Felbertal: Lokalaugenschein tief unten im Berg

Das Metall Wolfram ist in unserer hoch technisierten Welt allgegenwärtig. Oft unbemerkt ist es die Basis für höchste Leistung und Effizienz in vielen Schlüsseltechnologien.

Wenn man aus Osttirol kommend die Route über den Felbertauern wählt und auf der Nordseite der Felbertauernstraße in Richtung Mittersill folgt, dann sticht wohl jedem aufmerksamen Beobachter links von der Straße und unmittelbar nach einer steilen Rechtskurve ein großes Betriebsgebäude ins Auge. Nicht alle wissen, dass es sich hier um die Aufbereitungsanlage des Pinzgauer Unternehmens Wolfram Bergbau und Hütten AG (WBH) handelt, das sich seit seiner Firmengründung zu einem weltweit führenden Hersteller von hochreinen, extrem feinen Wolframoxid-, Metall- und Carbidpulvern entwickelt hat. Die Grundlage für die am Weltmarkt gefragten Produkte, das wolframhaltige Erz, wird tief unten im Berg abgebaut.

Wie findet man Wolfram? Unter UV-Licht strahlt es. Im Bild demonstriert DI Eggenreich, Bergtechniker und Montanist, die Suche nach dem Metall.

Wie findet man Wolfram? Unter UV-Licht strahlt es. Im Bild demonstriert DI Eggenreich, Bergtechniker und Montanist, die Suche nach dem Metall.

 

Der Eingang zum eigentlichen Bergwerk liegt weit oberhalb der Felbertauernstraße auf 1.175 Metern Seehöhe. Anfangs nur für sieben Jahre angelegt, geht das Wolframwerk heuer bereits ins 39. Betriebsjahr. Im Untertagebau sind in den vergangenen Jahrzehnten nach und nach über 40 km Tunnel, zahlreiche Kavernen für eine Werkstatt, Lagerstätten, Brecher-Anlagen, Büros, Küche und Sanitäranlagen entstanden. 1993, als der Preis für Wolfram weltweit auf einen Tiefpunkt gesunken war, hatte man den Abbau für etwas mehr als ein Jahr einstellen müssen. Seitdem arbeiten sich die Mitarbeiter des Unternehmens jährlich wieder rund 2.000 Meter weiter und 15 Meter tiefer in den Berg und fördern durchschnittlich 1.000 Tonnen Wolfram pro Jahr.

 

Jeden Tag wird „geschossen“ – die zuvor gebohrten Löcher werden mit Sprengstoff gefüllt.

Jeden Tag wird „geschossen“ – die zuvor gebohrten Löcher werden mit Sprengstoff gefüllt.

 

Die Fahrt in den Berg erfolgt im Mittersiller Bergwerk nicht über Schachtaufzüge, sondern mit Fahrzeugen über die sogenannte „Wendel“, eine in einer Spirale nach unten gebauten Straße. 40 Bergarbeiter, „Kumpel“, wie man sie umgangssprachlich nennt, fahren hier jeden Tag ein, um ihrem Beruf tief unten im Berg – weit jenseits urbaner Bürojobs – nachzugehen. Früher musste das Erz händisch abgetragen werden, heute sprengt man das Gestein. Jeden Tag um 16.00 Uhr wird gesprengt oder wie es in der Bergmannsprache heißt „geschossen“. Um dies tun zu können, müssen vorher mit riesigen Maschinen, die unter Tage elektro-hydraulisch betrieben werden, Löcher in den Berg gebohrt werden. Genaue Planung im Vorfeld ist dafür unbedingt erforderlich, schließlich werden die Bohrlöcher nicht willkürlich gesetzt, sondern dort, wo eine Sprengung am effektivsten erfolgen kann. Ist dies geschehen, füllt die fürs Sprengen zuständige „Besetzermannschaft“ die Löcher mit Sprengstoff – eine anstrengende und nicht ungefährliche Tätigkeit. Jeden Tag nach Schichtende um 16.00 Uhr, wenn alle Kumpels das Bergwerk verlassen haben, lösen zwei Kumpel die Sprengungen aus sicherer Entfernung aus. Am nächsten Morgen – inzwischen hat sich der Rauch der Sprengung längst verzogen – rücken die Kumpel wieder ein und beginnen mit dem Abtransport des Gesteins. Pro Jahr werden im Pinzgauer Bergwerk etwa 500.000 Tonnen Erz aus dem Berg gesprengt, unterirdisch zerkleinert und über ein Förderband zur Aufbereitung transportiert. Dort wird dann eine Vorstufe des eigentlichen Wolframs gewonnen. Eine Tonne Erz enthält etwa drei Kilogramm Wolfram. Der Rest des abgetragenen Gesteins wandert wieder zurück in den Berg, wo die Abbaustellen aufgefüllt werden. Dies dient der Stabilisierung des Berges, erfordert allerdings auch einen riesigen arbeitstechnischen Aufwand.

