Gastronomie: Was erwarten sich Osttiroler Touristiker nach dem Corona-Neustart?

Wir befragten Osttiroler Touristiker zur derzeitigen Situation in ihren Betrieben und zu ihren Erwartungen für den kommenden Sommer und darüber hinaus.

Am 15. Mai durften in Österreich Gastronomie-Betriebe nach dem rund achtwöchigen Shutdown aufgrund der Corona-Pandemie ihre Lokale wieder öffnen, am 29. Mai folgten die Beherbergungsbetriebe. Die Hygiene- und Abstandsvorschriften (nur 4 Personen mit Kindern an einem Tisch, Mund-Nasen-Schutz, Sperrstunde um 23.00 Uhr etc.) wurden und werden inzwischen teilweise wieder gelockert. Trotzdem ist die Verunsicherung unter den Gastronomen und Hoteliers groß. Obwohl die Grenzen zu Deutschland, dem wichtigsten Herkunftsland für den österreichischen Tourismus, und den anderen Nachbarländern mit Ausnahme von Italien jetzt wieder öffnen, bleibt die große Frage, wie sich die Gäste tatsächlich verhalten werden.

„Das Öffnen des Betriebes ist kein Problem, aber es stellt sich für uns die Frage der Wirtschaftlichkeit, oder besser gesagt der Schadensbegrenzung. Die gesamten Marketingmittel, die wir für die Bewerbung unseres Hauses in diesem Sommer investiert haben, gingen ins Leere. Bei den MitarbeiterInnen, die wir in den letzten Sommer- und Wintersaisonen händeringend gesucht haben, stellt sich nun die Frage, ob wir sie überhaupt beschäftigen und bezahlen können“, klagt eine Osttiroler Touristikerin, die namentlich nicht genannt werden möchte.

 

Familie Obwexer führt seit vielen Jahrzehnten das altehrwürdige „Hotel Rauter“ in Matrei in Osttirol. Foto: Gsaller Media

 

Michael Obwexer öffnet sein „Hotel Rauter“ in Matrei am 26. Juni wieder. „Mit unseren Fischerei-Gästen verlängern wir normalerweise die Wintersaison bis Ende Mai. Im Juni haben wir dann Betriebsferien. So starten wir heuer die Sommersaison mit Ende Juni gleich wie in den vergangenen Jahren auch. Aber uns fehlen durch den Shutdown Mitte März 2,5 Monate vom Umsatz. Neben den Fischern haben auch Geschäftsreisende, Ausflügler und Stammgäste in den vergangenen Jahren im Frühjahr unser Haus gerne für einen Aufenthalt genutzt. Sie schätzen die Ruhe, die Natur und vor allem auch die Kulinarik in unserem Hotel“, erzählt Obwexer.

 

Ein Highlight des Angebotes im Hotel Rauter ist die Kulinarik. Die „Rauterstube“ ist seit dem Jahre 1983 en suite mit Hauben von Gault&Millau dekoriert und somit das älteste Haubenlokal des Bezirkes. Foto: Gsaller Media

 

Für die kommende Saison sei er weder optimistisch, noch pessimistisch, sagt der Matreier Hotelier. „Ich bin vielmehr realistisch. Es wird sicher starke Einbrüche geben, und wir werden in Bezug auf Gästefrequenz und Umsatz weit weg von einem normalen Sommer sein. Wir verzeichnen bei den Gästen traditionell auch einen starken Inländer-Anteil. Die stärksten Herkunftsländer sind aber Deutschland, Italien und die Benelux-Länder. Wenn die Grenzen zu Deutschland und anderen europäischen Ländern allmählich wieder aufgehen, bleibt immer noch die große Frage, wie sich die Gäste wirklich verhalten und ob sie ins Ausland reisen werden“, so Obwexer.

Für bereits gebuchte Urlaube im Juli und August hätte er in seinem Betrieb viele Stornierungen hinnehmen müssen. „Auch die Buchungen und Anfragen laufen für diese zwei Monate äußerst zäh. Viele warten ab und beobachten ganz genau, wie sich die Reisesituation weiter entwickelt. Die Stammgäste halten uns zwar die Treue, warten aber auch ab und verschieben ihre Aufenthalte nach hinten. Wir kommen unseren Gästen mit gästefreundlichen Stornierungsmodalitäten (bis 24 Stunden vor Urlaubsbeginn kostenlos) entgegen und hoffen sehr, dass wir von einem halbwegs zufriedenstellenden Sommer- und Herbstergebnis doch noch überrascht werden“, sagt Michael Obwexer abschließend.

