Dorer Schnaps aus Dölsach: Die Schätze der Natur im Schnapsglas
Für Georg und Marlies Dorer stehen neben dem perfekten Genuss im Glas der Erhalt alter Obstsorten sowie das Bewahren von jahrhundertealtem Wissen und Handwerkstraditionen im Mittelpunkt.
Seit über 30 Jahren widmet sich Familie Dorer aus Dölsach mit Hingabe der Kunst des Schnapsbrennens. Was als Leidenschaft von Gottfried Dorer begann, haben sein Sohn Georg und dessen Frau Marlies zu einem besonderen Handwerk weiterentwickelt. Statt auf Masse setzen sie auf Klasse: Rund 70 Sorten Edelbrand entstehen in der kleinen Brennerei in Dölsach – aus Obstsorten, die teilweise schon fast in Vergessenheit geraten sind.

„Mein Vater begann vor über 30 Jahren unter Verwendung einer kleinen 2,5-Liter-Anlage mit dem Schnapsbrennen. Abseits der in Osttirol gängigen Sorten Apfel, Birne und Zwetschke stellte er auch Brände aus Hagebutten, Berberitzen oder Kräutern her. Das hat mich als Jugendlicher fasziniert, und so habe ich schon als 15-Jähriger beim Brennen mitgeholfen“, blickt Georg zurück.

Zunächst übernahmen Gottfried und Georg Dorer das Obst eines Bekannten und verarbeiteten dieses auf dessen Anlage zu Schnaps. Vor etwa 20 Jahren richteten sich dann Georg und Marlies im Keller ihres Hauses eine eigene kleine Schnapsbrennerei ein. Später kam auch ein Verkostungs- und Verkaufsraum hinzu, in dem heute Gruppen in gemütlicher Atmosphäre den „Dorer Schnaps” genießen können.

Da Familie Dorer keine eigenen Obstbäume besitzt, sammeln Georg und Marlies die Früchte für ihre Brände in verschiedenen Obstgärten in ganz Osttirol und in Teilen Kärntens. „Das Aroma vollreifer Früchte ins Glas zu bringen, ist unser Ziel. So sind wir im Herbst täglich unterwegs, um Obst aufzuklauben – von der Gegend um Klagenfurt bis nach Matrei“, erzählt Georg.

Der Weg zum perfekten Edelbrand ist anspruchsvoll: Von der Ernte über das Einmaischen bis hin zum zweifachen Brennvorgang steckt hinter jedem Tropfen eine Mischung aus handwerklichem Können, Geduld und Hingabe. „Wir brennen jeden Schnaps zwei Mal. Der Vorteil liegt darin, dass durch das langsame Brennen bei niedriger Temperatur weniger von den natürlichen Aromen verloren geht. Somit verbleibt mehr von der Frische und dem Geschmack des Obstes im Schnaps.“

Dorer Schnäpse sind nicht nur handwerklich perfekt – sie wecken auch Emotionen. „Eine Frau aus Tschechien erinnerte sich beim Verkosten unseres Goldpflaume-Brandes an ihre Kindheit zurück, als sie mit ihrer Oma Schnaps dieser Sorte gebrannt hatte – und war zu Tränen gerührt“, freut sich Marlies über schöne Begegnungen mit Kundinnen und Kunden. Alte Sorten von Apfel und Birne, Zwetschken, Schledorn, Kornelkirsche, Schafgarbe oder Meisterwurz – das sind nur einige Beispiele der rund 70 Schnapssorten, die in der Brennerei in Dölsach hergestellt werden.

Georg und Marlies entwickeln auch immer wieder neue Kreationen – etwa mit Hopfen, Knoblauch oder Hanf. Rund 25 Tonnen Obst haben sie 2024 von August bis Oktober in verschiedensten Gärten in Osttirol und Kärnten eingesammelt. „Viele Haushalte können oder wollen ihr Obst heute nicht mehr selbst verwerten. Für uns sind diese Früchte eine wertvolle Ressource für unsere Brände – und so leisten wir zugleich auch einen Beitrag zur Nachhaltigkeit“, betonen Marlies und Georg, die beide die Ausbildung zum Edelbrandsommelier absolviert haben.

Als einzige Schnapsbrennerei ist „Dorer Schnaps“ Mitglied von Qualitätshandwerk Tirol. „Der Genuss eines Schnapses ist weit mehr als nur ein Geschmackserlebnis. Es geht darum, den natürlichen Kreislauf vom Wachsen über die Blüte und Reife bis hin zur Ernte und Verarbeitung in einem einzigen Moment zu vereinen. Die Wertschätzung gegenüber der Natur und das Bewahren ihrer Vielfalt sind uns dabei besondere Anliegen. Gleichzeitig wollen wir in unserer kleinen Schnapsbrennerei dafür sorgen, dass altes Wissen und traditionsreiches Handwerk nicht in Vergessenheit geraten“, erläutern die beiden leidenschaftlichen Schnapsbrenner abschließend ihre Philosophie.

Text: Raimund Mühlburger, Fotos: Martin Lugger