Osttiroler Beitrag zum deutschen Luft- und Raumfahrtprojekt: Mit Isar Aerospace ins Weltall
Von einem außergewöhnlich spannenden Projekt für Isar Aerospace kann das Osttiroler Unternehmen MICADO mit Sitz in der Iseltaler Gemeinde Oberlienz berichten.
Schwerreiche Männer, ganz große Raketen: Auf diesen Nenner lassen sich die Meldungen der vergangenen Monate zur privat finanzierten Raumfahrt bringen. Erster Milliardär im All war Virgin-Gründer Richard Branson (70), der mit einer Rakete ins Weltall abhob. „Einfach nur magisch“ sei der Blick von oben auf die Erde gewesen, berichtete er nach seinem einstündigen Flug. Amazon-Gründer Jeff Bezos (57) brach neun Tage später in einer Rakete seines Raumfahrtunternehmens Blue Origin in den Weltraum auf. Es sei der „beste Tag überhaupt“ gewesen, sprach er nach seinem Zehn-Minuten-Flug, der vollautomatisch ablief. Auch Elon Musk (50), Chef des Elektrobauers Tesla, setzte mit seinem Weltraum-Unternehmen SpaceX neue Maßstäbe. Das verrückte Rennen der Superreichen um den Weltraumtourismus – es ist in diesem Sommer so richtig losgegangen.
Das große Geschäft verspricht aber ein artverwandter Geschäftszweig zu werden: das Hochschießen kleiner, leichter Satelliten in die Erdumlaufbahn. SpaceX macht das im Rahmen seines Starlink-Projektes, Bezos hält mit seinem Internetsatelliten-Projekt „Kuiper“ dagegen. Aber auch das deutsche Start-up Unternehmen „Isar Aerospace“ gewinnt im Wettlauf um weltumspannende Satellitennetzwerke zunehmend an Schlagkraft.
Ing. Edwin Meindl und Ing. Jens Hopfgartner, MSc, MICADO SMART ENGINEERING GmbH
Was hat das alles mit Osttirol zu tun?
Gehen wir zurück ins Jahr 2004. Damals schloss ein junger Osttiroler Techniker namens Clemens Possenig die Fachschule für Fertigungstechnik und Maschinenbau an der PHTL Lienz ab. Edwin Meindl, Geschäftsführer der Firma MICADO, kann sich noch gut an die Zeit erinnern, da der MICADO-Chef damals im Nebenberuf Konstruktionsübungen an der PHTL Lienz unterrichtete. „Leidenschaftliche, aufgeschlossene Techniker mit Liebe zum Detail erkennt man sofort und Clemens war einer davon“, so Edwin Meindl. Nach dem Abschluss der Fachschule startete Clemens seinen beruflichen Werdegang bei dem österreichischen Luftfahrtzulieferer FACC als Testingenieur für Faserverbundbauteile. Es dauerte nicht lange, da trudelte im Osttiroler Unternehmen MICADO auch schon die erste Anfrage für die Konstruktion und den Bau von Prüfvorrichtungen ein, die man in der Folge auch zur vollsten Zufriedenheit des Kunden umsetzen konnte. Clemens Karriere schritt nach seiner Zeit bei FACC weiter voran: Sein Weg führte ihn vom Technikum an der TU München zum Quality Manager für Salewa und Dynafit der Oberalp Gruppe und schließlich bis hin zum Technical Designer des deutschen Luft- und Raumfahrtprojektes Isar Aerospace.
Im Frühjahr 2021 klopfte Clemens erneut bei MICADO an: Mehrere Prüf- und Montagevorrichtungen für den Bau der Endstufe der deutschen Trägerrakete wurden benötigt. Aus einer Vielzahl von Lieferanten wurde MICADO vom deutschen Luft- und Raumfahrtunternehmen Isar Aerospace für die Entwicklung und den Bau der Vorrichtungen ausgewählt. „Die Grundlage der Entscheidung für MICADO stellten das große Know-how, auf das wir in den Bereichen Luft- und Raumfahrt verweisen können, und unser sehr breites Spektrum an Referenzprojekten dar. Darüber hinaus leistete unser Team in einer mehrwöchigen Konzeptphase hervorragende Arbeit, wodurch der Kunde schlussendlich überzeugt werden konnte. Es freut uns sehr, ein kleiner Teil im hochkomplexen Herstellungsprozess dieser zweistufigen, orbitalen Trägerrakete zu sein, welche künftig Satelliten bis zu einer Tonne in den Erdorbit befördert“, erläutert Jens Hopfgartner, technischer Geschäftsführer der MICADO SMART ENGINEERING GmbH, die Hintergründe.
