Wald in der Krise: Der Abschied vom Wald, wie wir ihn kennen?

Der Osttiroler Wald befindet sich mitten in einem umfassenden Veränderungsprozess, bei dem der rasant voranschreitende Klimawandel eine entscheidende Rolle spielt.

Dieser wirkt sich z.T. dramatisch auf Vegetationszeiten, Niederschlagsmengen bzw. Niederschlagszeiten, aber auch auf Frostperioden und die Beschaffenheit des Schnees aus. Hinzu kommt, begünstigt durch bereits eingetretene Extremwetterereignisse, eine Borkenkäferplage ungeahnten Ausmaßes, die, wenn man ihr nicht wirksam entgegentritt, dazu führen könnte, dass der Wald mittel- bis großflächig zusammenbricht. Umso wichtiger ist es, eine Vielzahl von Maßnahmen zu ergreifen, um den heimischen Wald an den Klimawandel anzupassen und, wo nötig, wiederaufzuforsten. Nur so wird er weiterhin seine wichtigen Aufgaben für die Gesellschaft wahrnehmen können. Im Gespräch mit dem Osttiroler Bezirksforstinspektor, Dipl.-Ing. (FH) Ing. Erich Gollmitzer, MSc, versuchen wir, wichtigen Fragen in Zusammenhang mit den massiven Borkenkäferschäden nachzugehen und zu klären, was unter dem Begriff „klimafitter Mischwald“ zu verstehen ist, wird doch dieser das Bild des Waldes in unserer Region zukünftig prägen.

 

Dipl.-Ing. (FH) Ing. Erich Gollmitzer, MSc ist als Bezirksforstinspektor intensiv mit allen Fragen rund um die Themen Borkenkäferbekämpfung und „klimafitter Mischwald“ befasst.

 

Herr Bezirksforstinspektor, wenn Sie auf die vergangenen Monate zurückblicken: Welche Erkenntnisse haben sich im Kampf gegen den Borkenkäfer in der „Schadensregion Osttirol“ herauskristallisiert?

Wenn uns das heurige Jahr etwas gelehrt hat, dann ist es die Demut vor der Natur. Wir mussten feststellen, dass die Wirkungen all unserer Bemühungen durch die außergewöhnlichen klimatischen Bedingungen zum Teil einschneidend herabgesetzt wurden. Eine weitere Erkenntnis war und ist jene, dass jedes nur erdenkliche Mittel, das zur Verfügung steht, zum Einsatz kommen muss, um der Borkenkäfervermehrung möglichst frühzeitig entgegenzuwirken. Und es hat sich vielerorts das Bewusstsein durchgesetzt, dass dies nur gemeinsam gelingen kann. Nur über die Kooperation auf allen Ebenen kann dieser „Kampf“ sinn- und wirkungsvoll geführt werden.

 

Mittels TRINET-Fallen wird versucht, die Käferbestände in den heimischen Wäldern zu reduzieren.

 

Sie haben außergewöhnliche klimatische Bedingungen angesprochen. Können Sie dies näher erläutern?

Welche Folgen der Klimawandel auch bei uns hat, verdeutlicht beispielhaft die Entwicklung der durchschnittlichen Niederschlagsmenge im Winter und Frühjahr 2022: Hier lagen wir bei nur zwei Drittel der langjährigen Durchschnittsmenge. Wenn man dann noch weiß, dass die Mittelwerte der Temperatur in den entscheidenden Monaten April bis Juli um rund 3 Grad über den langjährigen Mittelwerten (1981 – 2010) lagen, unterstreicht dies den doch sehr markanten Wandel. Die Klimaveränderung hat weiters dazu geführt, dass sich der Borkenkäfer in unseren sogenannten „Hochlagen“ (bis 2.000 Meter Seehöhe) ausgebreitet hat. Auch in diesen Seehöhen sehen wir uns jetzt mit einem massiven Befall konfrontiert. Das war und ist für uns in Osttirol neu.

Welche Maßnahmen haben trotz der angesprochenen klimatischen Erschwernisse zumindest zu Teilerfolgen geführt?

