Design trifft Handwerk: Peter Bruckner Preis 2024 vergeben
Das Museum Aguntum war am 12. Juli 2024 Schauplatz für eine interessante Fachtagung und für die Verleihung des Peter Bruckner Preises 2024. Die Siegerprojekte sind noch bis 25. August 2024 in Aguntum zu sehen.
Der Peter Bruckner Preis wurde im heurigen Jahr bereits zum dritten Mal ausgelobt, der Ausschreibung leisteten über 50 Einreichende aus sechs Ländern Folge. Die Aufgabenstellung war 2024 bewusst offen gewählt: Es wurden innovative Produkte gesucht, die den Wandel in Design, Handwerk und lokaler Produktion thematisieren. Dies konnten sowohl innovative Konsumgüter und Bauteile als auch neue Materialentwicklungen und Produktionsverfahren sein. Im Juryentscheid fanden neben dem Fokus auf Innovation auch die Aspekte Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung und Kreislauffähigkeit, die Originalität des Entwurfs sowie die ästhetische Qualität Berücksichtigung.
Der Peter Bruckner Preis, benannt nach dem bekannten Tristacher Kunstschmied, ist allerdings mehr als „nur“ ein klassischer Design-Wettbewerb. Er soll, wie Mag. Reinhard Lobenwein, Geschäftsführer der INNOS GmbH, betont, „auch ein Forum sein, das dem Austausch dient und lokale wie internationale Akteure aus Handwerk sowie Design zusammenbringt.“

Den Einführungsvortrag der Fachtagung zum Thema „Künstliche Intelligenz in Gestaltung und Produktion“, die am Beginn der diesjährigen Veranstaltung stand, hielt Univ.-Prof. Mag. Stefan Moritsch, der Schwiegersohn des namensgebenden Peter Bruckner. Er lehrt an der New Design University in St. Pölten und leitet dort den Studiengang Design, Handwerk und materielle Kultur. In Aguntum stellte Moritsch ein Projekt der Universität St. Pölten vor, in dessen Rahmen sich produzierende Betriebe aus Österreich mit dem Potenzial aktuell verfügbarer KI-Programme beschäftigten und konkrete Designentwürfe für neue Produkte entwickelten. Besonders überraschend waren die Entwürfe von Kunstschmied Alois Unterrainer, der Kunsthandwerkerin Theresa Wurzer und dem Musikinstrumenten-Bauer Fabian Huber aus Osttirol. Als zweiter Referent der Fachtagung trat der Physiker Ing. Mag. Dr. Andreas Windisch ans Rednerpult. Der Forschungsgruppenleiter von Intelligent Vision Applications am Institut Digital des Joanneum Research in Graz versuchte den Zuhörer:innen vor Ort ein Verständnis für den aktuellen Stand der Technik von Werkzeugen der Künstlichen Intelligenz zu vermitteln. Sein Ratschlag zum Thema lautete: „Bleibt informiert, denn KI ist gekommen, um zu bleiben!“ Außerdem forderte er dazu auf, den Mut zu haben, KI-Programme auszuprobieren, eigene Erfahrungen zu sammeln und sich mit anderen Anwendern auszutauschen bzw. mit diesen zusammenzuarbeiten. Im dritten Vortrag der Fachtagung stellte die Tiroler Architektin und Digital-Künstlerin Mag. Valerie Messini, die u.a. an der Universität für angewandte Kunst in Wien lehrt, den rasanten Fortschritt der künstlichen Intelligenz in den Fokus. Sie betonte, wie sehr KI die Gesellschaft transformieren wird und welche ethischen Herausforderungen im Zuge dieses tiefgreifenden Wandels auf uns zukommen werden. Als besonders kritisch seien Datenverzerrungen und algorithmische Diskriminierung zu sehen. Diese erläuterte sie z.B. am Beispiel von Gesichtserkennungssystemen, die erhebliche Unterschiede in der Erkennungsgenauigkeit entlang von Geschlecht und Hautfarbe aufweisen und somit bestehende Ungleichheiten verschärfen dürften. „Derart ungerechte Unterscheidungen zwischen einzelnen Menschen oder Gruppen von Menschen basieren auf der Grundlage von Merkmalen, die teils sichtbar und teils unsichtbar sind, wie etwa Alter, Behinderung, Herkunft, Sprache und Religion. Wenn man zum Beispiel in KI-Programmen nachfragt, was eine einflussreiche Person sei, dann erhält man mit ‚ein alter, weißer Mann‘ die Antwort.“ Aus diesem Grund sei, so Valerie Messini, die ethische Auseinandersetzung mit KI entscheidend, um Gesellschaft, Demokratie und Privatsphäre zu schützen. Sie forderte eine KI-Entwicklung, die verantwortungsbewusst, transparent und gerecht ist, um sicherzustellen, dass die Vorteile der Technologie allen Gesellschaftsteilen gleichermaßen zugutekommen. Als Schlussredner der Fachtagung konnte von den Veranstaltern Mag. Mischa Schaub aus der Schweiz gewonnen werden. Der Leiter der Basler Stiftung Virtual Valley als Forschungsgesellschaft für Entwurfsgestaltung erläuterte anhand eines praktischen Beispiels, wie Design dazu beitragen kann, Produkte herzustellen und Prozesse zu entwickeln, die umweltfreundlich sind.

