Wald in Osttirol: Kleine Käfer, große Gefahr für den heimischen Schutzwald

Welche Bedeutung der Schutzwald für unseren Lebensraum hat, ist vielen infolge der Sturm- und Schneebruchschäden nach den Extremereignissen der letzten Jahre bewusst geworden.

Nun droht, befeuert durch den Klimawandel, mit dem Borkenkäfer eine weitere Gefahr, deren mittel- und langfristige Auswirkungen derzeit noch nicht ganz abschätzbar sind. Im Interview informiert Bezirksforstinspektor DI (FH) Ing. Erich Gollmitzer, MSc über die aktuelle Situation und streicht die Maßnahmen heraus, die im Kampf gegen den Waldschädling zum Einsatz kommen.

Herr Bezirksforstinspektor, wenn man derzeit durch Osttirol fährt, fallen immer wieder Waldbereiche auf, in denen bräunlich verfärbte, absterbende Bäume das Bild prägen. Können Sie uns sagen, was die Ursache dafür ist?
Die bräunlich verfärbten, absterbenden Bäume sind das sichtbare Zeichen einer Borkenkäferplage. Aufmerksamen Beobachtern sind die ersten kleineren „Borkenkäfernester“ bereits Anfang Juli 2021 aufgefallen. Das ist prinzipiell ein gutes Zeichen, denn es zeigt, dass sich die Bevölkerung sehr stark mit ihrem Lebensraum im Allgemeinen und dem Wald im Besonderen identifiziert. Leider muss ich berichten, dass aktuell alle Gemeinden im Bezirk Lienz betroffen sind. Die besonders stark befallenen Bereiche decken sich mit jenen Regionen, in denen wir zuletzt die größten Schneebruchschäden hatten. Dazu gehören beispielsweise das Defereggental, das Osttiroler Gailtal sowie die Gemeinden Assling und Anras.

 

Ein erstes sichtbares Zeichen eines Borkenkäferbefalls sind Harzfluss und braunes Bohrmehl am Baumstamm.

 

Gibt es eine Art „Befallskarte“ für den Bezirk Lienz, die einen Überblick bietet?
Ja, diese ist Teil unserer Strategie zur Bekämpfung des Borkenkäfers. Es ist wichtig, die Herausforderung genau zu kennen, um dagegen wirkungsvoll auftreten zu können. Wir haben eine detaillierte digitale Erfassung initiiert. Alle Befallsherde werden von den Gemeindewaldaufsehern digital und lagegenau auf einem Orthophoto, also auf einem speziellen Luftbild, erfasst. Als Zusatzinformation wird die Anzahl der befallenen Bäume je Käfernest angegeben. Diese Basisdaten dienen in weiterer Folge dazu, eine zielgerichtete Bekämpfungsstrategie zu entwickeln. Der beschriebene Prozess ist derzeit mit Hochdruck im Gange.

Im Kärntner Mölltal spricht man in Hinsicht auf den Schutzwald bereits von einer „dramatischen“ Lage? Gilt Ähnliches auch für den Bezirk Lienz?
Die Situation ist auch bei uns sehr herausfordernd, schließlich sind in Osttirol acht von zehn Bäumen „Schutzwaldbäume“. Aktuell befindet sich die Borkenkäfervermehrung, beginnend mit dem heurigen Mai bzw. Juni, in einer Art Startphase. Wir haben rund 50.000 m³ an „Borkenkäferholz“ erhoben und kartiert. Das ist zwar eine große Menge, im Verhältnis zur Gesamtschadensmenge der drei Elementarereignisse der vergangenen Jahre – in Summe 1,8 Mio. m³ – kann man aber noch von einer überschaubaren Aufgabe sprechen. Alles hängt davon ab, wie sich das kommende Frühjahr entwickelt!

