Regionale Lebensmittelproduktion und Direktvermarktung im Defereggental
In St. Veit im Defereggental bewirtschaften Bernhard und Isabella Stemberger seit 13 Jahren den „Biohof Stemberger“. Bei ihnen stehen Nachhaltigkeit und Regionalität im Fokus.
Nun wurde auf dem Gelände des „Rauterlishofes“, so der Vulgoname des Anwesens, eine Schlachtstelle installiert und damit die Basis für den verantwortungsvollen Umgang mit Nutztieren bis zum Schluss geschaffen. Unter der Marke „Deferegger Qualitätsfleisch OG“ arbeiten zwei Osttiroler Bauern Hand in Hand mit heimischen Metzgern zusammen.
2009 haben Bernhard und Isabella den Biohof übernommen, den sie seit 2014 im Haupterwerb führen. „Unsere Landwirtschaft ist bereits seit 1995 ein reiner Bio-Betrieb“, informiert Bernhard. Die Basis dafür haben, wie er betont, seine Eltern gelegt. „Sie sind immer noch Teil des Betriebes und helfen in vielen Bereichen, vor allem in der Almwirtschaft, tatkräftig mit.“ Am Biohof, der früher weitum für seine Kalbinnenaufzucht bekannt war, dominieren heute neben der Rinderzucht vor allem die Milchproduktion und -verarbeitung. Weitere wichtige Standbeine sind die Haltung von Hühnern, der Vertrieb der „Bio-Goggelen“ sowie die Direktvermarktung über den eigenen Hofladen. Seit 2015 können außerdem Gäste ihren Urlaub auf dem „Rauterlishof“ in Ferienwohnungen verbringen.

Die Idee für eine eigene Schlachtstelle entstand, wie Bernhard berichtet, im Zuge eines Neubauprojektes am Hof, das ursprünglich darauf abzielte, ausreichend Platz für moderne Milch-Verarbeitungsräume und Lager sowie für neue Ferienwohnungen zu schaffen. „Die Basis für die Schlachtstelle waren Überlegungen, zur Gänze `regional sein zu können`. Es lag uns sehr am Herzen, dass unsere Tiere, die wir zuvor meist jahrelang gehegt und gepflegt haben, auf dem Weg zur Schlachtung nicht quer durch Europa verschickt und stundenlangen Transporten ausgeliefert sein sollten.“ In dem Hopfgartner Bauer Günther Blaßnig, in Metzger Nikolai Franz aus Kals und in Metzgermeister Ernst Schett aus St. Jakob i.D. fanden die Stembergers Gleichgesinnte, die gemeinsam mit ihnen und zum Betrieb der Schlachtstelle die „Deferegger Qualitätsfleisch OG“ begründeten.

„In der OG fungiert Ernst Schett als gewerberechtlicher Geschäftsführer. Nikolai Franz koordiniert die einzelnen Schlachtungen sowie die Zerlegung und Verarbeitung der Tiere. Günther und ich unterstützen ihn dabei“, sagt Bernhard und lässt wissen, dass alle Mitglieder der OG selbstständig tätig sind.
Im Herbst 2021 wurde mit den Bauarbeiten begonnen, seit 21. September 2022 ist die Schlachtstelle nun in Betrieb. Sie befindet sich im südlichen Teil des Neubaus und mit Eingang unter einem Carport, sodass die Anlieferung der Tiere stressfrei abgewickelt werden kann. Gleich angrenzend dazu liegt der Verarbeitungsraum, was einen rationellen Arbeitsablauf garantiert. „Hier schlachten wir aktuell auch schon unsere eigenen Tiere“, so der Biobauer. „Außerdem werden über diese Schiene Nutztiere aus anderen Teilen Osttirols verwertet. Meine Partner und ich wollen den heimischen Landwirten eine Alternative zu Großkonzernen bieten. Denn nur wenn es eine optimale Basis für den verantwortungsvollen Umgang mit Tieren gibt, kann auch eine höhere Qualität von Fleisch-, Wurst- und Schinkenprodukten gewährleistet werden“, zeigt er sich überzeugt. Der Betrieb ist auf die Lohnschlachtung sowie die Verarbeitung und den Verkauf ausgerichtet. „Die Deferegger Qualitätsfleisch OG kauft die Nutztiere aus der Region lebend an und vermarktet das Fleisch bzw. die Produkte wie eine Metzgerei“, erklärt Bernhard. Fleisch, Speck, Würste & Co werden über den Hofladen der Stembergers verkauft. „Für die Zukunft ist angedacht, die heimische Gastronomie zu beliefern und früher oder später einmal einen Metzger einzustellen.“



