Milchbauern: „Preissituation ist existenzbedrohend!“
Anlässlich des Weltmilchtages machten die Tiroler Landwirte auf den eklatant niedrigen Milchpreis und die damit verbundenen Negativfolgen aufmerksam.
Bei ihrer Regierungssitzung hat die Tiroler Landesregierung am 31. Mai 2016 ein Hilfspaket für die Milchbauern beschlossen. Der Landeskulturfonds und das Land übernehmen für das heurige Jahr die Zinsen für laufende Agrarinvestitionskredite – beide gemeinsam zahlen damit rund 770.000 Euro für Tiroler Milchviehbetriebe. In allen Tiroler Bezirken macht der Bauernbund gemeinsam mit Bäuerinnen, Bauern und Jungbauern am Weltmilchtag 1. Juni in großen Geschäften auf die prekäre Situation aufmerksam und rufen Handel, Politik und Konsumenten zur Unterstüztung auf – in Osttirol findet die Verteil- und Unterschriftenaktion im Interspar Markt in Nußdorf-Debant statt.
30,5 Cent pro Liter erhalten Milchbauern derzeit, wenn sie an die Berglandmilch (Tirol Milch) liefern. Biobauern, die für die Hofer-Marke „Zurück zum Ursprung“ produzieren, erhalten einen Bruttopreis von rund 47 Cent.
„Um 15 Cent pro Liter hat sich der Milchpreis seit etwas mehr als einem Jahr reduziert. Das bedeutet für Osttirols Milchbauern 2,5 bis 3 Mio. Euro weniger Einkommen im Jahr“, so Bezirksbauernbundobmann LA Martin Mayerl. 500 Osttiroler Milchbauern produzieren rund 22 Mio. Liter Milch im Jahr. 120 von ihnen sind Biobauern und liefern 2,5 Mio. Liter. Der Milchpreis für konventionelle Milch liegt derzeit bei der Berglandmilch bei 30,5 Cent. Biobauern, die für die Hofer-Marke „Zurück zum Ursprung“ produzieren, erhalten einen Bruttopreis von ca. 47 Cent. „Eine Chance sehen wir in der Grasmilch. Von den 500 Osttiroler Milchbauern machen 160 bei dieser Aktion mit. Die Hälfte aller Milchbauern im Bezirk produziert im Sommer silofrei“, so der Matreier Landwirt Raimund Steiner, Vertreter Osttirols im bäuerlichen Beirat des Berglandmilch-Vorstandes.
Martin Mayerl: „Wenn die Landwirtschaft nicht mehr investieren kann, wird das sehr deutlich die gesamte Wirtschaft negativ zu spüren bekommen. Ich appelliere an die Konsumenten, beim Einkauf von Lebensmitteln immer auch an die regionale Wertschöpfung zu denken.“
Eine Mengensteuerung bei der Milch thematisierte der Osttiroler Landwirtschaftskammer-Obmann Konrad Kreuzer: „Die Mengensteigerung ist das eigentliche Problem. An einer Mengensteuerung führt kein Weg vorbei, außer man will den ruinösen Wettbewerb weiterführen.“ Es gelte sowohl auf Landes- als auch auf Bundesebene, Rahmenbedingungen zu schaffen, um den Milchpreis zu stabilisieren, betonte Martin Mayerl. Die Zinszahlungen durch Landeskulturfonds und Land im heurigen Jahr seien eine erste positive Maßnahme.
Michaela Pitterl: „Es geht uns Bäuerinnen und Bauern nicht nur um den Milchpreis. Auch die gepflegte Landschaft, die Almen und das gute Essen machen Tirol aus. Das wollen wir bewusst machen, damit der Konsument diese Leistungen vielleicht auch beim Griff ins Kühlregal honoriert.“
Den Schritt der Tiroler Landesregierung, der Landwirtschaft durch Übernahme von Zinsen unter die Arme zu greifen, begrüßt auch der Osttiroler FPÖ-Kammerrat ÖR Josef Blasisker. Dies sei aber zu wenig. „Um halbwegs kostendeckend arbeiten zu können, benötigt der Bauer für die Milch mindestens 35 Cent pro Liter. Auf diesem Niveau waren wir in den 1970er-Jahren. 1994 hatten wir einen Milchpreis von umgerechnet etwa 50 Cent. Viele Landwirte haben investiert. Mit dem derzeitigen Milchpreis sind sie nicht mehr in der Lage, die Raten zurückzuzahlen“, so Blasisker. Auch die Gesellschaft hätte in den letzten Jahren enormen Druck ausgeübt, vor allem was Auflagen betreffend das Tierwohl betrifft. „Die Bauern haben Darlehen aufgenommen und mit gewissen Einnahmen gerechnet. Jetzt haben wir einen eklatant niedrigen Milchpreis, und auch die Mutterkuhprämie ist weggefallen“, bemängelt der Kammerrat.
Josef Blasisker: „Wenn die Landwirte ein halbes Jahr nicht mehr investieren, bricht die gesamte Wirtschaft zusammen. Was das Russland-Embargo betrifft, gehe ich davon aus, dass am Ende die Vernunft siegt.“
Ein Trugschluss sei, dass man durch Erhöhung der Produktionsmenge bei der Milch mehr verdienen könne. Einmal mehr spricht Blasisker das Russland-Embargo an, das vor allem die Produzenten von Schweinefleisch und Milchprodukten besonders hart treffe. „Die Nachteile des Russland-Embargos werden immer heruntergespielt. Wenn wir hier als Mitgliedsland mit der EU solidarisch bleiben, muss es Ausgleichsmaßnahmen geben. Eine teilweise Renationalisierung wäre für die Landwirtschaft von Vorteil. Dann könnten wir auf derartige krisenhafte Situationen viel schneller reagieren“, meint Blasisker. Neben den Maßnahmen in Tirol müsse auch auf Bundesebene gehandelt werden, um der Landwirtschaft zu helfen. „Am 14. Juni wird es zu einem Gipfel auf höchster Ebene kommen. Wenn hier nichts geschieht, ist vor allem die Berg- und Almlandwirtschaft in existenzbedrohender Gefahr“, so der Kammerrat abschließend.
Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Osttirol heute/Mühlburger