Die Arbeitsbedingungen tief unten im Berg sind nicht jedermanns Sache. Neun Stunden am Tag im Dunkeln zu sein, bei oft ohrenbetäubendem Lärm und relativ hohen Temperaturen (um die 24°C), verlangt nicht nur eine gute körperliche Konstitution, sondern auch gute Nerven. Die Arbeit ist riskant, aber nicht so gefährlich wie man glauben könnte. Im WHB gelten strengste Sicherheitsvorkehrungen, auch eine firmeneigene „Grubenwehr“ gehört zu den Einrichtungen des Unternehmens. Zum Glück ist man im Wolframbergwerk im Felbertal seit zwei Jahren unfallfrei, vorher verzeichnete man einige kleinere Unfälle (Bänderrisse oder Rippenbrüche in Folge von Stürzen über Steine). Das letzte tödliche Unglück liegt schon mehr als 16 Jahre zurück, damals wurde ein junger Bergmann von einem ferngesteuerten Lader eingequetscht.

2016 will die Wolfram Bergbau und Hütten AG (WBH) das 40-jährige Betriebsjubiläum feierlich begehen. Für mehr als 10 weitere Jahre Abbau, so die Berechnungen, dürfte im Felbertal noch genügend Wolfram vorhanden sein. Dass dies unfallfrei gelingt, dafür wünschen wir alles Gute, oder wie man es in der Bergmannsprache sagt, „Glück auf“!

 

15 Tonnen Gestein haben in einer Schaufel der riesigen Bagger Platz.

15 Tonnen Gestein haben in einer Schaufel der riesigen Bagger Platz.

 

Über eine riesige Förderanlage wird das Erz weiter zur Aufbereitungsanlage transportiert.

Über eine riesige Förderanlage wird das Erz weiter zur Aufbereitungsanlage transportiert.

 

Wolfram ist ein weißglänzendes, in reinem Zustand sprödes Schwermetall hoher Dichte. Aufgrund seiner speziellen Eigenschaften – höchster Schmelzpunkt aller Metalle, hohe Dichte und diamantähnliche Härte in Verbindung mit Kohlenstoff – gilt Wolfram heute in der modernen Hightech-Industrie als unverzichtbar. Das Metall eignet sich für Hochtemperaturanwendungen in Energie- und Lichttechnik ebenso wie in der Raumfahrt und ist auch in der Automobil-, Sport- und Telekommunikationstechnik sehr gefragt. Es dient als Ersatz für Blei und schirmt in der Medizintechnik Strahlungen ab. In Verbindung mit Kohlenstoff als Wolframcarbid besitzt es diamantähnliche Härte und bildet die Basis moderner Schneid- und Bohrwerkzeuge für die Metall-, Stein-, Holz- und Kunststoffbearbeitung. Vom haarfeinen Bohrer für elektronische Leiterplatten bis zu Werkzeugen zum Bohren von Straßen- und Eisenbahntunneln reicht das Spektrum.

 

Text: E. Hilgartner, Fotos: Brunner Images

08. Mai 2015 um