 

Der Tassenbacherhof von Privatvermieterin Margit Aigner in Strassen. Foto: Tassenbacherhof/Alexander Mattersberger

 

Margit Aigner vermietet seit sieben Jahren Appartements im Tasserbacherhof in Strassen. „Ich kann mich nicht erinnern, dass es von den Anfragen her in dieser Zeit einmal so schlecht war, wie jetzt nach diesem Corona-Lockdown und den damit verbundenen Einschränkungen. Bei uns im Hochpustertal urlauben hauptsächlich Gäste aus Italien. Viele warten ab, wie es mit den Grenzöffnungen weitergeht und sind auch wegen der Corona-Vorschriften verunsichert“, beschreibt die Strassenerin die derzeitige Situation. Auch auf dem Tool des Tourismusverbandes, über das Vermieter Anfragen sehen und Angebote stellen können, herrsche derzeit gähnende Leere. „Solange beim Tourismusverband Osttirol zu wenig Geld für die Außenwerbung vorhanden ist, wird sich nicht viel ändern. Dieser Mangel an professioneller Bewerbung im In- und Ausland schlägt jetzt in der Krise voll negativ durch. Vor allem die kleinen Betriebe sind von der Werbung des Tourismusverbandes abhängig“, meint Aigner.

 

Margit Aigner: „Es gibt derzeit kaum Anfragen und schon gar keine fixen Buchungen. Wir setzen in unserem Haus sehr auf persönliche Beziehungen und haben deshalb auch viele Stammgäste. Aber auch diese warten ab, wie es mit den Reisebeschränkungen, mit den Grenzöffnungen und mit den Corona-Vorschriften weitergeht.“ Foto: Ramona Waldner

 

Gerade jetzt wäre für Margit Aigner Osttirol DIE Destination für Menschen, die Ruhe, Erholung, Sportmöglichkeiten usw. suchen. „Durch Osttirol führt keine Autobahn. Gesundheit, Freiheit oder Bewegung sind derzeit Themen, mit denen man punkten könnte. Aber auch für diese Bewerbung müsste massiv Geld in die Hand genommen werden. Sonst hat man als Region keine Chance, um im harten Wettbewerb um die Gäste bestehen zu können. Ein Vorbild ist für mich in dieser Hinsicht derzeit die Kärnten Werbung, die aktuell mit Seen, Bergen, Natur und Erholung in den Medien stark präsent ist“, so die Vermieterin abschließend.

 

Anna Geiger-Vergeiner (rechts): „Wir verstehen uns als typisches Stadthotel. Unsere Gäste finden einen perfekten Ausgangspunkt für jegliche Freizeit-, Sport- und Outdoor-Aktivitäten vor und schätzen es, gleichzeitig das mediterrane Flair der Stadt zu genießen.“ Foto: Martin Lugger

 

Vergeiner’s Hotel Traube in Lienz hat den Betrieb für Handelsreisende nach dem Corona-Shutdown am 4. Mai wieder geöffnet, am 15. Mai folgte das Restaurant und am 29. Mai der gesamte Hotelbetrieb. „Der Besuch unseres Restaurants fiel seit dem 15. Mai nicht zufriedenstellend aus. Ich glaube, die Corona-Vorschriften und die damit zusammenhängende fehlende Lust zum Essengehen sind Gründe für das zähe Anlaufen von Restaurant-Besuchen“, erzählt Anna Geiger-Vergeiner. Mit den ersten Tagen des Hotelbetriebes sei sie durchaus zufrieden. „Wir durften eine gute Mischung von Urlaubsgästen aus Österreich und Geschäftsreisenden aus Deutschland bei uns begrüßen.“

Die für das Hotel Traube wichtigen Segmente Reise- und Motorradgruppen seien hingegen komplett weggebrochen. „Reisegruppen aus der Schweiz und Deutschland sind für uns genauso wie Motorradgruppen aus Südamerika und den USA wichtige Segmente. Alle diese Buchungen wurden storniert. Bei den Motorradgruppen kooperieren wir mit Reisebüros, die geführte Touren organisieren.“ Dass Buchungen für Juli und August derzeit erst spärlich vorhanden sind, beunruhigt die Hotel-Chefin eher weniger. „Auch in den vergangenen Jahren haben die Gäste für diese Monate recht kurzfristig gebucht. Ich vermute, dass viele abwarten, wie es mit der Grenzöffnung zu Italien und Kroatien weitergeht, und dann entscheiden, ob sie ihren Urlaub am Meer oder bei uns in den Bergen verbringen wollen“, so Anna Geiger-Vergeiner abschließend.

 

Gasthof/Hotel Unterwöger in Obertilliach. Foto: Tirol Werbung/Ruth Wytinck

 

Sepp Lugger ist der Senior-Chef im Gasthof/Hotel Unterwöger in Obertilliach. Seit 1967 ist er im Gastronomiebetrieb inklusive Landwirtschaft tätig. 1986 übernahm er den Betrieb von seinen Eltern, und 2016 übergab er an seinen Sohn mit gleichem Namen. „Der Corona-Shutdown war für unseren Betrieb und für den Tourismusort Obertilliach eine Zäsur, die wir noch nie erlebt haben. Alle Hotels und Gasthäuser, der Lift- und der Loipenbetrieb mussten über Nacht geschlossen werden. Im Dorf ist es still geworden, und man hat sich auf die lebensnotwendigen Abläufe konzentriert. Auch wir in der Familie haben diese Stille allmählich nicht mehr als belastend empfunden, haben sie sogar genutzt, um zu entschleunigen und um Arbeiten zu erledigen, die schon lange angestanden sind“, erinnert sich Lugger zurück.

