Landwirtschaft/Tourismus: Das Thema „Wolf“ regt auch in Osttirol weiter auf

Mit der Rückkehr des Wolfes im Alpenraum häufen sich die Attacken auf Nutztiere. Bedroht ist dadurch insbesondere die Zukunft der heimischen Land- und Almwirtschaft.

Für die einen ist er Faszination, für die anderen Bedrohung: Mehr als 150 Jahre lang war der Wolf aus Österreich verschwunden, nun ist der Große Beutegreifer im Alpenraum zurück – und offensichtlich gekommen, um zu bleiben. Mit der zunehmenden Zahl der Raubtiere häufen sich auch die Attacken auf Schafe und anderes Nutzvieh – und damit die Probleme nicht nur für die Landwirtschaft.

Wie man die Situation, die sich angesichts der rasch wachsenden Wolfspopulation weiter verschärfen dürfte, in den Griff bekommen kann, darüber scheiden sich die Geister. Tierhalter fordern wolfsfreie Zonen und die Entnahme von Problemwölfen, Tierschützer hingegen mehr Akzeptanz und effektive Herdenschutzmaßnahmen. Die Großen Beutegreifer selbst, zu denen auch der Bär zählt, sind durch die europäische FFH-Richtlinie und die Berner Konvention geschützt und dürfen grundsätzlich nicht getötet oder gefangen werden. Ausnahmen scheinen europarechtlich so streng geregelt, dass sie zumindest hierzulande kaum zur Anwendung kommen.

 

Foto: Elias Bachmann

 

In der kleinstrukturierten Kulturlandschaft in Osttirol bringt die Rückkehr der Wölfe besondere Herausforderungen mit sich. Die Zahl der Wolfsrisse nimmt von Jahr zu Jahr zu und gleichlaufend damit auch das Unbehagen in großen Teilen der Bevölkerung. Besorgt blickt auch so mancher Touristiker auf die Entwicklung, passen Berichte über Wolfsattacken und über das drohende Ende der traditionellen Almwirtschaft doch nicht in die Werbekampagnen von einem naturnahen Urlaubsvergnügen.

 

Schafe und andere Nutztiere gehören für Wanderer zum vertrauten Bild, wenn sie im Sommer in der heimischen Bergwelt unterwegs sind. Das Bild zeigt Schafe am Venediger-Höhenweg. Foto: AdobeStock/Ralf

 

Wie aber geht es heimischen Bauern, die sich als unmittelbar und direkt Betroffene vielfach alleine gelassen fühlen? Wir haben mit drei Schafzüchtern aus dem Bezirk Lienz gesprochen und auch die Meinung von heimischen Funktionären aus Landwirtschaft und Tourismus sowie von Politikern zum Thema „Wolf“ eingeholt.

„Wir stehen mit dem Rücken zur Wand!“

… erklären die drei Osttiroler Schafbauern Konrad Großlercher aus Virgen, Josef Mair aus Mittewald und Thomas Steiner aus Matrei i.O. stellvertretend für viele ihrer Kollegen aus dem gesamten Bezirk Lienz. Uns haben sie erzählt, was sie vom vielzitierten Herdenschutz halten und welche Zukunft sie der traditionellen Almwirtschaft geben, wenn sich an den gesetzlichen Rahmenbedingungen nichts ändern sollte.

 

Konrad Großlercher ist der Osttiroler Vertreter im Verein „Weidezone Tirol“. Foto: Elias Bachmann

 

