieder – darunter vier Frauen. Darüber freut man sich im Verein besonders, denn Frauen gehörten bereits seit den Anfangsjahren zur Gilde. Schon kurz nach der Gründung trat mit Kathi Schlechter eine außergewöhnlich starke Kletterin dem Verein bei. „Heute sorgen Sabine Bartl, Eva Dési, Gitti Obermoser und Doris Wörle für neue Frauenpower in der Edelweißgilde“, freut sich der Obmann. Gemeinsam mit Christoph Wörle und Rene Koller stehen diese Frauen für eine neue Generation im Alpinklettern. „Unsere Jungen bringen viel neuen Schwung ins Vereinsleben. Es freut uns besonders, dass junge Leute wieder Lust auf das klassische alpine Klettern haben.“
Der Wilde Kaiser bleibt dabei das eigentliche Herzstück der Gilde. „Unser Heimatrevier ist der Wilde Kaiser.“ Viele Touren der „Koasakraxler“ führen bis heute in die großen Wände des Ostkaisers. Auch die Ackerlhütte spielt dabei eine zentrale Rolle. Die heutige Hütte wurde 1959 errichtet. Die Edelweißgilde war maßgeblich daran beteiligt – und deswegen gilt die auf 1.465 Metern gelegene Alpenvereinshütte als einer der wichtigsten Stützpunkte des Vereins.
„Jung und Alt haben sich bei uns immer gut verstanden. Die Gilde war stets ein buntes Sammelsurium von Menschen aus den unterschiedlichsten Berufen und Lebensbereichen“, beschreibt Harald Maier, selbst ausgezeichneter Kletterer und Schriftführer der Edelweißgilde, den Verein als generationenübergreifende und offene Gemeinschaft.

Genau dieses „bunte Sammelsurium“ zieht sich auch wie ein roter Faden durch die Geschichte der Edelweißgilde – und bildet den Kern des Buches „Könige im Wilden Kaiser“, das zum 100-Jahr-Jubiläum erschienen ist. Eigentlich, erzählt Gilden-Doyen Peter Brandstätter, sei zunächst nur eine klassische Festschrift geplant gewesen. Gemeinsam mit dem deutschen Alpin-Historiker und Autor Nicholas Mailänder entwickelte er daraus ein größeres Projekt.
Peter Brandstätter ist staatlich geprüfter Bergführer – früher sogar hauptberuflich – und Autor zahlreicher Kletterführer. Er wirkte als Mitautor intensiv an dem Buch mit und brachte dabei sein umfangreiches Wissen über die Geschichte der Edelweißgilde und des Wilden Kaisers ein.
„Aus der geplanten Festschrift wurde schließlich ein Buch über die alpine und gesellschaftliche Geschichte der Edelweißgilde“, erzählt der Kitzbüheler. Nicholas Mailänder gilt als renommierter Alpin-Historiker, Journalist und Pionier der Sportkletterbewegung. Bekannt wurde er unter anderem mit der Biografie des Tibetforschers Peter Aufschnaiter „Er ging voraus nach Lhasa“ sowie mit zahlreichen Veröffentlichungen zur Geschichte des Alpinismus.
Wastl Weiß glänzte als Erstbegeher schwerster Klettertouren im
Wilden Kaiser, unter anderem bezwang er mit Hermann Buhl die Mauk Westwand.
Für „Könige im Wilden Kaiser“ recherchierten Mailänder und Brandstätter über viele Monate hinweg zur Geschichte der Edelweißgilde. Das Buch erzählt von den großen Erstbegehungen im Wilden Kaiser, von legendären Kletterern und von einer Zeit, in der der „Koasa“ als eines der bedeutendsten Klettergebiete im Ostalpenraum galt. Gleichzeitig beschreibt das Werk aber auch die enge Verbindung zwischen Tirol und Bayern sowie die besondere Rolle der Ackerlhütte.