Was hat die massenhafte Verbreitung des Waldschädlings begünstigt? Welche Faktoren waren bzw. sind relevant?
Die Borkenkäferentwicklung in Osttirol im heurigen Jahr verhält sich leider wie im Lehrbuch und zeigt einen absolut klassischen Verlauf. Als Folge der gehäuften Elementarereignisse der letzten Jahre hat der Borkenkäfer ein unglaublich großes Nahrungsangebot vorgefunden. Während wir den weitaus überwiegenden Teil des Schadholzes aufgearbeitet haben, vermehrte sich der Waldschädling zunächst massenhaft im liegenden Holz. Das ist ein natürlicher Prozess. In einem nächsten Schritt bohrte sich der Käfer aber dann ins stehende Holz ein. Dramatisch sichtbar wurde dies dort, wo wir mit dem „Aufräumen“ sehr gut vorangekommen sind. Im gänzlich aufgeräumten Talbodenbereich von Ainet beispielsweise findet man eine Reihe dieser so genannten „Stehendbefälle“. Als zusätzlich negativ erwiesen sich Faktoren wie Trockenheit und Hitze, die im Allgemeinen Bäume schwächen und eine Käfervermehrung begünstigen. Überall dort, wo man seichtgründige Böden und eine schlechte Wasserversorgung findet, lassen sich besondere Gefährdungsbereiche feststellen. Leider decken sich diese vielfach mit unseren Objektschutzwäldern. Des Weiteren sind jene Bäume stark „borkenkäfergefährdet“, deren Feinwurzelsystem durch eine witterungsbedingt hohe Beanspruchung abgerissen ist. Diese Bäume werden vom Käfer als erstes als „schwach“ klassifiziert und befallen.

In Europa gibt es etwa 154, weltweit 4.000 bis 5.000 Borkenkäferarten. Welche Art ist bei uns vorherrschend?
Wir haben es in unserer Region vor allem mit dem so genannten „Buchdrucker“, einem achtzähnigen Fichtenborkenkäfer, zu tun. Die Bezeichnung „Buchdrucker“ weist auf den Verlauf der Larvenfraßgänge hin, die wie Zeilen in einem Buch aussehen. Dies kann man insbesondere dann sehen, wenn man große Rindenteile vom Baum ablöst. Diese spezielle Käferart befällt nahezu ausschließlich die Fichte, die ja bekanntermaßen die dominierende Baumart in Osttirol ist. Bei Massenvermehrungen des Waldschädlings, wie wir sie derzeit feststellen müssen, werden aber auch liegende Lärchenstämme befallen.

Stimmt es, dass sich der Buchdrucker durch eine unglaubliche Reproduktionsfähigkeit auszeichnet?
In „normalen“ Jahren können sich bis zu zwei Generationen entwickeln, allerdings ist dabei der so genannte „eiserne Bestand des Borkenkäfers“ so niedrig, dass seine Vermehrung die Wälder nicht gefährdet. In Extremjahren gibt es aber, bei besonders günstigen Verhältnissen für den Borkenkäfer – z.B. einem frühen Frühling und einem späten Herbst – drei Generationen. Hinzu kommen die so genannten „Geschwisterbruten“. Das heißt, dass Borkenkäferweibchen nach einer Eiablage und einem kurzen Regenerationsfraß nochmals zu einer weiteren Eiablage ansetzen. Läuft dieser Prozess über mehrere Jahre ab, kommt es zur Massenvermehrung.