„Große Raubtiere wie Wolf und Bär bereiten uns zunehmend mehr Probleme“, betont Konrad Großlercher. Der Iseltaler führt im Nebenerwerb und gemeinsam mit seiner Familie den „Großlercherhof“ in Niedermauern/Gemeinde Virgen. Großlercher, hauptberuflich Gemeindebediensteter, ist Schafzüchter, besitzt 83 Tiere und engagiert sich im Rahmen des Tiroler Vereins „Weidezone“. Er meint, dass „…Wolf und Bär jene Beute reißen, für die sie die geringste Energie aufwenden müssen. Bei der bei uns üblichen Weidewirtschaft am Berg und im Tal sind dies Nutztiere wie Schafe und Ziegen, Rinder und Pferde. Sie haben bei einem Angriff der Raubtiere keine Chance. Meist töten die großen Beutegreifer mehrere Tiere, fressen jedoch nur bei einem Tier einige Kilo Fleisch.“ Der 34-Jährige zeigt sich davon überzeugt, dass Weidewirtschaft und große Beutegreifer nicht koexistieren können.

 

Foto: AdobeStock/Dennis

 

„Sieht man Weidetiere, denen bei lebendigem Leib Gliedmaßen abgerissen wurden oder denen die Gedärme raushängen und die qualvoll auf eine Erlösung warten, so muss man fragen, ob dies noch mit dem vielzitierten Tierwohl vereinbar ist. Sind nur noch Raubtiere schützenswert? Haben Nutztiere in unserer Gesellschaft keinen Stellenwert mehr? Ist jedes Gemetzel mit dem Argument der Wiederkehr des Wolfes wirklich abgetan?“, formuliert er, was derzeit viele beschäftigt. Schließlich sollte Tierschutz, so der Virger, auf allen Ebenen angewandt werden. Keine Lösung sieht er in der Bewachung von Nutztierherden mit Herdeschutzhunden.

 

Foto: AdobeStock/Animaflora

 

„In Osttirol ist aufgrund des hochalpinen Geländes ein Herdenschutz nicht praktikabel bzw. nicht möglich. Erste Versuche vor Jahren mit Herdenschutzhunden haben gezeigt, dass diese Art der Behirtung mit dem Tourismus nicht in Einklang zu bringen ist. Wanderer wurden von den Hunden attackiert und gebissen. Zu den gleichen Ergebnissen sind Versuche in der Schweiz und in Nordtirol gekommen. Mit Herdenschutzhunden geht es nicht und ohne die furchtlosen Großhunde ist kein befriedigendes Ergebnis zu erzielen!“ Die Stimmung unter den Bauern sei extrem angespannt, lässt er wissen. „Es ist die Wahl zwischen Pest und Cholera: Aufzutreiben und zu hoffen, dass die eigenen Tiere verschont bleiben oder im Tal zu bleiben und die Tiere extremen Temperaturen auszusetzen beziehungsweise darüber nachzudenken, die Landwirtschaft aufzugeben.“

 

Tausende Schafe verbrachten bislang die Sommer auf den heimischen Almen (im Bild die Arnitzalm im Gemeindegebiet von Matrei i.O.). Ob dies auch in Zukunft noch so sein wird, hängt eng damit zusammen, ob in der Frage der Rückkehr der Großen Beutegreifer eine echte Lösung gefunden werden kann. Foto: Thomas Steiner

 

Die Intentionen des Vereins „Weidezone Tirol“, den er im Bezirk Lienz vertritt, definiert Konrad Großlercher so: „Es ist unser Ziel, eine geografisch abgesteckte Zone auszuweisen, in welcher die großen Raubtiere wie Wolf und Bär keinen besonderen Schutz genießen und somit ganzjährig bejagbar sind. Die großen Beutegreifer müssen bereits vor einem Riss geschossen werden dürfen. Solche Weidezonen gibt es in Schweden, Finnland, Norwegen und Frankreich, d.h. rechtlich bestehen durchaus Möglichkeiten für eine Umsetzung. Momentan fehlt allerdings bei uns der politische Wille. Umso wichtiger ist es, unseren Verein (weidezone.tirol) zu unterstützen. Denn nur wenn wir eine gewichtige Stimme haben, finden wir bei Politikern auch Gehör!“

 