Das Team rund um Teamleiter Markus Rath und den technischen Projektleiter Martin Weißkopf entwickelte binnen weniger Wochen eine völlig neuartige Montagevorrichtung, mit deren Hilfe das Endstufen-Triebwerk hochpräzise zum darüberliegenden Treibstofftank ausgerichtet und montiert werden kann.
v.l.n.r.: der technische Projektleiter Martin Weißkopf mit Praktikant Lorenz Possenig und Ing. Markus Rath, Teamleiter im Bereich Werkzeug- und Vorrichtungsbau
Nach Abschluss der CAD-Konstruktion wurden sämtliche Fertigungsteile innerhalb weniger Wochen von MICADOs regionalen Lieferanten gefertigt. Auf Basis der anschließenden Montage und Inbetriebnahme der Vorrichtung konnte das Osttiroler Unternehmen die Ingenieure von Isar Aerospace zur termingerechten Abnahme im Herbst 2021 im MICADO-Firmengebäude in Oberlienz begrüßen. „Alles lief wie am Schnürchen – von der Konstruktion über die Fertigung bis hin zur Abnahme. Aufgrund des perfekten Projektmanagements konnten wir sogar noch ein paar Tage Lieferzeit herausholen“, schildert Jens Hopfgartner den Projektablauf. „Es war schön zu sehen, wie unsere Mitarbeiter trotz des hohen Drucks im Team zusammenarbeiteten. Nur so können wir derart terminkritische Projekte, die voller technischer Feinheiten stecken, sprichwörtlich aus dem Ärmel schütteln“, unterstreicht MICADO-CEO Edwin Meindl, wie stolz er auf die Leistungen des gesamten Teams ist.
MICADO-Geschäftsführer Ing. Edwin Meindl und Ing. Andreas Dorer, technischer Geschäftsführer MICADO AUTOMATION GmbH
„Die Geschichte rund um den Werdegang von Clemens Possenig, vom Fachschüler der PHTL Lienz zum Testingenieur bei Isar Aerospace in München, ist für mich beispielgebend. Zum einen fasziniert mich, was man von Osttirol aus mit Fleiß und Zielstrebigkeit beruflich alles erreichen kann. Seine Laufbahn sollte als Motivation für jeden jungen Techniker dienen. Zum anderen zeigt es, wie ein gelebtes Netzwerk die heimische Wirtschaft beflügelt und dadurch Arbeitsplätze geschaffen oder gehalten werden können“, so Edwin Meindl abschließend. Er hofft, dass auch andere Auslands-Osttiroler diesem Beispiel folgen und Projekte vermehrt von der Ferne aus bei Unternehmen im Bezirk Lienz anfragen.
Als Folge des positiven Projektabschlusses stehen weitere Anfragen von Isar Aerospace bei MICADO ins Haus, die eine vielversprechende Zusammenarbeit mit dem deutschen Raketenunternehmen erahnen lassen. „Wir sind nicht zuletzt deshalb auch auf der Suche nach zusätzlichen Technikern für unser Team, um gemeinsam mit ihnen, ähnlich wie für Isar Aerospace, spannende Projekte umsetzen zu können.“ Auch die Erweiterung einer zusätzlichen Montagehalle inklusive Bürogebäude speziell für den Bereich Automatisierungstechnik ist für 2022 geplant. Dazu informiert Andreas Dorer: „Die Nachfrage nach Automatisierungstechnik ist so hoch wie nie, dementsprechend sind unsere Auftragsbücher für das kommende Jahr bereits jetzt gut gefüllt. Es warten wieder viele herausfordernde neue Projekte auf uns. Als führender Ansprechpartner, wenn es ums Thema Automatisierung und Robotik geht, arbeiten wir mit nahezu allen namhaften Unternehmen in der Region zusammen. Darauf sind wir besonders stolz!“
Fotos: © MICADO
