Osttirol/Gailtal: Von Kletzenbirnen, alten Bäumen und süßen Leckereien
Der Osttiroler Philipp Bodner und Leopold Feichtinger aus Kraß bei Hermagor kümmern sich um den Erhalt der eher selten gewordenen „Kletzenbirnbäume“.
„Meine Leidenschaft sind alte Obstsorten mit ihrer großen Vielfalt an Geschmäckern, Farben, Formen und Verarbeitungsmöglichkeiten. Um die Genetik dieser Sorten zu erhalten, bin ich stets auf der Suche nach regional verbreiteten Sorten, wobei ein besonderes Augenmerk jenen gilt, die für raue und hohe Lagen geeignet sind“, erzählt Philipp Bodner. Der 27-Jährige hat an der BOKU Wien das Studium der Agrarwissenschaften abgeschlossen und finalisiert derzeit sein Studium der Nutzpflanzenwissenschaften. Für zwei Lehrveranstaltungen ist er als Tutor an der BOKU tätig und pendelt deshalb zwischen Wien, Lienz und Kötschach-Mauthen.
In ihrer Baumschule in Kötschach-Mauthen legen Philipp Bodner und seine Partnerin Eva Hinterbichler Sortengärten an und ziehen alte Sorten nach.
In der Oberkärntner Marktgemeinde führt der Osttiroler gemeinsam mit seiner Partnerin Eva Hinterbichler, einer Oberösterreicherin, die er während des Studiums kennen gelernt hat, auf knapp 1.000 Metern Seehöhe die Obstbaumschule „Fruchttrieb“. Philipp ist in Assling aufgewachsen. Als Thema für seine Diplomarbeit im Fach Nutzpflanzenwissenschaften hat der Osttiroler die „Kletzenbirnen“ im Bezirk Hermagor (Lesachtal, Gailtal, Gitschtal) gewählt. Der Anstoß dazu kam von Leopold Feichtinger, einem Biobauern und Biologen aus Kraß bei Hermagor. Dieser hatte angeregt, eine Analyse durchzuführen, welches Sortenspektrum hinter den Kletzenbirnen im Gailtal steckt. Philipp gefiel die Idee und er begann, diese im Rahmen seiner wissenschaftlichen Arbeit umzusetzen.
Die Arbeit in und mit der Natur sowie insbesondere der Obstbau faszinieren Philipp und Eva. In ihrer Baumschule „Fruchttrieb“ finden sich auch junge Kletzenbirnbäume.
„Bei Kletzenbirnen handelt es sich um Sorten, die traditionell zu Kletzen (gedörrten Birnen) verarbeitet werden“, informiert er und berichtet, dass das Gailtal seit jeher über einen großen Bestand an alten Birnbäumen verfügt habe. Heute werden noch knapp 20 Sorten im Gailtal als „Kletzenbirnen“ bezeichnet. Zu den Hauptsorten zählen die Speckbirne, die Weinbirne und die Rote Pichlbirne. „Wir haben Sorten entdeckt, die nur mehr auf einem Baum vorkommen. Wenn dieser abstirbt, ist die Sorte unwiederbringlich verloren“, erläutert Philipp. Er hat im Zuge seiner wissenschaftlichen Arbeit den Bestand an Kletzenbirnbäumen exakt erfasst, deren Zustand beurteilt und die alte Tradition der „Kletzen“ erforscht.

Leider ist diese Form der bäuerlichen Dörrobstproduktion aufgrund der veränderten Strukturen vielerorts bereits verloren gegangen. „Die meisten Sorten von Kletzenbirnen sind nur bedingt lagerfähig und eignen sich auch kaum zur Saftgewinnung. Andererseits ist Birnbaumholz ein beliebter Rohstoff. Aus diesen Gründen verschwinden leider viele dieser Bäume aus der Kulturlandschaft“, so Bodner. Ein Großteil der aktuell noch vorhandenen Kletzenbirnbäume ist, so eine Erkenntnis der Forschung, zwischen 100 und 150 Jahre alt. Insgesamt hat Philipp im Rahmen seiner Diplomarbeit etwa hundert Bäume genauer angeschaut.

„Auf Höfen, wo früher oft mehrere Kletzenbirnbäume zu finden waren, steht heute meist nur mehr einer“, so Philipp. Für den jungen Pomologen sind die alten Birnbäume, die meist auf Streuobstwiesen in der Nähe von Gehöften standen, jedoch ein wichtiges Landschaftselement und ein wertvoller Lebensraum für viele Tiere. Aus diesem Grund hat er sich gemeinsam mit Eva zum Ziel gesetzt, in der familieneigenen Baumschule die alten Sorten nachzuziehen, Sortengärten anzulegen und auch zu versuchen, die alten Bäume durch gezielten Schnitt zu revitalisieren.

Im Zuge seiner Diplomarbeit hat sich Philipp Bodner mit vielen Menschen aus der Region unterhalten. Viele ältere GailtalerInnen haben ihm von den Kletzenbirnen und deren Verarbeitung berichtet. So wurde das Dörrobst früher auf ganz unterschiedliche Art und Weise aufbereitet. Im Gailtal geschah dies meist in den Stuben der Bauernhäuser und in Zusammenhang mit der Brotherstellung. „Wenn das Brot fertig gebacken war, nützte man die Resthitze für das Dörren der Birnen, die stets als Ganzes getrocknet wurden.“ Dieses und so manch anderes Wissen gelte es nun zu erfassen und für die zukünftigen Generationen zu erhalten – und damit gleichzeitig auch die Wertschätzung gegenüber alten Sorten aufrechtzuerhalten.

Leopold Feichtinger hat in Philipp Bodner einen begeisterten Mitstreiter gefunden, um die alte Tradition der „Kletzenbirnen“ am Leben zu er halten. Ähnliche Intentionen verfolgt auch Gemüsebauer Luigi Faleschini aus Friaul, mit dem Philipp und Leopold das erste grenzüberschreitende „Slow Food Presidio“ namens „Kletzenbirne Alpe Adria“ ins Leben gerufen haben. „Speziell im Gailtal und im Dreiländereck Kärnten-Friaul-Slowenien gibt es zahlreiche Speisen, die mit Kletzen zubereitet werden und sich in der heimischen Gastronomie heute wieder wachsender Beliebtheit erfreuen. Bei uns sind es die süßen Gailtaler Kletzennudeln, in Friaul die Cjarsons und bei unseren slowenischen Nachbarn im Soca-Tal die mit dem Dörrobst gefüllten Bovški krafi“, weiß Philipp dazu zu berichten.
Leopld Feichtinger beim Baumschnitt
Leopold Feichtinger hat auf seiner Streuobstwiese in Kraß noch einige Kletzenbirnbäume stehen. Er dörrt die Früchte und verarbeitet sie nicht nur zu Kletzennudeln, sondern auch zu Likör, Schnaps und Kletzenbrot. „Durch das neue Presidio wollen wir die Kletzenbirnen wieder in den Fokus rücken und das alte Wissen sowie die Nutzungsmöglichkeiten an die nächsten Generationen weitergeben. Angedacht ist auch eine Gemeinschaftsdörre“, lässt er wissen und ruft als Sprecher des Slow Food Presidios interessierte Produzenten dazu auf, sich ihm, Philipp und Luigi anzuschließen.

Text: Raimund Mühlburger, Fotos: ARGE BK Slow Food Travel Alpe Adria Kärnten/Martin Hofmann