Die gesetzten Maßnahmen sind immer in einer Gesamtzusammenschau zu sehen. Wir haben beispielsweise zahlreiche Fangschläge angelegt. Darunter versteht man das Fällen von „frischen“, unbefallenen Bäumen, die den Borkenkäfern sozusagen zum Befall vorgelegt werden. Bevor sich die Käfer fertig entwickelt haben, werden die frisch befallenen Bäume dann aus dem Wald gebracht. Somit wird der Entwicklungszyklus des Baumschädlings unterbrochen – ein enorm wichtiger Schritt. Osttirolweit konnten rund 300 solcher Fangvorlagen (rund 20 bis 50 Bäume je Vorlage) umgesetzt werden. Um ein Herabsenken der Käferbestände ging es bei den sogenannten TRINET-Fallen. Auch hier ist einiges geglückt. Leider haben aber gerade diese Maßnahmen in Wäldern, die bereits stark überaltert bzw. „vorgeschwächt“ waren, nicht in dem gewünschten Ausmaß gegriffen. Von einer flächigen Ausbreitung dieser „vorgeschwächten“ Waldzonen sind z.B. die Regionen um Kartitsch und Anras sowie das Defereggental stark betroffen. Positiv war hingegen die Erkenntnis, dass die Bekämpfungsmaßnahmen umso besser wirken, je früher sie gestartet werden. Dies lässt sich vor allem im Lienzer Talboden erkennen.

 

Zu den Maßnahmen gegen den Waldschädling gehören auch sogenannte Fangschläge.

 

Bereits abgestorbene Bäume werden vielerorts vorläufig als Schutzelemente im Wald belassen.

 

Stimmen Angaben, dass aus nur einem, nicht zeitgerecht aufgearbeiteten Baum bis zu 1.000 weitere Käferbäume entstehen können?

Diese Daten wurden im Wege einer Modellrechnung ermittelt, bei der man von maximalen Werten und Vermehrungen ausging. Die Entwicklung in Osttirol hat aber gezeigt, dass die Realität nicht weit davon entfernt liegen dürfte. Eines unserer eigenen Kalkulationsbeispiele zeigt dies sehr gut auf: Geht man von rund 200 Käferweibchen in einem befallenen Baum aus, so „produzieren“ diese je 40 Nachkommen. Am Ende der ersten Generation gibt es somit 4.000 Weibchen (das sind rund die Hälfte der Nachkommen), die in der zweiten Generation 160.000 Käfer produzieren. Kommt es zu einer dritten Generation, so entwickeln sich insgesamt rund 3,2 Mio. Käfer. Das wäre dann tatsächlich jene Menge, die 1.000 Bäume zum Absterben bringen kann.

Wo in Osttirol hat die Borkenkäferplage besonders um sich gegriffen?

Im Bezirk Lienz sind jene Regionen am stärksten betroffen, in denen beide Schneebruchereignisse, nämlich INGMAR im November 2019 und VIRPY im Dezember 2020, massiv wirksam wurden. In diesen, vielfach unbringbaren, Lagen gab und gibt es große Mengen an Schadholz, das dem Käfer als ideales Brutmaterial dient. Es sind dies das Tiroler Gailtal, der Bereich um Sillian und Heinfels, das Gemeindegebiet von Anras sowie das Defereggental. Auch im Iseltal lassen sich – vor allem schattseitig – große Befallsherde feststellen.

 

Insgesamt geht man im Bezirk aktuell von rund drei Millionen Kubikmetern Schadholz aus.

 

Um das Ausmaß des Käferbefalls zu eruieren, werden auch digitale Techniken eingesetzt. Können Sie dies am Beispiel des Projektes „IPS Osttirol 2022“ erklären?

