Wirtschaftskammer: „Gut ausgebildete Fachkräfte haben immer Konjunktur!“
Wir sprachen mit Mag. Michaela Hysek Unterweger, Obfrau der WK-Bezirksstelle Osttirol, über den Fachkräftemangel und über Maßnahmen, um das Image der Lehre zu verbessern.
Fachliche Kompetenzen bilden in allen Bereichen die Basis für Karrierechancen. Umso wichtiger ist es, dass weiterhin möglichst viele junge Menschen im Rahmen einer Lehre ausgebildet werden – denn das Thema Fachkräftemangel hat auch in der Krise nichts an Bedeutung eingebüßt. Wie wichtig gut ausgebildete Fachkräfte für die wirtschaftliche Weiterentwicklung im Bezirk Lienz sind, wie viele Betriebe aktuell Lehrlinge ausbilden und was Politik und Wirtschaftskammer tun können, um das Image der Lehre zu verbessern, wollten wir von Mag. Michaela Hysek-Unterweger, der Obfrau der WK-Bezirksstelle Lienz, wissen.
Mag. Michaela Hysek-Unterweger, Obfrau der Wirtschaftskammer-Bezirksstelle Lienz
Frau Mag. Hysek-Unterweger, wie sieht die aktuelle Arbeitsmarktsituation im Bezirk Lienz aus? Einerseits ist die Arbeitslosigkeit gestiegen, andererseits fehlen Fachkräfte?
Durch die Öffnung des Handels hat sich die Situation am Arbeitsmarkt in Osttirol zuletzt wieder leicht erholt. Im Jahresdurchschnitt 2020 waren 1.870 Osttiroler arbeitslos gemeldet. Diese Arbeitslosenquote erhöhte sich vom bisherigen Tiefstand des Vorjahres (6,5 Prozent) auf 8,8 Prozent und lag damit zwar knapp über der Quote von Tirol (8,2 Prozent), jedoch deutlich unter dem Österreichwert von 9,9 Prozent. Ungeachtet dessen bleibt der Fachkräftemangel besonders im Handwerk akut. Hier können sich viele Betriebe über eine sehr gute Auftragslage freuen, stehen jedoch vor der Herausforderung, dass sie nicht ausreichend gut ausgebildete Mitarbeiter finden.
Eine Möglichkeit, dem entgegenzuwirken, ist die Ausbildung in den Betrieben vor Ort. Wie hat sich die Lehrlingsausbildung in Osttirol zuletzt entwickelt?
Der Bezirk Lienz ist für seine top-ausgebildeten Lehrlinge und deren Stellenwert weitum bekannt. In den letzten Jahren gab es dazu auch sehr viele Initiativen, um das Image der Lehre und die Bedeutung der Fachkräfte am Arbeitsmarkt zu stärken. Im Vorjahr wurden im Bezirk Lienz in 284 Lehrbetrieben 800 Lehrlinge ausgebildet, was im Vergleich zu 2019 einen Rückgang um 19 Lehrlinge bedeutet. Bei den Lehrbetrieben hat sich hingegen die Zahl im Jahr 2020 um vier Ausbildungsbetriebe erhöht. Derzeit sind beim AMS mit Besetzungszeit in den nächsten Monaten 118 offene Lehrstellen gemeldet.
Wie wird das Modell „Lehre mit Matura“ angenommen?
Diese Ausbildungsform wird derzeit von etwa 60 Jugendlichen absolviert. Mit der Kombination von „Lehre mit Matura“, die den Lehrlingen wirklich viel abverlangt, stehen den jungen Menschen alle Türen offen. Sie können im erlernten Beruf bleiben, sich weiter qualifizieren oder eine passende weiterführende Ausbildung machen.
Gibt es in Osttirol viele Lehrabbrecher?
Die Rate der Lehrabbrecher liegt bei ca. 15 Prozent, wobei die Auflösung in der Probezeit am häufigsten gewählt wird. Oft kommt später jedoch wieder ein Lehrverhältnis in einem anderen Beruf oder in einem anderen Betrieb zustande.
Spielen geschlechterspezifische Berufe noch immer eine Rolle?
