Lienz: Vom „Motorrad-Vermesser“ zum digitalen Hightech-Geoberuf

Die Wurzeln der Vermessungskanzlei von DI Rudolf Neumayr reichen bis ins Jahr 1946 zurück. Was vor 80 Jahren mit Motorrad, Stativ und Messgerät begann, ist heute ein modernes Ziviltechnikerbüro mit 14 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Als Ernst Kunater sen. im Jahr 1946 in Lienz ein Vermessungsbüro gründete, sah der Arbeitsalltag noch ganz anders aus als heute. „Das Unternehmen wurde damals als Einmannbetrieb geführt“, erzählt DI Rudolf Neumayr. „Die Ausrüstung bestand im Wesentlichen aus einem Stativ und einem Messgerät – und Ernst Kunater war mit dem Motorrad unterwegs.“ In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich aus dem kleinen Büro eine der zentralen Vermessungskanzleien der Region.

 

2013 hat Rudi Neumayr jun. die Vermennsungskanzlei von seinem Vater übernommen.

 

Später übernahm Ernst Kunater jun. den Betrieb. 1974 ging er eine Kanzleigemeinschaft mit Rudolf Neumayr sen. ein, der schließlich ab 1978 den Betrieb alleine weiterführte. „Mein Vater war damals erst 30 Jahre alt. Zuvor hatte er als Universitätsassistent gearbeitet“, erzählt Rudi Neumayr jun., der 2013 die Nachfolge seines Vaters antrat. Er hatte zuvor das Studium für Vermessungswesen an der Technischen Universität Graz absolviert und leitet bis heute die Kanzlei mit Standort in der Albin-Egger-Straße 10 in Lienz – in einem Gebäude, das früher als „Tegischer Hutfabrik“ bekannt war.

 

 

Grundlage für Bauprojekte

Ein großer Teil der Arbeit der Vermessungskanzlei betrifft nach wie vor Bauvorhaben. Vermesser schaffen die Grundlage für Planungen, etwa durch Naturbestandpläne oder Lagepläne, die später Teil der Einreichunterlagen für Bauverfahren werden. „Wir arbeiten diesbezüglich mit Gemeinden und Behörden eng zusammen und versuchen, die Anforderungen der Bürokratie so unkompliziert wie möglich zu erfüllen.“

Ein weiteres wichtiges Aufgabenfeld ist die Katastervermessung. Dabei geht es um Grundstücksgrenzen und rechtlich verbindliche Vermessungen. „Wir verfügen über einen relativ guten Kataster aus dem Jahr 1868“, so Neumayr. „In noch nicht geregelten Gebieten wird diese Urmappe noch immer herangezogen, um die wahrscheinlichste Grenze zu eruieren bzw. beurteilen zu können.“

 

Geoinformatiker Simon Gröchenig

 

Vermessen im digitalen Zeitalter

Während früher mit einfachen optischen Instrumenten gearbeitet wurde, hat sich das Berufsbild inzwischen stark verändert. Heute arbeiten Vermesser mit hochkomplexen Geräten.„Drohnen können Gelände mit einer Genauigkeit von wenigen Zentimetern erfassen. Aus den Aufnahmen entstehen digitale Geländemodelle oder Orthofotos, also dreidimensionale Modelle mit realistischer Fototextur.“

Auch mobile Laserscanner kommen zum Einsatz. Sie erfassen Gebäude oder Räume millimetergenau und erstellen daraus ein virtuelles Abbild der Realität. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Geoinformation, wenngleich diese eigentlich keine klassische Vermessungsaufgabe ist. „Mit Simon Gröchenig haben wir einen studierten Geoinformatiker im Team.“ Bei der Geoinformation geht es um digitale Geodaten, die etwa für Gemeinden verwaltet und aktualisiert werden. So betreut die Kanzlei Neumayr auch die Geodaten der Osttiroler Gemeinden. „In manchen Jahren haben wir bis zu 250 Kilometer Leitungen vermessen – etwa beim Ausbau der Glasfasernetze.“

 

 

Vermessung im alpinen Gelände

Auch sogenannte ingenieurgeodätische Aufgaben gehören zum Arbeitsalltag der Geometer, wie man die staatlich befugten und beeideten Ingenieurkonsulenten für Vermessungswesen auch nennt. Dazu zählen etwa Setzungsmessungen für Bauwerke oder Schutzanlagen der Wildbach- und Lawinenverbauung. Die Vermessung im alpinen Gelände bietet sogar Vorteile. „In den Bergen kann man oft auf markante Fixpunkte, etwa Gipfel oder Kirchtürme, die als Fernziele für Messungen dienen, zurückgreifen.“

Ein Archiv voller Geschichte

Mit rund tausend Aufträgen pro Jahr gehört die Kanzlei Neumayr heute zu den wichtigsten Vermessungsbüros der Region. „Ein Großteil der Bauvorhaben in Osttirol wird von uns begleitet.“ Entsprechend umfangreich ist auch das Archiv des Büros. Über Jahrzehnte hinweg ist ein einzigartiges Planarchiv entstanden. Rund 35.000 Vermessungsurkunden erzählen die Vermessungsgeschichte Osttirols – gewissermaßen als ein kartografisches Gedächtnis der Region.

 

Rudi Neumayr mit Büroleiter Rafael Weitlaner

 

Technik und Menschen

Das Kanzlei-Team umfasst aktuell 14 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Weg in den Berufszweig ist unterschiedlich: Neben Vermessungstechnikern, die den entsprechenden Lehrberuf absolviert haben, gehören etwa auch ein Tischlermeister, ein gelernter Maurer, ein Geoinformatiker oder eine Versicherungskauffrau zum Team. „Mir macht unsere Arbeit einfach Spaß“, betont Rudolf Neumayr. Besonders wichtig ist ihm der persönliche Kontakt. „In unser Büro kann jeder kommen. Wir haben viel Parteienverkehr, das lockert den Büroalltag auf.“

Oft gehe es dabei nicht nur um Technik, sondern auch um zwischenmenschliche Fragen. Grenzstreitigkeiten oder unklare Besitzverhältnisse erfordern manchmal viel diplomatisches Geschick. „So haben wir in vielen Fällen auch eine mediatorische Rolle auszuüben.“

 

 

Vom Messgerät zur Datenanalyse

Das Vermessungswesen hat in den letzten Jahrzehnten eine enorme Weiterentwicklung erfahren. Früher konnten Distanzen oft nicht direkt gemessen werden. Punkte wurden mit sogenannten Einschneideverfahren bestimmt. Heute arbeiten Vermesser mit Totalstationen, GPS-Technologie und digitalen Modellen. Auch das sogenannte „Building Information Modeling (BIM)“ gewinnt immer mehr an Bedeutung. Dabei können Planer, Bauunternehmen und andere Professionisten auf einer gemeinsamen Plattform arbeiten und normierte Daten austauschen.

„Aus einem handwerklich-optischen Beruf ist ein digitaler Hightech-Geoberuf geworden“, fasst Rudi Neumayr die Entwicklung zusammen. „Heute geht es stark um Datenanalyse, Modellierung und Software.“ Und doch bleibt der Kern des Vermessungswesens derselbe wie vor 80 Jahren: die Landschaft exakt zu vermessen und damit die Grundlage für viele Entwicklungen in der Region zu schaffen.

 

Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Martin Lugger

03. April 2026 um