Eine mehr als gelungene Symbiose aus Alt und Neu
Basierend auf dem Engagement von vier Privatpersonen und unterstützt von der öffentlichen Hand, konnte in Rangersdorf ein außergewöhnliches Gesamtprojekt zur nachhaltigen Nutzung des historischen Dorfzentrums realisiert werden.
Im Bild v.l.n.r.: Helmut Kerschbaumer, Franz Zlöbl, Franz Josef Eder, Pulcheria Eder
Die Idee, die beiden Kulturdenkmäler „Wirtstadl“ und „Wirtshaus zu St. Peter“ einer neuen Nutzung zuzuführen und durch einen modernen Wohnungsneubau zu ergänzen, entstand bereits in den Jahren 2018 und 2019. „Bei einem ersten Austausch mit den Initiatoren wurden die Eckpfeiler des Vorhabens diskutiert. Daraus entwickelte sich im Laufe der Zeit ein durchdachtes Projekt mit nachfolgend konkreten Planungsarbeiten in den Jahren 2021 und 2022“, erinnert sich DI Reinhard Suntinger zurück. Der Architekt, selbst ein gebürtiger Rangersdorfer, kannte das historische Bauensemble im Ortszentrum seiner Heimatgemeinde sehr gut aus der eigenen Kindheit und Jugend. „Der Wirtstadl stand schon damals leer, das Wirtshaus zu St. Peter war aber in Betrieb und unter anderem Veranstaltungsort für Sängerbälle und anderes. Mit dem Gasthaus verbinden mich viele schöne Erinnerungen.“ Auch ihm sei, so Suntinger, des Öfteren der Gedanke durch den Kopf gegangen, dass man eine derart schöne alte Bausubstanz auf keinen Fall dem Verfall preisgeben dürfe. Umso größer sei seine Freude darüber gewesen, als die Revitalisierung von Wirtstadl und Wirtshaus in Angriff genommen und er als planender Architekt in das Projekt involviert wurde. „Ohne den Mut und den Weitblick von Franz Josef Eder, Pulcheria Eder, Helmut Kerschbaumer und Franz Zlöbl wäre dies alles nicht möglich gewesen“, streicht Reinhard Suntinger die Bedeutung der Initiative zur Bewahrung historischer Baudenkmäler heraus. Die vier Idealisten hatten die „Wirt zu St. Peter Projektentwicklungs OG“ gegründet. Sie stellten private Mittel bereit, nahmen Bankdarlehen auf und bemühten sich gemeinsam mit der Gemeinde Rangersdorf um die Unterstützung durch die öffentliche Hand (Land Kärnten, Bund und EU). Als die Finanzierung geklärt und die Planungen abgeschlossen waren, konnte man schließlich im Frühjahr 2022 mit den Bauarbeiten beginnen. Die örtliche Bauaufsicht übernahmen die Gesellschafter selbst, Architekt DI Suntinger stand ihnen als baukünstlerische Aufsicht beratend zur Seite. Die Aufträge für die einzelnen Gewerke wurden an rund 30 Handwerksbetriebe, vorwiegend aus der Region, übertragen. Sie arbeiteten, so die Bauherren, mit hoher Professionalität und Einsatzbereitschaft.


Ländliches Architekturjuwel: der Wirtstadl
In enger Zusammenarbeit mit dem Denkmalbauamt wurde – als ein Teil des Gesamtprojektes – der „Wirtstadl“ revitalisiert. Der Holzbau, dessen Grundmauern auf das 16. Jahrhundert zurückgehen und dessen Aufbau 1921 fertiggestellt wurde, beindruckt nicht nur durch seine Größe mit rund 450 m² auf zwei Ebenen (ehemalige „Tenne“ und „Obertenne“), sondern auch durch die traditionelle Zimmermannskonstruktion als Holzskelettbau mit alten Holzverbindungen und durch seine kunstvolle Fassadengestaltung. Bei dem seit 2018 unter Denkmalschutz stehenden Gebäude, das von Experten als ländliches Architekturjuwel und bedeutendes Kulturerbe eingeschätzt wird, mussten die Dachkonstruktion saniert und eine entsprechende Infrastruktur für Veranstaltungen (inkl. Stromversorgung, Lichtkonzept, Sanitärräumen, Bar, Infrarotstrahlern und neuer Erschließungsrampe) installiert werden. Nach gelungener Revitalisierung und Umwidmung stellt der Wirtstadl nun eine ebenso attraktive wie stimmungsvolle Veranstaltungslocation dar. Die Nutzungsmöglichkeiten sind vielfältig: Hier können Hochzeiten oder Familienfeiern, Firmenevents, Ausstellungen, Foto-Sessions, Modeschauen, Konferenzen, Geburtstagsfeiern oder Bauernmärkte ebenso stattfinden wie diverse Kulturevents. Der „Wirtstadl“ ist bereits Schauplatz des Programms der Veranstaltungsreihe „möllton“, die vor zwei Jahren von einem kleinen Kulturverein aus Rangersdorf rund um Obmann Helmut Kerschbaumer und seine Stellvertreterin Pulcheria Eder ins Leben gerufen wurde.