In Osttirol sind in weiten Bereichen Drohnen zur Früherkennung zum Einsatz gekommen. Die Verwendung dieser Fluggeräte ist allerdings nur dann sinnvoll, wenn man die Verdachtsflächen vorher bereits großräumig festgemacht hat. Mittels Drohnenflug kann dann eine spezifische Beurteilung erfolgen, wobei die doch sehr hohen Kosten einen wesentlichen Nachteil darstellen. Die Satellitenbildauswertung sollte dazu dienen, große Bereiche zu detektieren. Am Anfang der Bemühungen stand der Ansatz, Borkenkäfer-Befallsherde frühzeitig über die Verfärbungen der Nadeln zu erkennen. Leider mussten wir zur Kenntnis nehmen, dass durch die Notwendigkeit von mindestens zwei Flügen (Referenz- und Veränderungsflug) sowie durch den hohen Zeitaufwand der Datenauswertung zu wenig, bis gar keine Zeit zur Bekämpfung verblieb. Somit hat sich die Satellitenbildauswertung zur direkten Früherkennung und Bekämpfung als nicht erfolgsversprechend erwiesen. Die von Ihnen angesprochenen Auswertungen im Rahmen des Projektes „IPS Osttirol“ des Bundesforschungszentrums für Wald (BFW) verwenden wir hingegen vor allem dazu, Evaluierungen der gesetzten Maßnahmen vorzunehmen. Für den Bezirk Lienz lieferte uns das BFW so zu drei Zeitpunkten aktuelle Analyseergebnisse, um die Schadenssituation vor 2022 und im Laufe des Jahres 2022 gut abzubilden. Die ersten Ergebnisse wurden genützt, um ein umfassendes Bild der Schadkulisse gewinnen zu können.

Wie viele Kubikmeter Schadholz sind bis dato angefallen?

Wir gehen in Osttirol von derzeit rund drei Millionen Kubikmetern Schadholz aus. Das bedeutet, dass wir die doch große Schadfläche von rund 8.000 Hektar verzeichnen müssen.

Können Sie uns das „System“ der Borkenkäfer-Bekämpfung im Bezirk erläutern? Wer sind die Beteiligten, die hier zusammenarbeiten?

Gerade in der derzeitigen Situation sehen und spüren wir, dass erfolgreiches und zielgerichtetes Arbeiten nur im Verbund bewältigt werden kann. Dies beginnt auf der Ebene der Bezirkshauptmannschaft Lienz. Vor Inangriffnahme der Arbeiten sind nämlich alle rechtlichen Voraussetzungen (z. B. Straßensperren, Bewilligungen für technische Anlagen und Forststraßen etc.) herzustellen. Sehr wertvolle Dienste haben uns, auch in diesem Zusammenhang, Forstkollegen aus Nordtirol geleistet bzw. hat uns die Kooperation mit dem Team der Wildbach- und Lawinenverbauung sowie des Baubezirksamtes die Arbeit sehr erleichtert. In weiterer Folge kommen vorrangig heimische Unternehmer zum Einsatz, die Schlägerungs- und Bringungsarbeiten durchführen. Die Abfuhr des Holzes aus dem Wald ist tatsächlich eine der wichtigsten Maßnahmen zur wirksamen Borkenkäferbekämpfung. Für die Anleitung und Kontrolle vor Ort zeichnen die Gemeindewaldaufseher verantwortlich. Diese sind ein unverzichtbarer Bestandteil unseres „Systems“, mit dem wir, mit Ausnahme von Vorarlberg, vielen anderen Bundesländern weit voraus sind. Ich wage zu behaupten, dass ohne die Arbeit der Gemeindewaldaufseher – in Osttirol stehen je Försterbezirk zwischen vier und acht Gemeindewaldaufseher zur Verfügung – die Schadholzaufarbeitung und Borkenkäferbekämpfung gebietsweise zum Erliegen gekommen wäre. Schlussendlich ist die heimische Sägeindustrie mit ihrer sehr an den Bezirk angepassten Struktur ein wichtiger Systempartner, der am Ende der Rundholzlogistikkette steht.

 

Das Defereggental gehört zu den besonders von der Borkenkäferplage betroffenen Gebieten in Osttirol (im Bild der Weiler Zotten/Gemeinde St. Veit i.D.).

 

Wie sehen Sie den Zustand der Wälder Osttirols jetzt unmittelbar vor Jahresende?

Wir legen das Hauptaugenmerk auf jene Waldflächen, die am „spätesten“, also im Spätsommer bzw. Herbst „braun“ geworden sind. Diese Zonen haben wir kartiert. Das sind dann genau auch jene Bereiche, in denen wir im Winter bzw. im Frühjahr 2023 mit der Schadholzaufarbeitung starten. Anders als im Jahr 2021 richten wir mittlerweile unseren Fokus nicht mehr auf die gesamte Fläche, sondern auf die so genannten und direkt „objektschutzwirksamen“ Schutzwälder.

 

Ein besonderer Fokus bei der Schadholzaufarbeitung und Realisierung von Schutzmaßnahmen gilt Bereichen oberhalb von bewohnten Gebieten und viel frequentierten Straßen.