Schafbauer Josef Mair: „Ich bin davon überzeugt, dass der historisch gewachsene Dauersiedlungs- und Bewirtschaftungsraum im Alpenraum mit besonderen Anforderungen an Land- und Forstwirtschaft, Viehzucht und Tourismus nicht für große Beutegreifer geeignet ist!“ Foto: Elias Bachmann

 

Aus der Pustertaler Gemeinde Anras/Ortsteil Mittewald stammt Josef Mair, der innerhalb von 10 Monaten zwei Mal von Wolfsrissen betroffen war. Die Vorkommnisse auf der Alm im Winkeltal/Gemeinde Außervillgraten mit 30 toten Tieren (2021) und jenes direkt im Ortsgebiet in Mittewald mit 10 toten Schafen haben sich tief in das Gedächtnis des Bauern und Schafzüchters (25 Jahre im Nebenerwerb und 10 Jahre im Vollerwerb) eingebrannt. Mair, dessen Herde rund 400 Tiere zählt, sieht durch das vermehrte Auftreten der großen Beutegreifer potentiell auch die Sicherheit von Kindern bedroht. „Der Wolfsangriff in Mittewald ereignete sich nur rund 30 Meter neben Kindergarten bzw. Volksschule und M-Preis. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis ein Mensch zu Schaden kommt!“, erklärt er. Wenn es nach ihm geht, wäre der sofortige Abschuss von Problemtieren die einzige Lösung.

 

Foto: Elias Bachmann

 

„Alle anderen Maßnahmen sind sinnlos und fördern nur die Rudelbildung. Der Herdenschutz ist in unserem hochalpinen Raum völlig ungeeignet und die Besenderung der Wölfe eine reine Geldverschwendung!“, so der 59-Jährige. Bitter stößt ihm auf, dass so mancher Tierschützer derzeit das Wohl eines klassischen Raubtieres und damit vermeintlichen Artenschutz deutlich höherwertig einordnet als die auch tierrechtlich diskutierbaren Schutzinteressen von Weidetieren. „Ich persönlich sehe hier einen sehr großen Widerspruch. Wenn die Tiere auf der Weide keinen Unterstand haben, wird man von Tierschützern angezeigt bzw. als Tierquäler beschimpft. Andererseits ist, wenn die Schafe, ordnungsgemäß eingezäunt, vom Wolf gerissen werden und elendig zu Grunde gehen, alles anscheinend nur eine natürliche Entwicklung.“

 

Foto: Elias Bachmann

 

Von den Politikern sieht sich Josef Mair im Stich gelassen, eine Einschätzung, die er mit vielen anderen Bauern teilt. „Niemand setzt sich für die Sicherheit der Menschen und das Wohl der Nutztiere ein. So wie es im Moment aussieht, ist es wichtig, dass es dem Wolf gut geht. Das langsame ,Sterben‘ der Bauern jedoch scheint nebensächlich zu sein“, formuliert er seine Frustration.

 

RGO-Schafzuchtobmann Thomas Steiner: „Schafzucht zu betreiben, bedeutet als Familienbetrieb zu arbeiten. Meist im Nebenerwerb geführt, werden alle helfenden Hände für die Betreuung und Haltung der Tiere gebraucht. Damit wird natürlich auch eine Beziehung mit den einzelnen Tieren aufgebaut, die weit über wirtschaftliche Interessen hinausgeht. Gerissene und verwundete Tiere zu erleben, bedeutet neben immensem Tierleid auch eine unerträgliche psychische Belastung für die Bauernfamilie. Gerade der letzte Sommer hat gezeigt, dass viele von Rissen betroffene Bauern an die Grenzen der Belastbarkeit gelangen. Der finanzielle Schaden und der enorme Mehraufwand an Arbeit kommen erst ganz am Schluss dieser unglücklichen Situation!“ Foto: Elias Bachmann

 

In ein ähnliches Horn stößt auch Thomas Steiner, Schafbauer in Matrei i.O. und als Schafzuchtobmann in der Raiffeisengenossenschaft Osttirol aktiv. Er beziffert die Anzahl der Schafhalter im Bezirk Lienz mit rund 400, von denen etwa 115 Zuchtbetriebe von der Abteilung Schafzucht der RGO betreut werden. „Speziell in der Schafhaltung ist es uns in den vergangenen rund 15 Jahren geglückt, die Marke ,Osttiroler Berglamm‘ weitum bekannt zu machen. Zuletzt verzeichneten wir mit circa 20.000 Tieren auch einen historischen Höchststand an Schafen im Bezirk“, nennt er weitere interessante Details.