Historisches Wirtshaus mit neuer Nutzung
Die Geschichte des Anwesens rund um das Wirtshaus „Wirt zu St. Peter“ dürfte bis in die Zeit der Errichtung der Pfarrkirche Rangersdorf, die zwischen 1006 und 1039 erstmals in den Quellen genannt wird, zurückreichen. Kirche und Pfarrhof bildeten mit dem Gasthof und dem Wirtstadl über Jahrhunderte hinweg das Zentrum von Rangersdorf. Die Zeit brachte für das bauliche Ensemble wiederholt Umbauten, Erweiterungen und Verschönerungen nach den Vorstellungen der jeweiligen Zeit mit sich. Der letzte größere Umbau des Gasthauses fand in den 1930iger-Jahren statt und betraf den Dachausbau. Das bisherige Zeltdach musste damals einem Schopfwalmdach mit einer für diese Zeit typischen Dachgaube weichen, um Platz für „Fremdenzimmer“ zu schaffen. In den 1950iger-Jahren erfolgte der Zubau eines später wieder abgerissenen Saales auf der Südseite des Hauses. Bevor im Frühjahr 2022 der Startschuss für die Arbeiten in dem zwischenzeitlich unter Denkmalschutz stehenden Gebäude fiel, stand das Wirtshaus über 15 Jahre lang leer. Wie Architekt DI Suntinger erzählt, war das neue Nutzungskonzept, das im Mittelpunkt der umfangreichen Arbeiten im alten Wirtshaus stand, einerseits auf die Gestaltung eines gemütlichen Dorfcafes im Erdgeschoss mit angrenzendem Gastgarten am Dorfplatz und andererseits auf die Errichtung von Wohnungen im ersten und zweiten Stockwerk des Altbaues ausgerichtet. „In den historischen Räumlichkeiten im Erdgeschoss wurden Vorraum, Gastraum und die so genannte ‚Fercherstube‘ revitalisiert. Zwei bestehende, alte Kachelöfen konnten behutsam renoviert, die alten Holzböden und Natursteinbeläge aufbereitet und die historischen Fassadenfenster erhalten bzw. im Innenbereich durch neue, dahinter gesetzte Fenster ergänzt werden. Die letzten Arbeiten für das neue Dorfcafe sollten bis Ende 2024 abgeschlossen sein“, so Suntinger, dem neben der Bewahrung wertvoller historischer Substanz besonders auch die Erhaltung der bereits zuvor bestehenden „Wegvernetzung“ im Haus ein Anliegen war. Im ersten Stockwerk des Hauses wurde Platz für sechs kleine Wohnungen mit Größen zwischen 30 und 40 m² geschaffen. Diese sind barrierefrei zu erreichen und können bei Bedarf von älteren Bewohner:innen „betreubar“ gemietet werden. Das Stockwerk ist weiters über eine Brücke mit dem Flachdach des neuen Zubaues verbunden, das als schöne und geräumige Terrasse dient. Der breite Flur, der „Solda“, kann als Gemeinschafts- und Kommunikationsraum genützt werden. Unter dem Dach im zweiten Stockwerk erstrecken sich vier moderne Mietwohnungen mit rund 50 bis 80 m². Zum besonderen Charme dieser Wohnungen mit jeweils mindestens einem Balkon trägt auch der herrliche Ausblick über das Tal bei. Alle Wohneinheiten sind hochwertig, u.a. mit Holzfußböden, ausgestattet. Das Untergeschoss, das gegen Süden erdgeschossig mit direktem Ausgang zum Garten liegt, ist noch in Arbeit und soll bis Anfang 2025 fertiggestellt werden. Die hier liegenden Räumlichkeiten können z.B. als Therapieräume für Physiotherapie oder Massage dienen. Zwischen dem Wirtshaus und dem ebenfalls im Zuge des Gesamtprojektes realisierten Neubau besteht ein Erschließungstrakt mit Stiegenzugang und Lift. Aus architektonischen Gründen grenzt der Liftschacht nicht unmittelbar an das bestehende Wirtshaus an. So bleibt der schöne Altbestand auf allen Seiten sichtbar.
Der Neubau, der als Holzbau umgesetzt und aufgrund seiner innovativen architektonischen Qualität als „CO2 Bonus-Leuchtturmprojekt“ ausgezeichnet wurde, umfasst insgesamt acht Wohnungen in gleicher Größe und mit nahezu gleichem Grundriss. Die Einheiten verfügen jeweils über einen Eingangsbereich, eine Wohnküche, zwei Zimmer, ein Bad/WC und südseitig über eine schöne Loggia, die in der warmen Jahreszeit als erweiterter Wohnraum gedacht ist. Im Untergeschoss erstrecken sich Carport- Plätze, ein Technikraum sowie Abstellbereiche für die einzelnen Wohnungen. „Schon bei der Planung dieses Gebäudes war klar, dass der Neubau auch ein Neubau sein sollte und keine alten Formen von Wirtstadl oder Wirtshaus übernommen werden mussten. Die unbehandelte Lärchenschalung der Fassade des Neubaues wird aber im Laufe der Verwitterung eine Patina entwickeln und sich so der Optik des historischen Ensembles annähern, entsprechend der Intention einer Korrespondenz zwischen Alt und Neu“, betont Architekt Suntinger. Er streicht abschließend die gute und konstruktive Kooperation mit den Bauherren, der Gemeinde und dem Denkmalamt heraus. „Das Gesamtprojekt ist einzigartig und ein Gewinn für die ganze Gemeinde und die Region. Alle Beteiligten können zu Recht zufrieden und stolz auf das Erreichte sein!“

Text: Elisabeth Hilgartner, Fotos: © Manuel Zlöbl, Osttirol Journal, Wirt zu St. Peter Projektentwicklungs OG