 

Sepp Lugger: „Die wirtschaftliche Situation ist natürlich auch bei uns prekär, und wir können nur mit Überbrückungskrediten durchtauchen. Für 2020 ist das Ziel eine schwarze Null, und ich wäre froh, wenn wir 2021 wieder im Modus wie vor der Corona-Pandemie durchstarten könnten.“ Foto: Osttirol heute/Mühlburger

 

Am 15. Mai wurde das Wirtshaus beim „Unterwöger“ wieder aufgesperrt. „Der Besuch von Seiten der Einheimischen war sehr schwach. Ich führe das auf die Corona-Vorschriften und die damit verbundenen Unsicherheiten zurück“, so Lugger. Am Freitag, 29. Juni, wurde auch der Hotelbetrieb wieder geöffnet. „Am Pfingstwochenende hatten wir einige Stammgäste aus Wien, Nieder- und Oberösterreich zu Gast im Haus. Die Gäste reagieren derzeit sehr verhalten. Sie wollen ihren gewohnten Urlaub genießen. Ich glaube, die Corona-Vorschriften und die Urangst vor einer Infektion halten viele noch von Buchungen ab. Die bei uns sonst so starken Bus- und Wandergruppen sind komplett ausgefallen“, so Sepp Lugger, der auf einen starken Herbst hofft. „Wenn die Grenzen wieder geöffnet und vielleicht auch die Einschränkungen weiter gelockert werden, könnten wir ab Ende August vielleicht wieder durchstarten. Vielleicht ergibt sich im Herbst dann sogar ein Plus gegenüber dem Vorjahr“, so der Touristiker und Landwirt abschließend.

 

Obmann Franz Theurl: „Durch eine Vielzahl von Marketingmaßnahmen, welche auch sehr frühzeitig gesetzt wurden, konnte man in Österreich das Interesse an einem Sommerurlaub in Osttirol hoch halten. Der Besuch in der Gastronomie war bisher eher verhalten. Es gibt aber auch Betriebe, die einen sehr zufriedenstellenden Start hinlegen konnten.“ Foto: EXPA/Johann Groder

 

„Die Buchungslage für den Sommer 2020 war noch vor Corona sehr zufriedenstellend und lag über dem Niveau des guten Sommers 2019. Durch Corona und die damit verbundenen Reiseverbote haben sich natürlich bei den Betrieben und Vermietern Stornos eingestellt, welche sich vorerst aber noch in Grenzen gehalten haben. Eine weitere Problematik waren die vorgemerkten Buchungen aus Deutschland und die Ungewissheit, ob diese Gäste im Sommer 2020 überhaupt anreisen können“, berichtet Franz Theurl, Obmann des Tourismusverbandes Osttirol.

Die Nachfrage bzw. der Informationsbedarf seien stark angestiegen, dürften aber nicht mit Buchungen gleichgesetzt werden. „Auch die Österreicher haben zuerst einmal die nun gegebenen Lockerungen abwarten müssen. Nun sind wieder verstärkt Buchungen zu verzeichnen, wobei die Intensität von Region zu Region und Betrieb zu Betrieb unterschiedlich ist. Das Pfingstwochenende lässt hoffen. Man verspürt den Drang der Österreicher, wieder hinaus in die Natur zu kommen und dabei die Aktivangebote, wie sie Osttirol im besonderen Maße bieten kann, in Anspruch zu nehmen. Allein bei den Lienzer Bergbahnen am Hochstein herrschte das ganze Pfingstwochenende über Hochbetrieb“, so Theurl.

Da die Tourismusbetriebe in Osttirol die Tore zu unterschiedlichen Zeiten öffnen – einige erst ab dem 19. Juni – könne man derzeit nur festhalten, „dass die Auslastung durchwachsen und natürlich der Start in der Gastronomie, aufgrund der Auflagen, etwas verhalten erfolgt ist“. Für den Sommer erwartet sich der Tourismus-Obmann ein sukzessives Anwachsen der Buchungslage. „Wenn es zu keiner zweiten Corona-Welle kommt und die Grenzen im Schengenraum wieder aufgehen, kann man mit einer verstärkten Auslastung im Herbst rechnen, welcher noch durch die neuen Herbstferien verlängern wird“, hofft Theurl abschließend.

 

Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Tirol Werbung/Hörterer Lisa, Gsaller Media, Tassenbacherhof, Alexander Mattersberger, Ramona Waldner, Tirol Werbung/Ruth Wytinck, EXPA/Johann Groder

03. Juni 2020 um