 

Foto: Elias Bachmann

 

Mit der Schafzucht sei es, so der Matreier, vielen, teilweise sehr exponiert gelegenen Betrieben gelungen, sich eine Erwerbsmöglichkeit zu sichern. „Gerade unsere Schafbauern betreiben eine sehr naturnahe, extensive Landwirtschaft – und dies mit einem Tierwohlstandard der höchsten Kategorie. Die Schafe verbringen sieben bis acht Monate auf Weideflächen und Almen, was eine Art der Tierhaltung ist, wie sie die Konsumenten bzw. die Gesellschaft oft fordern und wie sie auf vielen Werbebotschaften der Lebensmittel- und Tourismuswirtschaft angepriesen wird.“

 

 

In Sachen „Herdenschutz“ vertritt Thomas Steiner eine klare Meinung: „Abgesehen von der Machbarkeit auf exponierten Almen sehe ich derzeit absolut keine geeigneten Grundlagen dafür gegeben. Pilotprojekte haben gezeigt, dass weder geeignetes Hirtenpersonal in ausreichender Zahl, noch entsprechende Unterkünfte, geeignete Herdenschutzhunde oder genügend finanzielle Mittel für einen möglichen Herdenschutz zur Verfügung stehen. Nicht zu vergessen sind die fehlenden gesetzlichen Rahmenbedingungen wie jene für Kollektivverträge für Hirten, Vorgaben für Herdenschutzhunde, Haftungsfragen und vieles andere mehr. Beim Thema Herdenschutz fehlt zudem eine Vorlaufzeit von mindestens 10 Jahren, in der ein entsprechendes System erst aufgebaut werden müsste.“

 

Foto: Elias Bachmann

 

Die derzeitige Situation mit den Prognosen für die nächsten Jahre bezeichnet Thomas als „sichere Vorboten, dass diese Form der natürlichen Tierhaltung in Osttirol ein Ende finden wird. Damit meine ich aber nicht nur die klassische, sehr naturnahe Almwirtschaft, sondern auch das Ende vieler Bergbauernbetriebe, die neben dem finanziellen Aufwand auch die enorme psychische Belastung um die Sorge der Tiere nicht mehr in Kauf nehmen werden. Beispiele für aufgelassene Bergdörfer gibt es in den italienischen und französischen Alpen bereits zur Genüge.“ Als RGO-Schafzuchtobmann weiß er um die gesetzlichen Rahmenbedingungen der EU und um die entsprechende FFH-Richtlinie und vertritt die Ansicht, dass der durchaus mögliche Spielraum innerhalb dieser geltenden Richtlinie in Tirol nicht genutzt wird. „Die Stimmung unter den Schafbauern ist am Tiefpunkt“, sagt er. „Die politischen Versprechen der letzten Jahre zielten nur auf ein Niederhalten des Themas und auf ein Hinauströsten auf mögliche Lösungen mit Problemtieren ab.“

 

Foto: Elias Bachmann

 

Als einen „Funken Hoffnung“ bezeichnet Thomas Steiner Aussagen des neuen Landwirtschaftsministers Norbert Totschnig, der in einem Interview im Mai 2022 erklärt hatte, dass er die Zuständigkeit bei Ausnahmen in Zusammenhang mit den Großen Beutegreifern klar bei den Ländern sehe und er einen „Naturschutz mit Hausverstand“ fordere. „Der Handlungsspielraum für das Land wäre also gegeben. Es muss sich dringend etwas ändern, denn derzeit fühlen wir unsere Interessen auf Landesebene in keinster Weise genügend vertreten!“