 

Bezirksforstinspektor DI (FH) Ing. Erich Gollmitzer, MSc: „Der Wiederaufbau und die Stabilisierung der Schutzwälder Osttirols sind fordernde Aufgaben, denen man sich im Bezirk Lienz in den nächsten Jahren mit voller Kraft und Energie widmen wird. Was gelingen kann, hat man nach den Schadereignissen des Jahres 2008 gesehen. In Ainet, Thurn und Gaimberg bestehen bereits stabile und gepflegte Mischwälder, die unserem Lebensraum in Zukunft Sicherheit und Stabilität geben sollen!“

 

Eine Hochrechnung aus NRW/Deutschland aus dem Jahr 2018 hat ergeben, dass die Borkenkäfer-Population eines einzigen Baumes eine potenzielle Nachkommenschaft von 1,5 Milliarden Käfern im Folgejahr bewirken kann. Gibt es Berechnungen aus Österreich, die ähnliches belegen?
Ja, diese Rechenbeispiele kennen wir. Wenn beispielsweise zu Beginn in einem Baum 200 Käferweibchen jeweils 40 Nachkommen haben, gibt es am Ende der ersten Generation 4.000 Weibchen, die in der zweiten Generation 160.000 Käfer produzieren. Kommt es zu einer dritten Generation, so entwickeln sich insgesamt 3,2 Millionen Käfer – und das ohne Geschwisterbruten. Nun kann es sein, dass in einem Baum aber nicht 200 Weibchen vorhanden sind, sondern 2.000. Dies erklärt die exponentiell verlaufenden Vermehrungsraten.

 

Von „Stehendbefall“ spricht man, wenn sich ausschwärmende Borkenkäfergenerationen nicht nur mehr in bereits liegendes „Schadholz“ einbohren, sondern frische, stehende, vorzugsweise bereits geschwächte Bäume massenhaft befallen. Im Bild „Stehendbefall“ im Raum Oberlienz/Oberdrum

 

Wo überwintern die Schädlinge?
Der Käfer überwintert im Boden und unter der Rinde, tiefe Temperaturen und große Schneemengen stören ihn nicht. Versuche im Labor mit minus 20 Grad über einen längeren Zeitraum hinweg haben gezeigt, dass eingefrorene Käfer nach entsprechender Wärmezufuhr auftauen und wieder aktiv werden. Sobald die Tagesmitteltemperatur über etwa 17° steigt, schwärmt der Käfer aus. In tiefen Tallagen früher, in den Osttiroler Seitentälern später. Heuer fand dieser erste Flug infolge des „verspäteten“ Frühlings zwar zeitlich versetzt, aber durch den unmittelbaren Wärmeeinbruch in ganz Osttirol nahezu gleichzeitig statt. Borkenkäfer werden üblicherweise ein Jahr alt. Allerdings kann bei günstigen Bedingungen auch eine zweite Überwinterung stattfinden.

 

Larvengänge des Buchdruckers in einem Rindenstück

 

Warum sterben die Bäume bei starkem Borkenkäferbefall ab?
Wie wir wissen, gibt es im lebenden Baum einen Wasserkreislauf. Im Bauminneren wird das Wasser zu den Ästen sowie zur Krone gepumpt, und in der äußeren Schicht, dem Bast, der knapp unterhalb der Rinde liegt, wird der Saftstrom wieder nach unten geführt. Exakt in dieser Schicht frisst der Borkenkäfer seine Gänge. So wird das System unterbrochen und irreparabel geschädigt. Die Versorgung des Baumes mit Wasser kommt zum Stillstand!

 

Beispiele aus dem Defereggental/Gemeindegebiet Hopfgarten: Bild 1 (oben) zeigt einen flächigen Borkenkäferbefall; Bild 2 (unten) verdeutlicht einen bereits massiv betroffenen Objektschutzwald.

 

Warum ist bei „Stehendbefall“ besondere Eile geboten, die betroffenen Bäume zu entnehmen?
Wenn „Stehendbefall“ feststellbar ist, dann ist dies der Beleg dafür, dass die Massenvermehrung voll im Gange ist. Das bereits besprochene Phänomen der explosionsartigen Vermehrung des Käfers ist dann nicht mehr zu unterbrechen. Der Befall greift weiter und weiter um sich, immer mehr gesunde Bäume werden befallen und sterben ab.