Neben der alpinen Geschichte beleuchtet das Werk die gesellschaftlichen und politischen Spannungen der Zwischenkriegszeit und der NS-Zeit – und zeigt, wie stark diese Entwicklungen selbst kleine Gemeinschaften und Seilschaften beeinflussten. „Mit dem Buch wird neben der alpinen Geschichte unserer Heimatberge auch erzählt, was sich seinerzeit zwischen Krukenkreuz, Hakenkreuz und Gipfelkreuz abgespielt hat“, so Brandstätter. „Auch diese Seiten unserer Vereinsgeschichte gehören zur Wahrheit dazu und dürfen nicht in Vergessenheit geraten.“
Ausnahmekönner Christian Haidacher im Quergang der Fleischbank Südostwand – in den 30er-Jahren zählte diese Tour zu den schwersten im Wilden Kaiser. Es war Christas erste Klettertour.
Freundschaften zerbrachen damals an unterschiedlichen politischen Anschauungen. Selbst innerhalb der Edelweißgilde hinterließen die gesellschaftlichen Konflikte tiefe Spuren. Der Gründungsobmann Otto Zimmeter war Heimatwehr-Führer, während Much Wieser den Nationalsozialisten nahestand. Die politischen Verwerfungen führten schließlich sogar zum Ausschluss Zimmeters aus der Edelweißgilde. Kameradschaften und Seilschaften, die zuvor viele Jahre bestanden hatten, gerieten auseinander. Gerade diese Passagen verleihen dem Buch eine besondere Tiefe. Es erzählt nicht nur von großen Klettertouren und alpinen Leistungen, sondern auch davon, wie politische Ideologien bis in kleinste Gemeinschaften hineinwirkten.
Mit dem Tod Much Wiesers schließt das Buch „Könige im Wilden Kaiser“. Wiesers Bergsteigerbegräbnis in den 1950er-Jahren war ein Medienereignis und ging durch alle Illustrierten.
Umso bemerkenswerter erscheint heute die spätere Versöhnung der beiden einstigen Kontrahenten. Nach dem Krieg fanden Otto Zimmeter und Much Wieser wieder zueinander. Als Wieser starb, hielt ausgerechnet Zimmeter die Grabrede für seinen früheren Weggefährten. Wiesers Grab am Baumgartenköpfl im Wilden Kaiser gilt bis heute als bekanntes Ziel vieler Bergsteiger. Gerade diese Verbindung aus Alpingeschichte, Zeitgeschichte und persönlichen Schicksalen macht „Könige im Wilden Kaiser“ so außergewöhnlich. Das Interesse daran ist groß: Die Buchvorstellung am 26. März 2026 war so gut besucht, dass kurzfristig ein zweiter Termin organisiert werden musste.
Mit der Ehrenmitgliedschaft bedankten sich Gildenobmann Raimund Sulzenbacher (links) und Mitautor Peter Brandstätter (rechts) beim
fleißigen Rechercheur und Buchschreiber Nico Mailänder.
Für Peter Brandstätter ist das Buch auch eine Würdigung jener Menschen, die den Verein über Jahrzehnte geprägt haben. „Der langjährige Obmann und Ehrenobmann Toni Werner etwa hat nach dem Krieg wesentlich dazu beigetragen, die Edelweißgilde wieder zusammenzuführen und nach dieser dunklen Zeit neues Leben und Aufbruchstimmung in den Verein zu bringen“, so Brandstätter.
Vielleicht erklärt genau das, warum die Edelweißgilde Kitzbühel auch nach 100 Jahren nichts von ihrer Faszination verloren hat. Trotz aller politischen und gesellschaftlichen Brüche standen am Ende wieder die gemeinsame Begeisterung für die Berge, die Kameradschaft und die Liebe zum Wilden Kaiser im Mittelpunkt. „Es geht nicht nur um sportliche Leistungen oder schwierige Routen. Es geht um Gemeinschaft, um das Abenteuer am Berg und um die Begeisterung, gemeinsam in den Wänden des Koasa unterwegs zu sein“, fasst Obmann Raimund Sulzenbacher zusammen.
Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Edelweißgilde Kitzbühel