 

LA Bgm. Martin Mayerl. Foto: Tiroler Volkspartei Lienz

 

„An einer Anpassung der FFH-Richtlinie wird kein Weg vorbeiführen!“

…meinen die beiden Osttiroler Landtagsabgeordneten Martin Mayerl und DI Hermann Kuenz. Sie sehen nicht nur die Landes- und Bundespolitik, sondern auch die zuständigen Gremien auf EU-Ebene gefordert, in der Frage der Rückkehr der Großen Beutegreifer Lösungen anzubieten, die auch einen entsprechenden Schutz der Nutztiere und damit der heimischen Berglandwirtschaft sicherstellen. Martin Mayerl, seines Zeichens Obmann des Bezirksbauernbundes, Geschäftsführer des Maschinenrings Osttirol und seit Februar 2022 Bürgermeister von Dölsach, ist selbst nebenberuflich als Land- und Forstwirt tätig. „Der Bezirk Lienz zählt zu den extremsten Bergbauernbezirken Österreichs“, hält er fest und verweist auf die für Osttirol typische kleine Betriebsstruktur sowie darauf, dass die überwiegende Anzahl der Höfe im Zu- und Nebenerwerb geführt wird. Die Rückkehr der großen Beutegreifer auch nach Tirol beschäftigt ihn nicht nur in seiner politischen Funktion bzw. Arbeit als Vertreter des Bauernbundes. „Osttirol ist die Region mit den meisten Schafen in ganz Österreich. Daher ist die Betroffenheit der Bauern bei uns auch besonders groß.“

 

Foto: AdobeStock/Dennis

 

Den Schutz der Raubtiere durch die FFH-Richtlinie bezeichnet Martin Mayerl als „sehr stark“. Nicht zu vergessen sei, dass die Richtlinie aus einer Zeit stammt, in der die großen Beutegreifer vom Aussterben bedroht waren. Inzwischen gehe man aber europaweit von 20.000 und mehr Wölfen aus. Aus diesem Grund sei eine Anpassung der Richtlinie längst notwendig. „Diese bedarf jedoch einer politischen Mehrheit im europäischen Parlament“, weist er auf die verantwortlichen Entscheidungsträger hin. Von Seiten der Tiroler Landespolitik würden aktuell mögliche Anwendungen von Ausnahmeregelungen geprüft. Eine Änderung des Jagdgesetzes sei bereits beschlossen. „Allerdings wurden die Abschussbescheide von NGO’s beeinsprucht!“, informiert Martin Mayerl.

Es sei nicht einzusehen, so der Dölsacher weiter, dass „… der Schutz eines Raubtieres höher bewertet wird als das Leben von Nutztieren. Die Gefahr, dass Landwirte die Schafhaltung aufgeben, ist sehr hoch. Dies wird in der Folge auch unsere Kulturlandschaft beeinträchtigen.“ Zur Entnahme von Wölfen sieht der Politiker keine Alternative: „Wölfe sind lernfähig. Sie verlieren zunehmend ihre Scheu vor den Menschen. Nicht nur deshalb müssen wir politisch wie rechtlich alles unternehmen, damit auch entsprechend auf Problemwölfe reagiert werden kann. Entschädigungszahlungen sind nicht mehr als ein Trostpflaster, keinesfalls aber eine Lösung für einen Bauern, der mit Herzblut Landwirt ist!“

 

LA DI Hermann Kuenz. Foto: Tiroler Volkspartei Lienz

 

