Im Oberpinzgau entsteht das unterirdische Wasserkraftwerk „Tauernmoos“
Im Stubachtal erzeugen die ÖBB schon heute rund 20 Prozent des österreichischen Bahnstroms. Dieser Anteil wird mit dem Pumpspeicherkraftwerk „Tauernmoos“ noch einmal gesteigert.
Mit einer spektakulären Sprengung am Enzingerboden auf 1.500 Metern Seehöhe haben im September 2020 die Arbeiten für den Aufschließungstunnel Stubachtal begonnen. Meter für Meter arbeiten sich die Mineure seitdem voran – zehn bis 15 Meter am Tag. Gearbeitet wird in drei Schichten. „Uttendorf ist bereits jetzt jener Kraftwerksstandort in Österreich, der am meisten Strom für den Bahnbetrieb erzeugt. Mit dem Kraftwerk Tauernmoos wird die Leistung noch einmal um 170 Megawatt erhöht. Künftig sollen rund ein Viertel des österreichischen Bedarfs an Bahnstrom aus dem Stubachtal kommen“, so der Uttendorfer Bürgermeister Hannes Lerchbaumer, der in seinem Brotberuf Mitarbeiter der ÖBB-Kraftwerksgruppe ist.
Hannes Lerchbaumer, Bürgermeister von Uttendorf: „Rund 300 Mio. Euro werden in das Pumpspeicherkraftwerk Tauernmoos investiert. In Betrieb gehen soll es im Jahr 2025.“
Von insgesamt zehn Wasserkraftwerken der ÖBB, die grünen Bahnstrom erzeugen, bilden jene vier im Stubachtal die größte und leistungsstärkste Gruppe des Konzerns. Die ersten Anlagen entstanden hier bereits in den 1920er-Jahren, in der Folge wurde die Kraftwerksgruppe kontinuierlich ausgebaut. Schon damals gab es Pläne, den Höhenunterschied zwischen den Speichern Weißsee (2.250 m) und Tauernmoossee (2.023 m) energetisch zu nutzen. „Bisher diente der um 220 Meter höher gelegene Weißsee lediglich als Vorspeicher für den Tauernmoossee, bei Bedarf wurde das Wasser einfach abgelassen, um den Tauernmoossee zu befüllen. Mit dem neuen Pumpspeicherkraftwerk kann der Höhenunterschied zwischen den Seen künftig nicht nur einmal, sondern beliebig oft für die Stromerzeugung genutzt werden. Das neue Kraftwerk im Schafbichl soll im Jahr 2025 in Betrieb gehen“, berichtet Lerchbaumer.
Blick auf den Baustelleneinrichtungsbereich mit dem Zufahrtstunnelportal am Enzingerboden
Die Kraftwerksanlagen im Stubachtal sind über viele Quadratkilometer verstreut. Zum Tauernmoossee und zum Weißsee führt die Werksseilbahn von 1951. Zwei Stollen erstrecken sich vom Weißsee bis in den Bereich Felbertauern, um Wasser aus dem Amersee, dem Salzplattensee und dem Landecktal in Matrei in Osttirol zuzuleiten. „Um Bau und Betrieb des neuen Kraftwerkes zu erleichtern, wird ein Aufschließungstunnel bis zum Weißsee umgesetzt. Herzstück ist eine 72 Meter lange und 40 Meter hohe Kaverne. Das Kirchenschiff des Stephansdoms würde in diesen gigantischen Raum passen“, nennt der Uttendorfer Bürgermeister weitere interessante Details.
Das Herzstück der neuen Anlage ist eine 72 Meter lange und 40 Meter hohe Kaverne, in der sich nach Bauabschluss Maschinen und Traforäume, der Leitstand, Werkstätten und ein Aufenthaltsraum befinden werden.
Etwa 11 Kilometer Tunnel werden in den Berg gesprengt, 8,2 Kilometer davon bilden einen mit LKW befahrbaren Straßentunnel. Der Aufschließungstunnel verbindet den Enzingerboden mit dem Kraftwerk Tauernmoos und dem Weißsee. Zusätzlich werden Stichstollen zum Tauernmoossee und zum Grünsee sowie Stollen für das Wasser realisiert.

Hannes Lerchbaumer bezeichnet das Gesamtprojekt als äußerst sinnvoll und wichtig – für die Region und die ÖBB. „Saubere Energie ist für den Umweltschutz unumgänglich. Nach Fertigstellung des Kraftwerks Tauernmoos wird noch mehr grüner, umweltfreundlicher Bahnstrom in Uttendorf erzeugt werden. In der Region werden nachhaltig Arbeitsplätze geschaffen, rund 250 Beschäftigte arbeiten fünf Jahre lang am Bau des Kraftwerks. Für Uttendorf bringt dies einerseits wichtige Kommunalsteuern, andererseits profitieren auch zahlreiche Betriebe im Oberpinzgau von dem Großprojekt. Die regionale Wertschöpfung ist enorm!“
v.l.n.r.: Valentin Dölzlmüller und Rainer Riegler (beide AFRY Austria), Christoph Aichholzer (Swietelsky Tunnelbau), Bgm. Hannes Lerchbaumer (Mitarbeiter ÖBB-Kraftwerksgruppe)
Was den Uttendorfer Bürgermeister besonders freut, ist, dass die Bevölkerung hinter diesem Projekt steht und die Zusammenarbeit mit dem bauausführenden Unternehmen Swietelsky Tunnelbau sowie mit allen anderen beteiligten Firmen hervorragend läuft. Hannes Lerchbaumer: „Nicht zuletzt möchte ich auch die wichtige Funktion derartiger Anlagen als Hochwasserschutz-Speicher herausstreichen. Beim Hochwasser Mitte Juli 2021 konnten durch die beiden Seen an zwei Tagen rund sechs Millionen Kubikmeter Wasser zurückgehalten werden!“

Den eigentlichen Kern des Großprojektes stellt das im Felsmassiv des Schafbichls in einer Kaverne (Hohlraum im Berg) gelegene Pumpspeicherkraftwerk mit seinen zugehörigen Ein- bzw. Auslaufbauwerken am Weißsee und am Tauernmoossee sowie dem Kraftabstieg dar. Die unterirdische Kaverne des geplanten Kraftwerks Tauernmoos wird in eine Maschinen- und eine Trafokaverne unterteilt, die verschiedenen Ebenen sind durch einen Lift und ein Stiegenhaus erschlossen. Ein Hallenkran ermöglicht das Umsetzen von schweren Teilen der Anlage während Bau und Betrieb. Auch ein Leitstand, Werkstätten und ein Aufenthaltsraum sind in der Kaverne untergebracht. Die Kaverne ist nach Bauende über den Erschließungstunnel Stubachtal zu erreichen. Der unterirdische Kraftabstieg wird zukünftig im Turbinenbetrieb circa 80 m³ und im Pumpbetrieb circa 70 m³ Wasser in der Sekunde transportieren. Insgesamt wird die Kraftwerksanlage zukünftig bei einer Gesamtleistung von 170 MW (Megawatt) rund 460 GWh Jahresenergieerzeugung aufweisen.
Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Franz Reifmüller, Grafik: ÖBB/EQ-VIS











