Vordenker-Prozess mit 250 Besuchern eingeleitet
Großer Andrang herrschte am 11. März 2013 bei der Auftaktveranstaltung zu „Vordenken für Osttirol“ mit namhaften Referenten zu Regionalentwicklung und Bildung.
Michael Aichner, Obmann der Osttiroler Wirtschaftskammer, nahm die Begrüßung der rund 250 Interessierten aus den verschiedensten Bereichen vor – Vertreter von Wirtschaft, Bildung, Politik, Behörden und Ämtern sowie des öffentlichen Lebens waren am Montag, 11. März 2013, in den Saal der Dorfstube Tristach zur Auftaktveranstaltung „Vordenken für Osttirol“ gekommen. Dr. Richard Piock, Generaldirektor von Durst Phototechnik, zeichnete zunächst ein düsteres und „nicht wünschenswertes Zukunftsbild“ für die Region Osttirol im Jahre 2028. Das Durchschnittsalter der wenigen noch verbliebenen Bewohner beträgt darin 92 Jahre, Infrastruktur wie Krankenhaus und Bahn sind eingestellt, Transferzahlungen fließen nicht mehr, und Reiseveranstalter bieten alpine Wanderungen im Naturreservat an. Tatsächlich ergäbe sich bereits heute für die Region eine deutliche Negativspirale, die immer mehr Menschen in Ermangelung an Beschäftigung und Bildung auswandern lasse. Man sei von Transferzahlungen abhängig, und Infrastruktur werde nicht aus nachhaltigen, sondern aus politischen Gründen geschaffen. „Osttirol benimmt sich wie ein von der Geschichte bestraftes Kind“, so Piock. Die Region müsse durch die eigenen Bürgerinnen und Bürger wieder in Wert gesetzt werden – mit regionalen Entscheidungsgremien, wie etwa einer Osttiroler Energiegesellschaft und einer Osttiroler Beteiligungsgesellschaft.
Dr. Richard Piock hat bei Joanneum Research Graz auf eigene Kosten eine Studie über den Wirtschaftsstandort Osttirol in Auftrag gegeben, deren erste Ergebnisse im Rahmen der Tagung präsentiert wurden.
„Osttirol hat aber nicht nur Schwächen, sondern durchaus auch Stärken, die es gilt auszubauen“, meinte Piock. Die periphere Lage und die verkehrstechnische Abschneidung habe Osttirol vor „ausufernder Tourismusprostitution“ bewahrt. „Vor allem die weitgehend unberührte Natur sehe ich als Stärke, die ausgebaut gehört. Das Wasser sollte für die Energieerzeugung genutzt werden, die Erträge daraus sollen aber in der Region bleiben“, betonte Piock. Ein wichtiges Prinzip sei dabei das nachhaltige Wirtschaften mit der Natur. „Die Entwicklung einer einheitlichen Regionalmarke, die sich an der Natur und an der Nachhaltigkeit orientiert, lasse Osttirol zu einer lebendigen Region werden, die von Transferleistungen unabhängig wird“, so Piock.
Am Nachmittag referierte der Bestsellerautor Dr. Andreas Salcher über die Zukunft der Bildung.
Anschließend präsentierte Dr. Franz Prettenthaler erste Ergebnisse einer Studie über den Wirtschaftsstandort Osttirol, in der der Bezirk mit ähnlichen Regionen – wie etwa Liezen, dem Valle d’Aosta oder dem Berchtesgadener Land – verglichen wird. „Die Region hat im Tourismus Produkte mit einer hohen Bruttowertschöpfungskette entwickelt. In diesem Bereich braucht Osttirol den Vergleich mit anderen Regionen nicht zu scheuen“, erklärte Prettenthaler. Die Wintersaison gewinne und die Sommersaison verliere an Bedeutung, insgesamt stagnieren die Nächtigungszahlen. Negativ sei die Bevölkerungsentwicklung. So werde Osttirol Berechnungen zufolge bis 2030 rund 3% seiner Einwohner verlieren, während Tirol und Österreich bei den Bevölkerungszahlen um 7% wachsen werde. „Durch den Geburtenrückgang, die Abwanderung und wenig bis gar keine Zuwanderung könnte sich auch ein Mangel an Facharbeitern ergeben und so Überlegungen in Richtung Betriebsansiedelung hintan gestellt werden“, so Prettenthaler.
Text : Raimund Mühlburger, Fotos: martinlugger.com