Martin Mayerls Kollege im Tiroler Landtag, DI Hermann Kuenz, schätzt die Situation ähnlich ein. „Unser Hauptproblem ist der extreme Schutz von Wolf und Bär in der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie der EU. Ich halte ihn aktuell für weit überzogen, weil diese Großen Beutegreifer in Europa nicht mehr vom Aussterben bedroht sind. Durch die Novellierung des Tiroler Jagd- und Almschutzgesetzes im Jahr 2021 haben wir den gesetzlichen Spielraum bis an die Grenze ausgeschöpft. Die Erfahrungen haben aber gezeigt, dass die Verfahren für einen Entnahmebescheid viel zu lange dauern. Hier müssen wir nachschärfen“, geht er auf den offensichtlichen Handlungsbedarf ein. Hermann Kuenz, der bis vor wenigen Jahren gemeinsam mit seiner Frau den familieneigenen Betrieb in Dölsach leitete, fehlt, wie er weiter ausführt, jegliches Verständnis dafür, dass der absolute Schutz von Wolf & Bär für einen Tierschützer mehr Wert hat „als zu Tode gehetzte, zerfleischte Schafe.“ Er spricht in diesem Zusammenhang sogar von einem „für manche NGOs guten Geschäftsmodell.“

 

Foto: AdobeStock/Dennis

 

Aus seiner Sicht ist ein Nebeneinander von Weide- bzw. Almwirtschaft und Wolf bzw. Bär nicht möglich. „Versuche haben klar gezeigt, dass wir Weidetiere auf Osttiroler Almen mit Herdenschutzhunden oder Weidezäunen gegen die Großraubtiere nicht schützen können. Aufgrund der extremen Topografie ist eine Einzäunung weder mach-, noch finanzierbar. Almen sind beliebte Wandergebiete – dies schließt einen Schutz durch scharfe Herdenschutzhunde vollkommen aus. Eine dauerhafte Rückkehr von Wolf und Bär im Alpenraum bedroht aus diesem Grund tatsächlich unsere klassische Almwirtschaft. Verschwindet diese, hätte dies Folgen weit über die Landwirtschaft hinaus. Was von Touristen als Natur erlebt wird, ist mit harter Arbeit verbundene Kulturlandschaft. Die Osttiroler Bäuerinnen und Bauern machen sich große Sorgen um die Zukunft ihrer Almen. Vor allem die Schaf- und Ziegenbauern fürchten um ihre Existenz. Für mich ist der wichtigste Schritt, dass Problem- und Gefahrtiere unmittelbar zum Abschuss freigegeben werden. Wochenlange Verfahren werden die Bauern nicht mehr akzeptieren!“

 

Konrad Kreuzer, Obmann der Bezirkslandwirtschaftskammer Lienz. Foto: Brunner Images

 

„Der Wolf zählt nicht mehr zu den bedrohten Tierarten!“

…betont Ing. Konrad Kreuzer, amtierender Obmann der Bezirkslandwirtschaftskammer Lienz, und in dieser Funktion mit vielen Fragen und Anliegen der heimischen Bauernschaft befasst. Selbst lange Jahre als Bauer im Nebenerwerb am Simiterhof in Lavant tätig, hat der zwischenzeitlich pensionierte Versicherungsberater den familieneigenen Betrieb schon vor Längerem an die nächste Generation übergegeben. Seine persönlichen Erfahrungen mit der Schafzucht liegen zwar einige Zeit zurück, ungeachtet dessen ist Kreuzers Verständnis für die betroffenen Schafbauern groß. Seine Haltung zu einer dauerhaften Rückkehr der Großen Beutegreifer auch in unsere Region ist eine eindeutige: „Es gibt sicher Gebiete, in denen genügend Lebensraum für diese Raubtiere vorhanden ist und wo entsprechend große, dünn besiedelte und in einer anderen Art und Weise bewirtschaftete Flächen zur Verfügung stehen. Nur bei uns hier in Osttirol und in den angrenzenden Talschaften sehe ich diese nicht!“  Unmissverständlich artikuliert er auch seine Meinung zu dem vor allem von Tierschützern und WWF geforderten Herdenschutz. „In unserer hochalpinen Region ist dieser nicht umsetzbar!“