 

Die Fichte gehört zu Osttirol und ist nicht wegzudenken. Allerdings zeigt diese Baumart eine hohe Anfälligkeit gegenüber gewissen Gefährdungen. Durch das Flachwurzelsystem erweist sie sich gegenüber Sturmereignissen als besonders exponiert und der Borkenkäfer stellt eine besondere Bedrohung exakt für diese Baumart dar. Im Bild: geschädigter Schutzwald in Innervillgraten

 

Wie kann man dem entgegenwirken? Gibt es ein „Borkenkäfermanagement“ im Bezirk Lienz?
Ja! Die Bezirksforstinspektion Osttirol hat, in Zusammenarbeit mit allen Gemeindewaldaufsehern und der Landesforstdirektion, ein „Forstschutzkonzept 4.0“ ausgearbeitet. Dieses hat im Wesentlichen eine zielgerichtete Bekämpfungsstrategie – je nach Befallsstärke sowie Intensität und abgestimmt auf jede einzelne Gemeinde Osttirols – zum Inhalt. Ein Stützpfeiler dieses Konzeptes ist die rechtzeitige Aufarbeitung und Abfuhr von flächigem Befall vor der nächsten Vegetationsperiode. Leider wird uns dies – aufgrund des akuten Arbeitskräftemangels in der Forstwirtschaft – bis zum nächsten Frühjahr nicht überall gelingen. Es muss und wird deshalb begleitende Maßnahmen geben.

Wie kann die Bezirksforstinspektion die Waldbauern unterstützen?
Wir stehen beratend zur Seite, insbesondere was die Planung und die Mithilfe bei der Organisation von Arbeitssystemen zur Bekämpfung des Borkenkäfers betrifft. Zu diesen „Unterstützungsarbeiten“ wird beispielsweise auch die „Suche“ nach frischen Befallsherden im kommenden Frühjahr zählen.

 

Diese Momentaufnahme aus Oberlienz/Oberdrum belegt die Folgen der Elementarereignisse der vergangenen Jahre und den nun nachfolgenden Stehendbefall durch den Borkenkäfer.

 

Inwieweit bringen sich Land und Bund ein?
Derzeit sind wir gerade dabei, mit der Landesforstdirektion Tirol ein forstliches Förderprojekt auszuarbeiten. Es werden Bundes- und Landesmittel aus den Fördersparten „Flächenwirtschaftliche Projekte“ (FWP) und aus dem „Österreichischen Waldfonds“ bereitgestellt, die Planungen befinden sich aktuell in der finalen Phase. Was feststeht, ist, dass das Land Tirol und der Bund die betroffenen WaldbesitzerInnen nicht alleine lassen werden. Ich rechne mit einem ähnlichen Vorgehen wie nach den Elementarschäden in den Jahren 2018, 2019 und 2020/2021.

 

„Käfernester“ entlang der B 100 im Gemeindegebiet von Anras und in Außervillgraten am Eingang zum Winkeltal

 

Welche technischen Möglichkeiten stehen bei der Bekämpfung des Borkenkäfers zur Verfügung?
Als Bezirksforstinspektion beschreiten wir auch hier neue Wege und haben einen innovativen Ansatz gewählt. Dort, wo ein kleinräumiger Erkenntnisgewinn notwendig ist, werden Drohnenflüge organisiert. Dies war bereits in einigen Osttiroler Gemeinden der Fall. Darüber hinaus sind wir bestrebt, auch Satellitenfotos bereitzustellen, um durch Vergleichsaufnahmen neue Befallsherde schneller erkennen zu können. Die Drohnenflüge, Aufnahmen und Auswertungen werden von fachlich befugten und erfahrenen Unternehmen durchgeführt.