 

Was wäre, wenn man es sich wünschen könnte, ein idealer Verlauf des bevorstehenden Winters? Würden sehr tiefe Durchschnittstemperaturen helfen?

Aus der wissenschaftlichen Forschung heraus wissen wir, dass tiefe Temperaturen dem Käfer nicht zusetzen. Jeweils im Herbst findet ein Umbau im Organismus des Waldschädlings statt, der durch Alkoholeinlagerung im Gefäßsystem zu einer Art Frostschutz führt. Borkenkäfer können sogar über mehrere Wochen hin bei bis zu -30°eingefroren sein, um dann nach Erreichen einer Temperatur von +17°C wieder Aktivität zu zeigen. Ein kalter Winter hilft uns also nicht wirklich weiter! Wesentlich vorteilhafter wären Monate, die sehr feucht und durch ein deutliches Auf und Ab der Temperaturen gekennzeichnet sind. Ideal wäre eine frühe Wärmephase im Spätwinter, die dann von heftigen Spätfrösten abgelöst wird. Dadurch würde der Käfer quasi „geweckt“ und seine Tätigkeit aufnehmen. Eine dann plötzlich eintretende Kälte könnte ein Absterben beschleunigen. Ebenso würde eine hohe Feuchtigkeit zu Pilzbefall führen und die Population des Schädlings schwächen.

 

In Zusammenarbeit mit der Gebietsbauleitung Osttirol der Wildbach- und Lawinenverbauung werden verschiedenste hangstabilisierende Schutzbauten errichtet.

 

Ist man bei der Entscheidung, bereits abgestorbene Bäume vorläufig zu belassen, geblieben?

Ja! Wir machen uns diesbezüglich Erkenntnisse aus ganz Österreich und Teilen Mitteleuropas zunutze, die besagen, dass Verjüngungen im Schutz von abgestorbenen Bäumen besser aufkommen können. Insbesondere bei großen Schneehöhen wirken abgestorbene Bäume noch lange als Schutzelement. Sie haben zwar keine „pumpende“ Wirkung mehr und können den Boden nicht mehr entwässern, sind aber noch Jahre gegen Steinschläge und Schneeereignisse wirksam. Außerdem stellt sich unter dem abgestorbenen Altholz relativ rasch eine Vegetation ein, die den Boden abdeckt.

 

Im Zuge der Wiederaufforstung werden sich die heimischen Wälder hin zu „klimafitten Mischwäldern“ wandeln.

 

Wie sieht es in puncto Wiederbewaldung aus?

Eine besondere Chance, die natürlich aus der Not geboren wurde, ist die Umwandlung unserer Wälder zu klimafitten Mischwäldern. Die Schadflächen werden ausschließlich mit Mischbaumarten wiederaufgeforstet, wobei der Anteil der Fichte bei maximal 50 Prozent liegt. Zudem lassen wir die Natur arbeiten. Dies geschieht in der Weise, dass wir weniger schutzrelevante Bereiche nicht aufforsten, sondern es der Natur überlassen, jene Baumarten zu etablieren, die für den Standort die richtigen sind. Das nennt man Naturverjüngung. Ein Beispiel für eine gelungene Wiederaufforstung ist der sogenannte „Daberbacheinhang“ im Gemeindegebiet von Ainet. Im Oberlauf des Daberbaches wurden rund 20 Hektar Kahlflächen klimafit aufgeforstet. Die Jungbäume sind hervorragend angewachsen und werden bald eine erste Schutzfunktion erfüllen. Solche hoffnungsvollen Beispiele gibt es aber natürlich auch in anderen Regionen unseres Bezirkes.

 

 

Wie wichtig ist bei der Wiederaufforstung die richtige Auswahl der Baumsorten?