In dem Neubau auf dem Hofgelände finden sich, neben der Schlachtstelle auch die Hofsennerei, ein Eierlager mit Packstelle, der neue Hofladen sowie drei Ferienwohnungen. Ausgestattet ist das Gebäude unter anderem mit einer Kälteanlage inklusive modernster Technologie und hocheffizienter Regelung sowie mit Photovoltaikelementen zur Strom- und Wärmeerzeugung. „Eine moderne Infrastruktur für unsere verschiedenen Standbeine war uns sehr wichtig“, hält Isabella Stemberger dazu fest. Sie informiert auch darüber, dass der Bereich der Milchverarbeitung ausgebaut werden soll. „Bisher hat Bernhards Mutter, ausschließlich im Sommer, auf der Brugger Alm Graukäse hergestellt. Die Milch am Hof wurde zu Käse, Butter und Joghurt veredelt. Dafür kam ein mobiler Käser auf den Hof. Nun wollen wir unsere Milch selbst verarbeiten, ganzjährig Graukäse sowie Butter anbieten und auch die Joghurtschiene forcieren. Wir haben bereits mit der Schnittkäseproduktion begonnen und auch Bergkäse hergestellt. Die neue Hofsennerei stellt dafür beste Voraussetzungen bereit“, sagt sie und nennt Details zu den Produktionswegen: „Unsere 14 Kühe werden über eine moderne Rohrmelkanlage gemolken. Anschließend kommt die Milch in einen fahrbaren Tank, wird in den Produktionsraum gebracht, mit einer Winde aufgehoben, in den Tank geschüttet und z.B. im Käsekessel zu Käse verarbeitet.“


Stolz führen sie und Bernhard auch durch das neue Eierlager mit Packstelle. Ihren ersten Hühnerstall haben die beiden 2018 gebaut und in den Folgejahren durch weitere drei ergänzt. Rund 1.000 Eier pro Tag fallen an. Das enorme Pensum war schon bisher nur über eine vollautomatisierte Anlage zu bewältigen. Zwei Mal pro Tag werden Futter und Tränken kontrolliert und ein Mal täglich die Eier entnommen, die über ein Förderband automatisch in den Sammelraum gelangen. „Das neue Eierlager mit Packstelle stellt einen weiteren Schritt hin zu einer effizienten Vermarktung der Bio-Goggelen von unserem Hof dar“, so die beiden Stembergers.


Ihre Bio-Eier, Bio-Milch und Bio-Butter, Bio-Joghurts und Bio-Käse verkaufen sie direkt am Hof, seit Herbst dieses Jahres in ihrem neuen Hofladen. Auf rund 30 Quadratmetern finden sich hier neben eigenen Produkten vom „Rauterlishof“ auch die Erzeugnisse der Deferegger Qualitätsfleisch OG sowie viele andere im Bezirk hergestellte Lebensmittel. „Wer zu uns kommt, fördert nachhaltige Kreisläufe, unterstützt die heimischen Landwirte und trägt dazu bei, dass die Wertschöpfung im Bezirk bleibt“, verweist Bernhard auf die vielen Vorteile des regionalen Einkaufes. Zum Sortiment des Hofladens gehören u.a. Hanfprodukte vom Halbfurter-Hof, Mehl und Grieß vom Fohlenhof Astner, Äpfel, Apfelessig und Apfelsaft vom Obsthof Webhofer, Nudeln, Fruchtaufstriche, Essig und Sirupe von Naturfeinkost Ortner, diverse Knödel und Schlipfkrapfen von „Gaumenschmaus“, Eis vom Weberhof, Ziegenkäse sowie Bergkäse vom Figerhof, Milch von mehreren Milchbauern aus Kals, Kuchen aus „Reinis Nascherei“, verschiedene Sorten von „Deferegger Senf“, Honig von Honigbauern aus dem Defereggental, Knoblauch, Zwiebeln und Kartoffeln aus Dölsach, Räucherfisch und Räucherfischaufstrich vom Glanzhof sowie Brot aus der Bäckerei Steiner.
„In Kürze fertiggestellt werden sollen“, wie Isabella informiert, „auch die drei neuen Ferienwohnungen im Obergeschoss des neuen Gebäudes.“ Zwei Wohnungen sind rund 38 Quadratmeter und eine dritte 51 Quadratmeter groß. Die beiden kleineren Einheiten verfügen über eine Dachterrasse bzw. einen Balkon, und auch die große Wohnung punktet mit einem großzügigen Balkon. Hohen Komfort sichern jeweils moderne Sanitär- und Badräume, eine voll ausgestattete Küche, ein gemütlicher Wohn- und Essbereich sowie schöne Schlafzimmer. Die Raumgestaltung ist von natürlichen Materialien wie rustikalem Holz und viel Weiß geprägt. Vor dem Neubau stehen ausreichend Parkplätze für die zukünftigen Gäste bereit. „Wir hoffen, rechtzeitig zu Weihnachten die ersten Urlauber begrüßen zu können“, freut sich das Ehepaar Stemberger auf den erfolgreichen Abschluss der letzten Arbeiten.
Text: E. Hilgartner, Fotos: © Martin Lugger