Der zweite Teil der Veranstaltung in Aguntum galt der Verleihung des Peter Bruckner Preises 2024. Die Fachjury, bestehend aus Ing. Edwin Meindl, CEO von MICADO, Univ.-Prof. Mag. Stefan Moritsch, der Designerin Mag. Katrin Radanitsch und INNOS-Projektmanagerin Paula van der Woude, BA MA, hatte aus den über 50 Einreichungen die Siegerprojekte ausgewählt. Die Verleihung der Auszeichnungen wurde durch die Projektpartner der INNOS GmbH, Mag. Michaela Hysek-Unterweger, Bezirksstellen-Obfrau der WKO Tirol, André Kraler, CEO der Hella Gruppe, Mag. Karl Poppeller, Vorstand der Felbertauernstraße AG, und Markus Trost, Geschäftsführer der Trost GmbH/Matrei sowie Vertreter des Vereins Industrie 4.0, vorgenommen. 14 Preistäger:innen der insgesamt 16 ausgezeichneten Projekte bzw. Produkte waren vor Ort, um die Auszeichnung persönlich entgegenzunehmen.
Eine der diesjährigen acht „Lobenswerten Erwähnungen“ ging an das Osttiroler Unternehmen Tischlerei Forcher/Lienz. Andreas Wolsegger (Bildmitte) nahm den Preis für das Projekt „Alma“ aus den Händen von Karl Popeller (links) und Markus Trost (rechts) entgegen.
In der Kategorie „Lobenswerte Erwähnungen“ wurden acht Projekte ausgezeichnet: „Tenacissimae“, eingereicht von Sara Bologna aus Italien, „Alma“, eingereicht von Philipp Profer von der Tischlerei Forcher in Lienz, „Bivalve“, eingereicht von Ante up aus Wien, „Evolving Textile Prints x ASAP“, eingereicht von Zuzana Šebeková und Barbara Peuch aus der Slowakei, „Holobrick“, eingereicht vom Cybercraft Kollegg der TU Regensburg aus Deutschland, „KTR“, eingereicht vom Studio Blass & Orange aus Wien, „Meta Creativity“, eingereicht von Martin Verner aus der Tschechei sowie „Quadrifoglio“, eingereicht vom REX|LAB der TU Innsbruck. Die fünf Anerkennungspreise des diesjährigen Peter Bruckner Preises gingen an die Projekte „Opponent“ (Einreicher: Studio ante up), „Neues vernakulares Bauen“ (Einreicher: Julius Schönberger von Schönberger Architektur/Oberpfalz/Deutschland), „Dakar Chair“ (Einreicher: Studio Dessi/Wien), „Displacement is served“ (Einreicher: Erik Eltner/Wien) und „LYFT“ (Einreicher: Roman Freynhofer von FR Design & Craft/Michelbach).