Die wichtigste Mischbaumart im Bezirk ist zweifelsfrei die Lärche, die von tiefen Lagen bis in die Hochlagen aufgeforstet werden kann. Wichtige Nadelmischholzbaumarten sind weiters die Tanne (in schattigen, feuchten Lagen), die Weißkiefer (trockene Standorte) sowie die Zirbe (in höheren Lagen). Als Laubbaumarten haben sich der Bergahorn, die Stiel- und Traubeneiche sowie die Rotbuche etabliert. In wärmeren Lagen verwenden wir auch Lindenarten und Walnuss. Vor zwei Jahren haben wir außerdem einen Versuch mit der Edelkastanie gestartet. Entscheidend ist aber immer die standortgerechte Ausbringung, denn nicht jede Baumart ist für jeden Standort geeignet. In Hinblick auf die Fichte ist zu sagen, dass sich diese Baumart in Osttirol, bedingt durch die Klimaveränderung, in höhere Regionen hin entwickeln dürfte. In Sachen „klimafitter Mischwald“ möchte ich auch auf die Arbeit des Landesforstgartens Tirol mit seiner Osttiroler Außenstelle unter der Leitung von Ing. Fabian Leiter verweisen. Der Landesforstgarten Nikolsdorf ist für die Osttiroler WaldeigentümerInnen ein entscheidender Systempartner, stellt er doch die benötigten Pflanzen in bester Qualität zur Verfügung. Bei einer Gesamtanzahl von rund 1 Million Pflanzen im Jahr 2022 ist dies eine enorme Aufgabe. Ich bin davon überzeugt, dass gerade die Bereitstellung der Mischbaumarten wie Lärche & Co einem auswärtigen Forstgarten nicht gelungen wäre!

 

Der „Waldumbau“ wird dauern, bestenfalls zwischen sieben und 15 Jahre. Bis dahin dienen u.a. auch Stahlnetze dem Schutz vor Hangrutschungen etc.

 

Wenn man davon ausgeht, dass das Gros der Fichtenbäume in tiefen und mittleren Lagen früher oder später vom Borkenkäfer befallen sein wird – wie wird sich dies auf das Landschaftsbild im Bezirk auswirken?

Die Landschaft Osttirols hat sich schon verändert. Wir haben entwaldete Flächen in einem Ausmaß, das so vorher nicht vorstellbar war. Und die Landschaft wird sich weiter wandeln – auch durch neue Waldbilder. Einförmige Bestände werden durch Nadel- und Laubmischwälder abgelöst werden.

 

Im Bild Schadholzaufarbeitung im Dabergraben

 

Gibt es in der breiten Bevölkerung eine Sensibilisierung für diese doch neue Situation?

Die Sensibilisierung ist angesichts der dramatischen Borkenkäferplage sehr rasch gekommen und nunmehr stark in der Bevölkerung verankert. Bei vielen steht die Sorge um den eigenen Lebensraum im Vordergrund. Die Schutzfunktion des Waldes wird nicht mehr, so wie bisher, als etwas Selbstverständliches wahrgenommen. Was mir auffällt, ist aber auch, dass sich die Menschen sehr schnell an geänderte Verhältnisse gewöhnen. Sobald eine „grüne“ Vegetation vorhanden ist, wird eine Kahlfläche nicht mehr als solche wahrgenommen.

Stimmt es, dass sich die Maßnahmen aufgrund der dramatischen Entwicklung im heurigen Jahr vornehmlich auf den Dauersiedlungsraum konzentrieren mussten?

Ja, das stimmt. Genau daran arbeiten wir. Gemeinsam mit der Gebietsbauleitung Osttirol der Wildbach- und Lawinenverbauung haben wir eine Priorisierung der notwendigen und wichtigsten Maßnahmen vorgenommen. Dazu zählen Schutzmaßnahmen in direkt objektschutzwirksamen, sehr steilen Lagen mit bis zu 28 Grad Neigung. Dies gilt etwa für Bereiche oberhalb von Siedlungsgebieten oder des höherrangigen Verkehrsnetzes. Die Umsetzung der entsprechenden Maßnahmen läuft bereits. Als Beispiele sind „Hochabstockungen“ sowie das Fällen von Querbäumen zu nennen, wie man dies z. B. oberhalb der Latschenkieferbrennerei in Assling erkennen kann.

Lässt sich abschätzen, wann auch andere Bereiche wieder effektiv und nachhaltig bearbeitet werden können?

Diesen Zeitplan werden uns die Natur und die Dynamik der Borkenkäfergradation vorgeben. Sobald die Käferplage ansatzweise überwunden ist, werden wir wieder in weniger schutzwirksamen Bereichen aktiv werden können.

Betroffene Waldbauern, deren Höfe direkt unterhalb großer Schadflächen liegen, äußern die Sorge, dass vor allem Extremniederschläge in Form von Regen zukünftig zur großen Gefahr werden könnten. Wie schätzen Sie dies ein?