Wirkungsvolle Bekämpfungsmaßnahmen dürften in abgelegenen, schwer zugänglichen Steillagen schwierig sein. Wäre die Baumentnahme per Hubschrauber ein Mittel der Wahl?
Hubschraubereinsätze sind extrem kostenintensiv, sprich doppelt so teuer wie herkömmliche Seilnutzungen, und belastend für die Aufarbeitungstrupps, weshalb wir sehr exakt planen müssen. Wir werden Hubschrauberflüge künftig nur sehr selektiv einsetzen, etwa dann, wenn unmittelbar oberhalb des Siedlungsraumes und von Verkehrswegen oder im Nahbereich von Steinschlagschutznetzen gearbeitet werden muss.

 

Blick auf ein betroffenes Waldstück nahe dem Taberweg in Schlaiten

 

Ein weiterer Faktor im Kampf gegen den Borkenkäfer ist ein gut ausgebautes Forstwegenetz. Wie beurteilen Sie diesbezüglich die Situation im Bezirk Lienz?
Gott sei Dank verfügen wir insgesamt über ein sehr gutes Forststraßennetz. Im Bereich des Lienzer Talbodens sind die Forstwege etwas besser ausgebaut als in den Tälern, bedingt durch die Schadereignisse der vergangenen Jahre konnten wir aber auch dort stark aufholen. In den vergangenen drei Jahren wurden in Osttirol rund 50 Kilometer Forststraßen neu errichtet. Hinzu kamen rund 40 Kilometer an „Wegumbauten“, also die Adaptierung von bestehenden, aber nicht LKW-fahrbaren Wegen sowie zahlreiche Weginstandsetzungen. So konnten wir die forstliche Infrastruktur um rund 100 Kilometer an LKW-fahrbaren Forststraßen für die Schadholzaufarbeitung erweitern bzw. verbessern. Derzeit befindet sich eine Reihe von immens wichtigen Wegebauten, wie z. B. in Innervillgraten, Kartitsch oder Untertilliach, in Ausführung. Dabei handelt es sich durchwegs um große, bedeutsame Walderschließungen.

Kann die Bekämpfung des Borkenkäfers auch jetzt im Spätherbst und dann im darauffolgenden Winter fortgesetzt werden?
Ein Leitsatz lautet „Sauber aus dem Winter kommen“. Das bedeutet für uns, dass wir mit Höchstdruck im Wald arbeiten, solange es uns die Witterung erlaubt. Wir hoffen deshalb auf einen schneearmen und kalten Winter. Eine hohe Wintermortalität in der Borkenkäferpopulation könnte uns helfen, im kommenden Frühjahr einen „Traumstart“ bei der Bekämpfung hinzulegen.

 

Blick auf ein betroffenes Waldstück in Gantschach/Gemeinde Schlaiten

 

Wenn das befallene Holz geschlägert ist, in welchem räumlichen Abstand zum Wald muss es gelagert werden?
Grundsätzlich wären mindestens 500 Meter Abstand von Vorteil, allerdings ist dies aufgrund der momentanen Lage nicht überall einzuhalten. Deshalb legen wir besonderen Wert darauf, dass das Holz durch „Prozessorköpfe“ zumindest teilentrindet gelagert wird.

Wo liegt der Vorteil der angesprochenen Entrindung bzw. Teilentrindung?
Dabei handelt es sich um wirksame Maßnahmen, um der Borkenkäferbrut die Entwicklungsmöglichkeit zu nehmen. Diese Tätigkeit bedeutet allerdings „schwere“ Handarbeit, was eine entsprechende Anzahl an Arbeitspartien erforderlich macht. Parallel dazu empfiehlt sich das „Zerstückeln“ von bruttauglichem Material. Dies geschieht vorwiegend dort, wo wir uns in schwer bringbaren Lagen befinden und/oder geringe Holzmengen zu behandeln haben. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu betonen, dass nicht alle abgestorbenen Bäume zwangsläufig sofort entfernt werden müssen. Wenn sich die Rinde zu lösen beginnt und abfällt, bietet der Baum keinen Lebensraum mehr für eine weitere Borkenkäferentwicklung. Diese noch stehenden Bäume können aber noch einige Zeit einen gewissen Schutz vor Steinschlägen und Lawinen für die Unterlieger bewirken. Außerdem können sich im Schutz der dürren Stämme Jungpflanzen entwickeln. Daher lautet meine Botschaft an die Osttiroler Bevölkerung, dass nicht alle „braunen Bäume“ sofort entnommen werden müssen!