 

Foto: Elias Bachmann

 

Über kurz oder lang müsse man, so Konrad Kreuzer, zu einer Lösung kommen, die den gesamten Alpenbogen miteinschließt. Wenn eine neue, länderübergreifende Regelung nicht rasch gelinge, stuft er die mittel- und langfristigen Auswirkungen auf die heimische Landwirtschaft als „dramatisch“ ein. „Dass Betriebe übers Aufhören nachdenken, muss allen bewusst sein. In acht bis 10 Jahren dürften bisher bewirtschaftete Flächen ‚verbuschen‘ und letztendlich wird es die Kulturlandschaft in der uns heute bekannten Form nicht mehr geben.“ Angesprochen auf die Stimmung in der heimischen Bauernschaft, erklärt er abschließend. „Die Lage ist äußerst angespannt. Natürlich gibt es auch Vorwürfe an die Politik und an Interessensvertreter, dass zu wenig getan werde. Ich kann nur allen versichern, dass wir das Möglichste unternehmen, um die heimische Almwirtschaft zu schützen. Wir weisen mit Vehemenz auf die Problematik hin, versuchen Maßnahmen auf Landesebene voranzutreiben und den Betroffenen im Fall des Falles eine rasche Hilfestellung zukommen zu lassen. Leider sind uns aber oft auch die Hände gebunden. Wir leben in einem Rechtsstaat, der sich als Mitgliedsland der EU an die entsprechenden Gesetze auf europäischer Ebene zu halten hat.“

 

Franz Theurl, Obmann des Tourismusverbandes Osttirol. Foto: TVBO/Johanna Troyer

 

„Die Wiederansiedelung des Wolfes ist weder für die Landwirtschaft noch für den Tourismus zuträglich!“

… sagt Franz Theurl, Obmann des Tourismusverbandes Osttirol. Er streicht in seinem Statement zum Thema „Rückkehr des Wolfes“ die besonders stark ausgeprägte Symbiose zwischen Landwirtschaft und Tourismus in Osttirol heraus und spricht von einer äußerst guten Zusammenarbeit. „Das Gestalten und Inszenieren des Naturraums für den Tourismus erfordert vor allem auch das Verständnis seitens der bäuerlichen Betriebe und der Menschen, die in der Landwirtschaft arbeiten. Im Bezirk Lienz ist dafür eine sehr gute Basis vorhanden“, informiert er.

 

Die wunderschöne, teilweise noch weitgehend unberührte Kultur- und Naturlandschaft ist ein wesentliches Argument für viele Gäste aus aller Welt, hier Urlaub zu machen. Im Bild ein Blick ins Kristeinertal, ein Seitental des Pustertales, auf rund 1.800 Metern Seehöhe. Foto: TVBO/Johanna Troyer

 

Für den Touristiker ist die Wiederansiedlung des Wolfs „weder für die Landwirtschaft noch für den Tourismus akzeptabel“. Er zeigt sich davon überzeugt, dass man der dauerhaften Rückkehr der Großen Beutegreifer Einhalt gebieten müsse. „Osttirol zeichnet sich durch einen einerseits unberührten und andererseits von bäuerlicher Struktur geprägten Naturraum aus. Daher hat die Bewirtschaftung der Bauernhöfe bis hinauf in die Hochalmen einen großen Stellenwert. Der schon seit vielen Jahren anhaltende Schwund von Vollerwerbsbauern und die Auflassung von Hofstellen stellt uns ohnehin vor große Herausforderungen. Daher sind weitere Erschwernisse durch ein vermehrtes Auftreten von Raubtieren nicht zu rechtfertigen.“

Die Frage, ob Medienberichte über Wolfsrisse die Gäste beunruhigen, beantwortet Franz Theurl so: „Bei vermehrten Vorkommnissen kann sich dies durchaus negativ auf unseren Wandertourismus auswirken!“

 

Text: E. & J. Hilgartner

13. Juni 2022 um