Franz Fischler referierte zu „Globalisierung in der Land- und Ernährungswirtschaft”
„Globalisierung ist eine komplexe Angelegenheit” – mit diesen Worten stellte Franz Fischler bei seinem Vortrag in Anras die Weichen. Obwohl sein eigentliches Thema die „Globalisierung in der Land- und Ernährungswirtschaft“ war, holte er weit aus.
Hängt doch in diesem Fall alles mit allem zusammen: weltweiter Handel und Dienstleistungen, ermöglicht durch moderne Infrastruktur; die Produktion, gesteuert durch internationale Konzerne; das Geld, gelenkt durch die Finanzmärkte; die Kommunikation, kontrolliert von Riesen wie Google und TikTok; und nicht zuletzt der Austausch von Arbeitskräften – von hochqualifizierten Managern bis hin zu Wirtschaftsmigranten. So arbeiten z. B. bei der Biochemie in Kundl Menschen aus 18 Nationen. Womit Franz Fischler mühelos die Brücke von der großen weiten Welt in unsere engere Heimat schlug.
Bereits zu dem Zeitpunkt deutete sich eine Erkenntnis an, die Dr. Franz Fischler, früherer EU-Kommissar für Landwirtschaft, Entwicklung des ländlichen Raumes und Fischerei, als Vortragender später noch untermauern sollte: dass die Land- und Ernährungswirtschaft in diesem großen Welttheater nur einer von vielen Akteuren ist. Und nicht überall zu den Gewinnern zählt. Denn unter der industrialisierten Produktion und dem damit einhergehenden Preisverfall leiden vor allem die traditionellen kleinräumigen Strukturen. In den Entwicklungsländern genauso wie in Tirol, wo die Landwirtschaft traditionell die Gesellschaft wie die Landschaft prägt.
Ein Land wie Österreich steht vor der Herausforderung, auf der einen Seite bestimmte Lebens- und Futtermittel (Kaffee, Soja) importieren bzw. landwirtschaftliche Produkte (Milch) exportieren zu müssen, also am globalen Geschehen mitmachen zu müssen. Auf der anderen Seite aber muss man die heimische Landwirtschaft schützen. Nicht nur wegen der Aufrechterhaltung der ländlichen Strukturen, sondern auch um ein Mindestmaß an Ernährungssouveränität zu gewährleisten.
Da hat Österreich durchaus Erfolge aufzuweisen. So hat unser Land in der EU den mit Abstand größten Anteil an Biobauern, was für diese Erzeuger einen deutlichen Wettbewerbsvorteil bedeutet. Auch die Initiativen für regionale Produkte gehen in diese Richtung. Beides, bio und regional, funktioniert auch deswegen, weil der Handel (90 % der Lebensmittel werden in Österreich von den drei großen Handelsketten umgesetzt) frühzeitig einbezogen wurde. Franz Fischler mahnte in dem Zusammenhang eine offensivere Kommunikation, mehr Kreativität und mehr Initiative seitens der bäuerlichen Funktionäre an. Ein weiterer Pluspunkt ist in Österreich der gesunde Mix von Voll- und Nebenerwerbsbauern. Der Nebenerwerb z. B. im Tourismus, ermöglicht die Bewirtschaftung vieler Flächen, die sonst brachlägen, trägt also wesentlich zu intakten ländlichen Strukturen bei. Mit positiven Auswirkungen auch auf gesunde Böden und den Artenreichtum.
Im Laufe des Vortrages und vor allem in der Diskussion reduzierte sich „global“ immer mehr auf „EU“. Da war mehr von Frust und von Ernüchterung die Rede als von Aufbruchstimmung. Als Beispiele wurden die Anbindehaltung und das Renaturierungsgesetz angeführt. Da konnte Franz Fischler als Insider berichten, dass solche Entscheidungen oft von Fachfremden getroffen werden: Für das Tierwohlgesetz ist der Rat der Gesundheitsminister verantwortlich, für das Renaturierungsgesetz jener der Umweltminister. Diese Form des Interessenausgleichs geht in der EU immer wieder zu Lasten der Landwirtschaft. Für die Zukunft fordert Franz Fischler daher, dass wieder verstärkt Fachleute in die Entscheidungsprozesse der EU einbezogen werden, dass die EU sich auf wenige wichtige Ziele konzentriert und dass die Bauern ihre Anliegen, vor allem aber auch ihre Stärken, offensiv in Richtung Politik wie in Richtung Konsumenten kommunizieren.
Die Bezirksobfrau der WKO Lienz, Mag. Michaela Hysek-Unterweger, und Bezirksbauernobmann LA Martin Mayerl im Gespräch mit Dr. Franz Fischler
Josef Gietl, der Anraser Ortsbauernobmann, der die Veranstaltung im Rahmen von KULTUR AUS DEM PFLEGHAUS gemeinsam mit dem Bauernbund organisiert hatte, lud die Teilnehmer:innen im Anschluss zu einem Umtrunk ein. Da wurde dann bis nach Mitternacht fleißig und intensiv weiterdiskutiert. Alles in allem ein äußerst informativer Abend, der von der Fachkompetenz, der Erfahrung und auch von der Zuversicht des Vortragenden Dr. Franz Fischler geprägt war.
Die Initiatoren des Abends: Josef Gietl, Ortsbauernobmann von Anras (rechts) und Johann Waldauf, Anraser Bürgermeister (links) bedankten sich bei Dr. Franz Fischler mit einem Bauernkörbl.
Text: Redaktion, Fotos: Verein Anraser Pfleghaus

