Hotel Drei Zinnen: Ein Traditionshotel als Gesamtkunstwerk in den Dolomiten
Wer sich dem Hotel Drei Zinnen in Sexten nähert, erkennt sofort: Dieses Gebäude ist etwas Besonderes. Monumental und zugleich schlicht fügt sich der Bau in die beeindruckende Landschaft der Sextner Dolomiten ein.
Hinter dem markanten Bau steht eine Vision aus den späten 1920er-Jahren – und eine außergewöhnliche Zusammenarbeit zwischen Bauherr und Architekt. „Clemens Holzmeister hat das Hotel damals Tre Cime genannt“, erzählt Gastgeberin Waltraud Watschinger. Der Kontakt kam über Holzmeisters Bruder zustande, der als Gemeindearzt in Sexten tätig war. „Er brachte Clemens Holzmeister mit meinem Großvater Hans Watschinger, der damals auch Bürgermeister von Sexten war, zusammen. Sein Ansinnen war es, ein großes, modernes Hotel für das Bergdorf zu bauen.“

Vision eines Pioniers
1929 begannen Watschinger und Holzmeister mit der Umsetzung des Projektes, zwei Jahre später, 1931, wurde das Hotel eröffnet. Es setzte neue Maßstäbe für den Tourismus in der Region. Clemens Holzmeister zeichnete nicht nur für die architektonische Konzeption verantwortlich, er gestaltete auch viele Details im Inneren. „Im Prinzip geht die gesamte Inneneinrichtung auf ihn zurück“, so Waltraud Watschinger. „Türgriffe, Fenster, Lampen – ein großer Teil davon ist heute noch original erhalten.“
Bis in die Gegenwart herauf prägt Holzmeisters Arbeit den Charakter des Hauses mit dem großzügigen Stiegenhaus, den historischen Türen und Möbeln, dem Speisesaal und zahlreichen Details der ursprünglichen Einrichtung. Auch die Fresken des Südtiroler Künstlers Rudolf Stolz gehören seit Beginn zum Erscheinungsbild des Hotels.

Architektur trifft Atmosphäre
Das Gebäude selbst besticht durch eine klare Formensprache. Puristisch, monumental und dennoch elegant ist es ein Bauwerk, das bewusst als Gesamtkunstwerk konzipiert wurde. Im Inneren zeigt sich eine andere Seite: Hier hat sich über Jahrzehnte ein einzigartiges Ambiente entwickelt. Kein Raum gleicht dem anderen, Möbel und Gegenstände aus verschiedenen Epochen erzählen ihre eigene Geschichte. Nostalgie und Zeitgeist verbinden sich zu einem stimmigen Gesamtbild.

Der Start des Wintertourismus in Sexten
Als das Hotel eröffnet wurde, spielte der Wintertourismus in Sexten noch kaum eine Rolle. Gäste kamen vor allem im Sommer zur sogenannten „Sommerfrische“ in die Dolomiten. Doch Hans Watschinger dachte weiter. Waltraud Watschinger erzählt von einer Begegnung, die die Entwicklung der Region entscheidend prägen sollte. „1937 traf mein Großvater im Fischleintal auf Heinrich Harrer. Der spätere Autor des Buches ‚Sieben Jahre in Tibet‘ war damals Skiweltmeister im Slalom und bereitete sich auf die Erstbesteigung der Eiger-Nordwand vor. Mein Großvater suchte einen Skilehrer und Heinrich Harrer sagte auf Anfrage sofort zu.“ So kam es, dass Touristen und Einheimische damals bei Harrer das Skifahren erlernten. Auch ein kleiner Skilift wurde gebaut – der Startschuss für den Wintertourismus in Sexten war gesetzt. Mitte der 1950er-Jahre folgte die Gründung der ersten Skischule.

Vier Generationen der Familie Watschinger-Soyer
Das Hotel verblieb stets in Familienbesitz. Hans Watschinger hatte vier Töchter und zwei Söhne – darunter der Vater der heutigen Gastgeberin. Über viele Jahre hinweg führten die Geschwister das Haus gemeinsam, bis Waltraud Watschinger 1983 die Leitung des traditionsreichen Hotels übernahm. Seit 2024 hat sie den Betrieb an ihre Nichten Theresa und Anna Soyer übergeben, die bereits das Fünf-Sterne-Hotel Savoy in Grado besitzen und erfolgreich führen.

Sommerfrische – damals wie heute
Auch wenn sich der Tourismus im Laufe der Jahrzehnte veränderte, etwas ist geblieben: die Sehnsucht nach der Erholung in den Bergen. „Früher verbrachten die Gäste oft mehrere Wochen bei uns im Haus. Sie kamen zum Wandern, um die Natur zu genießen und frische Luft zu tanken. Die Sommerfrische war damals sehr wichtig und sie ist es in Sexten bis heute“, berichtet Waltraud Watschinger. Heute zieht es neben klassischen Wanderern und Erholungssuchenden auch viele junge Menschen nach Sexten, insbesondere Bergsteiger und Sportkletterer.

Bewahren und behutsam weiterentwickeln
Das Hotel Drei Zinnen steht heute unter Denkmalschutz. Entsprechend behutsam geht die Familie mit dem historischen Gebäude um. „Unsere Philosophie ist es, zu restaurieren, instand zu halten und sanft zu verbessern“, erklärt die Hotelierin. So wurde etwa ein moderner SPA-Bereich geschaffen – bewusst minimalistisch gestaltet, damit er sich harmonisch in die historische Architektur einfügt.

Gastfreundschaft „alter Schule“
Für das internationale Publikum setzt man auch heute noch bewusst auf eine Form der Gastfreundschaft, die an vergangene Zeiten erinnert. Service, Aufmerksamkeit und Ruhe stehen im Mittelpunkt. „Wir möchten unseren Gästen Erholung bieten – so wie in einem Hotel der alten Schule“, sagt Waltraud Watschinger. Viele Gäste schätzen gerade diese Verbindung aus Tradition und Stil. „Die edlen Materialien im Haus, das Silber, ein schönes Kaffeekännchen – solche Details werden wahrgenommen.“ Und vielleicht liegt genau darin das Geheimnis dieses Hauses: ein Ort, an dem Geschichte, Architektur und Gastfreundschaft seit fast hundert Jahren zusammenfinden – mitten in Sexten, umgeben von der beeindruckenden Bergwelt der Dolomiten.

Text: Raimund Mühlburger, Fotos: wisthaler.com und Hotel Drei Zinnen