Stichwort „Aufforstung“: Was ist diesbezüglich heuer gelungen?
Der Aufforstung von Kahlflächen, insbesondere der direkt objektschutzwirksamen Flanken, galt im heurigen Frühjahr ein besonderes Augenmerk. In Zusammenarbeit aller Osttiroler Gemeindewaldaufseher mit dem Landesforstgarten in Nikolsdorf ist es gelungen, 620.000 Pflanzen aufzuforsten. Zum Vergleich: Der langjährige Schnitt in „normalen“ Jahren lag bei etwa 350.000 Pflanzen. Das bedeutet, dass 2021 über 300 Hektar wiederbewaldet werden konnten – eine tolle Leistung aller Beteiligten!

Welche Baumsorten kamen zum Einsatz?
Es macht mich stolz, dass es geglückt ist, in Osttirol rund 50 Prozent Mischbaumarten zu pflanzen. Die Hälfte der aufgeforsteten jungen Bäume sind somit Baumarten, die der Fichte helfen, stabile und durchmischte Bestände aufzubauen. Den größten Anteil daran hat die Lärche, es wurden aber auch Baumarten wie Tanne, Zirbe, Bergahorn, Winterlinde, Vogelkirsche sowie Stiel- und Traubeneiche eingesetzt. Außerdem versuchen wir, auch die Edelkastanie wieder verstärkt heimisch zu machen. Diesbezüglich läuft gerade ein kleines, aber feines Projekt. Noch etwas dauern wird es hingegen mit den Rotbuchen, deren Samen heuer erstmals im Landesforstgarten in Lengberg beerntet wurden. Insgesamt konnten in diesem Jahr rund 30.000 Stück an Mischbaumarten aufgeforstet werden. In nicht direkt objektschutzwirksamen Wirtschaftswaldlagen bietet es sich hingegen an, dass wir derzeit mit der Wiederbewaldung noch zuwarten und die Unterstützung der Natur durch natürlichen Anflug abholen können.

 

Eine Lösung liegt in der Begründung von stabilen Mischwäldern. So kann die Gefährdungsneigung ganzer Bestände massiv herabgesetzt werden. Im Bild Aufforstungsmaßnahmen in Obertilliach. Hier und andernorts beteiligten sich auch Mitglieder der Landjugend/Jungbauernschaft an den Aufforstungsmaßnahmen.

 

Ihr Resümee für das heurige Waldjahr und ein vorsichtiger Ausblick auf die nächsten Jahre? Wie wird sich der Wald in Osttirol weiter entwickeln?
Das heurige Waldjahr ist noch nicht zu Ende und das ist gut so. Derzeit arbeiten wir mit 80 Großsystemen (Seilbahnen und Harvestern) in ganz Osttirol und bringen so tägtäglich rund 4.000 m³ Schadholz aus den Wäldern. Solange es die Witterung zulässt, machen wir weiter. Für die Zukunft sehe ich, trotz aller Herausforderungen, auch viele positive Aspekte: Niemals zuvor konnte in so kurzer Zeit der Prozess einer nachhaltigen und so großflächigen Umgestaltung der Wälder Osttirols hin zu diversifizierten Mischwäldern angestoßen werden. Der oft gebrauchte Leitsatz „In der Krise liegt auch eine große Chance“ hat deshalb gerade hier eine besondere Gültigkeit!

Danke für das Gespräch!

 

Text: Elisabeth Hilgartner, Fotos: © BFI Osttirol, JB/LJ Osttirol

14. November 2021 um