Diese Sorge ist verständlich und nachvollziehbar. Gegen Lawinen und Steinschlag kann man weitreichende, effektive Maßnahmen setzen. Wasser hingegen ist in diesem Zusammenhang nicht beherrschbar. Das hat sich, gerade im Bezirk Lienz, immer wieder bei Starkniederschlagsereignissen gezeigt. Wir gehen allerdings davon aus, dass sich in weiten Bereichen eine „Deckung“ der Kahlflächen durch Begleitvegetation einstellen wird. Das ist zwar nur ein erster, aber bereits wichtiger Schritt.

 

Aufgrund der enormen Mengen an angefallenem Schadholz kann die Aufarbeitung nur schrittweise erfolgen. Priorisiert werden jene Bereiche, die für die Bevölkerung hinsichtlich ihrer Schutzfunktion am relevantesten sind.

 

Wie wird sich die Situation im Bezirk mittel- und langfristig entwickeln? Wie und wann könnte die Borkenkäferplage enden?

Es gibt diesbezüglich interessante wissenschaftliche Untersuchungen aus Deutschland, die im Zusammenhang mit den Borkenkäfervermehrungen nach den Stürmen Vivian 1990 und Lothar 1999 erstellt wurden. Beim Ergreifen von entsprechenden Maßnahmen konnte bereits nach drei Jahren nach dem jeweiligen Ereignis eine markante Abschwächung des Befalls dokumentiert werden. Ohne das Ergreifen von Maßnahmen trat dieser Effekt erst nach fünf bis sechs Jahren ein. Für Osttirol würde das bedeuten, dass das nächste Jahr – also Jahr drei – noch voller Herausforderungen steckt, und dann eine Abmilderung eintreten sollte. In jedem Fall werden wir auch weiterhin alle Maßnahmen ergreifen, die denkbar und umsetzbar sind!

Wie lange ab Wiederbepflanzung brauchen Wälder, um wieder wirksam „nachzuwachsen“?

In Osttirol gehen wir, je nach Höhenlage und Bodengüte, von einem Verjüngungszeitraum zwischen sieben und 15 Jahren aus.

Wie geht es den unmittelbar Betroffenen, insbesondere den WaldbesitzerInnen, nach den doch schwierigen vergangenen Monaten?

Für alle in dieser „Branche“ arbeitenden Menschen gilt dasselbe: Durch die enorme Intensität in sehr kurzer Zeit wurden alle gefordert und zum Teil überfordert. Insbesondere die holzverarbeitenden Betriebe waren irgendwann nicht mehr in der Lage, alle angekauften Mengen rechtzeitig aus dem Wald abzuführen. Priorisierungen mussten aber auch alle befassten Dienststellen vornehmen. Immer und überall und jederzeit zur Stelle zu sein, ging und geht sich nicht mehr aus. Es gilt mittlerweile das Prinzip, jene Bereiche zu lokalisieren, die für die Bevölkerung hinsichtlich der Schutzfunktion am relevantesten sind. Dort bündeln alle befassten Systempartner ihre Kapazitäten für eine größtmögliche Wirkung. Leider ist infolge der enormen Borkenkäferplage vielen Waldbauern die Motivation und die „Freude am Wald“ abhanden gekommen. Ich hoffe, dass sich dies in Zukunft wieder ändern wird.

Würden Sie abschließend sagen, dass ein Licht am Ende des Tunnels erkennbar ist oder ist es dazu noch zu früh?

Ich persönlich lebe nach dem Grundsatz, dass man mit allem rechnen muss – auch mit dem Guten. Demnach sehe ich sehr wohl einen Silberstreif am Horizont, der sich für mich aber vor allem aus der Zusammenarbeit mit vielen Menschen ergibt. Gerade in einer Krise sieht man genau, auf wen Verlass ist. Und das sind in Osttirol sehr viele Menschen! Und dann sind es auch jene Flächen, die bereits wiederbewaldet sind, und denen man fast beim Wachsen zuschauen kann, die mich positiv stimmen und mir Zuversicht für die Zukunft geben!

 

 

Text: Elisabeth Hilgartner, Fotos: © Elias Bachmann, Osttirol Journal, Bezirksforstinspektion Osttirol, Land Tirol/Gruppe Forst

28. Dezember 2022 um