Die Verleihung der Hauptpreise an Georg Siegele (Bild oben) und Linda Havrliková (Bild unten)

Aufgrund der in der Ausschreibung explizit erwünschten großen Diversität der Projekte entschloss sich die Fachjury in diesem Jahr dazu, statt eines ersten, zweiten und dritten Preises drei Hauptpreise zu je EURO 2.000.- zu vergeben. Der Titel des ersten Siegerprojektes lautete „Clothes of natural origin“, eingereicht von der Designerin, Landwirtin und Tierzüchterin Linda Havrliková. Kennzeichen ihrer Kleidung ist der tschechische Loden aus 100% selbst produzierter Wolle. Jeder Stoff und jedes Kleidungsstück hat dank der Verwendung von regional erzeugter Schafswolle eine transparente Lieferkette. Die Designerin überwacht den gesamten Prozess vom Rücken der Schafe bis zur Verarbeitung der Wolle, der Herstellung der Stoffe und dem Nähen der Kleidung. Diese wird auf einem Bauernhof hergestellt, der über ein eigenes Wasserkraftwerk verfügt. Die Kleidungsstücke rein natürlichen Ursprungs können nach dem Ausreißen der Fäden vollständig zerlegt werden. Der Kauf des Kleidungsstücks beginnt mit der Geburt eines Lammes.
Nach der Eröffnung der Ausstellung machten sich Projektträger und Vertreter der Partner (im Bild unten links: Reinhard Lobenwein und Karl Poppeller mit Designer Stefan Moritsch) und Interessierte aus dem Publikum ein Bild von den ausgezeichneten Projekten
Siegerprojekt zwei lief unter dem Titel „Dreikantel“ und wurde vom Tiroler Georg Siegele, einem Tischlereitechniker und Tischlermeister, der seit Abschluss des Bachelorstudiengangs Design, Handwerk & materielle Kultur der New Design University in St. Pölten und des Masters Design und Produktmanagement an der FH-Salzburg als freier Designer tätig ist, eingereicht. Seinen „Dreikantel“ erklärte er so: „Beim Zuschnitt von Massivholz fallen oft große Mengen an Holzabfällen an, die im konventionellen Handwerk nicht weiter genutzt werden. Diese Abfälle werden anschließend meistens verbrannt. Das Ziel meines Projektes ist es, diese meistens dreieckigen Holzabfälle vom Massivholzzuschnitt zu nutzen und so im Rahmen der Kreislaufwirtschaft eine Kaskadennutzung zu ermöglichen.“

Den dritten Siegerpreis holte sich das Osttiroler Unternehmen Holzbau Unterrainer mit seiner „Sawbox“.

Als Siegerprojekt drei wurde „Sawbox“ gekürt, eingereicht von der Aineter Holzbau Unterrainer GmbH, einem renommierten Osttiroler Handwerksbetrieb, dessen Motivation und Ziel schon seit langem darin liegt, traditionelles Handwerk und Innovation am Puls der Zeit zu verbinden. 20.000 Festmeter Holz einschneiden pro Jahr – aber mit einem Zehntel der Mitarbeiter und einem Zehntel der Fläche? Die Sawbox definiert die Standards für die Schnittholzproduktion neu! Mit ihrer kompakten Bauweise ermöglicht sie sämtliche Arbeitsschritte innerhalb eines Bearbeitungszentrums, was zu einer effizienten Produktion mit minimalem Platzbedarf führt. Im Gegensatz zu herkömmlichen Sägewerken erfolgt bei der Sawbox sämtliche Bearbeitung in einem einzigen Schritt und ermöglicht so eine effiziente Produktion mit nur einem Mitarbeiter. Die Verarbeitung von heimischem Holz spart Transportwege, hält die Wertschöpfung in der Region, ermöglicht langfristig kalkulierbare Preise und ist ein Beitrag zur Unabhängigkeit und Nachhaltigkeit regionaler Produktion.
Alle prämierten Projekte sind noch bis 25. August 2024 im Rahmen einer „integrierten Sonderausstellung“ im Museum Aguntum zu sehen. Bei der Eröffnung der Schau bedankte sich INNOS-Projektmanagerin Paula van der Woude bei allen Projektpartnern und insbesondere auch beim Team vom Museum für die gute Zusammenarbeit. „Wir freuen uns jetzt schon auf den Peter Bruckner Preis 2025.“
Text: Redaktion, Fotos: INNOS GmbH/ Lugger, INNOS GmbH, Unterrainer Holzbau, Video: Martin Lugger