Ja, die Nachfrage belegt dies eindeutig. Bei den jungen Burschen stehen die Berufe Metall-, Elektro- und Kraftfahrzeugtechniker ganz oben auf der Wunschliste, bei den Mädchen ist es nach wie vor die Einzelhandelskauffrau, die Bürokauffrau und die Friseurin. Es gibt eine Vielzahl an Initiativen, um jungen Damen technische Berufe (MINT) näher zu bringen und „schmackhaft“ zu machen. Es wird versucht, den Mädchen die Scheu zu nehmen, in diesen Sparten zu schnuppern und ihr Selbstbewusstsein dahingehend zu stärken, dass auch sie in technischen Branchen erfolgreich sein können. Gerade in diesen Zukunftsbranchen werden sehr viele hochqualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gesucht.
Was kann die öffentliche Hand, was kann die Wirtschaftskammer dazu beitragen, um die Lehre zu stärken?
Die Wirtschaftskammer ist – beginnend bei der Berufsinformation über die Ausstellung des Lehrvertrages bis hin zur Lehrabschlussprüfung – intensiv in die Lehrlingsausbildung eingebunden. Insbesondere im Bereich der Berufsinformation besteht ein sehr breites Angebot. Ich möchte hier die Berufsberatung, Potenzialanalysen, die Veranstaltung „Berufsfestival“, Schnupperworkshops, Lehrlingswettbewerbe und Ausstellungen, wie z. B. die jährliche Ausstellung der Prüfungsstücke der Osttiroler Tischler, nennen. Hinzu kommt, dass der Lehrlingsausbildung auch im politischen Diskurs wieder mehr Platz eingeräumt wird. Es werden neue Lehrberufe kreiert, Lehrlingsförderungen ausbezahlt und über die Aufwertung der Meisterprüfung auch die duale Ausbildung gestärkt. Die wirkliche Gleichstellung mit Höheren Schulen kann letztendlich nur dann gelingen, wenn Gesellschaft und Familie den jungen Menschen vermitteln, dass eine Berufsausbildung über die Lehre eine ebenso gute Basis für Zufriedenheit, wirtschaftlichen sowie gesellschaftlichen Erfolg bietet, wie dies Matura und Studium vermögen.
Welche Schwerpunkte wollen Sie als Obfrau der WK-Bezirksstelle diesbezüglich setzen?
Mir liegt die Lehre sehr am Herzen! Viele unserer Initiativen habe ich bereits angesprochen – und diese sollen auch beibehalten und weiter ausgebaut werden. Ich hoffe, wir kommen nach der Krise rasch wieder zu den „physischen“ Präsentationen. Dies gilt besonders für das „Berufsfestival“, eine Erfolgsgeschichte, die vom Bezirk Lienz ausgehend über ganz Tirol ausgerollt wurde. Nicht unerwähnt sollen die Digitalisierungs-Kurse bleiben, die wir in den Sommerferien anbieten, um das Interesse von Jugendlichen für den IT-Bereich zu verstärken.
Stichwort: Lehrlingswettbewerbe auf Bezirks-, Landes- und Bundesebene: Wie wichtig ist das damit zusammenhängende Narrativ, die Selbstsicht auf den eigenen Beruf und der Stolz auf das hier Erreichte für junge Menschen?
Die Abschlussfeier der Lehrlingswettbewerbe im Jahr 2019 war die erste Veranstaltung, die ich als Obfrau der WK-Bezirksstelle Lienz eröffnen durfte und für mich persönlich ein besonderes Erlebnis. Wir konnten damals 78 ausgezeichnete Osttiroler Lehrlinge vor den Vorhang holen. Die besondere Atmosphäre des Events und der Stolz aller auf das Erreichte war deutlich spürbar – bei den Lehrlingen selbst, bei Lehrbetrieben, Eltern und Freunden. Wettbewerbe, ob auf Bezirks-, Landes- oder Bundesebene machen die Qualität und den Stellenwert der Lehre für alle deutlich und sichtbar!
Im Zusammenhang mit dem Handwerk wird oft der Slogan „goldener Boden“ zitiert. Wie gut sind die Verdienstmöglichkeiten gegenüber jenen von Akademikern?
Wenn man beobachtet, in welchen Bereichen der Fachkräftemangel herrscht und dass meist die Nachfrage den Preis bestimmt, dann ist davon auszugehen, dass gut ausgebildete Fachkräfte in ihren Verdienstmöglichkeiten jenen von Akademikern in nichts nachstehen. Ich selbst erinnere mich noch gut daran, dass mir, als junge Studentin in Wien, ein Installationstechniker vorgerechnet hat, in welchen Bereichen sich sein Einkommen bewegt und wo Uni-Absolventen beruflich starten – für mich damals eine durchaus ernüchternde Information.
Text: Redaktion, Fotos: AdobeStock/auremar, Osttirol heute/Mühlburger